Das Hooligan-Problem der Nationalmannschaft

Kaum greifbar

In Zeiten der Fanmeilen hatte man sie schon fast vergessen: Hooligans der deutschen Nationalmannschaft. Knapp 400 von ihnen sorgten im Vorfeld des deutschen EM-Qualispiels gegen Österreich für Randale. Ein Problem, für das es noch keine Lösung gibt. Das Hooligan-Problem der Nationalmannschaft

Natürlich hat Volker Goll die Berichte gelesen. »Hooligan-Randale beschämt deutschen Fußball«, titelte »spiegel-online« aufgeregt. »Deutsche Hooligans randalieren in Wien!«, schlagzeilte »bild.de«. Volker Goll weiß wovon die Rede ist. Er war ja selbst dabei, als knapp 400 deutsche Fans vor dem EM-Qualifikationsspiel zwischen Österreich und Deutschland am vergangenen Freitag für Ärger sorgten, Scheiben einschmissen, mit Stühlen nach Polizisten warfen, »Sieg Heil!« gröhlten. Volker Goll ist Mitarbeiter der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Randale, ja, die gab es. Aber von gewaltigen Straßenschlachten, wie es die Überschriften der Zeitungen am Tag danach suggerierten, hat er nichts gesehen. Es gab in der Vergangenheit schon wesentlich schlimmere Auseinandersetzungen zwischen deutschen Fans und der Polizei. Aber wie auch immer die Heftigkeit des deutschen Krawalls zu bewerten ist, eines ist sicher: Der deutsche Fußball hat ein Problem, das fast vergessen schien – gewaltbereite Anhänger bei Spielen der Nationalmannschaft.

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Man kennt die furchtbaren Szenen aus dem WM-Sommer 1998. Der französische Polizist Daniel Nivel liegt am Boden, deutsche Schläger treten ihn fast zu Tode. Die Bilder von Lens haben den deutschen Fußball verändert. Fanprojektler wie Volker Goll waren schon vorher wichtig, doch seit Lens 1998 haben ihre Stimmen Gewicht in der Szene. In den Vereinen schaffte man es tatsächlich nach und nach die Problemfelder Rassismus, Gewalt, Hooliganismus wirksam zu bekämpfen. Heute hört man in den Bundesligen keine Affenlaute mehr, wenn farbige Fußballer am Ball sind. Und wer sich unbedingt im Mief der Käseglocke Fußball auf die Schnauze hauen möchte, der tut das inzwischen in polizeifreien Wald- und Wiesengebieten – oder wandert in die unteren Ligen. Überall tat sich was. Nur nicht bei Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft.

Das Hooligan-Problem ist noch da – es hat sich nur verlagert

Wobei die großen Turniere eine Ausnahme bilden. 2000, bei der EM in Holland und Belgien, schwang die einheimische Polizei zwar noch so enthusiastisch die Knüppel, dass nicht nur Hooligans mit Platzwunden nach Hause fahren mussten. Aber spätestens seit 2002, als bei der fernen WM in Asien ohnehin nur wenige Deutsche den Weg nach Japan und Südkorea fanden, ist die Fan-Gewalt bei Welt- und Europameisterschaften auf ein Minimum zurück gegangen. Das Problem aber ist geblieben. Es hat sich nur verlagert.

Deutsche Hooligans, weiß KOS-Mitarbeiter Goll, treten längst nicht mehr bei Weltmeisterschaften oder Heimspielen in Dortmund, München, Bremen auf. Sie suchen sich Auswärtsspiele in Nachbarländern aus, um dort für Ärger zu sorgen. Freundschafts- und Qualifikationsspiele im Ausland sind das bevorzugte Reiseziel. Die Tickets, vom DFB eigentlich streng reguliert, besorgen sich die Hooligans über Umwege oder ganz einfach den Schwarzmarkt vor Ort. Im Stadion bleibt die Randale zumeist aus. Geprügelt wird sich vor und nach dem Spiel. Nicht nur in Wien. 2006 hauten sich deutsche Anhänger in Bratislava, im vergangenen September spielten sich im Vorfeld der Qualifikationspartie gegen Belgien in Brüssel üble Szenen ab. Volker Goll war dabei und musste mit ansehen, wie die belgische Polizei auch auf unschuldige Schaulustige einprügelte. Nichtsdestotrotz: Die kleine Gruppe gewaltbereiter deutscher Fußballfans hat sich ihren schlechten Ruf im Ausland hart erarbeitet.


»Die Problemfans sind kaum greifbar«

Die Szenen von Wien waren also eigentlich keine Neuigkeit, doch die breite Öffentlichkeit zeigt sich jedes Mal wieder überrascht und entsetzt. Denn eigentlich, so dachte man, sei das Hooligan-Problem in Deutschland doch längst beseitigt. Nicht aber bei Länderspielen der deutschen Nationalmannschaft. Volker Goll weiß auch warum, eine Lösung hat allerdings auch er nicht parat: »Das Problem ist: Anhänger der Nationalmannschaft sind für Fanbetreuer kaum greifbar. Sie kommen aus allen Teilen des Landes für die jeweiligen Spiele zusammen und gehen danach wieder auseinander.« Das Fundament für eine fundierte Fanprojektarbeit ist also erst gar nicht gegeben. Goll: »Eine vernünftige und langfristige Basisarbeit muss sich eigentlich an der Entwicklung einer positiven Fankultur orientieren.« Was in diesem Fall scheinbar nicht möglich ist.

Den typischen deutschen Fußballfan kennt die Welt seit der kunterbunten Party-WM 2006 eigentlich als fröhlich vollgeschmierten Fanmeilen-Besucher, stets bereit für die nächste Laola-Welle. Hundertschaften breitschultriger Tattoo-Liebhaber mit der Neigung zur Randale passen da nicht so recht ins Bild. Umso schwieriger erscheint den Experten, die Struktur der Länderspiel-Rowdys zu durchschauen. Goll, der 1994 ein Fanzine der Offenbacher Kickers ins Leben rief und seit 2001 aktive Fanprojektarbeit betreibt, meint: »Mit einer generellen Klassifizierung der gewaltbereiten Fans der Nationalmannschaft tue ich mich schwer. Man kann nicht einfach sagen, dass da 200 Hooligans, 100 Kampfsportler und 50 Neo-Nazis durch Wien gezogen sind. So einfach darf man es sich nicht machen.«

Die »Spezies Hooligans« hat in der Nationalmannschaft überlebt

Das Problem ist vorhanden, doch es fehlen die Lösungsansätze. Gewaltbereite Fans finden in den Auswärtsspielen der Nationalmannschaft die Nische und die Öffentlichkeit, die ihnen in den Heimatvereinen längst genommen wurde. Die angeblich aussterbende Spezies »Hooligan« lebt in Brüssel, Bratislava oder Wien weiter. Immerhin zeigt der scheinbar nicht greifbare Mob inzwischen wieder seine Farben. Volker Goll hat eine Entwicklung feststellen können: »Die deutschen Fans haben in Wien gezeigt, woher sie kommen. Dass Dresdener, Berliner oder Frankfurter sich so offen zeigen, war vor Jahren noch ganz anders. Sie präsentieren sich als Gruppe und Konfrontationen untereinander waren – jedenfalls in Wien – kein Thema mehr. Man muss abwarten, ob das eine neue Tendenz ist.«

Volker Goll und seine Kollegen haben durchaus Kontakt zur Szene der deutschen Problemfans, doch fehlt ihnen die Zeit und der nötige Ansatzpunkt für eine erfolgreiche Fanarbeit. Die Hooligans der Nationalmannschaft sind für die Vermittler an der Basis so greifbar wie Wasser. Laut Goll gibt es nur drei Möglichkeiten, sich der Problematik angemessen zu nähern: »Erstens: Es bleibt alles, wie
es ist und man nimmt damit in Kauf, dass es alle paar Monate negative Schlagzeilen gibt. Zweitens: Man investiert in ein umfangreiches Fanbetreuungsteam, das versucht in mühsamer Kleinarbeit eine gewisse Struktur in die Szene zu bekommen. Kalkuliert dabei allerdings auch ein, dass der Erfolg nicht automatisch eintritt. Drittens: Man kürzt die Anzahl der Tickets für Auswärtsspiele der Nationalmannschaft massiv ein und vergibt die Karten quasi exklusiv.«

Das allerdings klingt eher nach einer Drohung.

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