Das Schicksal der Ost-Vereine #8

1. FC Lokomotive Leipzig

Aufstieg, Abstieg, Insolvenz, Neugründung: Nur wenige Vereine aus der ehemaligen DDR-Oberliga haben in den vergangenen beiden Jahrzehnten eine so wechselhafte Entwicklung durchgemacht wie Lok Leipzig. Das Schicksal der Ost-Vereine #8
Heft#96 11/2009
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1. FC Lokomotive Leipzig / VfB Leipzig
Platz 7 / 28:24 Punkte / 37:33 Tore


Denkt er an die Achtziger Jahre zurück, wählt Klaus Sammer klare Worte: »Zweiter zu werden und ab und zu Pokalsieger – mehr war in der DDR nicht zu erreichen.« Er spricht in erster Linie von der Situation seines Vereins, Dynamo Dresden, erfasst nicht zuletzt aber auch das Schicksal des 1. FC Lok Leipzig. Einem Team, dem es an Klassespielern nicht fehlte – Müller, Marschall, Kühn, Zötzsche,  Baum. Allesamt Nationalspieler, Pokalsieger, Europacupfinalisten. Aber DDR-Meister? Nein, das wurden sie nie.

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Sie wären es beinahe geworden, 1986, doch am Ende fehlten ihnen zwei Punkte auf den allgegenwärtigen BFC Dynamo. Man könnte diese Vizemeisterschaft eigentlich als Erfolg feiern, wenn da nicht die Gewissheit wäre, wer ihnen diese zwei Punkte kostete. So konzentrierte sich all die Enttäuschung, all der Zorn, der eine so knapp verpasste Meisterschaft mit sich bringt auf eine einzige Person: FIFA-Schiedsrichter Bernd Stumpf. Er war es, der dem BFC bei dessen Gastspiel in Leipzig in der Nachspielzeit einen Elfmeter – und damit den unverhofften Ausgleich – schenkte. Als »Schandelfmeter von Leipzig«, als Inbegriff der systematischen Bevorzugung des BFC, ging Stumpfs Entscheidung in die Sportgeschichte ein. Stumpf wurde daraufhin aus dem Verkehr gezogen, ein Zugeständnis an das wütende Volk.

»Der Schandelfmeter von Leipzig« kostet die Meisterschaft

Die Punkte fehlten Lok trotzdem und letztendlich war es wohl jener Elfmeterpfiff am 22. März, der die Sachsen um die Meisterschaft brachte. Zwei Jahre später machte das Torverhältnis den Unterschied  und entschied zugunsten des BFC. Die Krönung einer großen Mannschaft, eine solche war das Lok-Team der Achtziger ohne Zweifel, blieb somit aus. Doch als die Wende kam, war die Mannschaft über ihren Zenit hinaus, sie war in die Jahre gekommen und wirkte nicht mehr hungrig. Ein fünfter Platz 1989, ein achter gar 1990. Meisterschaftskandidaten waren inzwischen andere, Lok hingegen nur noch Mittelmaß. Mit einer verjüngten Truppe, in der nicht mal mher Platz für Torwart-Ikone Rene Müller war, setzte sich »die Loksche« dem Hauen und Stechen um die begehrten Plätze im gesamtdeutschen Profifußball aus. Haarscharf, nur wegen eines um zwei Treffer schlechteren Torverhältnisses, verpassten die Sachsen die direkte Qualifikation für die 2. Bundesliga, wurden Siebter und mussten somit in die Relegation, für die eigens Jürgen Sundermann auf die Trainerbank gesetzt wurde.

Erfolgreich,  souverän und ohne Gegentor umschiffte Lok diese letzte Klippe und wurde gesamtdeutscher Zweitligist. Eine illustre Truppe konnte Sundermann ins Rennen schicken. Bernd Hobsch, Jürgen Rische, Torsten Kracht. Große Talente, die ihre Zukunft noch vor sich hatten. Dazu international erfahrene Haudegen, die ihre Zukunft längst hinter sich hatten, abgezockte Typen wie Ronald Kreer, Matthias Lindner oder Matthias Liebers – Helden der Mannschaft von 1987, die nur knapp am Sieg des Europapokals der Pokalsieger vorbei schrammte. Obendrauf mit dem 37-jährigen Franzosen Didier Six ein leibhaftiger Europameister. Gut, dessen Verpflichtung war wohl eher ein PR-Gag, nach Abstiegskampf klang der Kader des 1. FC Lok, der inzwischen zum VfB wurde, trotzdem nicht.

Ein leibhaftiger Europameister aus Frankreich bei »der Loksche«

Doch der VfB kam zäh in Tritt und konnte sich nur mühsam von den fiesen Plätzen fernhalten. Am Ende stand ein siebter Platz, was besser klingt als es war, denn die 2. Bundesliga der Saison 1991/92 bestand aus zwei Staffeln – eine im Norden, eine im Süden – zu je 12 Mannschaften. Diese spielten zunächst eine Hin– und Rückrunde, anschließend knobelten die ersten sechs eine Aufstiegsrunde aus, während die andern sechs unter sich die Absteiger ermittelten. Vier der insgesamt 24 Teams, die jeweils Letzten und Vorletzten der zwei Staffeln, mussten absteigen, zudem war eine Relegation der beiden Zehnten und eines Amateuroberligavertreters vorgesehen. Letztlich war es nur ein Punkt, der den VfB Leipzig vor der Relegation bewahrte, 1860 München biss stattdessen ins Gras.

Für die Sachsen ging es also noch einmal gut, für drei der alten Bekannten aus der Oberliga jedoch, für Halle, Erfurt und Brandenburg, war die Party schon nach nur einem Jahr wieder vorbei. Immerhin ersparte ihnen der Abstieg eine Mammutsaison. 24 Teams, 46 Spieltage, sieben Abstiegsplätze. Heftig. Keine allzu leckere Suppe, die der DFB seinen Zweitligisten 1992/93 einbrockte. Dem VfB Leipzig schmeckte sie aber ganz gut, er biss sich in der Aufstiegsregion fest. Besonders intensiv löffelte Bernd Hobsch. So gut, dass ihn sich Werder umgehend nach Bremen holte. Hobsch hinterließ eine intakte Truppe, die auch ohne ihren Torjäger klarkam. Am Ende der Saison hatten alle Grund zum Feiern. Hobsch hielt die Meisterschale in der Hand, der VfB stieg in die Bundesliga auf.

Überraschend, unerwartet, unvorbereitet. Optimisten sahen in diesem Aufstieg schon ein Zeichen für die gute Entwicklung des Ost-Fußballs, für dessen Konkurrenzfähigkeit, Traditionalisten beschrien die historisch bedeutenden Rolle Leipzigs für den deutschen Fußball. Dort steht die Wiege des DFB, es ist die Heimat des ersten Deutschen Meisters. Die Stadt zog mit, der VfB war in und zog ins Zentralstadion um. Eine riesige Arena, mit Platz für 100.000 Menschen, doch so baufällig, dass nur 37.000 Zuschauer hinein durften.

Eine erbrämliche Saison an der Wiege des DFB

Sie erlebten eine erbärmliche Saison, überforderte Spieler und panische Trainerwechsel. Sie erlebten auch Darko Pancev, einen faulen Strafraumvagabunden, der zur großen Mannschaft Roter Stern Belgrads gehörte, die 1991 Europapokalsieger wurde. Pancev hatte aber rein gar nichts mehr drauf, war eine einzige Enttäuschung und schnell wieder weg. Nach drei Siegen in 34 Spielen musste der VfB wieder runter und der Hype verdampfte. Gerade einmal 5.000 Menschen taten sich das letzte Heimspiel gegen Leverkusen an. In der 2. Liga knüpfte der VfB an seine Enttäuschungen an und wurde lediglich 13.

Das erklärte Ziel des Wiederaufstiegs war zu keiner Zeit in Reichweite. Teure Spieler kamen, gingen, Trainer ebenso, reichte alles aber nur für Mittelfeldplatzierungen. 1998 dann der Abstieg in die Regionalliga. Dort sollte Dragoslav Stepanovic für den Aufstieg sorgen. 40.000 Mark bekam der Serbe für sein Engagment. Monatlich. Wahnsinn. Kein Wunder, dass der Verein in der Schuldenfalle steckte. 19 Millionen Mark erdrückten den Regionalligisten. Ein Insolvenzverfahren wurde in Gang gesetzt. Die zweigleisige Regionalliga, 2000 eingeführt, verpasste der VfB. Er strampelte sich nun in der Oberliga ab, machte neue Schulden, um wieder nach oben zu kommen. Vergeblich. Kein Aufstieg, aber dafür eine zweite Insolvenz. Die finanzielle Lage war so verheerend, dass die Gläubiger 2004 beschlossen, den VfB Leipzig aus dem Vereinsregister zu löschen. Das Ende einer 13-jährigen Phase, die an die imposante Vorkriegsgeschichte des Leipziger Fußballs anknüpfen wollte, es aber nur kurz konnte. Stattdessen brach auch in Leipzig die Ostalgie aus, jene Parodie auf die Wendeeuphorie, die Vergangenes verklärt und gegenwärtig machen will.

40.000 D-Mark für Stepi. Monatlich. Wahnsinn.

Es kam zur Neugründung des 1. FC Lokomotive Leipzig. Der neue Verein übernahm die Frauen- und Jugendabteilung des bankrotten VfB und stellte einer Männermannschaft auf die Beine, die in der 3. Kreisklasse, also ganz unten, in der elften Liga, beginnen musste. Es setzte ein Kult ein, Medien verstärkten ihn und Lok war plötzlich unglaublich hip. Selbst Lothar Matthäus fühlte sich bemüßigt, für Lok ein Kurz-Comeback zu geben. Ein Publicitiy-Gag,  der Lok weltweit in die Schlagzeilen brachte. Die PR-Maschine brummte heftig weiter, als Lok vor über 12.000 Zuschauern  Eintracht Großdeuben II im Zentralstadion empfing. Weltrekord für Partien der untersten Spielklasse eines Landes. Problemlos stieg Lok auf, machte in 26 Spielen 313 (!) Tore und gewann den Stadtpokal. Um den Hype nicht zu ersticken und eine sportlich relevante Spielklasse zu erreichen, musste Lok möglichst schnell ein paar Ligen überspringen.

Die Lösung: Fusion. Verschiedene Verein wurden angefragt, aber denen war klar, dass sie mit Haut und Haaren gefressen würden und nach einer Fusion nichts mehr von ihnen übrig bliebe. Erst der SSV Torgau gab seinen Segen, da er seinerseits eine Fusion mit einem anderen Torgauer Verein plante und so seinen Startplatz in der 7. Liga frei machte. Für Lok ein gutes Geschäft, da somit kampflos drei Ligen übersprungen werden konnte. 2006 der Aufstieg in die 6. Liga, 2008 der Sprung in die 5. Liga, der Oberliga. Inzwischen kehrte eine kritischere Sichtweise ein. Der Präsident, Ex-Hooligan Steffen Kubald, wurde immer öfter zu seiner Vergangenheit ausgequetscht und die politische Gesinnung großer Teile des Lok-Anhangs thematisiert.

Die größte und gewalttätigste Rivalität im deutschen Fußball

Als 2007 eine Weihnachtsfeier von Sachsen Leipzig-Fans überfallen wurde, war der Kreis an Verdächtigen überschaubar. Im Oktober 2009 wurde ein Fan der BSG Chemie Leipzig, dessen Anhang sich aus einstigen FC Sachsen-Fans rekrutiert, vorsätzlich von einem Auto angefahren. Am Steuer saß ein Neonazi, den Augenzeugen der Lok-Szene zurechnen. Immer wieder kommt es in Leipzig zu Zwischenfällen zwischen den Anhängern beider Vereine, die die wohl größte und gewalttätigste Rivalität des deutschen Fußball pflegen. 

Es ist die politische Aufladung, die das Leipziger Fußballgefüge dermaßen radikalisiert und Außenstehende von einem Krieg sprechen lässt. Da müsste schon etwas Besonderes passieren, um die Kontrahenten – zumindest kurzzeitig – zu befrieden. Oder ein Investor aus Österreich kommen. Denn seit einigen Monaten gibt vor den Toren der Stadt ein gemeinsames Feindbild, den Retortenklub RB Leipzig, den deutschen Ableger der Red Bull-Betriebssportgruppe.

Doch das ist eine andere Geschichte.

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