Jeder Morgen beginnt für Christopher Quiban Hernandez mit einer Enttäuschung. Auf seinem Weg zur Arbeit muss der Installateur und Fan des FC Valencia die Stadt an der spanischen Mittelmeerküste Richtung Norden verlassen. Hernandez kommt dann unweigerlich an einem Betonklotz vorbei, der bei ihm Wut und Entsetzen auslöst. »Ich wünsche mir immer, dieser Schrotthaufen würde über Nacht verschwinden«, sagt Hernandez. »Ich weiß, das geht nicht, aber wenn ich ihn dann doch wieder sehe, bin ich jedes mal aufs Neue ärgerlich.« Der »Schrotthaufen«, wie Hernandez abfällig sagt, hat einen Namen: Nou Mestalla. Das »Neue Mestalla« sollte die Heimstätte des FC Valencia werden. Eine moderne Arena, die 75.000 Fans Platz bietet.
Doch statt Aushängeschild des traditionsreichen Vereins zu werden, ist das unfertige Stadion zum Symbol einer Zukunft verkommen, die vielleicht nie beginnt.
Den Klub drückt eine Schuldenlast von 200 bis 400 Millionen Euro
Heute Abend spielt der FC Valencia wenige Kilometer vom Schrotthaufen entfernt im alten Mestalla gegen den FC Bayern. Mit einem Sieg wären die Spanier sicher für das Achtelfinale der Champions League qualifiziert. Der Einzug in die nächste Runde ist Pflicht, weil den Klub eine Schuldenlast drückt, die von Experten auf 200 bis 400 Millionen Euro beziffert wird. So genau lässt sich das nicht mehr sagen, nach all den undurchsichtigen Finanzierungsmodellen, die Valencia in der Vergangenheit bediente.
Der Verein aus der drittgrößten Stadt Spaniens ist so ziemlich das komplette Gegenmodell zum heutigen Gegner aus München. Klubs wie Valencia mit ihrer unseriösen Wirtschaftspolitik sind es, die schon lange den Zorn der Bayern-Bosse Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auf sich ziehen. Auf einen möglichen Erlass der Steuerschulden für spanische Vereine angesprochen, polterte Hoeneß vor einiger Zeit: »Das ist für mich ein Hammer, das ist für mich undenkbar. Da zahlen wir denen hunderte von Millionen, damit sie aus der Scheiße kommen und dann sollen die Vereine die Schulden erlassen kriegen?«. Auch die Tatsache, dass Spaniens Regierung um Ministerpräsident Mariano Rajoy inzwischen darauf drängt, dass die Klubs bezahlen, dürfte Hoeneß wenig versöhnlich stimmen. Der Preiswucher in der Primera Division war ihm stets ein Dorn im Auge, vor allem das Geschehen bei Real Madrid um Präsident Florentino Perez mit seinem lockeren Scheckbuch beäugte er kritisch. Nur zu gern verwies Hoeneß dann auf das Festgeldkonto der Bayern, einem der finanziell bestaufgestellten Vereine der Welt. So sehen es jedenfalls Hoeneß und Rummenigge, die bei der kürzlich abgehaltenen Jahreshauptversammlung stolz einen neuen Rekordumsatz vermeldeten.
Von positiven Neuigkeiten aus der Wirtschaft ist der FC Valencia weit entfernt. Seit Jahren schon halten die Probleme an. Die Sponsorensituation ist kritisch, die komplette vergangene Saison lief der FC Valencia ohne Trikotwerbung auf, Geld ist im Großraum Valencia knapp. Die Region gehört zu den am höchsten verschuldeten in Spanien, die Arbeitslosenquote steigt stetig. Inzwischen wirbt zwar eine chinesische Solarfirma auf den Trikots, lokale Sponsoren gibt es aber kaum.
Warum die Champions League in jedem Jahr Pflicht ist
Es war in der Stunde des größten Erfolges, als der sportliche und wirtschaftliche Abstieg des FC Valencia begann. Im Jahre 2004 gewann der Klub die spanische Meisterschaft und den Uefa-Cup, zeitgleich übernahm Juan Soler das Präsidentenamt. Soler, ein Mann mit der gleichen Großmannssucht wie Real Madrids Präsident Florentino Perez, wollte dauerhaft Titel gewinnen. Dafür brauchte der Verein Geld. So begann Soler, der wie viele spanische Fußballbosse im Immobilienwesen reich geworden war, mit dem Bau einer neuen Arena. Das neue Stadion sollte nach Vereinsangaben 350 Millionen Euro kosten, während er sich von dem Verkauf der alten Arena in der Stadtmitte bis zu einer halben Milliarde Euro versprach. Die 150 Millionen Euro Gewinn sollten in die Mannschaft fließen. Doch Soler fand nie einen Abnehmer für das zur Bebauung freigegebene Gebiet, auf dem sich das alte Stadion befindet.
Ob jemals im neuen Stadion gespielt werden kann, ist unklar
Dumm nur, dass Soler in der Zwischenzeit mithilfe von Krediten bereits mit dem Bau des neuen Stadions begonnen hatte. Als die Finanzlage in Spanien und beim FC Valencia aufgrund der weltweiten Immobilienkrise immer dramatischer wurde, stoppte der Verein im Februar 2009 den Bau der neuen Arena. Soler war da längst nicht mehr Präsident, das Stadion aber bereits zu achtzig Prozent fertig. Ob dort jemals gespielt wird, ist unklar. Im Sommer hieß nach über 1000 Tagen, dass weitergebaut wird, aber dann wurde dem Verein eine Kreditzusage im letzten Moment doch nicht genehmigt. Durch das Nou Mestalla pfeift weiterhin der Wind vom Meer, wie ein riesiger Schrottpalast thront das Stadion verlassen am Stadteingang.
Solers Nachfolger Manuel Llorente muss heute mit der enormen Schuldenlast haushalten. Seit Jahren erlebt der FC Valencia vor jeder Saison einen personellen Umbruch. Stars wie die spanischen Weltmeister David Villa (FC Barcelona), David Silva (Manchester City) oder Juan Mata (FC Chelsea) wurden für viel Geld verkauft. Zuletzt gingen mit Jordi Alba (FC Barcelona) und Pablo Hernandez (Swansea) hoffnungsvolle Talente. Trainer Unai Emery hatte irgendwann genug davon, ständig ein neues Team aufbauen zu müssen und wechselte im Sommer zu Spartak Moskau. Sein Nachfolger wurde Mauricio Pellegrino, eine kostensparende Variante. Der hatte bis dahin noch nie als Trainer einer ersten Mannschaft gearbeitet. Den Posten brachte ihm seine Vergangenheit als Spieler beim FC Valencia ein. Zwei Mal in Folge erreichte er mit dem Klub das Finale der Champions League, beide Spiele gingen aber verloren. 2001 gegen den FC Bayern verschoss Pellegrino den entscheidenden Elfmeter.
»Ein Lizenzierungsverfahren wie in Deutschland gibt es in Spanien nicht«
Bisher verläuft Pellegrinos Debütsaison mittelmäßig. In der Liga ist Valencia nur Achter, dafür führt man in der Champions League die Gruppe F vor den Bayern an. Das liegt vor allem an Roberto Soldado, dem Mittelstürmer, der in diesem Wettbewerb schon vier Tore geschossen hat. Soldado stammt aus der Gegend um Valencia, mit ihm identifizieren sich die Anhänger. Im Sommer hätte der 27-Jährige wechseln können, Valencia sah von einem Verkauf ausnahmsweise ab.
Trotz der immensen Schulden investierte Valencia im Sommer unter anderem in die Verpflichtungen von Sergio Canales, Fernando Gago oder Aly Cissokho. Am Ende bleib nur noch ein Transferüberschuss von etwa sieben Millionen Euro. »Ein Lizenzierungsverfahren wie in Deutschland gibt es in Spanien nicht«, erklärt Robert Pongracz von der spanischen Profiliga. Solange Vereine wie Valencia außerhalb des Fußballbetriebes, etwa bei Banken, Schulden haben, ist das für die Liga nicht von Bedeutung. Diese interessiert sich nur für ausstehende Gehälter und Transfersummen – beides ist beim FC Valencia angeblich nicht der Fall.
Trotz aller Sparmaßnahmen achtet der Klub darauf konkurrenzfähig zu bleiben, auch wenn die Meisterschaft von 2004 auf absehbare Zeit der letzte Titelgewinn bleiben wird. Barcelona und Real sind enteilt, aber die Qualifikation für die Champions League ist in jedem Jahr Pflicht. Für Christopher Quiban Hernandez ist die Finanzlage des Klubs längst nicht mehr zu überblicken. Er wünscht sich nur, dass sein Team wieder in die K.o.-Runde einzieht. Hernandez hätte dann wieder etwas, worüber er sich morgens freuen könnte. Trotz des »Schrotthaufens«, der ihm rechts an der Autobahn begegnet.