DDR-Bürger und Bundesligafan: Vereinsliebe hinter der Mauer

Hertha ging´s nicht

In unserer neuen Ausgabe »50 Jahre Bundesliga« erzählen wir die Geschichte von zwei DDR-Bürgern, die trotz Repressalien und Verfolgung durch die Stasi zu ihren auserwählten Bundesliga-Klubs hielten. Eberhard Lange aus Berlin hat Ähnliches erlebt.

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Am Freitagabend war Eberhard Lange noch im Kino. Im Westen. Zwei Tage später, am 13. August 1961, war Berlin, seine Heimatstadt, durch eine Mauer geteilt. Eberhard Lange war eingesperrt.

Der gelernte Steinmetz, 1943 in Zehdenick geboren, teilte sein Schicksal mit Millionen anderen DDR-Bürgern, denen das Regime plötzlich mit einer Mauer, Stacheldraht, Selbstschussanlagen und scharfen Hunden den Besuch im Westen verwehrte. Familien, Freunde und Bekannte wurden getrennt. Eberhard Lange verlor sogar noch etwas: seinen Verein. Schon Anfang der fünfziger Jahre hatte sich Lange, ausgestattet mit seinem FDJ-Ausweis, zu den Spielen von Hertha BSC im damaligen Stadion am Gesundbrunnen geschlichen. »Allerdings nur für eine Halbzeit, ich musste ja rechtzeitig zu Hause sein, sonst hätte es Ärger gegeben«, sagt Lange beim Gespräch im »Bierbrunnen«, einer legendären Kneipe unweit des ehemaligen Geländes, auf dem die Hertha bis zur Saison 1963/64 ihre Spiele austrug.

Vater und Sohn teilten die verbotene Liebe

Ärger wegen überbordender Fußballbegeisterung hatte Lange nur von seiner Mutter zu erwarten. Sein Vater, auch er Steinmetz, war dem Spiel und der Hertha längst hoffnungslos verfallen. Schon Ende der fünfziger Jahre kaufte Vater Lange einen Fernseher. Für damalige Verhältnisse ein ungeheurer Luxus. Mutter Lange schlug die Hände über den Kopf zusammen, aber wie sollte ihr Mann sonst das aktuelle Fußballgeschehen verfolgen? Vater und Sohn wurden Stammgäste an der Plumpe, wie das Stadion am Gesundbrunnen liebevoll genannt wurde. Eberhard Lange, inzwischen ein begabter Fußballer, dessen Talent eine zeitlang gar für die DDR-Liga, die zweithöchste Spielklasse des Landes, ausreichen sollte, teilte längst die Leidenschaft seines alten Herren. Eine gemeinsame Liebe, millionenfach in deutschen Familien erprobt und gefördert.

Dann kam die Mauer. Und alles war anders.

Weil die Familie Lange in Zehdenick und damit auf DDR-Territorium, wohnte, waren Berlin-Gesundbrunnen, die Plumpe und später das Olympiastadion unerreichbar für Eberhard Lange geworden. Warum er nicht stattdessen zu den Ost-Berliner Klubs BFC Dynamo oder 1. FC Union hielt? »Erstens: Seinen Verein tauscht man nicht. Zweitens: Allein aus Trotz gegen die DDR hätte ich ihr nicht diesen Gefallen getan.« Mehr als 15 Jahre lang bedeutete das: eine Fernbeziehung zur alten Dame Hertha BSC über die Mauer hinweg, angereichert lediglich mit Informationen aus West-Radiosendern und West-Fernsehen. Immerhin. Aber doch eigentlich viel zu wenig. Den Zwangsabstieg der Hertha 1965, die Beteiligung am Bundesligaskandal 1971, den Abriss der Plumpe 1974, Momente, in denen ein Fan seinem Verein beistehen möchte, erlebten die Langes gleich hinter dem »Eisernen Vorhang«.

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