Das Schicksal der Ost-Vereine #12

Rot-Weiß Erfurt

Nicht das Scheitern des BFC Dynamo, nicht die Meisterschaft von Hansa Rostock: die größte Sensation der letzten DDR-Oberligaspielzeit ist der dritte Platz der grauesten Maus des Ost-Fußballs: Rot-Weiß Erfurt. Ironie der Wende. Das Schicksal der Ost-Vereine #12
Heft#96 11/2009
Heft: #
96
FC Rot-Weiß Erfurt
Platz 3 / 31:21 Punkte / 30:26 Tore


In der DDR gab es erfolgreiche Teams und es gab Rot-Weiß Erfurt. Eine Mannschaft, die immer irgendwie dabei war, aber stets bis zur Unsichtbarkeit unauffällig blieb. Als sich im Zuge des Mauerfalls ganze Wagenladungen westdeutscher Manager in den Osten aufmachen, haben sie alle dieselben Ziele: Berlin, Dresden, Leipzig, Magdeburg, Chemnitz. Nach Erfurt fahren sie nicht. Warum auch, zwischen 1987 und 1990 landet Rot-Weiß auf den Plätzen zwölf, zwölf und elf – in einer Liga, die gerade einmal 14 Teams Platz bietet.

[ad]

Entsprechend wenige Menschen haben RWE auf dem Zettel, als es im Sommer 1990 um die Prognosen für die letzte Oberligasaison geht. Der Verein selbst beruft sich auf das Prinzip Hoffnung. Vielleicht geht ja was, denkt man sich in Thüringen. Schließlich ist die Liga nun eine komplett andere, viele Teams haben ihre Besten ziehen lassen und wissen nicht, wo sie stehen. Zudem gelten nun die Regeln des Profifußballs, die Vereine müssen sich nun selbst finanzieren, selbst sehen, wo sie bleiben. Das Prinzip der Trägerbetriebe hat ausgedient. Aus welchem Grund auch immer, im Jahr der Wende erwacht der Erfurter Fußball aus seinem langen Schlaf. Schon der erste Spieltag wird zum Symbol der neuen Verhältnisse. Der BFC Dynamo, inzwischen zum FC Berlin geworden, ist zu Gast. Nie konnte Rot-Weiß den Stasi-Günstligen, dem vermeintlichen »Schiebermeister«, den Berlinern (in der DDR war das eigentlich schon Schimpfwort genug) gefährlich werden, Welten lagen zwischen den Teams. Doch nun sind sie weg, diese Spieler, die den Unterscheid ausmachten, Thom, Doll, Rohde, Ernst, alle weg.

Und zurück bleibt eine Trümmertruppe

Zurück bleibt eine Trümmertruppe, ein Team, das in Erfurt, eigentlich immer Fallobst für den BFC, 0:4 untergeht. Für Rot-Weiß nimmt eine tolle Saison so ihren Anfang. Am Ende ist Erfurt Dritter, eine Sensation, weit überraschender als Hansa Rostocks Meisterschaft. Die graueste Maus der Oberliga zeigt Zähne und kommt ausgerechnet dann aus seinem Loch, als es um alles geht. Nicht die einstigen Schwergewichte aus Magdeburg, aus Berlin schaffen die Qualifikation zur 2. Liga,  die ewigen Abstiegskandidaten aus der Blumenstadt Erfurt nutzen die Gunst der Stunde. Ironie der Wende.  

Doch die 2. Bundesliga ist ein anderes Kaliber, schnell wird klar, dass die tolle Oberligasaison eher ein glücklicher Unfall war. Nur am ersten Spieltag liegt Rot-Weiß nicht auf einem Abstiegsplatz, eine desaströse, eine peinliche Saison, verfeinert allerdings mit einer historischen Randnotiz. Bis auf den FC Rot-Weiß Erfurt scheitern alle ostdeutschen Vertreter schon in der ersten Runde des Europapokals, somit ist es den Europa-Debütanten aus Erfurt vorbehalten, für den letzten internationalen Auftritt eines Oberligateams zu sorgen. In der zweiten Runde ist dann aber auch Feierabend – Erfurt unterliegt dem späteren UEFA-Cup-Gewinner Ajax Amsterdam.

Auf den Abstieg folgen zwölf Jahre Drittklassigkeit, zuerst in der Oberliga, anschließend in der Regionalliga Nordost, bis 2004 dann in der Regionalliga Süd. Tapfer übersteht Rot-Weiß jede Verschlankung der dritthöchsten Spielklasse, nie scheitern sie am Cut, nicht, als vier Regionalligen zehn Oberliga ersetzen (1994), nicht, als aus vier Regionalligen zwei gemacht werden (2000). Sie spielen dort meist gut mit, wollen aufsteigen, ein ernsthafter Kandidat aber sind sie nicht. Gehobenes Mittelmaß sind sie, nicht mehr, nicht weniger, aber selbst das geht ins Geld. 1997 gerät der Verein in die Insolvenz, kann den Konkurs aber abwenden. Sportlich bleibt es meist beim Mittelmaß, 2001 aber folgt fast der Absturz.

Nie scheitern sie am Cut

In der neuen, der zweigleisigen Regionalliga zeigt sich RWE überfordert. Am Saisonende stehen sie auf einem Abstiegsplatz und bleiben doch drin, weil dem SSV Ulm die Lizenz entzogen wird. Glück gehabt. In der Folge stabilisiert sich das Team und pendelt sich wieder im Niemandsland der Tabelle ein. Als Rene Müller zum Trainer gemacht wird, bekommt auch er den Auftrag zum Aufstieg. Er ist nicht der Erste, dem diese Aufgabe gestellt wird, aber der Erste, der sie erfüllt. Endlich durchbricht jemand den Teufelskreis des Mittelmaßes, das Erfurter Publikum dankt es ihm.

Zuschauermengen, wie sie das Steigerwaldstadion seit Mitte der Achtziger Jahre nicht mehr sah, begleiten den Aufsteiger durch die 2. Liga. Glück bringen die Zuschauer nicht, für Rot-Weiß geht es direkt wieder runter. Wieder einmal erweist sich die 2. Liga als eine Nummer zu groß, das Abschneiden ist zwar nicht ganz so peinlich wie 1992, eine wirklich Chance hatte Erfurt aber auch 2005 nicht. Neue Schulden begleiten Rot-Weiß zurück in die Regionalliga, notgedrungen setzt der Verein auf junge und vor allem billige Leute. Am Ende steht ein 14. Platz, nur vom Torverhältnis von den Abstiegsplätzen getrennt, doch die kommenden Jahre zeigen Besserung.

Wieder ist Liga zwei eine Nummer zu groß


Erfurt kehrt wieder ins Mittelmaß zurück und kann sich von den ekligen Plätzen fernhalten. 2008 führt der DFB die 3. Liga ein, ein Maßnahme, um die finanzielle und sportliche Lücke zwischen 2.Liga und Regionalliga zu schließen. Natürlich kann sich Erfurt auch für diese neue dritthöchste Spielklasse qualifizieren, in nunmehr 19 Nachwendespieljahren wurde die Drittklassigkeit zum natürlichen Lebensraum der Erfurter, 17 dieser 19 Saisons verbrachte Rot-Weiß dort. Offensichtlich gibt es Teams, die auffallen und es gibt Rot-Weiß Erfurt.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!