Das Schicksal der Ost-Vereine #6

BSG Stahl Eisenhüttenstadt

Das Schicksal hatte komische Pläne für den Fußball in Eisenhüttenstadt anno 1990. Trostloser Mittefeldplatz in der Liga – Europapokal dank Hansa. Wir erzählen, warum der Klub danach in der Versenkung verschwand. Das Schicksal der Ost-Vereine #6
Heft#96 11/2009
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96
BSG Stahl Eisenhüttenstadt / EFC Stahl  
Platz 9 / 26:26 Punkte / 29:25


Die BSGen, die Betriebssportgemeinschaften, hatten es nicht sehr leicht im Ost-Fußball. Sie waren die Stiefkinder des Leistungsfußballs und bildeten die untere Kaste einer Privilegienpyramide. Es galt, mit den Spielern zu leben, die als nicht gut genug für die Schwerpunktklubs, jene mit dem Kürzel »FC«, befunden wurden. Ein schweres Los, das die sportliche Entwicklung der BSGen entscheidend behinderte. Und das, obwohl hinter diesen Teams oftmals finanzstarke Trägerbetriebe steckten.

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Wie das Energiekombinat Ost (EKO), das größte Stahlwerk der DDR. Nur zu gerne hätte EKO  erfolgreichen Fußball an der Oder finanziert. In Eisenhüttenstadt, in »Hütte«, in »Schrottgorod«, einer Vorzeigestadt der DDR, einer Reißbrettsiedlung, die um das Stahlwerk herum errichtet wurde. Ein Wolfsburg im Osten. Eine Stadt zum Werk. Doch anders als in Wolfsburg ließ sich sportlicher Erfolg in der DDR nicht einfach so kaufen. Geld war zwar nicht unwichtig, doch es ging viel mehr um Kontakte, Priviligien, Einflüsse, um die Nähe zur Macht. Als EKO Ende der Sechziger Jahre versuchte, seinen Verein über Gebühr zu alimentieren, schritt der Verband ein und »Hütte« wurde in die drittklassige Bezirksliga  zwansrelegiert. Banaler Grund: zu hohe Zahlungen an Spieler und Trainer. Aufgebauscht zu einem Skandal um den Mißbrauch von Volkseigentum.

Eine Vorzeigestadt der DDR, eine Reißbrettsiedlung

Ein Exempel, das die den BSGen zugedachte Aschenputtelrolle manifestierte. Erst 1989 stieg Stahl wieder in die Oberliga auf und feierte dort wegen des besseren Torverhältnisses den Klassenerhalt. Inzwischen war aus der BSG der EFC Stahl geworden, ausgegliedert aus dem Stahlwerk, das aber Hauptsponsor blieb. Nur leider hatte auch EKO, nun unter der Fuchtel der Treuhand, mit der Wende zu kämpfen und konnte nicht so hemmungslos in die Mannschaft investieren, wie man es jahrzehntelang gerne getan hätte. Ironie der Geschichte. 

Ein dicker Fisch ging »Hütte« trotzdem ins Netz. Bodo Rudwaleit, ehemalige Nationaltorwart und zehnfacher DDR-Meister, wurde beim BFC Dynamo ausgemustert und schloss sich 1990 dem EFC an. Doch auch mit dem prominenten Mann zwischen den Pfosten spielte Stahl nur eine mäßige Saison. Zumindest in der Liga, die man als Neunter beendete, im Pokal jedoch war erst im Finale Feierabend. Zum Glück ging es dort gegen den Meister in Rostock, der das Endspiel letztlich gewann, und so war schon vor dem Spiel klar, dass »Hütte« erstmals in den Europapokal einziehen würde. 

»Hütte« im Europacup

Ein schönes Bonbon zwar, aber wirklich wichtig war die abschließende Relegation, in der die letzten zwei Ost-Teilnehmer für die 2. Bundesliga ermittelt wurden. Auf »Hüttes« Kosten triumphierte dort allerdings Lok Leipzig, das kurz darauf zum VfB wurde. Stahl stand plötzlich zwischen den Welten. Europapokal und DFB-Supercup auf der einen, dritte Liga auf der anderen Seite. Ein Verein zwischen Höhepunkt und Bedeutungslosigkeit. Die Ausflüge in den großen Fußball waren schnell erledigt, im Supercup-Halbfinale war der Pokalsieger West, Werder Bremen, eine Nummer zu groß, international Galatasaray Istanbul. Nun hieß es Oberliga Nordost, unauffällig cruiste »Hütte« durch die Liga, riss zwar keine Bäume aus,  hielt sich vom Tabellenkeller aber fern. 1994 gelang die Qualifikation für die Regionalliga Nordost, die zu einem Sammelbecken von Vereinen aus der DDR-Oberliga wurde. Geführt vom knurrigen Trainer Harry Rath konnte sich Stahl dort etablieren und wurde 1998 sogar Dritter, landete meist aber unaufgeregt im Mittelfeld. Rath ist das Gesicht des Vereins, Trainer, Manager, Scout, zur Not auch Geschäftsstellenleiter, Rath ist der EFC.

1999 jedoch nahm er seinen Hut, 22 nicht gewonnen Spiele in Folge waren ihm zu viel. Infolge dieser verhherenden Bilanz stieg Stahl aus der Regionalliga ab, blieb dennoch drin, denn am am Grünen Tisch wurde dem Spandauer SV die wirtschaftliche Überlebensfähigkeit in der Regionalliga abgesprochen. »Hüttes« Abstieg schob das aber nur auf, denn die Qualifikation für die zweigleisige Regionalliga im Jahre 2000 gelang nicht. Aber wenigstens kehrte Rath zurück, der zum Verein gehört wie das Stahlwerk zur Stadt. Zum Verein gehört aber auch eine gewisse Unauffälligkeit, denn wie in den Jahrzehnten davor, spielte Stahl auch in der nun viertklassigen Oberliga jenseits von gut und böse, landete stets im Niemandsland der Liga.

Dieser Verein braucht die Unauffälligkeit

Die Sprung in die Sportschau schaffte Stahl trotzdem und hatte dies seinem Stürmer Norman Elsner zu verdanken. Am 9. März 2004 versenkte Elsner vier Sekunden nach dem Anpfiff einen Schuss von der Mittellinie – Tor des Monats! Kurz darauf gingen die Lichter aber aus. Das böse Insolvenzgespenst griff nach Stahl. Zwangsabstieg. Neuaufbau in der Verbandsliga Brandenburg. 2007 gar der Abstieg in die Landesliga, der allerdings umgehend wettgemacht wurde. Nun heisst es wieder Verbandsliga, wie auch für die ehemaligen DDR-Oberliga-Konkurrenten Stahl Brandenburg und Viktoria Frankfurt.

Und Harry Rath? Der ist immer noch da.  

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