10.06.2012

Das spanische Gehirn Xavi im großen Porträt

Der Selbstlose

Er spielt die Pässe, die anderen machen daraus Tore: Xavi steht im Zentrum der spanischen Nationalelf, die ab heute ihren Europameistertitel verteidigt, »Ich bin fußballverrückt«, sagt er. Eine Untertreibung.

Text:
Sebastian Stier
Bild:
Imago

Annahme. Drehung. Pass. So macht er das immer. Annahme. Drehung. Pass. Klar, dass er es auch jetzt wieder so machen würde, im Finale der Europameisterschaft zwischen Spanien und Deutschland. Eine halbe Stunde schon läuft das Spiel, und obwohl jeder weiß, wie Xavi seine Kreise zieht, sind seine Gegner außerstande zu verhindern, was passieren wird. Annahme, Drehung, ein steiler Pass in die Lücke der deutschen Abwehr. Fernando Torres war losgerannt, Xavis Ball erreicht ihn millimetergenau, und es steht 1:0. Es war vor vier Jahren im EM-Endspiel von Wien kein Geheimnis, was Xavi Hernandez i Creus mit dem Ball anstellen würde. Und es ist bis heute keine Magie.

Trotzdem ist es nicht aufzuhalten: Seit der gebürtige Katalane im Zentrum der spanischen Nationalmannschaft steht, gibt sie den Ball nicht mehr her. Steilpass. Rückpass. Querpass. Wie ein eingespieltes Orchester, das statt Noten Pässe spielt. Im Mittelpunkt bei dieser Aufführung: ihr Konzertmeister – Xavi, 1,70 Meter. Große Spieler wie Pelé, Maradona und Zidane wurden an der Zahl ihrer Tore gemessen, Frank Rijkaard und Lothar Matthäus an ihrer Kraft. Xavi an keinem von beidem. Der Mittelfeldspieler vom FC Barcelona ist die reine Selbstlosigkeit. Ein Spieler, den Trainer lieben, weil er fast nie einen Fehler macht und Mannschaftskollegen ständig dadurch belohnt, dass er sie anspielt, wenn sie sich freigelaufen haben. Er malt seinen Gegnern ein dickes Fragezeichen in den Raum. Wie soll man selbst Tore erzielen, wenn man nicht an den Ball kommt?

Kein Rezept, auch kein deutsches

Das Fragezeichen ist auch 2012 da. Es hängt über dieser EM wie eine Gewitterwolke, die die Sonne für die anderen nicht scheinen lassen will. Nach der EM 2008 hat Spanien auch bei der WM 2010 triumphiert und anschließend jedes Qualifikationsspiel für das Turnier in Polen und der Ukraine gewonnen. Bisher konnte keine Mannschaft ein wirklich effektives Mittel gegen ihr Spiel finden. Auch die deutsche nicht. Vor zwei Jahren, bei der WM in Südafrika, war sie schon dichter dran als zuvor in Wien. Sie hatte das mit den Pässen geübt. Es reichte noch nicht.

Nun kann Spanien etwas Historisches schaffen, heute mit dem ersten Gruppenspiel gegen Italien in Polen geht es los. Bisher ist es noch keiner Fußballnation gelungen, Europameister, Weltmeister und dann wieder Europameister zu werden. Also über einen so langen Zeitraum die besten Mannschaften der Welt zu dominieren.

Anrennen gegen die Ungerechtigkeit der Welt

Xavi würde damit auch das widerlegen, was dem schönen Fußball wieder anhaftet, seit sein Klub, der FC Barcelona, bei der vergangenen Champions League im Halbfinale verlor: der Makel, dass Schönheit gegen Kraft und Effizienz verliert. Im Spiel gegen Chelsea waren die Positionen eindeutig verteilt. Xavi rannte gegen eine Abwehrmauer an und scheiterte auf die für ihn schlimmste Weise: an der Ungerechtigkeit der Welt, in der die Besseren unterliegen.

Die Europameisterschaft ist für Xavi eine Chance, noch einmal um das Ideal des schönen Siegs zu kämpfen. Wer weiß, wie viele Chancen noch kommen. Xavi ist 32 Jahre alt und im spanischen Team der Älteste, gerade die Achillessehne macht Probleme.

Er hat in seiner langen Karriere alles erreicht: ist Welt- und Europameister, hat mit dem FC Barcelona drei Mal die Champions League gewonnen, ist sechs Mal spanischer Meister geworden und hat je zwei Mal die Copa del Rey und den Weltpokal geholt. All diese Pokale erspielte er mit einem eleganten Spiel über leichte Pässe, hohe oder flache. Pässe, die Zisch! machen und Peng!, Bum! oder Pahh!

Pässe im Comicsprech

Das ist die eigenwillige Sprache des Mannes, dem die Worte nicht reichen für das, was ihm an Bewegung die ganze Zeit durch den Kopf geht. Seine Sprache ähnelt der Geräuschkulisse eines Comicfilms. Zack! Bum! Peng! So habe Andres Iniesta, sein Nebenmann bei Barcelona, einmal drei Gegenspieler stehen lassen. Zisch! Xavi geht in solchen Augenblicken noch mal alles durch, gestikuliert und ahmt Bewegungen nach. »Soy un loco de futbol«, hat Xavi einmal über sich gesagt. »Ich bin ein Fußballverrückter.« Eine Untertreibung.

Der Fußballverrückte

Er war zehn Jahre alt, als er sich ein Heft bastelte, jene Art Heft, wie es vor jeder neuen Saison herauskommt. Mit sämtlichen Vereinen, Spielern, Daten. Handgeschrieben. Und umfangreicher. Aus den großen Ligen Europas und Südamerikas kamen alle Mannschaften mit ihren Spielern darin vor. Er wusste alles, kannte jeden. Lothar Matthäus? FC Bayern München. Peter Schmeichel? Manchester United. Marco Branca? Udinese Calcio. Evair? Palmeiras Sao Paulo. Xavi wusste über jeden Bescheid. Andres Iniesta staunte bei einem gemeinsamen Interview, als Xavi ihm seinen Werdegang aufsagte: »Mann, bist du informiert!«

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Von seinem Beruf als Fußballer erholt sich Xavi mit: Fußball. Für alles andere bleibt keine Zeit. Bis vor kurzem hatte er eine Freundin. Elsa, schüchtern, schön, mit langen Haaren. Sie wollte reisen, er fand, dass er schon genug unterwegs sei. Entspannen wollte er. Das heißt bei ihm, entweder Fußballgucken oder -spielen. Die Beziehung zerbrach. Wenig später, halb im Spaß, sagte er: »Jetzt habe ich mehr Zeit, mir Spiele im Fernsehen anzuschauen.«

Aus dem katalanischen Herzen

»Klingt ganz nach ihm. Das ist mein Junge«, sagt Joaquim Hernandez, der Vater von vier Kindern, von denen Xavi das jüngste ist. Die weichen Gesichtszüge, die braunen Augen, die kleine Statur – all das hat er an ihn vererbt. Señor Hernandez war selbst mal Profi, zweite Liga. Nur die gegelte Stachelfrisur seines Sohnes geht ihm ab, dafür fehlen Joaquim Hernandez einfach die Haare.

Man trifft ihn in Terrassa, katalonisches Herzland, 70 Kilometer von der Küste entfernt. Dort ist Xavi aufgewachsen, und der Vater führt heute das Leben eines Fußball-Unternehmers. Er hätte, sagt er, nichts dagegen gehabt, wenn es anders gekommen wäre, wenn sein Sohn nicht der Barcelona-Star geworden wäre. Aber nun, da er es auch nicht verhindern wollte, kümmert er sich um die Immobilien des Sohnes, um dessen Nachwuchscamps und Werbeverträge. Das ist nicht leicht, Xavi gibt seinen Namen nur für etwas her, mit dem er sich identifizieren kann. Das Angebot eines Autokonzerns lehnte er ab. Aber Disneys Offerte fand er gut. Das hatte genug Peng!, Bum! Pahh!

»Am Ende gewinnen meistens die Stürmer«

Señor Hernandez empfängt im fensterlosen Konferenzraum. Vor sich auf dem Tisch hat er das Leben seines Sohnes ausgebreitet. Fotoalben und Bücher stapeln sich. Auf vielen Bildern, die seinen Sohn als Knirps am Strand, im Ballonseidenanzug und bei ersten Spielen zeigen, ist Hernandez ebenfalls zu sehen. Zuerst als Trainer, später als Begleiter.

Im Januar waren sie mit der ganzen Familie in Paris, als die Zeitung »France Football« ihre jährliche Auszeichnung für den Weltfußballer vergab, den goldenen Ball. Schon oft war Xavi nominiert, gewonnen hat er nie. Auch dieses Mal nicht. Sieger wurde Lionel Messi, sein Mitspieler beim FC Barcelona. »Am Ende gewinnen meistens die Stürmer, das war schon zu meiner Zeit so«, sagt Joaquim Hernandez. Ob Xavi enttäuscht war? »Ach wo, die beiden sind doch Freunde. Daraus macht er sich nichts.«

Status ohne Statussymbole

Tore reißen Fußballspieler aus der Mannschaft heraus. Der Moment gehört dem, der das Tor gemacht hat. Dass es meist Resultat einer komplizierten Choreografie ist, geht im Jubel unter. Spieler trainieren für diesen Jubel, sie studieren sogar ihre Triumphposen ein. Xavi macht sich nichts aus Posen. Genauso wenig wie aus Schmuck oder Autos. Viele seiner Kollegen wie Dani Alves haben eine Schwäche für Statussymbole und Tattoos. Xavi trägt nicht mal eine Armbanduhr. »Dabei würde seine Mutter ihm so gern eine schenken«, sagt Joaquim Hernandez.

Als Xavi sechs Jahre alt war, wollte der FC Barcelona ihn bereits zu sich locken. Das war Hernandez zu früh. Erst als der Sohn elf war, erlaubte er ihm das. Xavi wurde einer der besten Schüler. »Passen und anbieten«, sagt Carles Rexach, »anbieten und passen. Und dabei nie den Ball verlieren! So bekommen es die Jungs vom ersten Tag an eingeimpft. Xavi hat das verinnerlicht.«

Rexach sitzt auf einer Treppe im Madrider Hauptbahnhof, er ist auf der Durchreise. Hin und wieder erkennen Passanten ihn, den großen, schlaksigen Außenstürmer mit den markanten Gesichtszügen, der einst beim FC Barcelona spielte. Er kommt gerade von einem Kick mit Liga-Veteranen. Für einen guten Zweck haben sie gespielt. Passen, stehenbleiben, passen. Die Knochen tun ihm trotzdem weh. Rexach ist inzwischen 65 Jahre alt, die Haare sind deutlich grauer als in den 70ern, als er neben Johan Cruyff im Angriff spielte. Damals ließ er die Verteidiger reihenweise mit seinem Antritt stehen. Nach seiner Zeit als Spieler hat er sich als Mitglied von Barcelonas Trainerstab oft Spiele der Nachwuchsmannschaften angesehen. Alles Jungs mit viel Talent, aber keiner wie Xavi, sagt er. »Der hat schon immer am liebsten den Ball verteilt. Über eine Vorlage freute er sich oft mehr als über ein Tor.« Später, zur Jahrtausendwende, war Rexach Xavis Trainer bei der ersten Mannschaft. »Sein Gespür für den Takt des Spiels war schon in jungen Jahren außergewöhnlich.«

Zweifel und Spott am Karriereanfang

Aber für Xavi war es eine schwierige Zeit. Erzrivale Real Madrid setzte Anfang der 2000er Jahre mit einer Allstartruppe um Figo und Zidane die Maßstäbe. Auch für Barcelona war es wichtig, internationale Stars zu haben, die es aber nicht bekam. Kraftvolle Athleten wie Michael Essien aus Ghana oder Patrick Viera, der französische Weltmeister, schienen den Modellfußballer zu definieren. Xavi dagegen, der Barça-Nachwuchsspieler, wurde für zu klein und zu schmächtig befunden. Die Zweifel an ihm und der Spott der eigenen Fans hätten ihn damals beinahe zum AC Mailand getrieben. Aber nur beinahe.

Es waren dann zwei Trainer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, die ihn zu dem gemacht haben, der er heute ist. Der eine, Luis Aragones, trainierte die spanische Nationalmannschaft, als sich Xavi vor der WM 2006 schwer verletzte. Ein halbes Jahr fiel er aus. Aragones rief ihn immer wieder an, besuchte ihn regelmäßig. Zum ersten Mal, so erzählt es Vater Hernandez, habe sein Sohn damals gespürt, dass ein Trainer alles auf ihn setzte. Es war eine Art Anfang. Mit Aragones wurde Xavi 2008 Europameister.

Ohne Xavi kein Barca

Kurz darauf übernahm Josep Guardiola in Barcelona. Mit den Spielern führte er Einzelgespräche. Zu Xavi sagte er: »Ohne dich wird es keine Barça-Mannschaft geben.« Die Mannschaft. Für Menschen wie Xavi mit beinahe übertrieben großem Harmoniebedürfnis ist eine Mannschaft mehr als eine Zweckgemeinschaft. »Barça ist mein Haus«, hat Xavi einmal gesagt, »das Nationalteam aber hat mich besser gemacht.«

Boss aus dem Klub der Hunderter

 
 
 
 
 
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