09.04.2013

Debüt vor 40 Jahren: Über Johan Cruyffs Wirken in Barcelona

Der Erlöser

Seite 2/3: Die Tiki-Taka-Orchidee
Text:
David Winner
Bild:
Imago

Nichts, was Cruyff als Barca-Spieler noch erreichen sollte, kam an die sportlichen und menschlichen Triumphe dieser ersten Saison heran. Doch die erste Saat jener wunderbaren Orchidee, die wir heute Tiki-Taka nennen, war ausgebracht. 1988, zehn Jahre nach seinem letzten Spiel für Barca, kehrte Cruyff zu dem Klub und der Stadt zurück, die ihr Herz an ihn verloren hatten, diesmal als Trainer. Vieles hatte sich in seiner Abwesenheit verändert: Nach Francos Tod im November 1975 war die Demokratisierung in Spanien rasch fortgeschritten, und die Barca-Fans holten nach, was ihnen all die Jahre zuvor verwehrt gewesen war. Das Europapokalfinale 1979 in Basel gewann die Mannschaft in einem Stadion, in dem überall die einst verbotenen gelb-roten Flaggen geschwenkt wurden. Hans Krankl, der auf Cruyffs alter Position spielte, schoss das Siegtor.

In der Folgezeit kam und ging eine Reihe namhafter Trainer und Spieler, ohne jedoch den ganz großen Erfolg zu bewerkstelligen. Darunter der alternde Catenaccio-König Helenio Herrera, der Argentinier César Luis Menotti, Diego Maradona und Bernd Schuster. Währenddessen hatte Cruyff einige Jahre in den USA verbracht, war zu seinen holländischen Wurzeln zurückgekehrt und hatte sich zu einem radikalen Trainer entwickelt. Das Muster hierfür war seit 1981 bei Ajax Amsterdam entstanden, wo er eine moderne Version von Rinus Michels’ Totaalvoetbal entwickelt und der Jugendarbeit seinen Stempel aufgedrückt hatte, um Spieler für die erste Elf heranzuziehen. In dieser Zeit förderte er Ausnahmekönner wie Marco van Basten, Frank Rijkaard und Dennis Bergkamp.

Cruyffs Kernidee gegen Sacchis Hybriden

Der niederländische Autor Arthur van den Boogaard sagt, dass Cruyffs System »die metaphysische Lösung des Fußballs« darstelle: Ein Team mit intelligenten, technisch versierten, räumlich denkenden Spielern, die passen und Pressing spielen können, als wären es körperliche Grundfunktionen, sei kaum noch zu besiegen. 1988 brachte Cruyff dieses neuartige Denken zum FC Barcelona – just als in Italien Arrigo Sacchi, ein anderer Anhänger der Michels-Schule, aus dem AC Milan einen holländisch-italienischen Hybriden formte. Sacchis Mannschaft wurde um drei von Cruyffs Schützlingen herum aufgebaut (Van Basten, Rijkaard und Ruud Gullit, mit dem Cruyff noch zusammengespielt hatte). Sie sollte Europa für ein paar Jahre dominieren – doch Cruyffs Vermächtnis bei Barca würde sich als beständiger herausstellen.

Maßgeblich war seine Umstrukturierung der Jugendakademie »La Masia« nach dem Vorbild des Ajax-Internats. Danach widmete er sich dem Aufbau eines neuen Teams, dessen tragende Säule ein einheimischer Junge namens Pep Guardiola war. Zwar gab es nur zwei Katalanen in der Elf, die 1992 den Europapokal der Landesmeister gewann, Guardiola und Albert Ferrer. Doch der Triumph löste trotzdem unbändige Freude in ganz Katalonien aus. Die Zeitung »El Periodico« verkündete: »Es gibt einen Gott, und Johan Cruyff ist sein Prophet, sein Bote, sein Kollege – oder in jedem Fall sein Freund.«

Der Spiritus Rector

Auch nach dem Ende seiner Trainertätigkeit im Jahre 1996 blieb Cruyff in der Stadt und wurde hinter den Kulissen des Vereins zu einem einflussreichen Spiritus Rector. Er ist noch immer ein Volksheld, besonders für die Älteren unter den Fans – nicht zuletzt, weil er sich immer wieder als äußerst geschickt darin erweist, die katalanischen Fußballbefindlichkeiten zu artikulieren, und in seinen Zeitungskolumnen virtuos über den Widersacher Real Madrid schimpft. Auf der anderen Seite ist er erstaunlich entspannt, was den katalanischen Stolz angeht. 2006 wurde ihm für seine Verdienste die renommierte Medaille »Creu de Sant Jordi« verliehen, doch dem Festakt blieb er zur Enttäuschung des Komitees fern.

 
 
 
 
 
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