Das harte Leben der Trainer

Unter Geiern

Bundesligaherbst. Die Trainer „fallen mit verneinender Gebärde“ (Rilke) – den Pöbel freut's. Doch kaum jemand weiß, was wirklich zu einer Entlassung führen, unter welchen Bedingungen ein Trainer überhaupt arbeiten muss. Wir klären auf. Imago DER ERSTE TAG

Sie haben lange gewartet, nun sind Sie endlich wieder im Geschäft. Am Ende ging alles ganz schnell, die Verhandlungen, der Vertrag, der Handschlag mit dem Präsidenten, der Anruf bei der Bild-Zeitung, die Presseerklärung. Sie sind wieder einer von 36 Trainern im deutschen Profi -Fußball. Ihr Job: die Mannschaft aus dem Tabellenkeller führen, das ursprüngliche Saisonziel, längst in weite Ferne gerückt, doch noch erreichen, die Kluft zwischen den verfeindeten Parteien in Ihrer Startruppe kitten, kurz: den Erfolg zurückbringen.

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Zeit, über die neue Aufgabe nachzudenken, haben Sie allerdings keine. Für 14 Uhr ist das erste Training mit der Mannschaft angesetzt. Seien Sie schon eine Stunde vor Trainingsbeginn da. Es macht schließlich keinen guten Eindruck, wenn Sie am ersten Tag gleich verspätet vorfahren. Außerdem bleibt so genügend Zeit, um ein paar Kernsätze in die Kameras der wartenden Journalisten zu sprechen. Darin sollten Vokabeln wie Kampf, Teamgeist, Zuversicht, Aufbruchstimmung, Disziplin vorkommen. Sollten Sie Zweifel plagen, ob der Erfolg mit der Mannschaft wirklich zu erzielen ist, lassen Sie sich das bitte, bitte nicht anmerken. Sie können sonst Ihren Spind gleich wieder ausräumen. Ihr kleines Einmaleins haben Sie drauf. Sie hatten genug Zeit, sich auf die neue Aufgabe vorzubereiten: Sie kennen die Kader der Ligakonkurrenten. Die Positionen Ihrer neuen Spieler und die des nächsten Gegners sind Ihnen geläufig, sowohl in der ersten als auch in der zweiten Besetzung. Wofür gibt es schließlich das Internet?

In der Zeit ohne Engagement haben Sie Ihre Trainingspläne überarbeitet. Als Profi-Trainer in Deutschland müssen Sie jederzeit einsatzbereit sein. Wer ein Team retten will, braucht höchste Flexibilität. Lorenz-Günther Köstner, aktuell bei Rot-Weiss Essen, bekam am Donnerstag, den 16. November 2006, den Anruf vom Präsidium. 24 Stunden später wurde sein Vertrag fixiert. Samstag, ein kurzes Training. Sonntag das erste Spiel bei Erzgebirge Aue. Köstner: »Wer in so eine Situation geworfen wird, auf dem lastet brutaler Druck.« Wer dem standhalten will, muss seine Hausaufgaben gemacht haben. Vor dem ersten Training rufen Sie die Mannschaft zusammen und halten Ihre Antrittsrede. Die darf kurz und knackig daherkommen, langatmige Durchhalteparolen haben die Spieler schon von ihrem Vorgänger ausreichend zu hören bekommen.

Stattdessen verkünden Sie einige Leitlinien Ihrer Arbeit. Machen Sie gleich zu Beginn klar, dass Sie mit dem Team in einem Boot sitzen. Stärken Sie das Wir-Gefühl. Manche Fußballer mögen Schwierigkeiten mit der Orthographie haben, wenn Sie ihnen aber vermitteln, dass Sie gekommen sind, um ihnen zu helfen – keine Sorge, sie werden Ihnen glauben. Schließlich sind Sie derjenige, der die Verantwortung übernimmt. Und das ist gut: Dann haben die Medien nämlich einen, den sie abwatschen können. Und die Spieler werden fortan wieder in Ruhe gelassen. Je emotionaler und verständlicher Ihre Worte, desto besser.

Schließlich wollen Sie bei jedem Spieler Wirkung hinterlassen. Noch sind Sie die uneingeschränkte Autorität, Sie sind der Grashalm, an den sich das Präsidium mit weißen Knöcheln klammert. Soviel Vertrauen wie an Ihrem ersten Tag genießen Sie nie wieder in Ihrer Amtszeit. Nutzen Sie diese Situation: Gehen Sie maßvoll mit Bildern um, jedes falsche Wort finden Sie vielleicht schon morgen in einer Boulevard-Zeitung zitiert. In Köln bat Christoph Daum die Mannschaft, sich vorzustellen, sie säße gemeinsam in einer Wanne und jeder Spieler mache mit den Händen leichte Wellen auf dem Wasser. »Stellt euch vor, was daraus für ein Tsunami entstehen würde.« Badewanne? Tsunami? Sollte die Mannschaft noch Ihrem Vorgänger hinterher trauern, sollten Sie schnell klarmachen, wer nun Chef im Ring ist. Form vollendet gelang das Horst Franz, der im November 1987 Nachfolger von Peter Neururer bei Rot-Weiss Essen wurde. Neururer, damals jüngster Coach im Profigeschäft, war soeben vom Präsidium über seine Beurlaubung informiert worden und verabschiedete sich von der Mannschaft. Während der scheidende Coach noch zu den Spielern sprach, stand bereits sein Nachfolger in der Tür. Franz rief laut in die Kabine: »Der König ist tot, es lebe der neue König.«

Da blieb selbst dem sonst so schlagfertigen Neururer kurzzeitig die Luft weg. Und Franz legte nach, fragte seinen Vorgänger vor versammelter Mannschaft: »Na, junger Freund, machst du das eigentlich hauptberuflich?« Beim ersten Training werden viele Fans da sein. Sie werden Ihnen auf die Schulter klopfen, und ein paar Leute werden singen, Sie seien der beste Mann. Bilden Sie sich nichts darauf ein. Die gleichen Leute werden Ihren Rausschmiss fordern, wenn es nicht läuft. Der Erfolg hat viele Väter, der Misserfolg ist ein Rindvieh. Sei’s drum, bis dahin suchen Sie die Nähe der Fans, posieren für Fotos, schreiben Autogramme. Sie sind ein Mann des Volkes. Lassen Sie Ihre Spieler laufen, den Platz rauf und runter. Das macht zwar keinen Sinn, aber dieses Training ist reine Show für die Fans. Die nicken beifällig am Spielfeldrand. Endlich macht mal einer den Spielern wieder richtig Beine. Übertreiben Sie die Zirkusnummer allerdings nicht. Als Udo Lattek 2001 mit großem Medienauftrieb antrat, um Dortmund vor dem Abstieg zu retten, raunten sich zwei brasilianische Spieler in Hörweite des Publikums höhnisch zu: »Wer ist der alte Mann da vorne?«

DIE MANNSCHAFT

Ein Trainingsspiel ist ein probates Mittel um festzustellen, wie die Hierarchien im Team gelagert sind. Oft erkennen Sie schon an der Körpersprache, welches Ansehen ein Spieler in der Mannschaft genießt. Wenn Sie Zeit haben, fahren Sie für einige Tage ins Trainingslager. Denn die richtige Arbeit beginnt in den Einzelgesprächen. Erst hier erfahren Sie, was wirklich in der Mannschaft los ist. Jörg Berger erkennt in der Artikulationsfähigkeit, wer Führungsspieler ist und wer nicht. Als Trainer von Eintracht Frankfurt sprach er Jan Åge Fjørtoft das Vertrauen zu, bei Schalke Youri Moulder, in Aachen Eric Meijer. Charaktere, die Respekt genießen und führen können. Oft sind es gar nicht die Ausnahmekönner, die auf dem Platz die Linie vorgeben. Berger: »Als ich zur Eintracht kam, saß Fjørtoft auf der Bank, ein Außenseiter. Aus dem, was er sagte, aber entnahm ich, dass er eine konkrete Vorstellung davon hatte, wie das Team funktionieren könnte. Unter vier Augen verabredete ich mit ihm: Sie sind mein Führungsspieler, sie haben mein Vertrauen.« Vertrauen Sie, dann wird auch Ihnen vertraut.

Die Mannschaft ist fortan gezwungen, sich an Ihrem verlängerten Arm auf dem Feld zu orientieren. Selbst, wenn die anderen gar nicht wissen, welches Abkommen Sie getroffen haben. Ihr Rückhalt gibt den von Ihnen bestimmten Führungsspielern neues Selbstvertrauen. Im Idealfall strahlt dies auf die anderen in der Mannschaft ab. Das verändert die Linie – im Training und im Spiel. Ihre Mannschaft braucht ein Gerippe. Hannes Bongartz, zuletzt bei den Sportfreunden Siegen: »Eine Mannschaft ist wie ein Organismus. Ist das Rückrat kaputt, kann der Mensch nicht funktionieren.« Uwe Rapolder setzte bei Arminia Bielefeld unter anderem auf Torwart Matthias Hain. Der Keeper hielt nicht überragend, mit seinem unbändigen Ehrgeiz peitschte er die Ostwestfalen aber immer wieder nach vorne. Mit dem Führungsspieler Lukas Podolski erlebte der Schwabe als Coach des 1. FC Köln später sein persönliches Waterloo. Rapolder heute: »Lukas war für mich unführbar.«

Stundenlang diskutierte er mit dem Jungstar über Spieldisziplin und sein Konzept. Prinz Poldi war mit den Gedanken woanders. Der sprunghafte Stürmer vertraute nicht auf die Worte des Trainers und spielte seinen Stiefel – so wie er es bis dato in der 2. Liga gemacht hatte. Ein Symptom für die Verfassung der Mannschaft. »Wenn bei einem Mannschaftsabend in Bielefeld eine Band spielte, hat die ganze Mannschaft mitgezogen. Da hat nachher jeder getanzt. In Köln haben die Jungs auf ihren Stühlen gehockt, mit ihren Handys gespielt und waren froh, wenn sie nach Hause durften.«

Peter Neururer erstellt bei jedem Amtsantritt ein Soziogramm. Nach der allgemeinen Ansprache bittet er jeden Spieler anonym eine persönliche Mannschaftsaufstellung zu notieren. Nur das System gibt der Mann von der Sporthochschule vor. An der Schnittmenge auf den Positionen erkennt der Coach, welche Spieler das höchste Ansehen genießen. Dazu muss jeder im Kader aufschreiben, mit wem aus der Mannschaft er am liebsten unter widrigen Umständen einen gemeinsamen Urlaub verbringen würde. Auf diese Weise erschließt Neururer die Sympathien und Antipathien in der Mannschaft. Im Trainingslager finden Sie heraus, welche Stammspieler noch auf der Seite Ihres Vorgängers stehen, welche sich in ihrer Position eingerichtet haben und nicht bereit sind, von dieser leichten Trägheit abzugehen. Setzen Sie Zeichen: Opfern Sie einen Stammspieler. Beim nächsten Spiel sitzt die Altlast auf der Tribüne. Das erhöht den Konkurrenzkampf und – zumindest kurzfristig – die Einsatzbereitschaft in Ihrer Truppe.

Der moderne Fußballlehrer sollte sich zudem den Marktgesetzen der Globalisierung anpassen. Je mehr Sprachen Sie sprechen, desto besser verstehen die Spieler Sie. Aus diesem Verständnis erwächst zusätzliches Vertrauen. Uwe Rapolder spricht Niederländisch, Englisch, Französisch, Italienisch. Jedoch gleich, ob Kumpeltyp oder Diktator – um Distanz zu Ihren Spielern zu halten, sollten Sie Wert darauf legen, gesiezt zu werden. In der Bundesliga ist die Anrede »Sie, Trainer« gängig, Sie sprechen die Spieler jeweils mit dem Vornamen an.

DER JOB
Wollen Sie Erfolg haben, müssen Sie als zentrale Figur in einem fragilen Spannungsfeld fungieren. Sie müssen den Ansprüchen von Vorstand, Fans, Medien und Mannschaft gerecht werden. Wenn Sie einen kleinen Klub übernehmen, kann es passieren, dass sonntags plötzlich ein Sponsor bei Ihnen auf dem Sofa sitzt und fragt, ob Sie mit der Mannschaft die Liga halten. Sonst gedenke er sein Geld woanders anzulegen. Das wiederum kann dem Verein im Extremfall nicht nur den Wiederaufstieg versauen, da wichtige Leistungsträger nicht mehr bezahlbar wären, sondern sogar die Lizenz kosten. Solche Momente müssen Sie aushalten können. Wenn es also Ihre finanzielle Situation erlaubt, nehmen Sie nicht jedes Angebot aus dem Profigeschäft ohne vorherige Prüfung an.

Definieren Sie realistische Ziele: Sprechen Sie mit dem Management über den Etat, die Trainingsbedingungen, die Logistik, den Kader und mögliche Ergänzungsspieler. Wenn der Verein keine Visionen hat, versuchen Sie ihm Ihr Konzept vorzugeben. Der Klub muss Entwicklungen erkennen, wenn er langfristig erfolgreich sein will. Sie können jetzt die Akzente setzen. Schrauben Sie dabei die Erwartungshaltung auf erreichbare Ziele. Wolfgang Holzhäuser, Geschäftsführer bei Bayer 04 Leverkusen, hat Recht, wenn er sagt: »Trainer sind eine temporäre Erscheinung.« Aber, wer weiß, vielleicht sind Sie gerade dabei der nächste Otto Rehhagel oder Volker Finke zu werden. Eines ist sicher: Sie werden daran gemessen, was Sie am Anfang vorgeben. Lassen Sie sich auf keinen Fall zum Notnagel degradieren. Was dabei herauskommt, hat gerade Jürgen Röber bei Borussia Dortmund schmerzlich erfahren. Einem Trainer, dem ein Präsidium von vornherein nur für die Rückserie einen Vertrag gibt, fehlt es an Courage. Die Ersten, die diese schwache Position des Trainers ausnutzen, sind die Spieler. Neururer: »Pietätlos, wie da in Dortmund mit einem Menschen umgegangen wurde.«

Informieren Sie sich bei Kennern der Szene über den Einfluss früherer Trainer im Verein und eventuelle Probleme mit dem Management. Und, Hand aufs Herz: Passen Sie überhaupt in die Region? Nicht, dass es Ihnen ergeht wie Uwe Rapolder beim LR Ahlen: »Ein Kaff, in dem es noch nicht einmal ein Kino gibt. Ja, wie soll man denn dort vom Fußball abschalten?« Stimmt es in der Mannschaft oder schlummern dort Probleme wie Hannes Bongartz sie bei den Sportfreunden Siegen vorfand: »Ein Satz vom Vorstand hätte gereicht: Die Neuzugänge sind in die Mannschaft nicht integriert. So brauchte ich Wochen, um herauszufinden, was nicht stimmt.« Ihre Arbeitszeit hängt von ihrem Einsatzwillen ab: Unter der Woche leiten Sie zwei Trainingseinheiten pro Tag. Wenn Sie eine halbe Stunde vor dem Vormittagstraining erscheinen und eine Stunde nach der Nachmittagseinheit nach Hause fahren, sind Sie etwa von 9 bis 18 Uhr beim Verein. Hinzu kommen Abendveranstaltungen mit Sponsoren oder Essen mit dem Manager oder Präsidenten. Wenn Sie nicht wollen, dass der Job Ihr komplettes Leben bestimmt, schaffen Sie Freiräume für Dinge jenseits des Fußballs. Wolfgang Frank, Trainer von Kickers Offenbach: »Früher hatte ich den Tunnelblick. Der Job fraß mich auf. Ich dachte jede Minute über Fußball nach, jede Niederlage bezog ich auf mich. Ich hatte Magenprobleme. Heute führe ich bewusst ein Leben neben dem Job, gehe mit meiner Partnerin regelmäßig ins Theater, mache Yoga, gehe Laufen.«

DAS GELD

Das Gehaltsgefüge von Profi -Trainern basiert auf zwei Säulen: dem Grundgehalt und den Erfolgsprämien. Sie können es sich ausrechnen, welches Angebot ein Verein ihnen unterbreiten wird: Bei Energie Cottbus wird kaum mehr als 350 000 Euro Grundgehalt herausspringen, der FC Bayern wird Ihnen irgendetwas im Bereich von etwa drei Millionen Euro anbieten.

Eines aber ist sicher: Ein Bundesligaklub, der beim Trainergehalt anfängt zu feilschen, macht einen entscheidenden Fehler. Ein gut geführter Klub, der Ihnen ein Angebot macht, sollte so klug sein, Ihnen eine angemessene Offerte zu unterbreiten. »Der Trainer ist der wichtigste Mann im Verein. Der Klub, der einen Trainer nur verpflichtet, weil er billiger ist als ein anderer, wird große Probleme kriegen«, sagt Rolf Rüssmann, Ex-Manager bei Borussia Mönchengladbach, Schalke 04 und beim VfB Stuttgart. Ergo: Fragen Sie ruhig nach mehr Geld, wenn Sie nicht zufrieden sind. Wenn der Klub Sie will, wird er es Ihnen geben. Wenn Ihnen dann signalisiert wird, die finanzielle Situation lasse nicht mehr zu, bestehen Sie zumindest darauf, sich Prämien in den Vertrag schreiben zu lassen. Jörg Berger übernahm Eintracht Frankfurt 1988 auf einem Abstiegsplatz. Als der Verein nur ein Minimalgehalt zahlen konnte, erbat er sich für den Fall, die UEFA-Cup-Ränge zu erreichen, eine extraordinäre Prämie. Der Aufsichtsrat willigte ein – utopisch erschien die Möglichkeit, noch ins internationale Geschäft einzuziehen. Eineinhalb Jahre später gelang Berger das Kunststück – er kassierte.

Peter Neururer verzichtet inzwischen ganz aufs Zocken. Wenn die Modalitäten stimmen, hört er sich das finanzielle Angebot an. »Wenn es nicht meinen Ansprüchen genügt, sage ich ab. Wir sind doch nicht auf dem Bauernmarkt.« Denken Sie beim Vertragsabschluss aber auch an die negativen Folgen eines Engagements. Sorgen Sie neben der Laufzeit auch für eine Regelung im Falle der vorzeitigen Trennung. Legen Sie fest, was der Verein für die Restlaufzeit zu zahlen hat. Sonst müssen Sie sich im Falle einer Beurlaubung neben der ohnehin schon angespannten Situation auch mit Anwälten herumärgern. Seien Sie nicht eifersüchtig, wenn manche Spieler ein höheres Gehalt als Sie beziehen. Seit dem Bosman-Urteil können Leistungsträger nur noch über die Bezüge an einen Verein gebunden werden. Halten Sie es wie Uwe Rapolder: »Wenn ich mehr als eine Million Euro verdiene, empfinde ich keinen Neid mehr gegenüber anderen.« Peter Neururer sagt: »Auch mit 75 kann ich mir noch ein Steak am Tag leisten.«

Über die Verträge ihrer Spieler sollten Sie trotzdem informiert sein: Einerseits, um eventuelle Klauseln zu kennen. Jörg Berger bekam 1998 beim Karlsruher SC nur durch Zufall mit, warum sein Team im Abstiegskampf nicht ganz bei der Sache war. Ein Großteil der Stammspieler besaß Ausstiegsklauseln im Falle eines Abstiegs in die 2. Liga. Viele Stammspieler hatten für den schlimmsten Fall vorgesorgt und in der laufenden Saison bereits Vorverträge bei anderen Vereinen unterschrieben. Außerdem muss ein Trainer wissen, was ein Spieler verdient, damit er angemessene Sanktionen aussprechen kann. Neururer: »Was bringt es, wenn ich einem Spieler eine 10 000 Euro Geldstrafe für eine durchzechte Nacht in der Disco aufbrumme, wenn er fünf Millionen verdient. Der lacht sich doch kaputt und geht gleich wieder einen trinken.« Für einen, der 30000 Euro verdient, ist das hingegen sehr schmerzhaft.

DIE SPIELER

Der Erfolg der Mannschaft ist das Benzin im Tank eines Klubs. Wenn es bei ihr nicht läuft, besiegelt das früher oder später auch Ihr Schicksal. Deshalb sorgen Sie für größtmögliche Transparenz, denn Erfolg ist nur zu erzielen, wenn das gesamte Team daran arbeitet. Sprechen Sie Probleme frühzeitig und offen an. Wägen Sie genau ab, in welchen Situationen Sie einen Spieler öffentlich kritisieren. Fehler, die im Spiel gemacht werden, sprechen Sie vor der gesamten Mannschaft an. Wenn ein Spieler ein Tor verschuldet hat, kennen auch seine Kollegen den Schuldigen.

Es hat also keinen Zweck, diese Defizite unter den Teppich zu kehren, um nicht die Eitelkeit des Einzelnen zu kränken. Abstimmungsschwierigkeiten, die in einzelnen Mannschaftsteilen auftreten, sollten Sie hingegen nur vor den jeweils Betroffenen ansprechen. Sonst langweilen Sie die anderen schlicht und einfach. Spieler sind umgeben von Beratern und Journalisten, die um ihre Gunst werben. Bedenken Sie bei jeder Ihrer Äußerungen, dass diese auch über Umwege in die Medien gelangen kann. Gerade Spieler, die sich von Ihnen vernachlässigt fühlen, sind anfällig für indiskrete Nachfragen durch Vorstände oder Journalisten. Leben Sie dem Team vor: Erst das Problem intern ansprechen und nur in Ausnahmefällen damit an die Öffentlichkeit gehen.

Als Trainer müssen Sie damit rechnen, jeden Tag Kompromisse eingehen zu müssen. Vielleicht lief beim Nachmittagstraining noch alles glatt, schon hat sich am nächsten Morgen ihr Mittelfeldregisseur einen grippalen Infekt eingehandelt und der Sechser sich beim Warmlaufen eine Bänderdehnung zugezogen – Ihr mühsam ausgetüfteltes taktisches Konzept zerfällt von einem Moment zum nächsten. Lorenz-Günther Köstner: »Das sind Ohnmachtsituationen. Aber es muss weitergehen.« Ein Trainer braucht großes Talent im Improvisieren. Da hätten wir schon das nächste Problem: In Deutschland herrscht das Heroisierungsprinzip. Die Medien picken sich einzelne Spieler heraus, die verantwortlich für den Erfolg eines Teams gemacht werden. Mit diesen Stars muss ein Trainer lernen, umzugehen. Während in Italien oder England der Trainer, der »Sir«, der »Mister«, »the Man« ist – kurz: das Maß aller Dinge und die absolute Autorität –, steht er in Deutschland am unteren hierarchischen Ende der Trias, die er mit dem Präsidenten und dem Manager in der Klub-Verantwortung bildet.

Unvergessen Giovanni Trapattonis »Flasche leer«-Rede, weil er aus Italien den Mangel an Respekt und Disziplin, mit dem ihm Spieler wie Thomas Strunz entgegentraten, einfach nicht kannte. Ralf Rangnick scheiterte als Trainer des VfB Stuttgart am engen Verhältnis seines Lenkers Krassimir Balakov zu VfB-Präsident Mayer-Vorfelder. Der greise Patriarch gab später zu, im Fußball Konflikten mit Spielern bewusst aus dem Weg gegangen zu sein, weil er in der Politik genug Auseinandersetzungen ertragen musste. Rangnick geriet zwischen die Fronten. Als er auf die Gleichbehandlung aller Spieler pochte und Balakov aus dem Spiel nahm, gingen die Fans auf die Barrikaden. Der damalige VfB-Manager Rüssmann: »Ralf wurde zerschlissen vom Protest der Zuschauer: Hier der gute Balakov, dort der böse Trainer.«

Uwe Rapolder ereilte beim 1. FC Köln dasselbe Schicksal – in Gestalt von Lukas Podolski. Hannes Bongartz scheiterte bei Borussia Mönchengladbach an Stefan Effenberg: »Einen kompletteren Fußballer habe ich nie trainiert, aber als ich ihn einmal auf die Tribüne strafversetzte, saß ich am nächsten Tag beim Vorstand, der mir mitteilte, fünf Sponsoren würden ihr Geld aus dem Verein abziehen, wenn ich das noch mal täte.« Und als Wolfgang Frank bei der Spielvereinigung Unterhaching seinen Star Francisco Copado einmal zu oft für dessen ausschweifenden Lebenswandel tadelte, ließ der seine Kontakte spielen. Über seine Lebensgefährtin, die Tochter von Unterhaching-Mäzen Schrobenhauser, wirkte der Spanier nachhaltig an der Demission des passionierten Zweitliga-Trainers beim Münchner Vorortverein mit. Vermutet Frank.

Halten Sie Ihre Stars an der langen Leine, aber lassen Sie nicht los. Gönnen Sie ihnen mehr Regeneration als den jungen Talenten. Sehen Sie über manche Marotte hinweg, so wie Jörg Berger, der es bei seinem exzentrischen Torhüter Uli Stein in Frankfurt gar duldete, dass sich der Keeper während der Halbzeitbesprechung auf die Toilette zum Rauchen verdrückte. Bitte keine Hemmungen: Wenn Ihnen einer auf der Nase herumtanzt, machen Sie Druck beim Berater des Spielers. Drohen Sie mit einer Verbannung auf die Tribüne. Dann wird der Berater mit seinem Schützling reden. Denn Suspendierung bedeutet für den Spieler schlechte Presse. Und die schmälert im Extremfall den Marktwert des Kickers. Oder lassen Sie ganz einfach die Mannschaft entscheiden, wie sie mit einem verfährt, der den Teamspirit gefährdet. Prangern Sie die Vergehen des Einzelnen in der Teambesprechung an, weisen Sie auf die Gefahren hin, die ein solches Verhalten für die Gemeinschaft birgt – und sorgen Sie für 1:1-Situationen im Training. Stellen Sie Ihren rebellierenden Star gegen den schlimmsten Treter im Team und achten Sie für einige Minuten nicht darauf, was hinter Ihrem Rücken abläuft. Wenn alles glatt geht, gibt es innerhalb des Teams einen schnellen Selbstreinigungsmechanismus. Denn auch ein Star verliert nach Wochen als Outlaw langsam aber sicher sein Selbstbewusstsein.

DIE VORGESETZTEN

In den Vereinen gibt es eine klare Regelung: Die Personalpolitik fällt in die Verantwortung des Klubs, aber im Idealfall ist der Trainer eng in diesen Prozess mit einbezogen. In den 80ern war es üblich, dass ein Coach seine Wunschliste mit Spielern beim Präsidenten abgab. Der wiederum beauftragte den Manager, je nach Finanzlage, für die Einkäufe zu sorgen. Wie die Bescherung dann konkret ausfiel, erfuhr der Coach erst bei Vertragsunterzeichnung.

Der Prototyp des großen Zampanos war Leverkusens Reiner Calmund, dessen Geschäftsgebaren Udo Lattek noch heute auf die Palme bringen: »Wenn Uli Hoeneß sich früher so eingemischt hätte, hätte er von mir was auf die Schnauze gekriegt. Ich hätte gesagt, geh in dein Büro, die Erbsen zählen.« Heute arbeiten Manager und Trainer weitgehend auf Augenhöhe: Horst Heldt und Armin Veh, Klaus Allofs und Thomas Schaaf zeigen, wie partnerschaftlich im Fußballgeschäft Erfolge eingefahren werden. Bei diesen Klubs entscheiden Manager und Trainer im Einklang miteinander, welche Spieler beobachtet werden. Auch über die Wirtschaftlichkeit von Neueinkäufen erziele man eine gemeinsame Einigung. Wenn dann ein Transfer floppt, sind beide in der Verantwortung.

Sitzen Manager und Trainer in einem Boot, sehen Sie sich oft mit den Eitelkeiten eines Präsidiums konfrontiert. Als Rolf Rüssmann in Mönchengladbach 1991 den Managerposten übernahm, erfuhr er erst durch den Anruf eines Journalisten, dass das Präsidium seinen Coach Gerd vom Bruch entlassen hatte. »Der Vorstand lud mich vor und teilte mir mit, ich solle Jürgen Gelsdorf als Trainer verpflichten. Ich war strikt dagegen, musste mich aber dem Entschluss fügen.« Es ist ein strukturelles Problem, dass von den Vorständen deutscher Profi Vereinen immer noch alle Entscheidungsgewalt ausgeht. Denn in den Führungsetagen sitzen nur selten Leute, die mit fachlicher Fußballkompetenz ausgestattet sind. Trotzdem nehmen sich viele Vorstände das Recht heraus, Entscheidungen zu treffen, die Auswirkungen auf das Spiel haben. Die Zeit der Sonnenkönige scheint jedoch vorüber. Günter Eichberg, der selbstherrliche Regent bei Schalke 04, setzte am 13. November 1990 Peter Neururer vor die Tür, obwohl der Coach mit den Knappen auf Platz 2 der Zweitliga-Tabelle stand. Eine Erklärung für seine unerwartete Demission erhielt Neururer nie. Gerüchte besagen, die Beliebtheit des volksnahen Schnauzbartträgers hätte das Missfallen des eitlen Klinikbosses erregt.

Mäzene wie Michael A. Roth beim Club in Nürnberg oder Martin Kind in Hannover können sich solche Radikalentschlüsse gegen Volkes Willen heute nicht mehr leisten. Selbst Machtmenschen wie sie mussten einsehen, dass ein guter Trainer mit einem Konzept nicht nach der dritten Niederlage in Folge vor die Tür gesetzt werden darf, da er langfristig Erfolge garantiert. Für diese Erkenntnis jedoch haben auch diese beiden Regenten sehr viel Lehr- und Abfindungsgelder zahlen müssen. Gehen Sie nicht davon aus, dass Sie in ihrem Präsidium einen väterlichen Freund finden, wie Hannes Bongartz einst in »Boss« Steilmann bei Wattenscheid 09 oder Peter Neururer beim VfL Bochum mit dem stillen Präsidenten Werner Altegoer, der dem Trainer alle Entscheidungsgewalt zugestand. Irgendeiner redet Ihnen sicher rein. Neururer: »Der Vorstand darf hinterfragen, was in der Mannschaft los ist. Das ist sein gutes Recht. Die Aufstellung aber ist und bleibt Hoheitsgebiet des Trainers.«

DIE FREUNDE
Sofern Ihnen ein Klubpräsident nicht, wie etwa Ralf Rangnick bei der TSG Hoffenheim, die Gelegenheit bietet, einen kompletten Trainerstab mitzubringen, vertrauen Sie ruhig erst einmal dem bisherigen Co Trainer. Der Mann fürchtet durch Ihre Verpflichtung um seinen Job. Wenn Sie ihm nun mit Vertrauen entgegen treten, wird er es Ihnen danken. Der Vorteil: Ein Co-Trainer kennt die Mannschaft besser als jeder andere. Oft haben die Spieler einen guten Draht zu ihm, er kennt ihre Wehwehchen und ihre privaten Probleme. Der Co-Trainer kann Ihre Bindung zur Mannschaft beschleunigen. Es muss ja nicht laufen, wie bei Jörg Bergers erster Station 1979 bei Darmstadt 98, wo Adjutant Klaus Schlappner, politischer Rechtsaußen, die Arbeit seines Chefs torpedierte, wo es nur ging, weil er den aus der DDR geflohenen Berger für einen Kommunisten hielt.

Unterhalten Sie außerdem beste Beziehungen zum Physiotherapeuten. Nirgendwo in einem Fußballklub kommt die Wahrheit schneller ans Licht als im Massageraum. Peter Neururer sagt: »Sie glauben gar nicht, was Spieler in der Waagerechten alles erzählen.« Der Therapeut ist häufig der wichtigste Geheimnisträger im Klub. Wenn Sie mit ihm gut können, werden Sie viele Tendenzen, die sich in der Mannschaft gegen Sie entwickeln, frühzeitig erfahren.

Vergessen Sie bei allem Trubel mit dem Fußball Ihre Familie nicht. Denn im Falle des Misserfolgs sind Sie der einsamste Mensch der Welt. Deshalb beziehen Sie Ihre Partnerin in jede Entscheidung mit ein. Überlassen Sie ihr das komplette private Feld. Sie richtet Ihnen die Übergangswohnung an der neuen Station wie ein richtiges Zuhause ein. Sie fragt nicht nach Niederlagen. Sie geht mit Ihnen Essen, wenn alle Welt Sie schneidet. Achten Sie darauf, nicht direkt im Zentrum der neuen Stadt zu leben. Dort sind Sie zu leicht erreichbar – für die Medien, für die Kollegen. Jörg Berger etwa hat stets in den Vororten seiner Bundesliga-Stationen gelebt. Die Zeitungskioske mit den Boulevardblättern sind dort nicht so zahlreich. Die Presse macht sich nicht so schnell die Mühe, an der Haustür zu klingeln. Ein idealer Rückzugsort fürs Abtauchen ins Privatleben.


DIE FEINDE


Oft klatschen diejenigen am lautesten bei Ihrer Einstellung, die am Ende als Erste Ihre Entlassung fordern. In den Vorständen und Aufsichtsräten sitzen Leute, die von der Fußball-Praxis keine Ahnung haben, aber in dem Glauben leben, einen guten Spieler von einem schlechten unterscheiden zu können. Mit diesen Leuten müssen Sie lernen, diplomatisch umzugehen.

Der Aufsichtsrat des 1. FC Köln ist nach wie vor von Leuten durchsetzt, die glauben, der Verein gehöre zur sportlichen Elite in Deutschland. Wer so sehr in der Nostalgie verhaftet ist, den werden auch Sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Also seien Sie wenigstens freundlich zu diesen Tagträumern. Das Problem: Wer keinen Schimmer von der Materie hat, stellt sich gerne in den medialen Wind, der gerade weht. Peter Neururer sagt. »So gesehen sind natürlich die Journalisten die gierigsten Geier, die über einem Trainer kreisen.« Pflegen Sie deshalb einen offenen Umgang mit den Medien. Setzen Sie aber Prioritäten. Erst das Fernsehen, dann die Bild-Zeitung, dann die Lokalzeitungen. Die überregionalen Qualitätszeitungen können Sie vernachlässigen, für die Meinungsbildung spielen sie keine Rolle.

Ihre Handynummer sollte bei jedem Boulevardjournalisten im Adressbuch stehen. Bis 30 Minuten vor Anpfiff sind Sie auf Empfang, um drängende Fragen zu beantworten. Nehmen Sie die Journalisten ernst, dann haben Sie vielleicht das Glück, dass bei der ersten Niederlage nicht gleich schlagzeilendick an Ihrer Kompetenz gezweifelt wird. Im besten Fall pflegen Sie eine solch innige Freundschaft zum örtlichen Bild-Mann wie Christoph Daum zu Vim Vomland. Dann droht Ihnen vom Boulevard keine Gefahr. Wenn die Siege ausbleiben, hilft auch das größte Entgegenkommen nichts – Sie schlagen beinhart auf dem Boulevard auf. Kurz nach seinem Amtsantritt beim 1. FC Köln im Juli 1999 hatte Ewald Lienen noch die konkurrierenden Sportredakteure von »Express« und »Bild« zum Essen eingeladen, um vorsorglich für einen Nichtangriffspaket zu werben. Als Lienen 18 Monate später vom Vorstand beurlaubt wurde, trafen sich die Schreiber der bunten Blätter in einer Kölner Bar, um gemeinsam den Rauswurf des Coaches zu begießen.

Wenn Sie großes Pech haben, sitzt der Feind mit in Ihrer Mannschaftsbesprechung. Viele Spieler pflegen engen Kontakt zu Journalisten. Die Bild-Zeitung könnte ihren Sportteil nicht füllen, ohne ihr dicht gewebtes Netz aus Abhängigkeiten. Wenn Sie den Verdacht haben, dass einer zuviel quatscht, statten Sie ihn mit vermeintlich wichtigen Infos aus. Peter Neururer: »Den anderen habe ich es schon gesagt. Du warst eben nicht da. Wir machen es jetzt soundso. Aber sag es keinem weiter.« Wenn Sie diese Info dann in der Presse wieder finden, wissen Sie, wer das Leck ist. Sprechen Sie harte Sanktionen aus und stellen Sie den Spieler vor der Mannschaft bloß – sonst macht er es wieder.

Das funktioniert übrigens überall – nur nicht in München. Dort suchte Otto Rehhagel mal nach dem Spieler, der interne Besprechungen an die Boulevardpresse weitergab. Nach einer vertraulichen Sitzung berichteten am nächsten Tag alle Zeitungen. Rehhagel entsetzt: »Wir haben nicht ein U-Boot, wir haben acht U-Boote in der Mannschaft.«

DER ERFOLG

Wenn Ihr Team gewinnt und sich damit Ihre Verpflichtung zusehends als genialer Schachzug entpuppt, sind Sie umgeben von Schulterklopfern. Bei Erfolg steht das Handy nicht mehr still. Alle wollen von Ihnen wissen, wie Sie den maroden Kader zu Höchstleistungen treiben. Der Präsident lädt Sie zum Essen ein, lässt sich auffällig oft mit Ihnen fotografieren. Auf der Geschäftsstelle knallen mitten am Tag die Sektkorken. Uwe Rapolder: »50 Telefonanrufe am Tag sind locker untertrieben. In solchen Momenten neigt jeder dazu, sich zu verändern. Da muss man aufpassen.«

Keine Sorge, auch Sie werden in Versuchung geraten, die Zügel bei Erfolg ein wenig schleifen zu lassen. Deshalb nehmen Sie nicht jede Einladung zum TV-Interview an. Die Bilder, die bei Erfolg von Ihnen gemacht werden, wird man Ihnen spätestens nach der dritten Niederlage in Folge unter die Nase halten. Das Foto eines Coaches, der mit blankem Oberkörper auf den Schultern seiner Spieler aus der Arena getragen wird, wird zum Bumerang, wenn das Team seine Ziele aus den Augen verliert. Die großspurigen Versprechungen, die Sie im Überschwang der Gefühle machen, wird man nachher gegen Sie verwenden. Bleiben Sie also stets sachlich.

Jörg Berger sagt: »Inder Euphorie werden die meisten Fehler gemacht.« Nach diesem Prinzip hat er stets gearbeitet. Nach einer 0:5-Niederlage mit Schalke 04 flunkerte er in der Pressekonferenz: »Ich habe trotz des Ergebnisses heute viel Positives gesehen« – und sprach damit öffentlich der Mannschaft Mut und neues Selbstvertrauen zu. Mitten in einer Siegesserie entschloss sich der Trainer dann aber ebenso abenteuerlich, das Team öffentlich an den Pranger zu stellen, um die Spieler davor zu bewahren, die Bodenhaftung zu verlieren.


DER MISSERFOLG

Seit Wochen hat Ihr Team schon nicht mehr gewonnen. Sie spüren, wie der Leidensdruck im Klub täglich wächst. Auf der Geschäftsstelle blicken Sie in lange Gesichter. Da sitzen Menschen, die vielleicht ihren Job verlieren, wenn Ihr Team absteigt. Der Präsident ruft nervös durch und fragt, was das Problem sei, was er der Presse erzählen solle. In den Wochen des allmählichen Niedergangs beim 1. FC Köln erhielt Uwe Rapolder immer wieder Anrufe von FC-Chef Wolfgang Overath. Schließlich hatte erst die Strahlkraft der Kölner Ikone den Ausschlag gegeben, dass Rapolder aus Bielefeld an den Rhein gekommen war. Immer wieder fragte der zaudernde Overath nun seinen Trainer: »Was machen wir denn nur, was machen wir denn nur?«

Auch die Spieler sind verunsichert. Es werden Stimmen im Verein laut, die bezweifeln, dass Sie noch in der Lage sind, das Team zurück auf die Erfolgsspur zu setzen. Lassen Sie Ihren Pressesprecher alle angefragten Termine bündeln und sagen Sie die meisten ab. Lesen Sie in diesen Wochen besser keine Boulevard-Zeitung. Sehen Sie vor allem zu, dass Ihre Familie möglichst wenig davon mitbekommt, wie es um Ihre berufliche Situation bestellt ist. Denn wenn auch Ihre Kinder anfangen zu fragen, ob Sie demnächst arbeitslos werden, wird es bitter.

Üben Sie Enthaltsamkeit. Am Sonntagvormittag kommt Wontorra auch mal ohne Sie aus. Beobachten Sie sich. Haben Sie schon den Tunnelblick? Träumen Sie Spielsituationen und liegen lange nachts wach? Umgeben Sie sich mit Menschen, denen Sie nichts über den Fußball erzählen müssen. Hannes Bongartz: »Ein leckeres Essen mit der Frau kann da schon so manche Spannung lösen oder ein langer Ausritt mit einem meiner Traber.«

Jörg Berger kann sich darauf verlassen, dass zumindest einer an ihn denkt, wenn die Erfolge ausbleiben: sein Umzugsunternehmer. Seit den 80er Jahren zieht die Familie, derzeit in Düsseldorf wohnhaft, stets mit denselben Möbelpackern um, da diese sich bei anhaltendem Misserfolg immer wieder nach dem Befinden der Bergers erkundigen. Auch wenn Sie damit die Wut der Medien und der Fans noch erhöhen – machen Sie mal ein Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Einerseits verhindern Sie damit, dass beifällige Wortgefechte zwischen Spielern von der Presse nicht als Indiz dafür ausgemacht werden, dass es im Team nicht stimmt. Außerdem können Sie im Geheimen an Ihrem System feilen – und damit vielleicht schon am kommenden Samstag den Gegentrend einleiten. Einmal mehr: Ziehen Sie die Mannschaft ins Vertrauen und sprechen Sie die Probleme offen und ehrlich an. Lorenz-Günther Köstner: »Erfolg erreicht man ausschließlich über das Team.«

DER LETZTE TAG

Herbert Widmayer war 1963 beim 1. FC Nürnberg der erste Bundesliga-Trainer, der vorzeitig seine Koffer packen durfte. Er hat gesagt: »Ein guter Trainer bist du erst, wenn du einmal entlassen wurdest.« Am Tag Ihrer Beurlaubung werden Sie viel über Ihren Job lernen, was Sie bis dahin noch nicht wussten. Etwa, dass im Fußballgeschäft Feigheit eine verbreitete Eigenschaft ist. Beim KSV Hessen Kassel wurde Jörg Berger 1986 vom Präsidium entlassen, als er kurz nach Weihnachten im Ski-Urlaub weilte. Seine Demissionierung erfuhr der verdiente Coach über eine Meldung in der Bild. Das Präsidium behauptete, es habe den Coach nicht erreichen können.

In den meisten Fällen zeichnet sich eine Entlassung schon über Wochen ab. Rolf Rüssmann: »Die Mannschaft beginnt, sich vom Trainer abzusetzen. Spieler hören nicht mehr zu, wenn der Coach spricht. Er verliert langsam aber sicher den Druck auf das Team.« Auch, wenn sich die Konsequenzen über Wochen schon abzeichneten, der Moment der Entlassung ist ein Augenblick der Ohnmacht. Hannes Bongartz: »Ein Trainer will es nicht wahrhaben, er hofft bis zum Schluss, dass seine Rezepte greifen und die Mannschaft aufwacht.« Hinterlassen Sie aber keine verbrannte Erde. Verhalten Sie sich so, dass man Sie gerne wieder empfängt, wenn Sie im Stadion zu Gast sind. Den Dienstwagen vollgetankt auf den Parkplatz vor der Geschäftsstelle zu stellen, wie Jupp Heynckes, ist eine noble Geste. Vielleicht wird hier irgendwann wieder ein Job frei, dann erinnert sich das Präsidium an die guten Zeiten. Nicht vergessen: Es gibt in Deutschland nur 36 Trainerstühle im Profifußball.

Wenn Sie nicht vom Karussell fallen wollen, bewahren Sie selbst im Augenblick der größten menschlichen Enttäuschung Ihr Gesicht. Verabschieden Sie sich höflich bei den Spielern, beim Vorstand und auf der Geschäftsstelle. Höflichkeit ist der erste Schliff für das Denkmal, das Ihnen hier vielleicht errichtet wird, sollte es irgendwann tatsächlich noch schlechter laufen als jetzt…

Schlechtes Benehmen hingegen ruiniert Ihren Ruf. Otto Rehhagel gilt in München bis heute als Fehlbesetzung, weil der Malermeister aus Essen jegliche Umgangsformen vermissen ließ. Die Servierdamen im VIP-Raum wurden von ihm mit einer Mixtur aus Standesdünkel und Abschätzigkeit behandelt. Und in unserer Gesellschaft gilt, wer das Personal schlecht behandelt, gemeinhin als ungehobelter Charakter. So einer passt nicht in die Glamourwelt des FC Hollywoods.

Wenn Sie sich vom Präsidium bei Ihrer Entlassung hintergangen fühlen, übergeben Sie die Vertragsmodalitäten einfach einem Anwalt. Und halten Sie still. Vielleicht erhalten Sie schon kurz nach Ihrer Demission ein neues Angebot. Dann können Sie vielleicht noch eine Abfindung abstauben und übergangslos in den neuen Job wechseln. Haben Sie das Gefühl, bei der Mannschaft nichts mehr ausrichten zu können, bieten Sie von sich aus Ihren Rücktritt an. Sie erleichtern dem Vorstand die schwere Entscheidung, Sie zu entlassen. Das trägt zur Versöhnlichkeit bei. In der Regel können Sie dann auf Entgegenkommen bei den Lohnfortzahlungen rechnen. Peter Neururer trat Ende August 2006 bei Hannover 96 zurück, erhielt aber noch bis zum 30. Juni 2007 sein Gehalt von Martin Kind.

Wenn Sie schließlich alle Hände geschüttelt haben, sehen Sie zu, dass Sie Land gewinnen. Es muss nicht sein, dass Sie noch Ihrem Nachfolger begegnen. Lesen Sie keine Zeitung, in den Wochen nach der Trennung wird oft schmutzige Wäsche gewaschen. Der klassische Vorwurf: Die Mannschaft wurde falsch trainiert, ist konditionell in schlechtem Zustand. Das ist meistens Quatsch, aber es erleichtert dem Nachfolger die Arbeit. Rudi Assauer trat geradezu lyrisch nach, nachdem er Jupp Heynckes beim FC Schalke 04 entlassen hatte: »Hier muss Fußball gearbeitet werden. Zauberei am Schlangenfluss kann man machen, wenn man 6:1 führt.«

In der Regel reichen zwei Wochen Urlaub mit der Familie völlig aus, um die Turbulenzen der vergangenen Wochen zu verarbeiten. Schließlich sind Sie verrückt nach Fußball und werden es nicht lange aushalten, dass sich die Räder ohne Sie drehen. Wolfgang Frank weiß heute: »Als ich bei Mainz 05 im Jahr 2000 beurlaubt wurde, bekam ich am gleichen Tag ein neues Angebot. Ich schlug es aus, weil ich glaubte, ich bräuchte sechs Wochen Abstand zum Geschäft. Ein Riesenfehler. Die Zeit ohne Beschäftigung hat mich viel mehr gestresst.«

DAS LEBEN DANACH

Es hängt von Ihnen ab, wie Sie mit der Arbeitslosigkeit umgehen. Vermutlich stimmen Sie mit Peter Neururer überein: »Mein Leben besteht derzeit aus Golfspielen und Harleyfahren. Zum Kotzen, wenn die Hobbys zum Lebensmittelpunkt werden.« Der Gelsenkirchener findet auch nach 528 Spielen als Profitrainer keine Ruhe in Zeiten ohne Job. »Ich gehe meiner Frau wahnsinnig auf die Nerven. Jedes Mal, wenn das Telefon klingelt, hoffe ich, Berlusconi ist dran. Wenn ich sie dann am Rohr habe, bin ich enttäuscht.«

Uwe Rapolder stellte sich im Urlaub in Thailand nachts um 3 Uhr den Wecker, um im Internet die Bundesliga- Ergebnisse abzurufen. Der kalte Entzug von der Droge Fußball ist für manche ein Horrortrip. Rapolder: »Der Frust wächst mit jedem Tag, an dem keiner anruft.« Lernen Sie abzuschalten. Glauben Sie an sich. Der nächste Anruf wird schon kommen. Wer den Job als Fußballtrainer machen will, muss Gelassenheit erlernen, um in den Tagen ohne Beschäftigung klarzukommen. Bedenken Sie, dass Sie in einer privilegierten Position sind. Sie haben in Ihrem Job viel Geld verdient und hatten bislang kaum Zeit, es auszugeben. Machen Sie was draus. Fliegen Sie im Frühjahr nach Mallorca und bieten Sie dort in der Fußballschule von Rudi Völler einige Workshops an. Sie sind doch ein bekannter Mann.

Wenn Sie wollen, können Sie sich sogar beim Arbeitsamt melden. Arbeitslosengeld steht Ihnen zwar nicht zu, da müssen Sie erst einmal von Ihrem Ersparten leben. Aber die Behörde zahlt Ihre Sozialversicherungsbeiträge weiter. Wenn Sie sich entscheiden, die Unterstützung des Staates in Anspruch zu nehmen, vermeiden Sie dabei jedoch jegliches Aufsehen. Als Peter Neururer 1993 in Saarbrücken aufhörte, zog er mit der Familie zurück ins neue Haus nach Gelsenkirchen. Kurz nach dem Umzug rief das DSF an, um eine Homestory zu machen. »Ich sag ›okay, aber kommt erst inner Stunde. Ich muss mich eben beim Arbeitsamt melden.« Neururer setzte sich die Sonnenbrille auf, stieg in Jogginghose und Badelatschen in seinen offenen Porsche Targa und fuhr auf die Behörde. »Ich Idiot! Die Kameras waren schon aufgebaut. Kam natürlich Weltklasse: Neururer fährt mit Porsche zum Arbeitsamt.« Die Boulevard-Presse konnte ihr Glück kaum fassen.

Und denken Sie immer daran: Im Fußball sieht man sich immer zweimal. Uwe Rapolder hat Recht: »Jede Entscheidung, die man in diesem Geschäft trifft, fällt irgendwann auf einen zurück.« Womit wir wieder bei Horst Franz und Peter Neururer wären. Franz traf nur ein Jahr nach seiner Inthronisierung bei Rot-Weiss Essen wieder auf Peter Neururer, der inzwischen Alemannia Aachen trainierte. Franz, nun in Diensten von Schalke 04, verlor die Partie in Aachen mit 0:2. Das Schlusswort bei der Pressekonferenz erhielt Neururer, der sich lächelnd an den Kollegen wandte und sagte: »Na, alter Freund, machst du das eigentlich hauptberuflich?«

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