Das Schicksal der Ost-Vereine #5

1. FC Magdeburg

Eigentlich eine Katastrophe. Der einzige Europapokal-Sieger aus der ehemaligen DDR hat nicht eine einzige Sekunde Bundesliga-Luft schnuppern können. Warum das so ist, erklärt Euch unser Ost-Experte Mathias Ehlers. Das Schicksal der Ost-Vereine #5
Heft#96 11/2009
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96

1. FC Magdeburg
Platz 10 / 26:26 Punkte / 34:32 Tore
 

Wer im Osten der Republik nach dem »Club« fragt, sollte sich nicht wundern, wenn er nach Magdeburg geschickt wird. Denn dort ist der 1. FC Nürnberg nur der 1. FC Nürnberg, der 1. FC Magdeburg aber »der Club«. Einst ein großer Verein, der Inbegriff einer Pokalmannschaft. Kein einziges seiner sieben FDGB-Pokalendspiele verlor der »Club« und wurde so zum Rekordpokalsieger. Doch wie für so viele andere namhafte Oberligavereine war die Wende auch für den 1. FC Magdeburg das Ende einer großen Zeit.

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Nicht ein Sekündchen gesamtdeutschen Profifußballs war den Magdeburgern bislang vergönnt. Dabei startete man an der Elbe mit großen Zielen in die weichenstellende Saison 1990/91. Zu gut schnitt der FCM im Vorjahr ab, um nicht oben mitspielen zu wollen. Ein dritter Platz 1990, haarscharf an der Meisterschaft vorbei, weckte große Erwartungen. Diese wurden bitter enttäuscht, nach den Abgängen von Trainer Joachim Streich und wichtiger Spieler wie Dirk Schuster oder Wolfgang Steinbach, reichte es nur zu Platz zehn. In der Relegation um die letzten Zweitligaplätze wurde es noch schlimmer, sieglos verpasste der FCM die letzte Chance, die Wende einigermaßen schadlos zu überstehen. Der einstige  Europapokalsieger ging baden und strandete in der Oberliga Nordost.

Große Erwartungen, nicht erfüllt

Das Tor von dort in die zweite Liga war klein, alle Staffelsieger der Oberligen spielten untereinander die Zweitligaaufsteiger aus. Eine ziemlich darwinistische Veranstaltung, erforderte sie doch einerseits die Meisterschaft in der jeweiligen Oberligastaffel und anschließend starke Nerven in den Aufstiegsspielen. So erreichten pro Jahr leidglich vier Teams aus zehn Oberligen den Profifußball. Hoffnung, diesen steinigen Weg zu überstehen, brachte Joachim Streich nach Magdeburg. Nach einem erfolglosen Jahr auf der Bank Eintracht Braunschweigs kehrte Streich an die Stätte seiner größten Erfolge zurück – und musste nach neun Monaten wieder gehen. Zwar spielten seine Jungs eine gute Saison, doch schon früh hatte Union Berlin den Staffelsieg – und damit die Chance auf die 2. Liga – in der Tasche. Für den »Club« blieben nur der zweite Platz und leere Hände.

Aber es wurde noch schlimmer. 1994 verpasste der Verein gar die Qualifikation zur wiedereingeführten Regionalliga, das bessere Torverhältnis entschied zugunsten Hertha Zehlendorfs. Ein Schock für die stolzen Elbestädter, in dessen Sog sie fast bis in die Verbandsliga durchgereicht wurden. Aber nur fast. Der Verein erholte sich von seinem Tiefflug, startete einen erfolgreichen Neuaufbau und stieg 1997 in die Regionalliga auf. Mit einem dritten Platz 1999 schnupperten sie sogar mal wieder an der 2. Liga –  und fielen danach erneut um so tiefer. Als es nur noch zwei Regionalligastaffeln geben sollte, fiel der FCM durchs Sieb. Konsequenz: Oberliga. Durch diese pflügte der FCM geradezu, erzielte 120 Tore und wurde souverän Staffelsieger. Als Zugabe polierte der »Club« seinen Ruf als Pokalmannschaft etwas auf und erreichte nach Siegen gegen den FC Bayern oder den 1.FC Köln das Viertelfinale des DFB-Pokals. Nur noch zwei Relegationspiele gegen den BFC Dynamo trennten Magdeburg vom Aufstieg. 0:0 und 5:2 hieß es dort. Für Magdeburg.

Erfolge auf Sand gebaut


Ein Erfolg, der auf Sand gebaut war. Erzwungen mit einem utopischen Etat, hinten und vorne nicht gedeckt. Erst eine von Fans initiierte Spendensammlung rettete die Lizenz. Doch 2002 konnten auch die Anhänger nicht mehr helfen. Insolvenz. Zwangsabstieg. Oberliga. Wieder war ein Neuaufbau nötig. Doch nicht nur auf dem Rasen, auch drumherum. Das verrottete Ernst-Grube-Stadion wurde abgerissen und an seiner Stelle eine neue Heimat errichtet. Mit der Aussicht auf das neue Stadion entwickelte sich das Team prächtig, spielte eine gute Rolle in der Oberliga und fand sich 2006 in der Regionalliga wieder. Diesmal sogar finanziell gesund. Kurz vor Weihnachten gab es dann das lang ersehnte Geschenk – das neue Stadion wurde eröffnet. Ein immenser Schub für die Truppe, die in ihrer Glückseligkeit weit über ihrem Niveau spielte und kurz vor Saisonende mit anderhalb Beinen in der 2. Liga stand. Drei Spiele vor Schluß hatte der FCM fünf Punkte Vorsprung auf einen Nichtaufstiegsplatz. 

Der direkte Durchmarsch von der vierten in die 2. Liga schien zu gelingen. Riesige Euphorie in der Stadt. Ein Hype ging um. Ein Team, gespickt mit waschechten Magdeburgern. Zuschauerzahlen, wie es sie zuletzt vor der Wende gab. Doch den Spielern ging die Muffe und so verzockten sie den sicheren Aufstieg. Im Jahr darauf der nächste Rückschlag. Wie schon 1994 scheiterte der FCM auch 2008 wegen des schlechteren Torverhältnisses an einer Ligareform. Regionalliga statt 3. Liga.

Magdeburg plumpste wieder in die Viertklassigkeit und wurde dort zum Zuschauerkrösus. Kein Regionalliga-Verein lockt aktuell mehr Besucher an und sie alle wollen endlich sehen, worauf sie seit 1991 warten: Profifußball. Mit dem »Club«.

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