11.04.2013

Das Rebellenduell der 80er: Schuster vs. Breitner

Engelchen und Teufelchen

Seite 2/4: »Sprecht das unter euch ab«
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Auch für Paul Breitner war der Abend in Stuttgart eher durchwachsen gelaufen. Beim Stande von 1:2 hatte er in der 80. Minute einen Elfmeter verschossen. Der Strafstoß musste zwar wiederholt werden, doch Breitner scheiterte auch im zweiten Versuch. Es war erst sein zweites Länderspiel, seit er 1975 aus der Nationalelf zurückgetreten war.

Jupp Derwall hatte den Münchner zu einem Comeback überredet, weil er überzeugt war: »Um Weltmeister zu werden, brauchen wir eine starke Persönlichkeit wie Breitner.« Doch die Rückholaktion barg auch Risiken. Im Mittelfeld wirkten mit Felix Magath, Hansi Müller und Bernd Schuster bereits drei Individualisten, die in ihren Klubs alle Freiheiten genossen. Bei der Europameisterschaft 1980 in Italien hatte Schuster innerhalb dieser Trias das Zepter an sich gerissen – und alle hatten von seinen Pässen und dem Rhythmusgefühl profitiert. Derwall aber glaubte an gruppendynamische Prozesse und überließ es den Spielern, wie sie Breitners Rückkehr kompensierten: »Sprecht das unter euch ab.« Und so fügte es sich, dass zwei der begabtesten Strategen des deutschen Fußballs wie zwei führerlose Dampfloks aufeinanderprallten.

Breitner der Revoluzzer

Als Breitner im Oktober 1975 gegen Griechenland sein vorerst letztes Spiel für den DFB absolviert hatte, verließ ein Mann voller Widersprüche den Rasen des Düsseldorfer Rheinstadions. Den langen, zerzausten Bart und den Afrolook, die Insignien des Widerständlers, trug er voller Stolz vor sich her. Einige Jahre zuvor hatte er sich mit der Peking-Rundschau vor dem Bild von Mao Tse-tung ablichten lassen. Er hatte sich mit Mitgliedern der APO-Kultband »Ton, Steine, Scherben« getroffen und einige Zeit erwogen, Sonderschullehrer zu werden. Im Gegensatz zu vielen anderen Profis verfügte er bereits früh über eine geschliffene Rhetorik und ausgeprägte Meinungsfreude. Ein zorniger junger Mann, der Trainer aus dem Amt argumentieren konnte und Reporter im Vorbeigehen mit einem »Lecken S’ mich doch am Arsch« bedachte. Auch wenn Uli Hoeneß heute gemeinhin als »Abteilung Attacke« firmiert, das Copyright auf diesen Umgang mit Medien – soviel ist sicher – kann Breitner zum Großteil für sich veranschlagen.

Wer ihn jedoch für einen selbstlosen Freiheitskämpfer oder gar einen Kommunisten hielt, irrte. Kaum ein Profi dieser Ära verstand sein Geschäft besser. Als 1974 Real Madrid – der Lieblingsklub des spanischen Faschistenführers Franco – anrief, soll er gleich nach dem Auflegen zu seiner Frau Hilde gesagt haben: »Ich geh nach Madrid, kommst mit?« Es passte ins Bild, dass er nun, im Frühjahr 1981, seinen Rücktritt vom Rücktritt aus der Nationalelf verkündete. Schließlich stand die WM in Spanien bevor, und das Team konnte sich als amtierender Europameister durchaus Hoffnungen auf den Titel machen.

 
 
 
 
 
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