Das kurze Comeback des Gerald Asamoah

Eckfahne, Arsch raus

In der 89. Minute hatte selbst das Pokalgewürge zwischen Darmstadt 98 und Schalke 04 noch seinen Gänsehautmoment: Gerald Asamoah durfte noch mal bei den Profis von S04 ran. Wir waren gerührt.

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Können diese Zähne lügen? Kann dieses Lächeln verletzen? Kann man diesen Mann nicht lieben? Er schaut seinen Darmstädter Gegenspieler Aytac Sulu an, zieht die Schultern hoch und grinst.

89. Minute. 3:1. Es ist alles entschieden, doch trippelt an der Seitenlinie ein Mann auf der Stelle wie ein Rennpferd vor dem Startschuss eines großen Derbys. Doch hier steht kein junger Hengst, hier steht ein altes Schlachtross und wartet auf seinen vielleicht letzten Ritt auf der großen Bühne.

90. Minute. Dieser verdammte Ball. Wie eine Flipperkugel kreiselt das Spielgerät über den holprigen Rasen des Stadions am Böllenfalltor. Der Mann an der Außenlinie schaut gebannt hinterher wie ein Terrier an der Leine. Reibt sich die Hände. Er will auch. Auf den Tribünen stimmen sie bereits Fangesänge mit seinem Namen an. Doch dieser verdammte Ball will einfach nicht über die Linie gehen. Der vierte Offizielle zeigt die Nachspielzeit an: zwei Minuten. Wird es noch reichen? Dieser verdammte Ball.

91. Ein Pfiff. Die Erlösung. Jefferson Farfan wird zur Auswechslung gerufen. Er geht so langsam, als liefe die Zeit rückwärts. Er will den Kollegen ärgern, weil er weiß, dass Asamoah von beiden Seiten auf seinen Einsatz brennt. Wie immer. Der 35-Jährige grinst. Er hat den Seitenhieb des Peruaners verstanden. Doch dann betritt er doch noch den Rasen. Das ganze Stadion erhebt sich, applaudiert, eine kollektive Verneigung. Gegner, Mitspieler, Fans, selbst der ARD-Reporter Tom Barrels ahnen, welch Balsam diese Einwechslung für die Schalker Seele ist.

Zum Nachlesen: Der Liveticker zum Spiel Darmstadt – Schalke >>>

Nur zur Erinnerung: Vor der Saison war der vereinslose Gerald Asamoah als eine Art Stand-By-Profi bzw. -Maskottchen zu Schalke 04 zurückgekehrt. In der U23 sollte er den königsblauen Jungspunden zeigen, wie man Schalke lebt. Und wie man ein Großer wird. Mit Einsatz. Mit Willen. Notfalls mit Ellenbogen. Er ist der Beweis dafür, dass Talent nunmal nicht alles ist. Natürlich wollte man Asamoah auch an den Verein binden, weil man um seine Strahlkraft weiß. In Zeiten von Viagogo, Identitätskrise und Dauerbeschallung im Boulevard ist einer wie er Gold wert.

Dabei war er fremdgegangen. Mit St. Pauli, mit Fürth, und er hinterließ dort nicht nur Freunde. Er weinte im Trikot dieser Klubs vor der Schalker Nordkurve. Auf Schalke haben sie ihn nie vergessen. Sein Hackentor gegen Unterhaching am 19. Mai 2001. Am Tag der Tränen. 4 Minuten und 38 Sekunden. Was für eine Scheiße. Seine Galle in den Derbys mit dem BVB. Dafür haben sie ihm viel verziehen. Lange Nächte in Marl, unverschämte Prollkarren, ein paar Kilo zu viel auf den Hüften. Er war vielleicht der letzte echte Ackergaul, den man in der Arena bestaunen durfte. Gerald Asamoah, das war immer: Eckfahne, Arsch raus, Dreck am Stutzen. Mehr Freistoß schinden als One-Touch-Fußball. Egal ob es 4:0 oder 0:7 stand. Auf einen wie ihn warten sie schon lange. Vergeblich. Es kamen die Jurados, die Zé Robertos II, die Baumjohanns. Sie alle sind weg, doch Gerald Asamoah ist plötzlich wieder da.

92. Minute. Sein erster Ballkontakt. Der Ball verspringt. Natürlich. Dann rennt er nach vorne, schaut seinen Darmstädter Gegenspieler Aytac Sulu an, zieht die Schultern hoch und grinst. Auf der Tribüne singen sie: »Gerald Asamoah, oh, oh, oh oh, oh«. Er weiß doch auch nicht, wie das alles passieren konnte. Vielleicht kommt dieser Moment nie wieder. Am liebsten möchte man ihn einfrieren.

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