Das Schicksal der Ost-Vereine #10

Chemnitzer FC

In unserer Serie über die Schicksal der 14 Teilnehmer der letzten DDR-Oberligasaison ist der Chemnitzer FC an der Reihe. Mit dem Super-Talent Rico Steinmann wollten der Verein nach den Sternen greifen. Ohne Erfolg. Das Schicksal der Ost-Vereine #10
Heft#96 11/2009
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96
Chemnitzer FC / FC Karl-Marx-Stadt
Platz 5 / 29:23 Punkte / 24:23 Tore


Es ging zu wie auf einer Viehauktion. Der Westen prügelte sich geradezu um Thom, um Doll, um Sammer, um Kirsten, um die »Generation Tafelsilber«. Die Mauer war offen, die D-Mark lockte. Da konnten die großen Stars des DDR-Fußballs nicht widerstehen. Doch, einer schon. Rico Steinmann blieb lieber in der Oberliga, in seiner Heimat, in Chemnitz, das kurz zuvor noch Karl-Marx-Stadt geheißen hatte.

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Vielen gilt dieser Steinmann zur Wendezeit als der talentiersteste Spieler seines Landes, besser noch als die, die es schon in den Westen getrieben hat. Einen kommenden Superstar sieht man in dem jungen Mann, einer, dem die ganz große Karriere vorausgesagt wird. Auf die Frage nach seinem Vorbild wird Michael Ballack– als Jugendspieler bem Chemnitzer FC ausgebildet – Jahre später Steinmanns Namen nennen. Allen ist klar, dass Steinmann seinen Wechsel nur aufschiebt, dass er über kurz oder lang in die Bundesliga wechseln wird. Doch vorerst will er nicht, denn da gibt es noch ein großes Ziel: Meister will Steinmann werden. Meister mit seinem Heimatverein.

Die »Generation Tafelsilber« ist bereits verhökert

Nur knapp scheitern die »Himmelblauen« 1990, das Torverhältnis spricht letztendlich für Dynamo Dresden und somit gegen den CFC. Im Sommer wird die Liga völlig umgekrempelt, etliche Spieler gehen in den Westen und viele Vereine wissen nicht, wie sie sich und ihre Ansprüche einzuordnen haben.

Probleme, die den CFC nicht plagen. Der Vizemeister kann weiterhin auf sein Supertalent Steinmann zurückgreifen, bleibt auch darüber hinaus von schwächenden Abgängen verschont und gilt folglich als erster Ansprechpartner in Sachen Meisterschaft. Doch die zukunftweisende Saison 1990/91 beginnt für ihren Topfavoriten bescheiden – nur ein Sieg in den ersten sieben Spielen, nur drei in der gesamten Hinrunde. Der CFC verliert die Bundesliga aus den Augen und muss schon früh die eigenen Ambitionen überdenken. Erst ein Zwischenspurt zu Rückrundenbeginn bringt Chemnitz wieder halbwegs in die Spur, von der Meisterschaft wird aber schon lange nicht mehr gesprochen. Vor dem letzten Spieltag finden sich die Sachsen auf dem fünften Platz wieder.

Die Tickets für die erste Bundesliga sind da bereits vergeben, ansonsten ist aber noch alles drin, die Möglichkeiten reichen von Platz drei bis Platz acht, vom UEFA-Cup bis zur Relegation. Einen Punkt benötigt der CFC, einen Punkt, der sie noch von der sicheren Qualifikation für die 2. Bundesliga trennt. Früh köpft Ulf Mehlhorn zum 1:0 gegen Halle ein und beruhigt die Nerven. Es ist der letzte Treffer, den ein Chemnitzer in der Oberliga erzielt. Am Ende heißt es 1:1 – eine Punktlandung, mit der sich der CFC für den gesamtdeutschen Profifußball qualifiziert und eine eigentlich enttäuschende Saison befriedigend beenden kann. Für Rico Steinmann ist es trotzdem zu wenig, er geht nach Köln und wird dort zum ewigen Talent. Doch auch ohne ihren Star kommen die Chemnitzer in der 2. Liga gut zurecht, landen am Ende auf dem vierten Platz und haben zu keiner Zeit Probleme mit dem Abstiegskampf. Es folgen entspannte Jahre im Mittelfeld, der Klub spielt gut mitt, muss aber auch erleben, wie schnell aus einem Höhepunkt eine Blamage werden kann.

Steinman verlässt die Heimat und wird zum ewigen Talent

Fest planen sie 1993 das DFB-Pokalfinale ein, stehen sie doch im Halbfinale und müssen dort gegen die Amateure von Hertha BSC, einem Durchschnittsteam der Oberliga, ran. Aber wie es so häufig ist mit dem Pokal und seinen ominösen Gesetzen siegen die »Hertha-Bubis«. Lange Geschichter in Chemnitz, Hans Meyer muss gehen, Reinhard Häfner kommt. So langsam will der CFC angreifen, schauen, wie viel Luft noch nach oben ist. Namhafte Leute kommen, Torsten Gütschow etwa, treffsicherster Stürmer der letzten Oberligajahre. Auch Henri Fuchs, einst Meister mit Hansa Rostock. Doch die Spieler sind zerstritten, eitel und eifersüchtig. Das Team geht kaputt.

Ein nach oben schielender Verein vergisst, sich nach unten abzusichern. Passiert immer mal wieder und 1996 erwischt es eben den CFC.  Abstieg. Nach fünf Jahren ist der Spaß  erst einmal vorüber. Von den üblichen Geldsorgen geplagt, startet der Verein einen Neuanfang in der Regionalliga, zieht zurück an die »Fischerwiese«, ins einstige Kurt-Fischer-Stadion , das nun Stadion an der Gellertstrasse heisst. Junge Talente sollen es nun richten, im eigenen Nachwuchs findet der Klub eine Perle, einen gewissen Michael Ballack. Er wird Stammspieler und merkt schnell, dass er zu Höherem berufen ist.

Zerstritten, eitel, eifersüchtig – Chemnitz zerstört sich selbst

Otto Rehhagel angelt nach ihm und lockt Ballack nach Kaiserslautern. Sein persönlicher Aufstieg beginnt, der CFC aber muss zunächst in der Drittklassigkeit bleiben. Ein typischer Vorgang. Spieler, die das Zeug zur großen Karriere haben, verlassen den Osten schon in jungen Jahren. So ist es bei Michael Ballack, so ist es bei Rene Adler, so ist es bei Tim Borowski, so ist es bei vielen mehr. Zurück bleiben Vereine, die zwar mit Stolz auf ihre Jugendarbeit verweisen, letztendlich aber für eine Hand voll Euro ihre Zukunft verkaufen. Zwei Jahre später, 1999, wird Chemnitz endlich Meister der Regionalliga Nordost, den Aufstieg in die 2. Liga bedeutet das aber noch nicht. Zwei Relegationsspiele stehen noch im Weg, zwei Partien gegen den Ersten der Regionalliga Nord, den VfL Osnabrück. Mit einem 1:0-Hinspielsieg fährt der VfL nach Chemnitz. Ein zu dünnes Polster, der CFC gewinnt 2:0 und feiert den Aufstieg. Zarte Euphorie erfasst die Stadt, plötzlich ist Chemnitz die Fußballhauptstadt Sachsens, hat Dresden, Leipzig, Aue, Zwickau hinter sich gelassen. Der Spielplan meint es gut mit den »Himmelblauen«. Borussia Mönchengladbach, erstmals aus der Bundesliga abgestiegen, gastiert zum Saisonauftakt an der Gellertstrasse.

Der große Name nützt den Borussen nichts, sie befinden sich einer tiefgreifenden Krise und verlieren gegen ein hochmotiviertes Chemnitzer Team mit 0:2. Ein paar Wochen später wird ausgerechnet das Chemnitzer Traineridol Hans Meyer die Borussia übernehmen, aufpäppeln und zum nationalen Kultcoach aufsteigen. Am Ende ist der CFC Elfter, hochzufrieden... und zerfrisst sich wieder selbst. Eine gerade im Osten immer wieder anzutreffende Melange aus überhöhten Ansprüchen, unglücklichen Personalentscheidungen und finanzieller Misere führt in Chemnitz zum Kollaps. Der übliche Kreislauf kommt in Gang – Trainerwechsel, Panikkäufe, Niederlagen. Am Ende sind es  gerade einmal drei Siege aus 34 Spielen, abgeschlagen wird der CFC Letzter, muss wieder in die Regionalliga.

Eine Melange, wie es sie häufig im Osten gibt

Dort gibt es inzwischen nur noch zwei statt vier Staffeln. Ein Versuch des DFB, die Leistungsdichte zu erhöhen und die Lücke zur 2. Bundesliga etwas zu schließen. Diese Reform macht die neue, schlankere Regionalliga teuer, wer oben mitspielen will, braucht Geld. Chemnitz hat keines, ein Wiederauftstieg gilt als illusorisch. Immerhin kehrt Rico Steinmann zurück, er wird Vorstandsmitglied, später Manager. Aber auch er kann nicht verhindern, dass es für seinen Klub einzig und allein gegen den Abstieg geht. 2006, Steinmann ist schon längst wieder weg, geht dieser Kampf verloren. Während Ballack die DFB-Auswahl als Kapitän durch die Weltmeisterschaft führt, findet sich der Verein, der ihn einst ausbildete, in der Oberliga wieder.

Immerhin ist der CFC dort ein Schwergewicht, trifft auf alte Bekannte, auf Sachsen Leipzig, den FSV Zwickau oder den Halleschen FC, aber auch auf Nobodys aus Auerbach und Halberstadt. 2008 gelingt dem CFC der Sprung in die Regionalliga, nach Einführung der 3. Liga nur noch die vierthöchste Spielklasse. Dort spielen die »Himmelblauen« eine gute Rolle und wollen perspektivisch den Blick nach oben richten.

Ihr größtes Pfand für eine vielversprechende Zukunft sitzt auf der Bank. Dort ist der Platz des Trainers Gerd Schädlich. Im sächsischen Fußball gilt Schädlich als Wunderwaffe. Mit dem FSV Zwickau klopfte er Mitte der Neunziger an das Tor zur Bundesliga, Erzgebirge Aue etablierte er in der 2. Liga. Er sorgte für große Erfolge in einer ansonsten dahinsiechenden Fußballregion.

Erfolge, wie man sie in Chemnitz schon lange nicht mehr feiern konnte.

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