Das Topspiel Leverkusen – HSV in der Taktikanalyse

Comeback der angeschlagenen Boxer

Die Hamburger jubeln, die Leverkusener zaudern: Unterschiedlicher könnten die Interpretationen des 2:2 kaum sein. Unser Taktikexperte Tobias Escher wirft einen Blick auf das Topspiel des 12. Spieltages und analysiert intelligente Spielsysteme, wahnwitziges Abwehrverhalten und konditionelle Defizite. Das Topspiel Leverkusen – HSV in der Taktikanalyse

Thorsten Fink hat bereits in den ersten Spielen als Trainer des HSV taktisch einiges geändert. Dies betrifft besonders den Spielaufbau: Noch unter Michael Oenning eines der Sorgenkinder der Hanseaten, ließ sich der Neu-Coach etwas einfallen, um die Stärken von Rincon besser zur Geltung zu bringen. Der Venezolaner ist ein sehr guter Ballverteiler, agiert unter Druck allerdings nicht immer vollends souverän. Deshalb lässt er sich nun imm öfter zwischen die Verteidiger fallen, damit er aus einer wesentlich tieferen Position das Spiel aufziehen kann.

Nebeneffekt: Durch die entstehende Dreierkette können die Außenverteidiger aufrücken und für Breite im Spiel sorgen. Aus ihrem Defensivsystem, einem 4-4-2, wird in der Offensive so ein 3-5-2. Mit dieser Taktik fuhr der HSV gut in den letzten Spielen. Gegen Bayer Leverkusen hatten sie damit allerdings von der ersten Minute an Probleme. Der Werksklub stellte sich defensiv in einem 4-3-3 auf, in dem Michael Ballack und Lars Bender weit aufgerückt neben Angreifer Stefan Kießling agierten. Die Außenstürmer Schürrle und Sam ließen sich dabei weit zurückfallen, um die aufrückenden Aogo und Diekmeier decken zu können. Leverkusen hatte so praktisch das System der Hamburger gespiegelt. Die Rothosen taten sich deswegen vom Start weg enorm schwer, einen freien Mitspieler zu finden. Dem Vizemeister spielte dazu noch die frühe Führung durch einen abgefälschten Freistoß Schürrles (5.) in die Karten. Sie konnten sich auf schnelle Konter beschränken und mussten nicht sonderlich risikoreich agieren. Da es André Schürrle immer wieder in die Mitte zog, spielten sie rund 70% ihrer Angriffe durch das Zentrum. Als Bender nach einem der schnellen Gegenstöße auch noch das 2:0 erzielte (20.), schien das Spiel vorzeitig entschieden.




Die Leverkusener Fans hatten die Rechnung allerdings ohne ihre Abwehr gemacht. Nachdem sie 30 Minuten lang den Gegner dominierten, schenkten sie den Hamburgern den Anschlusstreffer durch kollektives Verschlafen einer Standardsituation (34.). Nach Westermanns Treffer wurden die Hamburger bissiger, gingen nun früher drauf und störten zunehmend unsicher werdende Aufbauspiel der Werkself erheblich. Gerade in der Spieleröffnung wurde die Bayer-Elf in den letzten Wochen immer schwächer. So verpassten sie es diesmal, die Partie zu beruhigen, und spielten stattdessen wenig zwingede Konter. Als Schürrle in der 58. Minute einen unsäglichen Fehlpass in die Füße der Gegner spielte, konnten diese den entscheidenden Konter setzen.

Töres Pass hinter die Abwehr verwertete Jansen, der nicht nur aufgrund seiner 11,26 gelaufenen Kilometer einer der auffälligsten Hamburger war (58.). Erst in den letzten 20 Minuten konnte Leverkusen wieder Kontrolle über das Spiel übernehmen. Beim HSV zeigte sich erneut, dass sie mit konditionellen Schwächen zu kämpfen hatten. Obwohl sie zusammen mit 110,9km nur einen unterdurchschnittlichen Wert verbuchen konnten, taumelten einige Spieler am Ende wie angeschlagene Boxer. Dennoch brachten sie das Unentschieden über die Zeit, auch weil Schürrle alleinstehend vor Drobny die größte Möglichkeit der zweiten Hälfte vergab (74.). Leverkusen machte mit ihrer taktischen Grundausrichtung einiges richtig, doch derzeit bringen individuelle Fehler und der mangelhafte Spielaufbau sie ein ums andere Mal um den wohlverdienten Lohn.

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Ballbesitzstatistiken, Spielfeldmatrixen und taktische Formationswechsel - für manche Fans ein rotes Tuch, für Tobias Escher eine Leidenschaft. Zusammen mit seinen Kollegen analysiert er die Taktik der Bundesligisten auf dem Blog Spielverlagerung.de.

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