10.10.2013

Das Leben des Reinhard »Stan« Libuda

Der Fremde

Seite 2/3: Der Garrincha vom Schalker Markt
Text:
Uli Hesse
Bild:
Imago

Das lag zum Teil an Libudas monumentaler Schüchternheit. Als er im Oktober 1969 ins »Aktuelle Sportstudio« eingeladen wurde, führte Moderator Dieter Kürten das Interview, während er mit Libuda und Schalkes Schatzmeister Heinz Aldenhoven an einem Holztisch in den Kulissen Skat kloppte. Der Plan war, Libuda seine Angst vor einem öffentlichen Auftritt zu nehmen, doch wie die »Süddeutsche Zeitung« vor einigen Jahren nach Ansicht der Ausschnitte schrieb: »Hat aber auch nichts gebracht, Libuda nuschelt herzergreifend Stummelsätze in die eigene Schüchternheit hinein.«

Doch wenn er Fußball spielte, dann war alles anders. Dann blickten die Menschen wie gebannt auf ihn und durften das auch. Denn auf dem Platz war er oft ein Alleinunterhalter im besten Sinne – furchtlos bis hin zur Arroganz und ein unbeugsamer Individualist. »Als Ivica Horvat Schalker Trainer wurde, sollten wir Spielzüge einüben«, erinnert sich Fichtel. »Er hat allen Spielern gezeigt, wo sie herlaufen sollen. Nur beim Stan hat das nie geklappt, denn der lief immer da lang, wo er wollte. Schließlich hat Horvat geseufzt: ›Ach, gibst du Stan einfach Ball in den Fuß, der macht den Rest.‹«

Nach links kippen, nach rechts verlagern, Tempo aufnehmen

Der Rest war eigentlich ganz simpel. »Jeder wusste, dass Libuda rechts vorbeigehen würde«, sagt Klaus Fischer. »Und was machte Stan? Er ging rechts vorbei.« Den Oberkörper kurz nach links kippen, dann rasch das Körpergewicht zur anderen Seite verlagern und Tempo aufnehmen – das war der nach dem berühmten Engländer Stanley Matthews benannte Trick, den niemand so flüssig vorführte wie Reinhard Libuda. Daher der Spitzname »Stan«, den er bereits 1965 von der Presse bekam, als er mit gerade 21 Jahren im Schalker Trikot für Aufsehen sorgte. In seiner Heimat Gelsenkirchen hatten sie ihn allerdings schon zwei Jahre zuvor mit einem noch Besseren als Matthews verglichen: Nach einem Derbysieg gegen Dortmund nannten sie ihn nach dem brasilianischen Wunderfummler den »Garrincha vom Schalker Markt«.

Das war allerdings unpräzise, denn Libuda war in einem Gebiet vier Kilometer nordöstlich davon aufgewachsen, dem Haverkamp. Diese Unterscheidung mag kleinlich wirken, doch für Libuda selbst war sie von höchster Bedeutung. Schließlich war er nicht nur wegen des Berufs seines Vaters (Paul Libuda arbeitete als Bergmann) oder der Brieftaubenzucht hinterm Haus ein klassisches Ruhrpottkind, sondern auch wegen seiner Abhängigkeit von der solidarischen Geborgenheit, die Arbeiterviertel damals noch boten: In der Zechensiedlung Haverkamp war jeder Nachbar ein Familienmitglied, schon ein paar Straßen weiter traf man hingegen einfach zu viele Fremde.

Darum ist es ein Treppenwitz der Fußballgeschichte, dass Libuda das große Endspiel in einem Trikot bestritt, das ihm eigentlich fremd war und auch immer fremd blieb: dem des Lokalrivalen Dortmund. Als Schalke 1965 trotz all der Matthews-Tricks auf dem letzten Platz landete, entschloss sich Libuda schweren Herzens zu einem Wechsel, um weiter in der Bundesliga spielen zu können. Da lag Dortmund in jeder Hinsicht nahe – und doch fern. »Dem Reinhard waren doch schon die 35 Kilometer zwischen Gelsenkirchen und Dortmund zu viel«, sagte Günter Siebert drei Jahre später, als er in seiner Eigenschaft als Schalkes Präsident Libuda zurück nach Hause holte. Noch schlimmer war für Stan aber, dass der DFB die Bundesliga plötzlich von 16 auf 18 Vereine aufstockte. Schalke blieb erstklassig, und Libuda hätte seinen Kiez gar nicht verlassen müssen.

 
 
 
 
 
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