31.05.2014

Das große Rätsel um Michel Platini

Was will dieser Mann?

Als Spieler konnte sich Michel Platini auf seine Intuition verlassen. Doch heute gibt der UEFA-Boss als Befürworter von Financial Fair Play und Wahlmann für die WM in Katar viele Rätsel auf.

Text:
Jens Weinreich
Bild:
imago

Wo, wenn nicht in Katar, sollte diese Geschichte beginnen? Und zwar in einer Zeit, als die drei mächtigen Fußballfürsten ziemlich beste Freunde waren: Michel Platini, Joseph Blatter und Mohamed Bin Hammam. Damals, im Oktober 2003, bezeichneten sich der Franzose, der Schweizer und der Katari demonstrativ als Brüder.

Der FIFA-Präsident und Bin Hammam, sein wichtigster Wahlhelfer, hatten zum Kongress des Weltverbandes nach Doha geladen. Die FIFA-Spitze nächtigte im brandneuen Ritz-Carlton, wo in der obersten Etage auch Stefan Effenberg und Josep Guardiola residierten, die in Katar ihre Spielerkarriere ausklingen ließen.

Am Vorabend des Kongresses lud Bin Hammam zum Dinner. Die Nacht hatte früh ihren Schleier über Doha gelegt, als ein Dutzend Limousinen und zwei Kleinbusse, begleitet von einer Polizei-Eskorte, auf Bin Hammams An­wesen einbogen. Alkoholfreie Getränke und Kanapees ließ der Hausherr den Mitgliedern des Exekutivkomitees und ihren Gattinnen im Empfangshaus reichen. Später wurden die Gemahlinnen ins Haupthaus geleitet, wo sie mit Blick auf den erleuchteten Pool mit Bin Hammams Frau und den Töchtern speisten. Die Männer tafelten nebenan in einem Spiegelzimmer.

Alle rissen sich um seine Nähe

Wie viele Sportfunktionäre, auch Blatter, sammelt Bin Hammam die eigenen Reliquien, in zwei reichlich dimensionierten Glasvitrinen voller Orden und gerahmter Erinnerungsfotos. Bin Hammam mit Mandela, mit Clinton, Gaddafi, Berlusconi – das volle Programm. Platini schlenderte heran, legte seinen linken Arm um Bin Hammams Schulter, zog ihn vor eine Vitrine und zeigte lachend auf zwei Bilder: »Das gefällt mir besonders. Und das erst!« Ein Foto zeigte Bin Hammam mit Frankreichs Präsidenten Jacques Chirac, auf dem zweiten stand Platini selbst neben dem Gastgeber.

Im Umgang mit den Großen der Welt ist dieser Michel François Platini (58) entspannter als Bin Hammam (64) oder Blatter (78). Platini bemüht sich nicht um Erinnerungsstücke, er gewährt sie. Schon als Spieler in Nancy, beim AS Saint-Étienne und Juventus Turin war das so. Als Ikone der Equipe Tricolore, die er 1984 mit neun Toren zum Europameistertitel schoss, und mit der er davor und danach bei zwei Weltmeisterschaften tragisch im Halbfinale an Deutschland scheiterte. Als Weltfußballer, Nationaltrainer und WM-Organisator. Als Bonvivant, denn Platini führte zeitweise ein Jetset-Leben. Alle rissen sich um seine Nähe. Der Ehrgeiz anderer Funktionäre, sich in der Welt der Reichen und Mächtigen zu bewegen, blieb Platini verborgen. Er gehörte dazu.

Er war als Profi eine Diva

Platini war früh ganz oben und ist finanziell unabhängig. Er muss kein Funktionär sein, obwohl ihm das ganz gut gefällt. Er hat sich eine lässige Gemütlichkeit bewahrt und einen bübischen Charme. Als die UEFA vor drei Jahren im Maison du Football Européen in Nyon ihr Financial-Fairplay-Programm vorgestellt hatte, balancierte Platini nach Dienstschluss mit einem großen, vollbelegten Silbertablett die Treppe hinab. Er verabschiedete sich beschwingt von den Damen an der Rezeption, hielt kurz inne, sah die ungläubigen Blicke des Gastes und sagte: »Ich hatte gerade Besuch einer spanischen Delegation – Melón con Jamón. Da ist viel übriggeblieben. Magst du? Den Rest nehme ich mit nach Hause, da steht noch eine Flasche Rotwein. Kann man doch nicht verkommen lassen, das gute Zeug.«

So ist Platini. So ist er auch. Insofern waren seine ausweichenden Antworten auf die Frage, ob er FIFA-Präsident werden wolle, lange Zeit nicht nur Koketterie. Erst ging es um die Wahl 2011, nun um 2015. »Glaubt ihr wirklich, ich brauche das und will es mir antun, ständig in die Karibik oder nach Ozeanien zu fliegen wie der Sepp«, fragte er nicht nur einmal. »Mir sind schon die Reisen nach Osteuropa zu weit. Ich will abends zu Hause sitzen.« Platini ist mehr er selbst, als dass er sich spielt. Aber wer länger mit ihm gearbeitet hat, kennt auch seine andere Seite. Er war als Profi eine Diva, unerschütterlich selbstbewusst, mitunter extrem eigensinnig, und so ist er geblieben. Platini kann andere, verletzend arrogant, seine Macht spüren lassen. Die Stimmung im UEFA-Hauptquartier ist nicht die beste.

 
 
 
 
 
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