Das Leben des Reinhard »Stan« Libuda
Der Fremde
An Gott kommt keiner vorbei. Außer Libuda. Nur wenige Fußballer haben die Fans von Borussia Dortmund und Schalke 04 gleichermaßen verehrt wie Reinhard »Stan« Libuda. Vor dem großen Derby erinnern wir an den einsamen Helden.
Am Tag des großen Endspiels hatte sich mal wieder alles gegen Reinhard »Stan« Libuda verschworen. Es fing schon damit an, dass der Rasen des Hampden Park von Glasgow an jenem 5. Mai 1966 nach einem Dauerregen gründlich vermatscht war. Und das bedeutete, dass Libuda seine Stärken nicht ausspielen konnte – seine Schnelligkeit und seinen Fintenreichtum. Für beides war er so berühmt, dass damals jedes Kind im Ruhrgebiet die Geschichte von dem Plakat kannte. Es hing irgendwo in Dortmund-Scharnhorst oder vielleicht doch in Gelsenkirchen-Altstadt. Es warb für den Prediger Billy Graham oder vielleicht doch für den Evangelisten Werner Heukelbach. »Niemand kommt an Gott vorbei«, stand da oder vielleicht auch: »An Jesus kommt keiner vorbei«. Und dann, so will es die Legende, kritzelte ein Fan unter diesen Satz den knappen Hinweis, dass jede Regel eine Ausnahme hat und dass sie in diesem Fall einen ostpreußisch anmutenden Nachnamen mit drei Silben trug. Denn an manchen Tagen kam Libuda wirklich an jedem vorbei.
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»Stan war der beste Rechtsaußen, den ich je gesehen habe«, sagt Klaus Fischer. Der Mittelstürmer wechselte 1970 vor allem deshalb von den Münchner Löwen zum FC Schalke, weil dort Libuda war, der ihn mit Flanken füttern sollte. Allerdings konnte es manchmal dauern, bis solche Zuspiele kamen. Alfred »Aki« Schmidt, der Mitte der Sechziger mit Libuda bei Borussia Dortmund spielte, erinnert sich: »Manchmal standen wir in der Mitte und kriegten einfach den Ball nicht, weil Stan auf dem Flügel seinen Zirkus machte. Da konnte es schon mal vorkommen, dass er wartete, bis seine Gegenspieler wieder aufgestanden waren, damit er sie gleich noch mal ausspielen konnte.« Damit machte sich der schmächtige Stürmer nicht nur Freunde. »Ich habe Libuda oft gewarnt: ›Hör auf, die Leute so zu verarschen!‹« sagt Schmidt. »Beim Rückspiel zahlten sie es ihm heim. Und dann war er nur noch die Hälfte wert.«
»Stan war ein Spieler, der auf Härte reagierte«, sagt auch Klaus Fichtel, der auf Schalke viele Jahre mit Libuda zusammen spielte. Und das war Libudas nächstes Problem an jenem ungemütlichen Tag im Mai 1966. Denn Dortmund traf im Finale um den Europapokal der Pokalsieger auf den FC Liverpool, der selbst in England als harte Truppe galt. Schon nach acht Minuten senste ihm sein direkter Gegenspieler Gerry Byrne ebenso ungehobelt wie ungestraft die Beine weg. »Wenn er schon bei den ersten Ballkontakten auf die Knochen bekam, war er nicht mehr zu sehen«, erinnert sich Fichtel. »Das war vor allem auswärts so, wo ihn das Publikum nicht schützen konnte.«
»Libuda wäre wohl lieber ins Kino gegangen«
In Glasgow schützte ihn niemand, schon gar nicht das Publikum, das fast nur aus englischen Fans bestand. Das war das dritte Problem – und das vierte war, dass Libuda in der für ihn so wichtigen Anfangsphase alles misslang. In der elften Minute unterlief ihm sogar ein falscher Einwurf. Da lachten sie in den ersten Reihen, die jungen Männer mit den schlechten Zähnen und den rot-weißen Schals, und Libuda ließ den Kopf hängen. In einem nur wenige Monate nach dem Finale erschienenen Buch würde der Journalist Jo Viellvoye von einem »sehr missvergnüglichen Abend« für Libuda sprechen, der »sicher lieber ins Kino gegangen wäre«.
So wirkte Libuda auf viele Menschen, vor allem auf jene, die ihn kaum kannten (und das waren so gut wie alle): wie jemand, der eigentlich lieber woanders wäre. »Stan war ein wenig verschlossen und nicht sehr zugänglich«, untertreibt Fischer. »Er wollte immer nur seine Ruhe haben.« Selbst Fichtel, der erheblich länger als Fischer in einer Elf mit Libuda spielte, fand keinen Zugang zu ihm: »Er lebte lieber zurückgezogen und hatte auch zu seinen Mitspielern wenig Kontakt.«
Das lag zum Teil an Libudas monumentaler Schüchternheit. Als er im Oktober 1969 ins »Aktuelle Sportstudio« eingeladen wurde, führte Moderator Dieter Kürten das Interview, während er mit Libuda und Schalkes Schatzmeister Heinz Aldenhoven an einem Holztisch in den Kulissen Skat kloppte. Der Plan war, Libuda seine Angst vor einem öffentlichen Auftritt zu nehmen, doch wie die »Süddeutsche Zeitung« vor einigen Jahren nach Ansicht der Ausschnitte schrieb: »Hat aber auch nichts gebracht, Libuda nuschelt herzergreifend Stummelsätze in die eigene Schüchternheit hinein.«
Doch wenn er Fußball spielte, dann war alles anders. Dann blickten die Menschen wie gebannt auf ihn und durften das auch. Denn auf dem Platz war er oft ein Alleinunterhalter im besten Sinne – furchtlos bis hin zur Arroganz und ein unbeugsamer Individualist. »Als Ivica Horvat Schalker Trainer wurde, sollten wir Spielzüge einüben«, erinnert sich Fichtel. »Er hat allen Spielern gezeigt, wo sie herlaufen sollen. Nur beim Stan hat das nie geklappt, denn der lief immer da lang, wo er wollte. Schließlich hat Horvat geseufzt: ›Ach, gibst du Stan einfach Ball in den Fuß, der macht den Rest.‹«
Der Garrincha vom Schalker Markt
Der Rest war eigentlich ganz simpel. »Jeder wusste, dass Libuda rechts vorbeigehen würde«, sagt Klaus Fischer. »Und was machte Stan? Er ging rechts vorbei.« Den Oberkörper kurz nach links kippen, dann rasch das Körpergewicht zur anderen Seite verlagern und Tempo aufnehmen – das war der nach dem berühmten Engländer Stanley Matthews benannte Trick, den niemand so flüssig vorführte wie Reinhard Libuda. Daher der Spitzname »Stan«, den er bereits 1965 von der Presse bekam, als er mit gerade 21 Jahren im Schalker Trikot für Aufsehen sorgte. In seiner Heimat Gelsenkirchen hatten sie ihn allerdings schon zwei Jahre zuvor mit einem noch Besseren als Matthews verglichen: Nach einem Derbysieg gegen Dortmund nannten sie ihn nach dem brasilianischen Wunderfummler den »Garrincha vom Schalker Markt«.
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Das war allerdings unpräzise, denn Libuda war in einem Gebiet vier Kilometer nordöstlich davon aufgewachsen, dem Haverkamp. Diese Unterscheidung mag kleinlich wirken, doch für Libuda selbst war sie von höchster Bedeutung. Schließlich war er nicht nur wegen des Berufs seines Vaters (Paul Libuda arbeitete als Bergmann) oder der Brieftaubenzucht hinterm Haus ein klassisches Ruhrpottkind, sondern auch wegen seiner Abhängigkeit von der solidarischen Geborgenheit, die Arbeiterviertel damals noch boten: In der Zechensiedlung Haverkamp war jeder Nachbar ein Familienmitglied, schon ein paar Straßen weiter traf man hingegen einfach zu viele Fremde.
Darum ist es ein Treppenwitz der Fußballgeschichte, dass Libuda das große Endspiel in einem Trikot bestritt, das ihm eigentlich fremd war und auch immer fremd blieb: dem des Lokalrivalen Dortmund. Als Schalke 1965 trotz all der Matthews-Tricks auf dem letzten Platz landete, entschloss sich Libuda schweren Herzens zu einem Wechsel, um weiter in der Bundesliga spielen zu können. Da lag Dortmund in jeder Hinsicht nahe – und doch fern. »Dem Reinhard waren doch schon die 35 Kilometer zwischen Gelsenkirchen und Dortmund zu viel«, sagte Günter Siebert drei Jahre später, als er in seiner Eigenschaft als Schalkes Präsident Libuda zurück nach Hause holte. Noch schlimmer war für Stan aber, dass der DFB die Bundesliga plötzlich von 16 auf 18 Vereine aufstockte. Schalke blieb erstklassig, und Libuda hätte seinen Kiez gar nicht verlassen müssen.
»Stan, sei mal ein Kerl!«
»Der Wechsel war nicht leicht für ihn«, sagt Aki Schmidt. »Ich habe oft zu ihm sagen müssen: ›Es ist nicht so, dass die anderen dich nicht mögen. Nun sei doch nicht so sensibel, Stan, sei mal ein Kerl!‹« Einem geborenen Draufgänger wie Schmidt kam so etwas leicht über die Lippen, doch Libuda nahm es seinem Dortmunder Zimmernachbarn nicht übel. Im Gegenteil: Schmidt bezeichnet sich noch heute als einen von Libudas wenigen Freunden. »Wenn er seine Frau anrief, hat er mich nie aus dem Zimmer geschickt.«
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Das war das fünfte Problem, das jenes Finale von 1966 für Libuda so schwierig machte: die viertägige Trennung von seinem kleinen Sohn und seiner Frau Gisela, einer Haverkämper Schönheit. Es gibt viele Geschichten über Libudas Eifersucht und wie gegnerische Verteidiger sein Misstrauen ausnutzten, um ihn mit ein paar Andeutungen völlig aus der Fassung zu bringen. Vielleicht erklärt das auch, warum ihm eine internationale Karriere nicht vergönnt war: Bei der Nationalelf fühlte er sich noch einsamer als sonst. Und dann war da auch noch jemand, an dem er eben nicht vorbeikam – Bundestrainer Helmut Schön, der offenbar den Menschen Libuda unzugänglich und den Fußballer Libuda unberechenbar fand. Zwar schoss Libuda Deutschland mit einem tollen Tor gegen Schottland im Oktober 1969 zur WM nach Mexiko, wo er dann gegen Bulgarien eine atemberaubende Ein-Mann-Show abzog, doch davor und danach biss er bei Schön auf Granit. Der Bundestrainer nahm ihn 1972 nicht mit zur EM, weil er schlecht in Form war. Aber er hatte ihn 1966 auch nicht mit zur WM genommen, obwohl er da eine starke Saison gespielt hatte.
Denn es war nicht zuletzt Libudas Verdienst, dass Dortmund das Finale um den Europacup erreichte. Nur im Endspiel selbst, da lief es nicht so. 107 Minuten lang. Dann, beim Stand von 1:1 in der Verlängerung, spielte Aki Schmidt einen langen Pass in den Lauf von Sigfried Held. Liverpools Keeper Tommy Lawrence rannte aus seinem Tor und warf sich auf der Strafraumgrenze in den Schuss von Held. Von seinem Körper prallte der Ball auf den Flügel. Den rechten. Libudas Flügel. »Er hatte freie Bahn zum Tor«, erinnert sich Schmidt. »Eigentlich musste er den Ball annehmen und noch gehen.« Aber einmal, einmal wählte der Mann, der den Ball immer annahm und mit ihm auf und davon ging, den direkten Weg: Aus 25 Metern schoss Libuda sofort aufs Tor. Und einmal kam dem Mann, der so oft Pech hatte, das Glück zur Hilfe: Das Leder flog gegen den linken Innenpfosten, von dort gegen die Hüfte von Liverpools Kapitän Ron Yeats und dann ins Netz.
300.000 Menschen schrien: »LI-BU-DA!«
Ein paar Stunden später lagen Schmidt und Libuda in ihren Hotelbetten und starrten hellwach an die Decke. »Was meinst du, was morgen zu Hause los ist?« sagte Schmidt. »Zum ersten Mal hat ein deutscher Verein einen Europapokal gewonnen. Die bringen uns um vor Freude!« Libuda, der große Schweiger, murmelte nur: »Quatsch, du bist ja verrückt.« Am nächsten Tag säumten 300 000 Menschen die Straßen in Dortmund und jubelten einem Schalker zu. »Li-bu-da!« schrien sie. Linkisch winkte der Rechtsaußen zurück.
Nach diesem Triumph knüpfte das Leben so einige Fallstricke für Reinhard »Stan« Libuda. Zwar gewann er 1972 den DFB-Pokal – endlich einen Titel mit Schalke, das er so liebte! –, aber da brauten sich schon dunkle Wolken über Gelsenkirchen zusammen. Libuda war, wie viele seiner Mitspieler, in den Bundesligaskandal verwickelt, und der kostete ihn letztlich ein angemessenes Ende seiner Karriere. Sie sollte eigentlich bei Racing Straßburg lukrativ ausklingen, aber die Franzosen schickten Libuda wieder weg, als der DFB ihn wegen des Skandals sperrte. Später kamen noch berufliche, gesundheitliche und familiäre Probleme hinzu. All das trug dazu bei, dass Libuda heute vielerorts als tragische Figur gesehen wird, die am Leben scheiterte.
Bestechungsskandal, kaputte Ehe, Geld weg – Libudas Absturz
»Der Mann hat sich unglücklich in den Bestechungsskandal verwickeln lassen, die Ehe ging in die Brüche, das Geld war futsch, mit Helmut Schön hat es nicht richtig geklappt«, zählt Thilo Thielke auf, der vor 14 Jahren die erste Libuda-Biografie verfasste. Doch er setzt hinzu: »Nicht jeder Mensch kommt so aalglatt durchs Leben wie die Beckenbauers, und das ist mir auch sympathisch. Ob man deshalb gleich tragisch ist und scheitert?«
Libuda starb 1996 an einem Schlaganfall, der ihn auf dem Sofa in der Wohnung seines Sohnes in Schalke ereilte. »Er war ein ganz liebes Kerlken«, sagt Aki Schmidt in einem für ihn untypisch sanften Tonfall. »Er hatte bloß nie was anderes als Fußball im Kopf.« Und Klaus Fichtel meint: »Spielertypen wie Stan gibt es heute nicht mehr. Was er gemacht hat, war nie geplant, das hat die Natur ihm mitgegeben. Er hatte Sachen drauf, die konnte niemand. Außer Libuda.«
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