Das Schicksal der Ost-Vereine #9

FC Carl Zeiss Jena

Den Titel des Spitzenreiters der ewigen DDR-Oberliga-Tabelle kann Carl Zeiss Jena keiner mehr nehmen. Warum das in den Jahren der Wende-Wirren niemand mehr interessierte, verrät unser Ostfußball-Experte Mathias Ehlers. Das Schicksal der Ost-Vereine #9
Heft#96 11/2009
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96
FC Carl Zeiss Jena
Platz 6 / 29:23 Punkte / 24:23 Tore


Es mag ja sein, dass der BFC Dynamo Rekordmeister ist, dass Dynamo Dresden die meisten Zuschauer lockte, dass der 1. FC Magdeburg den einzigen Europapokal in die DDR holte. Alles schön und gut, doch Tabellen lügen nicht und im ewigen Tableau der Oberliga thront jemand anderes: der FC Carl Zeiss Jena.  

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Vor dem letzten Spieltag der Oberliga, interessierte das in und um Jena jedoch niemanden. Es ging um den sechsten Platz, der an jenem 24. Mai 1991 die Welt bedeutete. Jena fuhr als Siebter zum Auswärtsspiel nach Cottbus, zu Energie, einem feststehenden Absteiger. Schützenhilfe war nötig, ausgerechnet von den Rivalen aus Erfurt, die Jenas größten Konkurrenten um die 2. Liga, Stahl Brandenburg, empfingen. Erfurt lieferte die Steilvorlage und schlug Stahl 2:1. Es war nur noch an Jena, doch das Cottbusser Tor war offenbar kleiner als sonst. Libero – die Älteren werden sich an diese Position erinnern – Heiko Peschke musste erledigen, was den Stürmern nicht gelang. Mit einem Vorstoß knackte er Energies Abwehr und machte den wichtigen Treffer. Ekstatisch rannte die Mannschaft in die Fankurve und ließ sich feiern. Heiko Weber legte sogar noch einen drauf. Es sollte der letzte Treffer der Oberligageschichte werden. Erzielt vom Ewigen Tabellenführer. So schließen sich Kreise.  

Perry Bräutigam, Olaf Holetschek, Jürgen Raab

Jena schaffte also den Sprung in den Profifußball, auch wenn diese diese zur Floskel verkommene Sprachregelung immer wieder unterschlägt, dass auch die letzte Saison der Oberliga nichts anderes als bezahlter Fußball war. Die Thüringer kamen gut in die Gänge, waren sogar kurzzeitig Tabellenführer und beendeten die Saison als Fünfter. Den Abstiegskampf überließen sie anderen. Perry Bräutigam, Olaf Holetschek, Jürgen Raab – kein schlechter Kader, der West-Import Klaus Schlappner zur Verfügung stand. Schlappner war es auch, der dem deutschen Fußball einen großen Gefallen tat und einem gewissen Bernd Schneider zum Debüt verhalf. Im Jahr darauf gab Jörg Böhme seinen Einstand, Früchte einer hervorrganden Jugendarbeit.

Die Saison 1992/93 war ein ziemlicher Akt, 24 Teams, 46 Spiele. Eine Menge Holz für Spieler, der aus der Oberliga nur 26 Spieltage gewohnt waren. Doch ohne große Schwankungen verbrachte Carl Zeiss die Saison im oberen Drittel der Tabelle. Am Ende waren sie Achter und schienen sich im gesamtdeutschen Fußball etabliert zu haben. Die nächste Saison begann mies, Jena rutschte unten rein und wollte sich von einem alten Bekannten helfen lassen. Hans Meyer kam, sah und scheiterte. Abstieg in die Regionalliga. Eberhard Vogel, noch so ein alter Bekannter aus besten Jenaer Zeiten, übernahm und korrigierte umgehend den Betriebsunfall. Es folgten zwei passable Jahre in der 2. Liga und ein erneuter Abstieg, wieder im dritten Jahr. Weitere drei Jahre später der Schock. Abstieg aus der Regionalliga. Während Schneider und Böhme die Bundesliga eroberten, plumspte der einstige Europapokalfinalist in die Oberliga - kein exklusives Dilemma. Die Südstaffel der Oberliga Nordost verkam zur Jahrtausendwende zur illustren Runde gescheiterter Größen. Dynamo Dresden, der 1. FC Magdeburg, der VfB Leipzig, der Hallesche FC, der FC Sachsen Leipzig, nun auch Carl Zeiss Jena. Gefangen zwischen dem Glanze der Vergangenheit und dem tristen Grau der Gegenwart.

Wie naive Lemminge stürzten sie von einem Berg, den sie einst mit großem Optimimus bestiegen. Sie merkten, dass ihr großer Name nur noch wenig wert war und begriffen sich zunehmend als Wendeverlierer. Vier Jahre steckte Jena im Oberligaexil, sie spielten grandiose Hin- und desaströse Rückrunden. Rund um das Ernst-Abbe-Sporfeld kursierte das böse Wort von der Unaufsteigbarkeit. Erst Heiko Weber fand ein Mittel gegen den offensichtlichen Fluch. Nach zwei Relegationsspielen gegen den Sieger der Nordstaffel, den MSV Neuruppin, war Carl Zeiss wenigstens wieder drittklassig. Ein Jahr später gar in der 2. Liga angekommen. Jena bewies, wie schnell es mit Seriösität und Behaarlichkeit nach oben gehen kann – um dann zu zeigen, wie schnell diese Werte im Erfolg vergessen werden können. Nach zwei Aufstiegen und einem Klassenerhalt war Weber nicht mehr gut genug, es kam Frank Neubarth, ihm folgte Valdas Ivanauskas, ein paar Wochen später Henning Bürger.

Frank Neubarth, Valdas Ivanauskas, Henning Bürger

Unterdessen wurde die Lizenzspielerabteilung des Vereins in eine GmbH überführt, Grundvorraussetzung für externe Investments. Und, siehe da, Präsident Rainer Zipfel, hatte gleich einen passenden Investor parat. Ein russisches Konsortium, eine gewise Alpha Investment Group, wollte 25 Millionen Euro nach Thüringen überweisen. Als Gegenleistung erwarteten die Russen 49 Prozent der GmbH und einen Statthalter auf dem Sessel des Geschäftsführers. Nun ja, seriös wirkte die Geschichte nicht. Über Monate zog sich die Diskussion über einen Einstieg, bis die DFL »Njet« sagte.

Stattdessen standen plötzlich drei unbekannte georgische Spieler im Kader. Warum, wussten nur diejenigen, die darüber nicht reden wollten. Zipfel verlor so langsam sein Gesicht. Sponsoren machten ihr Engagement von dessen Demission abhängig, und die Öffentlichkeit erfuhr von einem Vertrag, der Carl Zeiss zum Bezug seiner Ausrüstung bei einem lokalen Sportgeschäft verpflichtet. Sehr seltsam für einen Verein, dessen Ligakonkurrenten durchweg direkt von Sportartikelherstellern ausgerüstet werden. Dass dieser ominöse Sportshop einem Aufsichtsratmitglied gehört, war aber sicher nur Zufall.

Auf immer und ewig Spitzenreiter der Oberliga-Tabelle

In Jena begann ein heftiges Stühlerücken. Trainer, Manager, Sportdirektoren und Geschäftsführer wechselten unentwegt. Eine peinliche Posse auf dem Niveau einer Daily Soap. Das Team rauschte in die 3. Liga, allerdings nicht ohne im DFB-Pokal zu erstaunen. Erst mit dem Halbfinale in Dortmund war Feierabend. In der 3. Liga strampelte Jena unruhig, entliess Trainer Bürger, dann seinen Nachfolger Rene van Eck und zu guter letzt auch dessen Erben Marc Fascher. Zum Klassenerhalt am letzten Spieltag reichte es trotzdem.

Nun sitzt wieder van Eck auf dem Schleudersitz. Es heißt, sein Konzept habe den Vorstand überzeugt. Kein Stein bleibt derzeit auf dem anderen, doch wenigstens steht fest: Spitzenreiter der ewigen Oberliga-Tabelle wird Carl Zeiss Jena immer bleiben.

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