Das Trainerkarussell dreht sich weiter

Geißbock ohne Schaefer

Unruhige Tage in Köln. Auf die sportliche Talfahrt der vergangenen Wochen folgten Diskussionen um Moral und Religion, schließlich sogar Morddrohungen. Am Mittwoch die Überraschung: Das Training leitete nicht Frank Schaefer, sondern Volker Finke. Das Trainerkarussell dreht sich weiterimago

Es sind Zuschauerzahlen, auf die so mancher Regionalligist stolz sein könnte. Trotz strömenden Regens haben sich mehr als 500 Trainingskiebitze am Kölner Geißbockheim versammelt. Es scheint wie ein gewöhnlicher Mittwochmorgen. Die Profis des 1.FC Köln laufen zum Training auf. Bald wird jedoch klar, dass der Mittwochmorgen heute nicht allzu gewöhnlich ablaufen wird. Ein aufmerksamer Beobachter hat bereits registriert, was die Menge noch nicht ahnt: »Dat is doch net der Chef! Dat is der Finke, der das Training macht.« Die wenigen anwesenden Journalisten werden nervös. Ein Reporter vom »Express« zückt das Telefon, andere tun es ihm gleich. Es wird keine Stunde dauern, bis sich die hiesige Presseschar verzehnfacht hat.

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Bis zu seinem gestrigen Rücktritt hieß der »Chef« noch Frank Schaefer. Er hatte in der Hinrunde einen leblosen Verein auf dem letzten Tabellenplatz übernommen. Es folgte eine Aufholjagd mit sieben Heimsiegen in Folge, wie es zuletzt Hennes Weisweiler gelungen war. Auch das unhomogene Sturmduo Podolski/Novakovic, bereits als gescheitert abgestempelt, traf plötzlich das Tor. Die erschreckende Auswärtsbilanz durfte unter diesen Umständen getrost ignoriert werden. Der FC schien bereits frühzeitig gerettet. Frank Schaefer, ein Kölner Urgestein, wurde schnell zum Sinnbild des Erfolgs. Freundlich, offen, erfolgreich. Kurz: Eine Figur, mit der man sich im Rheinland bestens identifizieren konnte.  

Zu fromm für das teuflische Geschäft

Wie schnell sich die Stimmung in Müngersdorf aber ins Gegenteil kehren kann, ist hinlänglich bekannt. Die ersten Unruhen begannen, als die sensationelle Heimsiegserie am 16. April gegen Stuttgart ein jähes Ende fand. Nur wenige Tage später gab Frank Schaefer seinen Rücktritt zum Saisonende bekannt. Der gläubige Christ Schaefer sei zu fromm für das teuflische Geschäft des Profifußballs, sagen die einen. Sportdirektor Volker Finke habe mit seinen ständigen Einmischungen einen Rücktritt provoziert, sagen die anderen. 

Nach dem jüngsten Debakel in Wolfsburg mussten sich die Spieler am Braunschweiger Flughafen zunächst einer Horde aufgebrachter Fans stellen. Ob es die gleichen waren, die am Ostermontag »Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot« neben den Trainingsplatz am Geißbockheim pinselten, ist nicht überliefert. Die Drohungen wurden ernst genommen, am Montag wurde unter der Aufsicht eines Sicherheitsdienstes trainiert. Neu war ein solches Szenario allerdings nicht: »Einmal standen sogar Kreuze auf dem Trainingsplatz.« gibt Co-Trainer Dirk Lottner zu verstehen. 

Am Montagabend dann der Fanaufstand. Das allgemeine Credo: Pro Schaefer, Contra Finke und Overath. Und auch die Mannschaft bekam den Unmut der Fans zu spüren. Von einem funktionierenden Team war bei der 1:4 Niederlage in Wolfsburg schließlich nicht viel zu sehen. Symbolisch dafür stand der ausgemusterte Linksverteidiger Fabrice Ehret, der es, anstatt die Kollegen in Wolfsburg zu unterstützen, lieber vorzog, bei der Partyreihe »Muschi-Club« in der Kölner Diskothek »Halle Tor 2« den gutgelaunten DJ zu spielen. Der Aufmarsch der Fans verlief jedoch friedlich. Am Ende ließ es sich die aufgebrachte Menge noch nicht einmal nehmen, die wüsten Schmierereien gleich selbst mit eigens mitgebrachten Schwämmen zu entfernen. Der Kölner hat eben doch einen weichen Kern.

Finke wird kritisch beäugt

Am Mittwochmorgen hat der Regen dann auch die letzten Spuren des drohenden Schriftzuges entfernt. Über die Querelen der letzten Tage spricht jetzt niemand mehr. Der Rücktritt von Frank Schaefer ist das neue Thema rund um das Geißbockheim. Schaefer sagt, er könne der Mannschaft in der jetzigen Situation nicht mehr die nötigen Impulse geben. Nach vier Jahren Bundesligaabstinenz steht Volker Finke also wieder als Übungsleiter auf dem Platz. Er gibt lautstarke Anweisungen, lässt dennoch locker trainieren. Seine Ernennung als Interimscoach stößt bei den Kiebitzen größtenteils auf Unverständnis. Zu viele glauben, dass Schaefers Rücktritt mit den Machenschaften Finkes zusammenhängt. »Ich wollte eigentlich alles andere machen, aber nicht mehr auf den Trainingsplatz zurückkehren«, gibt Finke in der anschließenden Pressekonferenz zu Protokoll. Jetzt muss er den FC vor dem Abstieg bewahren und gleichzeitig seinen eigenen Nachfolger suchen.  

Doch wie es so üblich ist in Köln, werden am Samstag um 15.30 Uhr, wenn die Kölner Hymne erklingt, alle Unruhen vergessen sein. Damit das auch über die 90 Minuten hinaus so bleibt, wäre ein Sieg gegen Leverkusen dringend nötig.

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