Das nächste große Ding: Taktikanalysen im Internet

Digitaler Kick

Von seinem Sofa aus hat Michael Cox das nächste ganz große Ding gestartet: Taktikanalysen im Internet. Seine Homepage »Zonal Marking« hat längst Fans und Nachahmer aus der ganzen Welt gefunden. Das nächste große Ding: Taktikanalysen im Internet
Heft#112 03/2011
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Es gibt viele Wege, mit dem Fußball glücklich zu werden, doch Michael Cox entschied sich für den einsamsten. Jedenfalls dachte er lange, mit seinem ganz speziellen Interesse am Spiel ziemlich allein dazustehen. Irgendwie erschien es ihm kaum vorstellbar, dass da draußen jemand seine Passion teilen würde, wenn er daheim in London vor dem Fernseher ein Fußballspiel sah und sich Notizen machte, die für die meisten Menschen rätselhaft waren.

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Mit der Europameisterschaft 2004 in Portugal begann der damals 19-Jährige aufzuschreiben, in welchem System die Mannschaften antraten und wie sie es interpretierten. Cox notierte, wenn der Linksverteidiger zu früh angriff und sich Räume hinter ihm ergaben. Er wägte die Vorteile des 4-3-3-
gegen die des 4-4-2-Systems ab oder dachte über die Besonderheiten im Spiel »hängender Spitzen« nach. Irgendwann kaufte er sich sogar eine kleine Taktiktafel mit Magneten, um sich das Geschehen auf dem Platz noch besser klar zu machen.

»Ich dachte manchmal, Taktik interessiert nur mich«

Während Michael Cox in den folgenden Jahren immer mehr Notizbücher mit seinen Anmerkungen und Analysen füllte, begann er sich zu ärgern. Denn weder bei den Fernsehübertragungen noch in den Zeitungen fand er etwas von seinen Überlegungen wieder. Nicht, dass man dort anderer Meinung als er gewesen wäre, die ganze Welt der Taktik und Systeme kam einfach nicht vor. »Ich dachte manchmal wirklich, dass nur mich allein die taktische Seite des Spiels interessiert.«

Das änderte sich erst 2008, als »Inverting the Pyramid« erschien. Das Buch des Journalisten Jonathan Wilson über die Geschichte der Fußballtaktik, das in diesem Frühjahr auch in Deutschland veröffentlicht wird, wurde in England ein Überraschungserfolg. Für Cox war das ein Signal: Es gab also außer ihm noch mehr Menschen, die etwas über die Vorteile der Dreierabwehr gegen eine Angriffsformation mit Doppelspitze wissen wollten.

15.000 Besucher. Pro Tag.

Weil seine Arbeit in einem Meinungsforschungsinstitut zudem nicht richtig erfüllend war, startete Cox im Januar letzten Jahres die Internetseite »Zonal Marking«. Was er vorher nur seinem Notizbuch anvertraut hatte, konnte nun jeder nachlesen. Und, die Leute taten es wirklich. »Es ist einfach fantastisch, was in den letzten zwölf Monaten passiert ist», sagt er. Inzwischen schauen sich im Schnitt 15 000 Besucher am Tag seine generellen Erörterungen zu Taktikfragen an, vor allem aber die aktuellen Analysen von Spielen, die er fast täglich liefert und an Wochenendtagen sogar von mehreren Partien. »Zonal Marking« wurde in England zum besten Fußballblog des Jahres 2010 gewählt. Ein Trainer aus der Premier League hat angerufen, um mit Cox zu fachsimpeln, und bekanntester Fan der Seite ist ein gewisser Jürgen Klinsmann. Der ehemalige deutsche Nationaltrainer hat »Zonal Marking« auf seiner eigenen Website verlinkt und schreibt dazu hymnisch: »Eine fantastische Website über Fußballtaktik, die Diagramme und Grafiken benutzt, um Systeme und Taktik herauszustellen. Das sorgt für faszinierende Rückmeldungen von Fans, die Fußalltaktik offensichtlich wirklich ernst nehmen. Ein echter Lesespaß.«

Cox ist selbst so überwältigt wie verblüfft, dass er mit seiner Arbeit auf so viel Interesse stößt. »In England haben wir eigentlich nie so viel Wert auf Taktik gelegt, es ging immer mehr um die physischen Möglichkeiten und um Motivation«, sagt er. Doch inzwischen ist das Thema so angesagt, dass es vom verdienten Fußballmagazin »When Saturday Comes« bereits leisen Spott für das nächste große Ding gibt: »Zonal Marking ist ein Muss, seitdem es wichtiger ist, den Eindruck zu vermitteln, dass man sich mit Fußballtaktik auskennt, als gut im Bett zu sein.«

Frische Perspektiven auf den Fußball

Um seine Kennerschaft weiter zu verbessern, sind die Analysen von Michael Cox längst nicht mehr das einzige Angebot. Der in Paris lebende englische Journalist Tom Williams liefert auf »Football Further«, wie es im Untertitel seiner Seite heißt: »Frische Perspektiven auf taktische Trends und den französischen Fußball.« Dort erörtert er neben Neuigkeiten des Fußballs in Frankreich auch, wie José Mourinho bei Real Madrid seine Mittelfeldformation suchte oder widmet sich der Frage, ob es seit der holländischen Nationalmannschaft von 1974 keine großen Innovatoren im Weltfußball mehr gegeben hat.



Michael Cox selbst schätzt besonders »Talking about Football« seines Landsmanns Tim Hill, mit dem er auch seine Begeisterung für die taktischen Innovationen bei der aktuellen Nummer drei des spanischen Fußballs teilt. »Villareals umstellbares System – die Rückkehr des brasilianischen 4-2-2-2« ist einer der Beiträge Hills überschrieben. An anderer Stelle vergleicht er die Liverpooler Stadtderbys der letzten beiden Spielzeiten miteinander, um die Veränderungen beim FC Liverpool durch den Trainerwechsel von Rafa Benitez zum inzwischen bereits entlassenen Roy Hodg
son zu illustrieren.

Fußballblog zur Feier der Verteidiger

Mittlerweile gibt es selbst in diesem schon reichlich speziellen Feld bereits erste Ausdifferenzierungen. Seit Mitte vergangenen Jahres geht es bei »Defensive Minded« ausschließlich um die defensive Seite des Spiels. Der anonyme Autor führt einen »Fußballblog zur Feier der Verteidiger und der unterschätzten Art der Verteidigung«. Dort bejubelt er etwa Sven Bender, den defensiven Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund, in einer ausführlichen Eloge als »Das Biest neben Sahins Schönheit«. Wer es ganz genau wissen möchte, erfährt am Beispiel von Racing Santander, wie man mit einer Fünfer-Abwehr am besten nicht spielen sollte und wie es die Glasgow Rangers richtig machen. Vielen Fans von Werder Bremen hingegen wird die zutiefst irritierte Erörterung der Defensive ihres Klubs aus dem Herzen sprechen, »bei dem das Verteidigen unverbindlich geworden ist«.

Bemerkenswert bei allen Blogs ist ihre Internationalität, ganz selbstverständlich geht es nirgendwo nur um den Fußball im eigenen Land. Cox etwa nimmt sich neben den Spielen aus den großen Ligen auch jenen aus Portugal oder der Türkei an, wenn er Übertragungen im Netz findet. Auch den deutschen Fußball verfolgt er aufmerksam. »Ich mag die Bundesliga, weil es dort viele intelligente Trainer gibt, die sich taktisch interessante Schlachten liefern«, sagt Cox. Sein aufmerksamer Blick für den deutschen Fußball führt zu dem bizarren Umstand, dass man die interessantesten Analysen eines Bundesligaspiels mitunter auf der Website dieses Engländers lesen kann, der auf dem heimischen Sofa in Wimbledon sitzt und auf dem Taktiktäfelchen die Namen von deutschen Kickern herumschiebt. Besonders gelungen war »Wie Mainz die Bayern stoppte in zehn Schritten«, nachdem die Mannschaft von Thomas Tuchel in der Vorrunde in München gewonnen hatte. Damit deckt Cox einen Bedarf, den es wohl auch hierzulande gibt. Bemerkenswert viele Leser aus Deutschland haben bereits den Weg zu »Zonal Marking« gefunden, weil es hierzulande nichts Vergleichbares gibt.

Der Taktiknerd ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen

Der »interessierte Beobachter«, wie Cox sich selber bescheiden beschreibt, überlegt gerade, noch einen Trainerschein zu machen. Aber vermutlich wird die Zeit dazu nicht reichen. Neben der Website arbeitet er nämlich auch für jene, über die er sich früher geärgert hat. Den »Guardian« und die Websites der Fernsehsender ESPN und ITV beliefert Cox inzwischen mit taktischen Analysen. Ganz offensichtlich ist der Taktiknerd in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

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Internet-Taktikanalysen im Überblick:

Zonal Marking
Football Further
Talking about Football
Defensive Minded
Ghost Goal
11 tegen 11
Arsenal Column
Ballverliebt

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