Das legendäre Europapokalfinale 1960: Real vs. Eintracht

Fußball der Zukunft

Eintracht Frankfurt im Europapokal – Grund genug, für die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE drei Generationen SGE an einen Tisch zu setzen. Alex Meier, Willi Neuberger und Erwin Stein sprechen über vergangene Legenden und die Realität der Gegenwart. Hier erinnern wir an eines der größten Spiele aller Zeiten: Real Madrid gegen Eintracht Frankfurt im Landesmeister-Cupfinale 1960.

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Ein Spiel hat neunzig Minuten. Das weiß die Fußballwelt spätestens seit Altbundestrainer Sepp Herberger. Und doch gibt es Spiele, die bereits nach zwanzig Minuten entschieden sind. Das Endspiel um den Europapokal der Landesmeister im völlig überfüllten Hampden Park zu Glasgow ist solch eine Partie. Eben jene zwanzig Minuten lang spielt an diesem frühlingshaften Mittwoch vor allem der deutsche Meister Eintracht Frankfurt einen berückend schönen Fußball, der Zweckmäßigkeit mit tollkühnen Passläufen verbindet.

»Überwältigender Fußballrausch«

Meier trifft nur die Querlatte, zwei kühne Sololäufe des Außenstürmers Richard Kreß finden keinen Vollstrecker, schließlich fällt das verdiente Führungstor für die Eintracht dann doch durch Kreß in der 18. Minute – Real Madrid, das als hoher Favorit und Titelverteidiger in dieses Endspiel eingezogen ist, hätte sich zu diesem Zeitpunkt über einen höheren Rück- stand nicht beklagen dürfen. »Wir bezweifeln, ob sich dann dieses gewiss einmalige Real in diesen überwältigenden Fußballrausch steigern hätte können«, notiert das deutsche »Sportmagazin« im Konjunktiv. Dieser Rausch wird in den folgenden siebzig Minuten dafür sorgen, dass 134 000 Zuschauer, die größte Besucherzahl, die je einem europäischen Cupfinale beigewohnt hat, auch lange nach dem Abpfiff noch nicht nach Hause gehen wollen, so fassungslos sind sie angesichts des Dargebotenen. Sie haben eine Mannschaft gesehen, die gänzlich neue Maßstäbe gesetzt hat. Mit dem ungarischen Spielmacher Ferenc Puskás, dem trickreichen Alfredo Di Stéfano und mit dessen Kompagnon Francisco Gento, »der verschlagene, wortkarge Linksaußen mit dem fliegenden Start«, wie das »Sportmagazin« in einer merkwürdigen Mischung aus Faszination und Unbehagen schreibt. Sie alle präsentieren Fußball in einer Dynamik und technischen Versiertheit, die selbst den Gegner staunen lassen. Der schottische Internationale Billy Bremner, im Hampden Park auf der Tribüne dabei, war sich auch in den 1990er-Jahren sicher: »Die Perfektion und das Tempo würden die Mannschaft bis heute zu einem Weltklasseteam machen.«

Dass dieses Finale jedoch zu einem Fußballfest wird, daran haben beide Mannschaften ihren Anteil. Denn Frankfurt denkt nicht daran, die Führung zu verwalten, dafür hat das Team in den Spielen zuvor zu viel Selbstbewusstsein getankt. Vor allem das Halbfinale mit zwei triumphalen Siegen über die Glasgow Rangers hat die Mannschaft wachsen lassen, die bis auf wenige Ausnahmen eine bessere Regionalauswahl ist, deren Spieler tagsüber arbeiten und nur abends trainieren können. Doch der Sturmwirbel, den Real entfacht, ist an diesem Tag zu viel für die braven Verteidiger Lutz und Höfer. Auf der Tribüne staunt Bobby Charlton: »Mein erster Gedanke war, dieses Spiel ist ein Schwindel, geschnitten, ein Film, weil diese Spieler Dinge taten, die nicht möglich sind, nicht real, nicht menschlich!« Vor allem in der zweiten Halbzeit wandert der Ball in nie zuvor gesehener Geschwindigkeit von Mann zu Mann, ein technisches Kabinettstück folgt dem anderen, drei Tore von Alfredo Di Stéfano und vier Treffer von Ferenc Puskás sichern Real den fünften Landesmeister-Cup in Folge, sechs davon herausgeschossen zwischen der 27. und 71. Minute. Aber es ist weniger die Höhe des Sieges, die an diesem Tag die Zuschauer fassungslos zurücklässt, sondern die Gewissheit, einen kurzen Blick in die fußballerische Moderne geworfen zu haben. Als am Donnerstag nach dem Finale die Sondermaschine aus Glasgow auf dem Frankfurter Rhein-Main-Flughafen landet, werden die Eintracht-Spieler von einer begeisterten Menschenmenge empfangen, mehrere Hunderttausend Anhänger säumen den Weg bis zum Römerberg – um eine Mannschaft zu feiern, die zwar das Finale verloren hat, ohne die aber eines der größten Spiele der Fußballgeschichte nicht möglich gewesen wäre.

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Dieser Text stamm aus dem Buch: »Die 100 besten Spiele aller Zeiten« von Philipp Köster und Tim Jürgens, Südwest, 19,99 Euro

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