Das Schicksal der Ost-Vereine #14

Hansa Rostock

Hansa Rostock letzter DDR-Meister? Ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Doch der Überraschungs-Coup sichert dem Verein von der Ostsee-Küste bis heute die Existenz. Der letzte Teil unserer 14-teiligen DDR-Oberliga-Serie. Das Schicksal der Ost-Vereine #14
Heft#96 11/2009
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1. FC Hansa Rostock
Platz 1 / 35:17 Punkte / 44:25 Tore


Da müssen die Herren im Vorstand lachen. Das Präsidium des FC Hansa Rostock fühlt sich gut amüsiert von seinem Trainer-Import aus dem Westen. Fragt dieser Reinders doch tatsächlich nach einer Meisterprämie. Eine Meisterprämie? In Rostock? Große Comedy. 

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Letztendlich darf Uwe Reinders die Höhe der Prämie selbst bestimmen und eigenhändig in den Vertrag eintragen. Mit seinem Optimismus steht der Trainer alleine da, sein Arbeitgeber schielt bescheiden auf Rang sechs, die 2. Liga soll es werden, mehr traut man sich nicht zu. Warum auch? Ein wirklicher Überflieger waren die Hanseaten in den letzten Jahren nicht, sie sind schon froh, wengistens das Image des Fahrstuhlklubs abgelegt und sich im oberen Mittelfeld etabliert zu haben. Als Kandidaten auf den Titel gehen andere in die Saison, Dresden natürlich, die Chemnitzer, vielleicht die Magdeburger, aber Hansa?  

Reinders und die große Comedy

Die Manager westdeutscher Vereine meiden den Weg an die Ostsee, glauben, dort sei nichts zu holen, verzichten auf Rostocker Spieler. Ein intaktes Team bleibt somit zusammen und lässt sich von Reinders' glänzender Rhetorik um den Finger wickeln. Er macht seine Spieler heiß, erzählt ihnen von den Verlockungen des Profifußballs, fährt die Kumpelschiene. Reinders predigt aber auch Eigenverantwortung und vermittelt neben den Privilegien ebenfalls die Pflichten eines Profis. Reinders passt ins Profil des Klubs. Sie wollen einen Coach aus dem Westen, einer, der den bezahlten Fußball kennt, einer, der dem Verein die Trägheit nimmt. Sie setzen auf Reinders und machen damit alles richtig.

Von Anfang dominiert der FC Hansa die Oberliga, der einstige Punktelieferant setzt sich ganz oben fest. Sie entwickeln endlich ein Talent für dreckige Siege, sind plötzlich nicht mehr diese Schönwetterfußballer. Galt die Truppe in den Vorjahren als selbstgefällig und zu schnell zufrieden, tritt sie nun bissig und entschlossen auf. Die Mannschaft wirkt wie eine Sekte, die in Reinders ihren Erlöser gefunden hat. Der vermeintliche Guru nutzt seinen Höhenflug an der Küste, um sein eigenes Image zu polieren. Wer Anno 1990 von West nach Ost geht, hat seine Gründe. Reinders' Grund ist sein Image, er läuft davon, gilt im Westen als Zocker, als Lebemann, als unseriös. Hansa ist sein Neustart. Reinders nimmt diese Chance ernst, verzichtet auf die Rolle des »Besserwessis« und ist sich darüber im klaren, dass er den Verein genauso braucht wie der Verein ihn. 

Der Neustart gelingt. Auf beiden Seiten.

Schon drei Spieltage vor Schluss macht Hansa alles klar, 3:1 gegen Dynamo Dresden, darunter zwei grandiose Freistoßtore von Juri Schlünz, dem Vorzeige-Hanseaten. Der Verein, der eigentlich mit Platz sechs geliebäugelt hatte, ist damit Meister. Qualifiziert für die Bundesliga. Obendrauf gibt es ein paar Wochen später nach einem mauen Endspiel gegen Eisenhüttenstadt auch noch den Pokal.  Gerade noch rechtzeitig vor der Abwicklung des DDR-Fußballs beendet Hansa seine chronische Titellosigkeit, der Running Gag vom »ewigen Zweiten« findet ein jähes Ende. Gerechnet hat damit niemand. Außer Reinders, der nun um seine selbst bestimmte Meisterprämie reicher ist.    

Mit dem Klassenerhalt als Ziel startet Hansa in das Abenteuer Bundesliga. Zum Auftakt führt der Spielplan den 1. FC Nürnberg ins Ostseestadion. Lediglich 13.000 wollen das Duell gegen die Franken sehen, alle anderen verpassen eine ziemliche Überraschung. Der Aufsteiger aus dem Norden überrennt Nürnberg – 4:0! Hansa ist damit erster gesamtdeutscher Tabellenführer. Nicht die einzige historische Randnotiz jener Tage, denn ein paar Wochen zuvor flog Juri Schlünz im Supercup-Spiel gegen den 1. FC Kaiserslautern mit Gelb-Rot vom Platz und sah damit die erste Ampelkarte im deutschen Fußball. Das Auftaktspiel gegen Nürnberg verpasst Schlünz deswegen, zum Gastspiel bei den Bayern ist er aber wieder spielbrechtigt und erlebt eine Sensation – 2:1 gewinnt der FC Hansa. Siegtorschütze Jens Wahl muss daraufhin ins Sportstudio und schwitzt sich dort fast zu Tode.

Siegtorschütze Wahl schwitzt sich fast zu Tode

Nach dem anschließenden 5:1 gegen Borussia Dortmund wird aus dem medialen Wirbel ein Sturm. Mit drei Siegen startet Hansa in die Bundesliga und die ersten Begeisterten fragen sich, ob die Oberliga nicht besser die Bundesliga gefressen hätte. Nein, besser nicht, denn in den folgenden Wochen normalisiert sich das Niveau der Rostocker. Sie machen an der Tabellenspitze Platz für die Teams, die dort hingehören  und müssen sich weiter unten einordnen. Der Ausflug in den Europapokal ist schnell beendet, wie erwartet lässt ihnen der FC Barcelona keine Chance, schon nach dem Hinspiel ist alles gegessen.

Zum Rückspiel in Rostock will Präsident Gerd Kische trotzdem Kasse machen. Mächtig dreht er an den Eintrittspreisen, will den Besuchern bis zu 100 Mark aus der Tasche leiern. Ein Wucher, den sich nur 8.000 Leute antun wollen. Eine öde Kulisse für Hansas letzten Europapokalauftritt. Immerhin gelingt ein Sieg, Spies' Treffer versöhnt die wenigen Besucher. In der Liga muss Hansa nun ordentlich strampeln, zudem versaut eine Fehde zwischen Kische und Reinders das Vereinsklima. Der Trainer gefällt sich zunehmend in der Rolle als Missionar, der dem Osten erfolgreichen Fußball brachte. Immer mehr ist Reinders mit seiner Vermarktung als Werbeträger beschäftigt. Der Verein gestand ihm dies zu, sonst wäre Reinders nicht finanzierbar gewesen. Der allgegenwärtige Coach lässt wenig Licht auf andere strahlen.

PR-Junkie Kische schmeißt den Trainer raus

Kische, auch ein ziemlicher PR-Junkie, nervt das. Nach ewigem Gezeter muss Reinders im März '92 gehen, Erich Rutemöller kommt. Den Abstieg kann er nicht verhindern, trotz eines ebenso legendären wie dramatischen Saisonfinals, in dem Hansa Eintracht Frankfurt die Meisterschaft verdirbt.   Es folgen zwei zähe Jahre in der 2. Liga, erst die Verpflichtung von Frank Pagelsdorf kann die Hanseaten wieder erwecken. Er hat ein Auge für Talente, holt Rene Schneider, Steffen Baumgart, Stefan Beinlich oder Matthias Breitkreutz nach Rostock. Mit einer jungen und spielstarken Mannschaft gelingt dem FCH 1995 der erneute Aufstieg. Überraschend kann sie Hansa in der Bundesliga festbeißen, zehn Jahre am Stück gehören sie dazu. Es beginnt eine Phase, in deren Verlauf sich Hansa weit von seinen einstigen Oberligakonkurrenten entfernt und den schmierigen Beinamen »Leuchtturm des Ostens« erhält.

Rund um das Ostseestadion parken Fahrzeuge aus Sachsen, aus Thüringen, aus Brandenburg. Hansa muss als »FC Ostdeutschland« herhalten, als Projektionsfläche eines ostdeutschen Selbstwertgefühls. Auch der DFB ist froh über seinen Quotenverein, kann er doch in Diskussionen über den Niedergang des Ostfußballs auf ein strahlendes Gegenbeispiel verweisen und grundsätzliche Fragen hinsichtlich einer gescheiterten Integration in den gesamtdeutschen Spielbetrieb immer wieder damit abwehren.

Hansa wird zum Sprungbrett für Rehmer, Beinlich und Co.

Der FC Hansa macht es sich in der Nische »Sprungbrett« bequem. Rehmer, Barbarez, Neuville, Beinlich, Akpoborie – sie alle starten ihre Bundesligakarrieren in Rostock, um von dort zu größeren Vereinen zu wechseln. Mehr geht für Hansa nicht, die ökonomischen Möglichkeiten in Rostock sind limitiert, Jahr für Jahr geht es um den Klassenerhalt, zwei jeweils überraschende sechste Plätze, 1996 und 1998, bleiben große Ausnahmen. Hansa wird zum erfahrenen Abstiegskämpfer, irgendwie aber auch zum Langweiler, immer wieder bewahren sie die Ruhe und halten die Klasse. Richtig knapp ist es eigentlich nur 1999, als es letztendlich bloß ein Kopfballtor von Slawomir Majak ist, das Hansa vor dem Abstieg rettet. Um die Jahrtausendwende beginnt eine skandinavischen Ära, als der Verein das große Potential vor seiner Haustür erkennt und sich mit Schweden versorgt.

Teilweise stehen sechs Schweden gleichzeitig auf dem Rasen. Es folgen Dänen und ein Finne – nicht irgendeiner, sondern Jari Litmanen. Nur auf Norweger und Isländer wartet man vergeblich. Der Kult um die skandinavischen Spieler geht so weit, dass sich ganze Reisegruppen aus Schweden und Dänemark per Fähre nach Rostock aufmachen, um ihren Landsleuten bei der Arbeit zuzusehen. Der Klub bedankt sich artig für das Interesse aus dem Norden und zwingt seinen Stadionsprecher für einige Zeit, die Gäste in ihrer Landessprache zu begrüßen.  

Rostocks Stadionsprecher begrüßt auf schwedisch

2001 kann der FCH sein runderneuertes Stadion einweihen. Als erster ostdeutscher Klub ist Hansa in der Lage, einen Stadionumbau zu finanzieren, ein neues Jugendinternat gibt’s obendrauf. Hinter den Kulissen aber verpasst der Verein die Gelegenheit zur personellen Erneuerung. Selbstzufriedenheit stellt sich ein. Für einen Verein wie Hansa Rostock, der am Limit agieren muss, um in der Bundesliga zu bleiben, bleibt das nicht ohne Konsequenzen. Im Sommer 2004 bemerken Statistiker, dass nur sieben Teams länger ununterbrochen in der Bundesliga vertreten sind als der FC Hansa. Auf einmal wird der notorische Abstiegskandidat zum Establishment gezählt. Gern greift der Verein dieses Zahlenspiel auf und formuliert zart neue Ziele. Es solle nicht ewig gegen den Abstieg gehen, auf Dauer strebe man einstellige Regionen an.

Es folgt eine desaströse Saison, die ersten acht Heimspiele gehen allesamt verloren, am Ende steht der Abstieg. Plötzlich steht der Verein vor finanziellen Problemen, erst eine Bürgschaft des Landes Mecklenburg-Vorpommern sichert die Lizenz. Umgehend wird der Abstieg zum Betriebsunfall erklärt und das Ziel des sofortigen Wiederaufstiegs postuliert. Selten arrogant tritt der Verein auf, als erwarte er von den anderen Zweitligisten eine gewisse Demut, dass sie gegen den FC Hansa antreten dürfen. Schon nach zwei Spieltagen, Hansa steht am Tabellenende, wird Jörg Berger entlassen und der einstige Heilsbringer Frank Pagelsdorf zurückgeholt. Er kann das Team zwar stabilsieren, aber zu keiner Zeit Tuchfühlung zu den Aufstiegsplätzen herstellen. Das Team strandet im Niemandsland der Tabelle.

Ein absolut unnötiger Abstieg

Pagelsdorf krempelt den Kader um und macht Rückkehrer Stefan Beinlich zum Kapitän. Hansa verlernt schlagartig das Verlieren, ungeschlagen übersteht das Team die Vorrunde. Die Zeifel am Aufstieg sind gering, in der Rückrunde schwächelt das Team jedoch. Mit letzter Kraft schleppt sich Hansa dennoch in die Bundesliga. Dort sieht es zwischenzeitig gar nicht so schlecht aus, doch zum Saisonende bricht die Mannschaft komplett ein und muss wieder runter. Ein absolut unnötiger Abstieg, der aber die Verhältnisse im Osten klärt. Inzwischen ist Energie Cottbus zum ostdeutschen Vorzeigeklub aufgestiegen.

Hansa erneuert daraufhin sein Selbstverständnis und verweist immer häufiger auf den norddeutschen Charakter der Region. Dem Team hilft das nicht, es kommt so schwer in die Gänge, dass Rostocks Fußballheiliger Pagelsdorf gehen muss. Dieter Eilts übernimmt und führt die Mannschaft auf den absoluten Tiefpunkt. Fünf Monate und einen Sieg später ist Hansa Vorletzter und zieht die Notbremse. Zwei alte Bekannte, Andreas Zachhuber als Trainer und Rene Rydlewicz als Manager, sollen den Super-Gau, den Abstieg in die 3. Liga, verhindern. Ihre Mission gelingt und so bleibt Hansa der einzige ehemalige Oberligaklub, der immer im gesamtdeutschen Profifußball mitmischte.

Die Stimmung an der Küste ist trotzdem schlecht, das Umfeld tut sich schwer mit der Erkenntnis, dass die Bundesliga derzeit fern und Hansa nur noch ein durchschnittlicher Zweitligist ist. Kein passendes Klima, um nach einer Meisterprämie zu fragen.

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