20.09.2012

Das Outing des Anton Hysén

Wo zum Teufel sind all die anderen?

Nach dem »fluter«-Interview ist eine alte Debatte neu entbrannt: Mit welchen Konsequenzen muss ein Fußballer rechnen, wenn er sich offen zu seiner Homosexualität bekennt? In Ausgabe 114 berichteten wir über den Fall des schwedischen Talents Anton Hysén. Eine Geschichte, die plötzlich wieder sehr aktuell ist.

Text:
Imke Ankersen (Übersetzung)
Bild:
Imago

Der Schweiß rann Glenn Hysén über den Rücken, das weiße Shirt klebte ihm auf der Haut. Er nahm einen großen Schluck Wasser, jemand kam vorbei und sagte: »Noch fünf Minuten.« Hysén bestieg die Bühne, er wollte sehen, wie viele Menschen sich an diesem sonnigen Julinachmittag auf dem Festivalgelände auf Södermalm versammelt hatten. Offenbar mehrere tausend. »Teufel noch eins«, dachte er und trat einen Schritt zurück. Sein Magen gab merkwürdige Geräusche von sich. In wenigen Minuten würde das Stockholm Pride Festival 2007 beginnen. Glenn Hysén sollte die Eröffnungsrede halten, und er wusste genau, dass ein Teil des Publikums das nicht wollte. Einige Tage zuvor hatte ein Vertreter des Schwulen- und Lesbenverbandes einen bissigen Kommentar geschrieben. Seiner Meinung nach war es eine Provokation, dass man Hysén als Sprecher für die Eröffnungsfeier ausgewählt hatte. Die Argumentation zielte insbesondere darauf, dass der ehemalige Fußballstar sechs Jahre zuvor einen Mann niedergeschlagen hatte, der ihn auf einer Flughafentoilette bedrängte. Für den Kommentator repräsentierte Hysén »die hässliche Fratze der Homophobie«. Auch andere Meinungen deuteten an, dass er den Mann damals nicht deshalb geschlagen hatte, weil er sich bedroht fühlte, sondern weil der andere ihn für schwul hielt.

Er ging auf die Bühne und sagte: »Hey Stockholm Pride!«

Ein Mädchen reichte ihm das Mikrofon: »Jetzt geht’s los.« Hysén griff danach und sah, wie seine Hand zitterte. Nie zuvor war er so nervös gewesen, nicht einmal, wenn er den Rasen des ausverkauften Wembleystadions betrat oder einen entscheidenden Elfmeter schießen musste. Er beschloss, das Mikro die ganze Zeit fest ans Kinn zu pressen, damit niemand das Zittern bemerkte. Er kramte seinen Notizzettel hervor und sagte: »Hey Stockholm Pride!« Vereinzelter Applaus war zu hören. Hysén musste blinzeln, die tiefstehende Sonne blendete ihn. »Es ist gut, hier zu sein. Obwohl man mir die Rote Karte gezeigt und mich vorverurteilt, ja sogar aufgefordert hat, nicht zu kommen. Ja, warum sollte gerade Glenn Hysén das Pridefestival eröffnen?« Dann schilderte er seine Version des Vorfalls auf dem Frankfurter Flughafen. Er erzählte, welche Angst er bekam, als ihm ein unbekannter Mann in den Schritt fasste. Wie er dem Mann aus reinem Reflex eine verpasst hatte. Es sei ihm nicht darum gegangen, dass es ein Mann war, der ihn angemacht hatte, es sei lediglich ein Verteidigungsreflex gewesen.

Danach wandte sich Hysén dem Thema zu, wegen dem man ihn eingeladen hatte: Homophobie im Sport. »Wir wollen glauben, der Umgangston in den Umkleidekabinen sei hart aber herzlich, auch wenn er nur hart ist. Wir betonen, wie gut der Sport für die Jugend sei, für alle Jugendlichen. Aber wie schwer ist es eigentlich für einen 16-jährigen Fußballer, sich vor seinen Mannschaftskameraden zu outen?« Hysén blickte in die Menschenmenge und hoffte, man würde das als Kunstpause verstehen. Erneut hatte er damit zu tun, die Kontrolle über seine Hände wieder zu gewinnen. »Ich selbst kenne keinen, der das gewagt hätte«, sagte er. »Manchmal macht uns der Sport zu Mannschaftsspielern. Aber manchmal macht er uns auch zu ängstlichen Herdentieren mit einer Schwulenphobie.« Der Applaus wurde langsam lauter, seine Nervosität nahm etwas ab. Das Mikro presste er trotzdem weiter fest ans Kinn.

»Wo sind all die transsexuellen und bisexuellen Nationalspieler und Profisportler?«

»Wo sind die schwulen Fußballhelden? Wo sind all die transsexuellen und bisexuellen Nationalspieler und Profisportler? Ich schwöre euch, es gibt sie, auch wenn vielen von ihnen das ignorante Geschwätz in den Umkleidekabinen zu den Ohren herauskommt.« Wenige Minuten später war Hysén mit seiner Rede fertig. Er kletterte rasch von der Bühne und wurde von einer Frau mit einem Wasserglas in Empfang genommen. Menschen kamen, klopften ihm auf die Schulter und versicherten ihm, dass es eine gute Rede gewesen sei. Doch Glenn Hysén nickte nur abwesend. In Gedanken war er bei seinem Sohn. Gestresste Menschen hetzen über den Kungsportsplats im Zentrum von Göteborg. Es ist schneidend kalt, minus 12 Grad. Ein junger Mann in einer dünnen Jacke, ganz ohne Mütze und Handschuhe, überquert den Platz mit schnellen Schritten. Als Anton Hysén das Café betritt, liegen Schneeflocken auf seinem rasierten Haar. Er zieht die Jacke aus, lässt sich auf den Stuhl fallen und sieht aus dem Fenster. »So ein Mist«, sagt er, »noch mehr Schnee.« Anton, der vor ein paar Wochen 20 geworden ist, erzählt von seinem Tag. Derzeit arbeitet er für eine Zeitarbeitsfirma, zuletzt musste er bis zu neun Stunden täglich Häuserdächer vom festgefrorenen Schnee befreien.

»Das ist gutes Training«, sagt er und grinst. Mit dem Handrücken wischt er sich die restlichen Schneeflocken aus dem Gesicht, so dass die Tattoos auf seinen beiden Unterarmen zu sehen sind. Auf dem einen Arm steht »Helena «, auf dem anderen »Glenn«. Mama und Papa. Die sich nun nach 25 gemeinsamen Jahren scheiden lassen werden. Kürzlich erst machten Schwedens Boulevardzeitungen mit dieser Enthüllung auf. War das schwierig für ihn? »Was soll man machen? Meine kleine Schwester nimmt sich das mehr zu Herzen, es ist halt ab und an ein klein wenig laut und unruhig zu Hause. Doch was die Schmierblätter angeht, und dass alle wissen, was bei den Hyséns gerade abgeht, daran hab ich mich längst gewöhnt. Das war schon immer so.«

Er überlegt kurz und lächelt. »Okay, vielleicht wissen die nicht alles…« Zum Beispiel, dass Anton homosexuell ist? »Genau. Das wissen nur meine Familie und die engsten Freunde. Deshalb war es auch so lustig, als mein Vater beim Pridefestival diese Rede hielt. Als er über einen 16-jährigen sprach, der sich nicht traut, sich vor seinen Mannschaftskameraden zu outen. Denn das war ja ich. Und die Leute fanden es so merkwürdig, dass gerade er die Rede halten durfte, weil er ja ach so homophob ist. Was für ein Schwachsinn!« Anton lacht. »Alle waren überzeugt, dass mein Vater etwas gegen Homosexuelle hat. Er ist ja der Typ dafür, macht derbe Scherze und so. Man könnte ihn fast für einen Rassisten halten, wenn er seine Witze reißt. Dass nun gerade er einen schwulen Sohn haben soll, war das Letzte, was die Leute vermutet hätten.«

Das große schwedische Talent

Er erzählt, dass er nach der Trennung der Eltern bei seiner Mutter wohnen wird. Er will ihr finanziell unter die Arme greifen, da sie in all den Jahren an Glenns Seite nie gearbeitet hat. Und Anton, verdient er etwas mit dem Fußball? »Ein paar tausend Kronen. Wenn ich wieder zu meiner alten Form finden würde, wäre wesentlich mehr drin.«
Anton Hysén wurde 1990 in Liverpool geboren, im selben Jahr, als sein Vater Glenn sein letztes Länderspiel machte und bei seinem Klub FC Liverpool die Kapitänsbinde übernahm. Anton war auf dem besten Weg, eine ähnlich erfolgreiche Laufbahn einzuschlagen wie seine älteren Brüder Tobias –Nationalspieler und Stürmer bei IFK Göteborg – und Alexander, der zuletzt als Torwart beim Zweitligisten Sundsvall unter Vertrag stand. Vor vier Jahren schaffte Anton den Sprung zum Erstligisten BK Häcken, wo er einen Ausbildungsvertrag für die A-Jugend erhielt. Außerdem wurde er in die schwedische U 17 berufen. Sein Talent war so vielversprechend, dass Glenn glaubte, er würde eines Tages vielleicht sogar besser als Tobias werden.

Doch Antons Karriere verlor an Fahrt. Seit 2009 spielt er als Linksaußen bei Utsiktens BK, einem Viertligisten aus Göteborg, der seit kurzem von keinem anderen als Glenn Hysén trainiert wird. Warum es anders gekommen ist, als sein Vater prognostiziert hat? »Man weiß doch, wie er ist. Er redet viel, wenn der Tag lang ist. Ich habe einfach nur ein bisschen Pech gehabt. Ich bin erst 20, das darf man nicht vergessen.« Hat das Schwulsein seine Karriere beeinträchtigt? »Im Grunde wissen bisher nur ganz wenige davon. Ich stelle mich nicht in die Kabine und sage: ›Jungs, hört mal zu, ich bin schwul!‹ Und ich hatte auch nie einen Trainer, der das wusste. Bis jetzt, seit mein Vater Trainer bei uns ist.« Er lässt seinen Blick durch das Café schweifen. »Andererseits war es wohl auch so, dass ich mich bis jetzt nicht bereit gefühlt habe, darüber zu sprechen. Es ist ja nun mal nicht so richtig normal, schwul zu sein und gleichzeitig Fußball zu spielen. Es hat auch gedauert, bis ich mir wirklich sicher war. Da hängt man das noch nicht an die große Glocke.«

»Aber es ist wirklich krank, wenn man näher darüber nachdenkt«, fährt er fort. »Vollkommen abgefuckt. Wo zum Teufel sind all die anderen? Es hat sich noch immer kein einziger Fußballer freiwillig geoutet.«

Anton hat recht, aber nur fast. Ein einziger aktiver Profi hat sich als homosexuell geoutet, einer auf der ganzen Welt. Das war vor 20 Jahren. Justin Fashanu hatte Anfang der Achtziger seinen großen Durchbruch in England. Der schnelle und torgefährliche Mann wechselte 1981 für eine Million Pfund von Norwich zu Nottingham Forest. Es war das erste Mal, dass ein schwarzer Spieler für mehr als eine Million transferiert wurde. Fashanu wurde über Nacht zur Berühmtheit. Mit dem Ruhm wuchs jedoch auch der Druck, und Fashanu musste immer mehr Energie darauf verwenden, seine sexuelle Veranlagung zu verheimlichen. Als sein Coach Brian Clough von den Gerüchten über Fashanus Sexualität Wind bekam, machte er sich vor versammeltem Kader über ihn lustig. Als er hörte, der Stürmer sei in einer Schwulenbar gesichtet worden, schloss er ihn vom Training aus und erklärte der Klubführung, dass er sich weigere, einer »Schwuchtel« Spielzeit zu geben. Fashanu wurde an Southampton ausgeliehen.

Vom Fußballer Fashanu war nicht mehr viel übrig geblieben

In den folgenden Jahren versuchte er verzweifelt, das Stigma loszuwerden. Sobald das Gerede wieder begann, wechselte er den Klub und die Stadt. Als das Gerücht sich schließlich über ganz England verbreitet hatte, ging er in die USA. Dort wandte sich der verunsicherte Fashanu Kirche und Religion zu, in der verzweifelten Hoffnung, dies könne ihn »von dieser Krankheit heilen«. Vom Fußballer Fashanu war nicht mehr viel übrig geblieben. Als er 1990 finanziell am Ende war, ließ er sich auf ein Interview mit der »Sun« ein. Das englische Boulevardblatt zahlte ihm eine beträchtliche Summe, damit er die Gerüchte bestätigte. Danach bekam er nie wieder einen Profivertrag. 1998, wenige Monate nachdem er wegen der angeblichen Vergewaltigung eines 17-Jährigen angeklagt worden war, erhängte er sich in einer Garage in London. Seit Fashanu 1990 die Gerüchte um seine Sexualität bestätigte, hat sich kein aktiver Profifußballer mehr geoutet.

Nicht nur im Fußball scheint es so, als ob es Homosexualität schlichtweg nicht gäbe. Wer versucht, eine Liste von Sportlern zu erstellen, die sich zu ihrem Schwulsein bekannt haben, wird nicht weit kommen. Es handelt sich bestenfalls um eine Handvoll Männer, die den Schritt in die Öffentlichkeit meist aber erst nach dem Karriereende gewagt haben. Abgesehen von Justin Fashanu hat sich nur ein einziger Mannschaftssportler während seiner aktiven Laufbahn geoutet, und zwar der walisische Rugbyspieler Gareth Thomas. Danach kamen zahlreiche Gerüchte über andere schwule Sportler auf. Englands PR-Guru Max Clifford erzählt, er habe zwei bekannten Spielern der Premier League geraten, ihre Sexualität geheim zu halten, da sich der Fußball »noch immer in einer dunklen Zeit befi ndet, völlig vergiftet von Homophobie«.

Das gilt für alle Ebenen, vom Dorfklub bis zur Nationalelf. Als sich der französische Amateurfußballer Yoann Lemaire outete, wurde er von seinem Verein FC Chooz suspendiert. Als Thomas Berling, der in der norwegischen Juniorenauswahl spielte und eine strahlende Zukunft vor sich zu haben schien, plötzlich nicht mehr beim Training seines Vereins Lyn Oslo auftauchte und kurz darauf mitteilte, dass er die Schuhe an den Nagel hängen wollte, begründete er diesen Entschluss damit, dass er schwul sei und die »harte und homophobe Stimmung« in diesem Sport nicht länger aushalte.

In seiner Rede beim Stockholm Pride hatte Glenn Hysén gesagt: »Wir beschwören immer gerne den Mythos, dass beim Sport alle gleichermaßen willkommen sind. Das Selbstbild des Sports ist, wie wir wissen, eine aufgeblasene Geschichte von Kameradschaft und gegenseitigem Vertrauen.« Jeder, der schon mal in einer Umkleidekabine voller schwitzender Männer war, weiß, dass es beim Sport nicht immer so tolerant und offen zugeht. Man diskutiert selten die Lage im Mittleren Osten oder wer gerade für den Nobelpreis nominiert worden ist. Damit rechnet auch keiner. Stattdessen erwartet man einen zotigen Jargon, der darauf abzielt, die eigene Männlichkeit zu stärken. Man haut sich mit dem Handtuch auf den Hintern und macht sich über einen Kollegen lustig, der sich die Hoden rasiert hat. Gute Stimmung in der Mannschaft gilt als wichtige Voraussetzung für Erfolg auf dem Platz und ist oft gleichzusetzen mit einem Milieu, in dem sich niemand über ein paar Schwulenwitze aufregt.

Wann hat er erfahren, dass sein Sohn schwul ist?

Glenn Hysén reißt sämtliche Schranktüren in der Küche des Vereinsheims des Utsiktens BK auf: »Wo zum Teufel sind die Kaffeefilter?« Bis zum Training ist es noch etwas hin, noch ist keiner der Spieler da. Thomas Heed und Hysén, die sich das Traineramt teilen, treffen für gewöhnlich einige Stunden früher ein. Heed hat seine aktive Karriere im letzten Jahr hier bei Utsikten beendet. Wann hat er davon erfahren, dass Anton homosexuell ist? »Vor ungefähr zwei Wochen, als Glenn es mir erzählt hat. Ich habe letztes Jahr noch zusammen mit Anton gespielt und hatte keine Ahnung. Ich wäre auch nie auf die Idee gekommen.« Glenn kommt aus der Küche, reibt sich zufrieden die Hände und lässt sich aufs Sofa fallen. »Der Kaffee ist gleich fertig!« Hat denn er geahnt, dass Anton schwul ist? »Ja, ich habe schon früh darüber nachgedacht«, sagt Glenn. »Er hatte früher nur Mädchen als Freunde. Und er stand oft stundenlang vor dem Spiegel, um seine Kleider oder seine Haare zu richten. Und er hat schon immer diese Linien in seine Haare und Augenbrauen rasiert. Er war immer sehr eitel. Als er dann mit einem wirklich süssen Mädchen Schluss machte, dachte ich: ›Er ist schwul!‹«

Bevor Anton seinem Vater erzählte, dass er homosexuell sei, rief er  seinen besten Freund an. Der Sohn hatte Angst, dass sein Vater ihn rauswerfen könnte, und wollte sicher sein, ein Dach über dem Kopf zu haben, falls das passierte. »Hat er das gesagt?«, fragt Glenn erstaunt. »Hat er geglaubt, ich könne ihn rauswerfen? Der spinnt doch! Er soll doch lieben, wen er will. Deshalb habe ich ja auch beim Stockholm Pride gesprochen. Da war es gerade erst ein paar Monate her, dass er sich mir anvertraut hatte. Ich wollte ihm beweisen, dass ich es akzeptiert hatte. Und ich bin stolz auf ihn, dass er nun darüber spricht.« Glenn beginnt zu lachen. »Ich habe auf der Parade ja sogar Dildos geworfen. Teufel noch mal, das können nicht so viele Leute von sich behaupten.« Trotzdem ist es ganz bestimmt nicht leicht, sich Glenn Hysén anzuvertrauen, dem Fußballstar und Obermacho. Glenn grinst. »Nein, das ist wohl richtig.«

Er lehnt sich zurück und blickt ein paar Sekunden versonnen, als würde er philosophieren. Dann sagt er: »Es muss doch eine ganze Menge geben da draußen. Es ist doch seltsam, dass man in Fußballerkreisen noch nie einen getroffen hat. Nicht einen einzigen!« Vielleicht geben die auf, weil sie den ständigen Kampf nicht aushalten. »Vielleicht. Aber es ist ja auch zum Verrücktwerden. Man muss so sein wie Anton, wenn man das schaffen will. Er ist mir sehr ähnlich, es interessiert ihn nicht, was die Leute denken. Wenn man diese Selbstsicherheit nicht hat, ist es schwer. Dann nimmt man es als persönlichen Angriff, wenn jemand in der Kabine einen Schwulenwitz macht. Anton kann selbst Witze reißen, so ist er eben.«

Was bedeutet das Outing? »Jetzt wird vieles anders.«

Draußen fällt Regen, von der Schneedecke, die Göteborg die letzten beiden Monate bedeckt hat, ist nichts übrig geblieben. Das mildere Klima hat zur Folge, dass Anton jetzt andere Aufgaben bei der Zeitarbeitsfirma hat, Schneeschippen gehört nicht mehr dazu. Vor wenigen Stunden ist seine Schicht bei Volvo zu Ende gegangen. Er sagt, es mache ihm Spaß, für sein Geld zu arbeiten. Doch er weiß auch, dass der Fußball immer wichtiger werden wird, wenn er nicht für den Rest seines Lebens um sechs Uhr aufstehen will. Eine geglückte Fußballkarriere kann das Ticket zu einem gehobenen Lebensstil sein. Ist ihm bewusst, was das Outing für seine Zukunftspläne bedeuten kann? Er nickt. »Mir ist klar, dass jetzt vieles anders sein wird. Nun werden es alle wissen. Alle Trainer, alle Gegenspieler und nicht zuletzt meine Teamkameraden. Aber ich mache mir keine großen Gedanken darüber, ich glaube nur, dass es sehr spannend wird.« Wird es sich negativ auswirken? »Es gibt Leute, die mit Homosexuellen nicht klarkommen, und es gibt Rassisten, die etwas gegen Migranten haben. Vielleicht ist ein Klub an mir interessiert, bis der Trainer herausfindet, dass ich schwul bin, und dann ändern sie ihre Meinung. Aber das ist deren Problem, nicht meines.«

Die Frage bleibt, warum Anton Hysén gerade jetzt mit seiner Homosexualität an die Öffentlichkeit gegangen ist. »Ich spiele vielleicht nicht in der ersten Liga, aber ich will dennoch beweisen, dass das keine große Sache sein muss. Ich bin Fußballer. Und schwul. Wenn ich meine Leistung bringe, sollte es keine große Rolle spielen, ob ich auf Jungs oder Mädchen stehe.«

Anton sagt, er kenne keine weiteren homosexuellen Spieler, die nur deshalb unerkannt seien, weil sie sich ein Outing nicht trauen würden. »Es muss sie geben, das weiß ich. Aber ich bewege mich nicht in der Schwulenszene und habe auch nicht übermäßig viele schwule Freunde. Ich war einige Male in Schwulenbars, aber ich habe mich dort nicht wohlgefühlt. Also weiß ich nicht, ob sich andere Spieler dort herumtreiben. Bei den Fußballerinnen kenne ich hingegen viele homosexuelle Spielerinnen.« Anton berichtet, wie es war, als er einst feststellte, dass er nicht auf Mädchen steht. Es fühlte sich irgendwie verkehrt an, Händchen zu halten. Zunächst glaubte er, möglicherweise bisexuell zu sein, doch dann verstärkte sich dieses ungute Gefühl, wenn er mit einem Mädchen zusammen war. Da begriff er, dass er schwul ist.

»Du, auf was für Typen stehst du eigentlich?«

Donnerstagabend eine Woche später im Paddingtons, Glenns Stammkneipe, nur ein paar hundert Meter vom Haus der Hyséns entfernt. »Das war gut, oder?«, fragt Glenn. »Mmh, das war lecker«, sagt Anton und schaufelt den Rest seines Currys auf die Gabel. Die beiden kommen gerade vom Training. Glenn bestellt ein zweites Bier und sieht Anton an, der gerade einen Schluck aus seinem Colaglas nimmt. »Du«, sagt er und klopft Anton auf die Schulter, »auf was für Typen stehst du eigentlich? Darüber haben wir noch nie gesprochen.« Anton verdreht die Augen. »Was meinst du?« – »Ja, also was für Typen findest du gutaussehend und so? Gibt es irgendeinen Schauspieler, bei dem du denkst, der ist scharf, den will ich?« – »Puh«, sagt Anton, »das ist nicht einfach.« Er denkt nach, während Glenn mit den Fingern gegen sein Bierglas trommelt. »Vielleicht Carlos Bocanegra aus der amerikanischen Nationalmannschaft«, sagt Anton schließlich. »Wie zum Teufel sieht der denn aus?« – »Ach, ich weiß nicht. Ganz normal, ein dunkler Typ eben.« Glenn nickt.

Anton hatte noch nie eine Beziehung mit einem Mann. Glenn wendet sich erneut an seinen Sohn und fragt, woran das liege. Anton zuckt mit den Schultern. »Entweder sind sie mir zu affektiert oder sie interessieren sich nicht für Sport. Das sollten sie aber, sonst klappt das nicht. Aber ich bin auch nicht richtig auf der Suche. Jetzt geht es in erster Linie um Fußball und Arbeit. Alles andere wird sich schon finden.«

Glenn sieht Anton an, der gebannt ein Handballspiel auf dem Kneipenfernseher verfolgt. »Wie lange war Homosexualität illegal? Bis in die Siebziger, oder? Das ist doch unglaublich, wenn man darüber nachdenkt.« Anton hört nur mit einem halben Ohr zu, während Glenn fortfährt. »Ich habe ein paar Mal gegen Fashanus Bruder gespielt, als ich bei Liverpool war. Ich glaube, der war bei Wimbledon. Der Teufel ging doch tatsächlich an die Öffentlichkeit und sagte, dass er seinen Bruder nicht mehr kennen wollte, weil  der schwul war. Verdammt, stell dir vor, ich hätte so reagiert.« Anton schaut zu Glenn herüber. »Ich finde es wirklich gut, dass du dich jetzt outest«, sagt der. »Das ist großartig. Gut gemacht, Junge!« Glenn Hysén klopft seinem Sohn auf die Schultern, Anton wendet sich wieder dem Bildschirm zu. Glenn lacht und nimmt einen Schluck Bier.

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