Das neue Mittelfeld der Bayern

Platzangst im Mittelkreis

Zé Roberto kündigt seine wirklich letzte Saison beim FC Bayern an, Toni Kroos will dieses Jahr endlich Stammspieler werden - und das alles im neuen Ganztageshort für Vollzeitfußballer mit Fitnesstempel und Chill-out-Area. Das neue Mittelfeld der BayernImago Zé Roberto ist ein filigraner Fußballer. Er ist ein Modellathlet, der täglich seine Muskeln stählt. Und er ist bekennender Christ. Der neue Campus des FC Bayern spricht ihn daher in mehrerlei Hinsicht an. Auf 2000 Quadratmetern ließ Trainer Jürgen Klinsmann das Harlachinger Basislager in ein postmodernes Leistungszentrum verwandeln, und auch wenn die Umbaukosten »nur einen Bruchteil« der in manchen Medien publizierten 15 Millionen Euro betrugen, wie der Verein am Montag mitteilte, so hausen die Bayern nun dennoch in einer Luxusimmobilie. Dieser Ganztageshort für Vollzeitfußballer beheimatet Leistungsdiagnostik-Zentrum, Fitnesstempel, Fortbildungsstätte, Chill-out-Area und fernöstliche Spiritualität unter einem Dach. Zé Roberto glaubt an Gott, nicht an Buddha, weshalb ihm die aufgestellten Figuren »nicht helfen. Ich habe ja schon meinen Glauben«, sagt er. Trotzdem glaubt er fest, dass das neue Bauwerk stimulieren wird: »Bayern ist ein großer Verein«, sagt er, »und ein großer Verein braucht so ein Gelände. Ich bin begeistert.«

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Champions-League-Titeltraum

Carpe diem, nutze den Tag, lautet in dieser Wohlfühloase Zé Robertos persönliches Motto. Denn der 34-Jährige wird nur noch in dieser Saison ein Münchner sein. Zwar wolle er anschließend »noch zwei, drei Jahre in Europa« spielen und mit der Familie nicht sofort nach Brasilien heimkehren. Die Bayern und die Bundesliga aber werde er zum Vertragsende 2009 »definitiv« verlassen. Alt genug sei er dann für einen Klub, der unter dem Zuversichtsrhetoriker Klinsmann wieder Europas Spitze angreifen will. Zé selbst wünscht sich nach vier nationalen Doubles mit Bayern als Krönung den Champions-League-Titel: »Dafür werde ich alles versuchen«, diktierte er den Reportern. Auch der neue Trainer, glaubt Zé, »hat dieses Ziel. Er hat eine eigene Philosophie, und er hat viel verändert.«

Welcher Fleck Rasen in Klinsmanns Energiefeld für ihn selbst vorgesehen ist, weiß Zé Roberto noch nicht. Unter Ottmar Hitzfeld mutierte der Brasilianer zuletzt vom dribbelnden Linksangreifer zur zentralen Mittelfeldfigur. Das war eine verantwortungsvolle, aber auch »oft defensive« Rolle, wie Zé selbst fand, denn er war im 4-4-2-Modell des alten Trainers stets die eine Hälfte der Doppelsechs vor der Abwehr. Klinsmann hat sich noch auf kein System festgelegt, und er wird dies im Sinne flexibler Strategien womöglich auch nie tun. Dominant, offensiv, kreativ und mit schnellen Umschaltbewegungen soll Bayern kicken, in der Klinsmannsprache heißt das proaktiv. »Taktisch«, ergänzt sein Co-Trainer Martin Vasquez, »wollen wir uns an jede Situation anpassen können.«

Das exquisite Mittelfeld bietet dafür viele Lösungen an: Für zentrale Posten kommen Zé Roberto, van Bommel, Ottl und der Bremer Zugang Tim Borowski in Frage, den Klinsmann hochachtungsvoll einen »besonderen Spieler« nennt. Impulse in der Offensive und am Flügel können Ribéry, Schweinsteiger, Podolski, Altintop, Kroos oder Sosa geben. Jede Menge Auswahl. Klinsmann wird nach Härtefällen oft als Seelenpfleger gefragt sein, darum will er »in positiver Art kommunizieren, dass wir ein Wechselspiel betreiben müssen« - Rotation hieß das bisher. Den formidablen Abwehraufreißer Franck Ribéry (Syndesmoseband-Riss) bis September zu ersetzen, wird Klinsmanns erste Herkulesaufgabe sein. Zé Roberto hält sich als Lückenfüller in diesem Fall für ungeeignet: »Wir haben genug Spieler für die linke Seite«, sagt er, sein festes Zuhause sei jetzt »in der Mitte«.

»Gestiegene Ansprüche«

Auch Toni Kroos, 18, gibt als Lieblingsposition an: »Zentral«. Er soll ja mal die Rückennummer »10« erhalten, die ihm Manager Uli Hoeneß reserviert hat. Aber die, weiß Kroos, muss er sich »erst verdienen.« Auf 20 Profieinsätze kam das Bayern-Kronjuwel in seiner ersten Saison, nach spektakulären Debüts im Herbst 2007, mit Scorerpunkten gegen Belgrad und Cottbus, verlief die Rückrunde ruhiger. Kroos ist ein kluger, aber selbstbewusster Bursche. Er weiß, dass er sich als Führerscheinanfänger besser »noch keinen S 8« als Dienstaudi bestellen sollte, sondern ein kleines Modell. Und er weiß auch, dass er von Klinsmann noch keine exponierte Schaltstelle in der Platzmitte fordern darf. Er muss froh sein, wenn er irgendwo mitspielen darf.

Doch Kroos, der bei der U17-WM im Vorjahr Scouts aus allen Erdteilen beeindruckte, spricht andererseits mutig über »gestiegene Ansprüche«. Im zweiten Bayern-Jahr will er »Stammspieler werden«, die Frage nach Hermann Gerlands Reserveteam beantwortet er sonnenklar: »Das war letztes Jahr noch okay, aber heuer stellt mich die dritte Liga nicht mehr zufrieden, mein Fokus liegt oben.« Der Trainerwechsel, das klingt aus den Nebentönen durch, kam Kroos nicht ungelegen. Er glaubt, dass Klinsmanns fortschrittliche Trainingsmethoden »gerade für die Weiterentwicklung von jungen Spielern gut sind«. Und dass das Team in der Vorwärtsbewegung »flexibler« werde, nachdem man im Vorjahr das Vier-Vier-Zwei-System »stur durchgespielt« habe - ohne die für Kroos maßgerechte Spielmacherrolle hinter den Spitzen.

Auch vom neuen Acht-Stunden-Arbeitstag profitiert der Jungspund. Kroos hat das Bayern-Jugendhaus verlassen, er wohnt jetzt in einem eigenen Appartement. Da hilft es, dass mittags nun immer Sternekoch Alfons Schuhbeck leckere Mahlzeiten am Trainingsgelände auftischt: »Einmal Kochen fällt weg«, sagt Kroos. Und lacht.

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