Das Schicksal der Ost-Vereine #13

Dynamo Dresden

Kaum ein Verein aus der ehemaligen DDR hat nach der Wende die Massen so elektrisiert, wie Dynamo Dresden. Rolf-Jürgen Otto, Rolf Schafstall, der Kirsten-Transfer, Gewalt auf den Rängen. Der Rückblick auf 20 Jahre SGD. Das Schicksal der Ost-Vereine #13
Heft#96 11/2009
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96

1. FC/SG Dynamo Dresden
2. Platz / 32:20 Punkte / 48:28 Tore 


Es ist eine teure Rückkehr. Eine Million Mark lässt sich Dynamo Dresden den Transfer von Heiko Scholz kosten. Jener Scholz, den sie ein paar Jahre zuvor nach Leipzig schickten, als er die hohen Ansprüchen der Dresdner nicht erfüllen konnte. Nun, im Sommer 1990, als es erstmals einen Transfermarkt nach kapitalistischen Regeln gibt, ist er gut genug und wird der teuerste Kicker der DDR, der einzige Spieler, für den ein Oberligist jemals eine siebenstellige Summe ausgibt. Rekord.

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Dynamo kann sich das leisten, sie haben gerade Sammer verkauft, Kirsten, Trautmann, Döschner, Pilz, eine halbe Mannschaft. Ihr Ziel ist trotzdem klar umrissen, sie wollen mindestens Zweiter werden, die Bundesliga erreichen. Sie kaufen sogar im Westen ein, holen Sergio Allievi, Peter Lux. Ein bisschen stolz sind die Sachsen schon auf ihre Bundesligaprofis, wissen aber auch, dass die vermeintlichen Stareinkäufe dort nur Bankdrücker waren.  

Nach der Wende verliert Dynamo eine halbe Mannschaft

Dynamo hat viel zu verlieren, sie sind der beliebteste Verein der DDR, haben den höchsten Zuschauerschnitt der Oberliga und gerade erst die lähmende Dominaz des BFC beenden können. Sie haben keine andere Wahl, als die Bundesliga zum Ziel zu machen, das sind sie ihrem Selbstverständnis schuldig. Das Team kann dem enormen Druck standhalten, am vorletzten Spieltag siegen sie bei Lok Leipzig und sichern sich den zweiten Platz. Den entscheidenden Treffer erzielt: Heiko Scholz. Ein klassischer Fall von »ausgerechnet« – der teuerste Spieler der DDR trifft gegen seinen Ex-Klub. Trotzdem liegt ein Schatten über der Saison. Das Rückspiel im Viertelfinale des Meistercups gegen Roter Stern Belgrad wird wegen schwerer Krawallen abgebrochen, Dynamo international gesperrt.  

Mit gedämpfter Freude machen sich die Dynamos an die Bundesliga, feuern Aufstiegstrainer Reinhard Häfner und holen Helmut Schulte. Häfner gilt als zu weich für die Bundesliga, von Schulter erhofft sich Dynamo einen solchen Aufschwung, wie ihn Uwe Reinders nach Rostock brachte. Der Start in die neue Liga geht trotzdem schief, von Anfang muss Dynamo strampeln, das Leistungsgefälle zwischen Ober- und Bundesliga ist offensichtlich. Eine völlig neue Herausforderung für einen Kader, der es gewohnt war, um Titel zu spielen. Spät, aber nicht zu spät, fangen sie sich, ein starker Endspurt führt sie auf Platz 14. Für Schulte kommt Klaus Sammer, auch unter ihm legt Dynamo eine Zittersaison hin, wird am Ende 15.  

Zu weich für dei Bundesliga

Im Januar 1993 lässt sich ein hessischer Bauunternehmer zum Präsidenten wählen. Rolf. Jürgen. Otto. Jahre später wird sein Name untrennbar mit dem Niedergang Dynamos verbunden sein. Er kommt der Geschäfte wegen nach Dresden, will auf dem ostdeutschen Baumarkt Fuß fassen. Das Rampenlicht auf dem Dynamo-Chefsessel kommt da gelegen. Er biedert sich an (»Ich bin jetzt ein Sachse«) und steht zunächst wie ein Retter da, als es ihm gelingt,  Knebelverträge mit einer Vermarktungsagentur zu lösen, die Dynamo um den Großteil der eigenen Werbeeinnahmen prellt. Auch die in Frage stehende Lizenz kann er mit einer privaten Bürgschaft  sichern, allerdings muss Dynamo mit einem Vier-Punkte-Abzug in die Saison 1993/94 starten.   Und ohne Jörg Stübner, dessen Vertrag nicht verlängert wird. Er steht vor den Trümmern seiner Karriere. Mit 25 Jahren hatte er schon knapp 50 Länderspiele für die DDR auf dem Buckel, war unverzichtbar im defensiven Mittelfeld, mit dem Mauerfall aber wendet sich für ihn alles zum schlechten.

Der Eigenverantwortung eines Fußballprofis ist er nicht gewachsen, er vermisst die Rundumversorgung, die Spielern in der DDR zuteil wurde. Er kann nur Fußball, ist nicht in der Lage, sein Leben zu organisieren. Während seine einstigen Kollegen Karriere machen, bleibt Stübner hilflos zurück. Nach dem Ende bei Dynamo startet Stübner eine Tingeltour durch die Provinz. Neubrandenburg, Sangerhausen, Eresburg-Obermarsberg. Er findet Trost im Alkohol. Mit Tabletten zugedröhnt rast er gegen ein Wand, absichtlich, ein Selbstmordversuch. Stübner überlebt, zieht sich immer weiter zurück, isoliert sich. Erst anlässlich des Abschiedsspiels von Ulf Kirsten Ende 2003 tritt er kurzzeitig wieder in die Öffentlichkeit. Das alles ahnt im  Sommer 1993 natürlich niemand. 

Siggi Held übernimmt, sportlich ist es die beste Saison der Dresdner Bundesligajahre. Trotz der Hypothek eines Vier-Punkte-Abzugs wird Dynamo 13., der kauzige Held zum Kultstar. Er ist der  Gegenentwurf zum polternden Despoten Otto, der sich immer wieder in der Öffentlichkeit lächerlich macht. Gerüchte über Mißwirtschaft und Veruntreuung halten sich so hartnäckig, bis sie nicht mehr nur Gerüchte sind.  Die Stimmung kippt, Otto wird zunehmend als Problem wahrgenommen. Im August 1995 muss Otto in den Knast, vorsätzlichen Bankrott, Konkursverschleppung und Nichtabführung von Sozialversicherungsbeiträgen – alles im  Rahmen seiner Tätigkeit als Bauunternehmer – wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Zu diesem Zeitpunkt ist Dynamo nur noch Regionalligist, aus der Bundesliga sind sie abgestiegen, die 2. Liga traut ihnen der DFB wirtschaftlich nicht zu. Lizenzentzug. In nicht einmal drei Jahren hat Otto den Verein komplett ruiniert und diskreditiert.  

Der polternde Despot aus Hessen muss in den Knast

Der Regionalliga wird zu Dynamos Tretmühle, Jahr für Jahr wollen sie aufsteigen, verpassen ihr Ziel aber immer wieder. Einzig die Zuschauerzahlen können ermutigen, nach wie vor rennen die Dresdner zu ihrem Verein. Immer wieder können sie neue Trainer begrüßen, unter ihnen auch Rolf Schafstall. Der ist ist erst ein paar Wochen da, als er dem »Spiegel« sein Leid klagt. Er sehe überall Dreck, allen fehle der nötige Respekt. Schlußendlich  bringt er es auf den Punkt: »Lauter Ossis«.

Am nächsten Tag muss Schafstall zum Arbeitsamt. Im Frühjahr 2000 verpasst Dynamo die Qualifikation zur zweigleisigen Regionalliga. Stattdessen Oberliga, Fünfter werden die Schwarz-Gelben dort, ein weiterer Tiefpunkt der Vereinsgeschichte. Das Traineramt wird daraufhin Christoph Franke anvertraut, die erste glückliche Entscheidung seit langer Zeit. Akribisch leistet Franke Aufbauarbeit und erreicht schon in seiner ersten Saison, im Sommer 2002, die Relegationsspiele um die Regionalliga gegen die Reserve von Hertha BSC. Nach einem 1:0-Hinspielsieg ermauern sich die Dresdner vor 14.000 mitgereisten Fans ein 0:0 in Berlin. Ein erster Schritt zurück in die überregionale Wahrnehmung. Kurz darauf sorgt Dynamo erneut für Schlagzeilen. Negative. Nach dem Derby gegen den Dresdner SC prügeln sich 1500 (!) Dynamo-Anhänger mit der Polizei, diese ist schockiert über den hohen Anteil an Mitläufern, die sich an den Krawallen beteiligen.

1500 Dynamo-Anhänger prügeln sich mit der Polizei

Längst gilt Dynamos Kurve als eine der radikalsten und hemmungslosesten der Republik, die Vorfälle nach dem Derby manifestieren dieses Image. Öffentlich sucht die Polizei nach den Rädelsführern, veröffentlicht Fahndungsfotos. Die Krawalle beschäftigen die Presse wie schon lange nicht mehr. Es dauert, bis wieder sportliche Themen im Vordergrund stehen. Trainer Franke macht unbeirrt weiter und erklimmt die nächste Stufe, 2004 erreicht er mit Dynamo die 2. Liga, neun Jahre nach dem Lizenzentzug sind die Schwarz-Gelben wieder im Profifußball. Dort tun sie sich anfangs schwer, erstmals wackelt Franke, doch der Verein entlässt ihn nicht. Mit einer formidablen Rückrunde kann sich Franke für das Vertrauen bedanken, letztendlich wird Dynamo Achter. Als großer Kredit erweist sich die überraschend gute Platzierung nicht, ein halbes Jahr später wird Franke dann doch entlassen, Peter Pacult übernimmt, erzielt gute Ergebnisse, steigt aber dennoch ab.  

Wieder heisst es Regionalliga, eine neuerliche Trainerfluktuation beginnt. Auf Pacult folgt Norbert Meier, auf diesen der einstige Meistercoach Eduard Geyer. Inzwischen ist aus dem 1. FC wieder die SG Dynamo Dresden geworden. Ein Verweis auf bessere Zeiten. Geyer gelingt zwar die Qualifikation für die 3. Liga, gemessen an den Erwartungen hält der Verein das aber für zu wenig – so muss auch Geyer gehen. Mittlerweile steht alles im Zeichen des Stadionneubaus. Um endlich in einem modernen Stadion spielen zu können, macht sich Dynamo völig nackig. Der Verein unterschreibt einen Nutzungsvertrag, der ihn jährlich zur Zahlung von 2,5 Millionen Euro Miete verknackt. Zwölf Jahre soll dies so gehen, ein ziemliches Problem für einen chronisch klammen Drittligisten. Im Falle eines Aufstiegs müsste Dynamo sogar noch mehr zahlen, weil der Zuschuss der Kommune dann ziemlich gestutzt würde. Ein Vertragswerk, dass Dynamo-Idol Ralf Minge dazu bringt, seinen Posten als Geschäftsführer aufzugeben. Als erdrückend betrachtet er die Belastungen, die zukünftige Konkurrenzfähigkeit stellt er in Frage.   

Immerhin spielt Dynamo Dresden nun in der Arena, die sie sich immer gewünscht haben - aber eigentlich gar nicht leisten können.

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