09.04.2013

Debüt vor 40 Jahren: Über Johan Cruyffs Wirken in Barcelona

Der Erlöser

Am 28. Oktober 1973 debütierte Johan Cruyff im Trikot des FC Barcelona. Heute gilt der Holländer als derjenige, der den Klub aus der Agonie der Franco-Jahre befreite - und so den Grundstein für die Zukunft des Fußballs legte.

Text:
David Winner
Bild:
Imago

Der Holländer Johan Cruyff wurde eher unfreiwillig zum katalanischen Volkshelden. Im Frühjahr 1974, nur wenige Monate nach seinem Umzug nach Barcelona, stellte sich heraus, dass seine hochschwangere Frau Danny einen Kaiserschnitt brauchen würde. Sie vertraute den örtlichen Krankenhäusern jedoch nicht und kehrte deshalb nach Amsterdam zurück, wo sie einen gesunden Jungen zur Welt brachte. Die Cruyffs gaben ihm einen Namen, den sie in Spanien aufgeschnappt hatten und der ihnen gefiel: Jordi. Erst bei ihrer Rückkehr nach Barcelona wurde ihnen klar, welche Bedeutung diesem vermeintlich unschuldigen Akt beigemessen wurde.

Es waren die letzten Tage von Francos faschistischer Diktatur. In Barcelonas zentralem Gefängnis Modelo wurde nur drei Wochen nach Jordi Cruyffs Geburt der katalanische Anarchist Puig Antich mit einer Garrotte hingerichtet, einem mittelalterlichen Würgeisen, das sich während der Inquisition unter Scharfrichtern besonderer Beliebtheit erfreut hatte. Franco hatte sich internationalen Aufrufen zu einer Begnadigung stur entgegengestellt. Katalanische Parteien waren in diesen finsteren Zeiten ebenso verboten wie die rot-gelbe Fahne und die Sprache der Katalanen. Und nicht zuletzt war es bei Strafe verboten, ein Kind nach ihrem Schutzpatron Sant Jordi zu benennen.

Zu dominant für Ajax

Unter Francos Schreckensherrschaft war der FC Barcelona zum Asyl für die katalanische Identität geworden. Johan Cruyff dürfte davon jedoch wenig geahnt haben, als er im Herbst 1973 als teuerster und bester Spieler der Welt von Ajax Amsterdam kam. Ironischerweise war es jedoch gerade ein Übermaß an Demokratie, das den Wechsel erst bewirkt hatte: Cruyffs Dominanz missfiel vielen seiner Mitspieler, und sie setzten ihn schließlich im August 1973 als Ajax-Kapitän ab. Tief getroffen entschloss er sich, den Klub zu verlassen.

Schon allein die Tatsache, dass Cruyff bei Barcelona unterschrieb, wurde als ein Zeichen des Wandels gedeutet: Die Dominanz Real Madrids, das ebenfalls um das Genie gebuhlt hatte, schien zu bröckeln. Bei seiner Ankunft begrüßten ihn am Flughafen Tausende von Fans in rot-blauen Shirts mit seiner Nummer 14. Sofort beeinflusste er auch das Geschehen auf dem Feld. Er inspirierte Mitspieler wie Juan Manuel Asensi und Carles Rexach zu Höchstleistungen, und Barca, das lange Jahre hölzern und statisch gespielt hatte, wurde plötzlich unwiderstehlich. Am 17. Februar 1974, acht Tage nach Jordis Geburt, spielte Cruyff seinen ersten und besten Clasico und führte die Katalanen zu einem umjubelten 5:0-Auswärtssieg beim Erzrivalen Real. Das Spiel wird bis heute als das Ende von Barcelonas Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber den Madrilenen gewertet. Am Ende dieser denkwürdigen Saison wurde der Verein zum ersten Mal seit 14 Jahren wieder spanischer Meister.

Der Gang zum Standesamt

Dies war also in etwa das Klima, in welchem Johan Cruyff zum Standesamt ging, um die spanischen Behörden über die Geburt und den Namen seines Sohnes in Kenntnis zu setzen. »Wir fanden den Namen Jordi einfach schön, weil man ihn in Holland nicht kannte«, sagte er später. Doch der Beamte beharrte darauf, dass der Junge so nicht heißen könne, weil dies kein spanischer Name sei. »Ich sagte ihm daraufhin: ›Hier sind die holländischen Papiere und sein holländischer Pass mit dem Namen Jordi drauf. Nehmen Sie sie einfach und machen Sie sich eine Kopie! Ihr Pech! Er heißt Jordi, ob es Ihnen gefällt oder nicht.‹ Wenn Leute mir sagen wollen, dass ich etwas nicht tun könne, dann bin ich nun mal umso überzeugter, es zu tun.« Cruyffs Dickköpfigkeit wurde als prokatalanische Geste interpretiert – und ging als solche direkt in die Herzen der Barca-Fans.

 
 
 
 
 
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