Das Geheimnis um Bayerns Champions-League-Gegner

Der Turmbau zu Basel

Der FC Basel haute Manchester United aus der Champions League und trifft heute auf die Bayern. Was klingt wie ein Treppenwitz des Fußballs, ist das Ergebnis einer beeindruckenden Klubphilosophie. Das Geheimnis um Bayerns Champions-League-Gegner
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Es war etwas nach drei Uhr morgens, als Markus Steinhöfer die »Bodega« betrat. Das ist jenes Basler Restaurant, in dem in der Nacht nach einem Titelgewinn früher oder später alle Pokale auftauchen, die der FC Basel gewinnt. Nun gab es zwar diesmal keine Trophäe, die hergezeigt werden konnte. Aber da war ja Steinhöfer. Der lebende Beweis, dass deutsche Einwanderer in der Schweiz durchaus beliebt sein können – wenn sie sich denn ein wenig Mühe geben. Bei Steinhöfer reichte jener Bruchteil einer Sekunde, in dem er den Ball im Heimspiel gegen Manchester United mit Wucht an die Unterkante der Latte drosch. Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang vielleicht noch, dass es das eigene Tor war, das er getroffen hatte. Aber weil der Ball danach eben knapp vor der Linie aufsprang und der FC Basel die Partie in der Folge mit 2:1 gewann, um als erstes Schweizer Team das Achtelfinale der Champions League zu erreichen, ist der Rechtsverteidiger in Basel nun Kult.

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Also sangen die Menschen in der »Bodega« bei seinem Auftritt ein eben erst gedichtetes Lied, das in etwa aussagt, dass der Steinhöfer ein Lustiger sei, weil er den Ball an die Latte knallt. Ja, es war eine lange und feuchtfröhliche Nacht in Basel. Dabei hatten die Verantwortlichen des FCB die Spieler eigentlich gar nicht in die Stadt schicken wollen, aber das war in diesem Fall schlicht unmöglich, weil tausende von Fans einfach so lange auf dem Barfüsserplatz feierten, bis sich die Mannschaft doch noch auf jenem Balkon bejubeln ließ, auf dem üblicherweise Meisterschaften und Pokalsiege begossen werden.

Fußball als Kulturgut

Das mag die eine Besonderheit sein, die den FC Basel von allen anderen Schweizer Fußballvereinen unterscheidet: In keiner anderen Stadt des Landes ist der Fußball so sehr Kulturgut wie hier am Rheinknie, nirgends bestimmt der Heimklub den Rhythmus des Lebens so sehr wie in Basel. 30.000 Fans sahen 2011 im Schnitt die Heimspiele; in einer Stadt, die nur rund 190.000 Einwohner zählt. Aber das ist nichts Neues, Basel war schon immer Fußballstadt.

Einigermaßen neu ist dagegen ein Versuch, den der FCB gerade anstellt, und für den exemplarisch ein anderer Deutscher steht, der die Basler Herzen in kürzester Zeit im Sturm erobert hat. Heiko Vogel war gerade mal 35 Jahre alt, als er am 13. Oktober die Nachfolge des zum Hamburger SV abgewanderten Thorsten Fink antrat. Interimistisch zunächst, seit dem 1. Januar ist der ehemalige Fink-Assistent nun definitiv Cheftrainer. Es ist eine Rolle, die er bislang nur bei den Junioren des FC Bayern München innehatte, bei denen er von 1998 bis 2007 von der U10 an unterschiedliche Teams trainierte.

Dort wurden unter ihm zwar Spieler wie Philipp Lahm, Thomas Müller oder Holger Bad­stuber groß, doch Vogel ist deswegen noch lange kein Trainer mit klingendem Namen. Ja, der inzwischen 36-Jährige hat nicht einmal eine überdurchschnittliche Karriere als Profifußballer vorzuweisen, wie das bei Vorgänger Fink der Fall gewesen war, den er seit 2008 als Assistent begleitet hat. Vogels Karriere als Aktiver führte in Edenkoben nicht über die dritthöchste deutsche Liga hinaus.

Die Geburt des Konzeptvereins

Doch auf solche Nebensächlichkeiten kommt es in Basel momentan nicht an, hier wird kein Star an der Seitenlinie gesucht. Andere Vereine mögen auf der Suche nach sogenannten Konzepttrainern sein, die ihnen ihre Idee vom Fußball einpflanzen. Der FC Basel hingegen entwickelt sich gerade selbst zu einer Art Konzeptverein. Anstatt sich die Ideen von einem leitenden Angestellten vorgeben zu lassen, hat sich der Klub zuerst ein Leitbild verpasst. Nach diesem wählt er die Leute aus, die für ihn arbeiten. Es geht im Kern darum, einen Fußballklub von seinen Protagonisten unabhängig zu machen. Oder zumindest: unabhängiger als oft üblich. Gut möglich, dass sich ein gestandener Trainer mit entsprechendem Führungsanspruch gar nicht in das Basler Puzzle einfügen könnte.

Heiko Vogel und der FCB, das passt dagegen wunderbar zusammen. Hier ein Klub, der sich in den letzten zehn Jahren ein starkes Fundament gebaut hat, der Strukturen bietet, in denen es sich erfolgreich arbeiten lässt. Dort ein junger Trainer, der es als Privileg versteht, in Basel arbeiten zu dürfen, und der dazu sagt: »Der FCB ist für mich eine Chance, die viele Trainerkollegen in ihrer Karriere niemals bekommen werden.« Der aber auch genau das hat, was der Verein benötigt: viel Fachwissen, eine große Glaubwürdigkeit bei Spielern und Fans, sowie eine authentische, offene Art, die man nur besitzen, aber nicht lernen kann. Vogel ist dabei durchaus selbstbewusst, und das nicht erst, seit er die Sensation geschafft und das große Manchester aus der Champions League gekegelt hat. Doch er würde nie darauf pochen, strategische Entscheidungen, die die Zukunft des Klubs betreffen, eigenmächtig zu fällen.

Das schwere Erbe von Christian Gross

Das war in Basel schon anders. Christian Gross, mit dem der FCB von 1999 bis 2009 acht Titel gewann, war ein Coach, der keine Menschen mit sportlicher Kompetenz und Entscheidungsbefugnis neben sich duldete. Fast alles im Verein lief über den Cheftrainer. Gross war der FCB und der FCB war Gross. Das war das Empfinden, das inner- und außerhalb des Klubs vorherrschte. Kein Wunder, dass Stimmen laut wurden, die den totalen Absturz befürchteten, als Gross Basel nach zehn meist erfolgreichen Jahren verlassen musste. »Wir dürfen das nicht verniedlichen«, sagt Bernhard Heusler im Rückblick. »Christian Gross hat diesen Verein geprägt.« Der heutige Präsident war im Sommer 2009 als Vize hautnah dabei, als sich der FC Basel mit Untergangsfantasien konfrontiert sah.

Und Heusler war die treibende Kraft dahinter, dass sich der Verein nicht sofort in die Suche nach einem Nachfolger für Gross stürzte: »Stattdessen haben wir uns erst gefragt, wer wir sind und was wir wollen. Welches sind unsere Werte und wie übertragen wir sie auf die Mannschaft, also auf die 30 wichtigsten Angestellten unseres Klubs? Welche Show wollen wir unten auf dem Rasen bieten?«

Der Name ist zweitrangig

Die Antworten darauf waren relativ schnell gefunden. Als Schweizer Verein muss der FC Basel praktisch ohne Fernsehgelder wirtschaften, von den Einnahmen in Höhe von rund 46 Millionen Euro im Jahr 2010 kamen lediglich 1,3 Millionen Euro aus der TV-Vermarktung. Das hat zur Folge, dass 45 Prozent der Einnahmen durch die Zuschauer generiert werden. Und die wollen im Stadion unterhalten werden, was für einen offensiven, auf Ballbesitz ausgerichteten Fußball spricht.

Hinzu kommt, dass die Basler in den letzten zehn Jahren eine hervorragende Nachwuchsabteilung aufgebaut haben. Also sollte der Cheftrainer auch gewillt sein, den eigenen Talenten die nötige Einsatzzeit zu geben. Erst diese Standortbestimmung machte es möglich, dass ein damaliger Trainer-Nobody wie Thorsten Fink die teuerste Mannschaft der Schweiz übernehmen konnte. Die Basler verpflichteten ihren Trainer nicht aufgrund seines Namens, sondern anhand klar definierter Kriterien. Es war die richtige Entscheidung – für die der FC Basel mit zwei Meisterschaften und einem Pokalsieg innerhalb von zwei Jahren belohnt wurde.

Thorsten Fink brach alte Strukturen auf

Fink passte geradezu ideal zur neu formulierten Idee. Er half mit seiner offenen Art, alte Verkrustungen aufzubrechen. Er begeisterte mit dem Fußball, den er spielen ließ. Und er blieb lern- und teamfähig. Dies gab dem Verein die Chance, sich von »einigen Grundmustern zu befreien«, wie es Sportkoordinator Georg Heitz ausdrückt: »Etwa, dass man immer zum Cheftrainer geht, um gewisse Entscheidungen abnicken zu lassen.« Was bedeutet, dass der Trainer zwar bei Transfers eine gewichtige Mitsprache hat, die langfristige Kaderplanung aber dem Klub obliegt. So war das auch 2010, als Thorsten Fink erst mit sanftem Druck von den Qualitäten eines Granit Xhaka überzeugt werden musste.

Heute würde Fink wohl zu Fuß von Hamburg nach Basel marschieren, wenn er dadurch das 19-jährige Mittelfeldjuwel von einem Wechsel zum Hamburger SV überzeugen könnte. Eine solche Strategie könnte als teilweise Entmachtung des Trainers gedeutet werden, doch da widerspricht Präsident Heusler: »Ich glaube, der Trainer kann sich so viel besser auf seine Aufgabe konzentrieren. Weil er nicht ständig in der Zwickmühle zwischen kurzfristigem Erfolg und langfristiger Planung steckt. Letzteres ist eindeutig die Aufgabe der Klubverantwortlichen.«

Heiko Vogel als Ideallösung

Heiko Vogels Ernennung zum Chefcoach kann da als letzter Schritt einer Emanzipation von der Figur des alles überstrahlenden Trainers gesehen werden. Als in der Schweiz alle damit rechneten, dass mit dem Ex-Stuttgarter Murat Yakin ein ehemaliger FCB-Star mit Glamourpotential präsentiert würde, beförderten die Basler einfach den Assistenten. Nicht, weil das billiger kam, sondern weil es schlicht die beste Lösung war.

Vogel ist ein akribischer Taktiker, er lässt einen äußerst modernen Fußball mit viel Ballbesitz spielen, attraktiv und trotzdem defensiv verlässlich. Und er setzt auf die Talente aus dem eigenen Nachwuchs: In der Nacht des großen Spiels gegen Manchester United standen sieben Spieler in der Startformation, die direkt aus der Region stammen oder zumindest im Basler Nachwuchs gespielt haben; ein achter wurde eingewechselt.

Mit unschweizerischem Selbstvertrauen gegen die Bayern

Dass Vogel dazu noch selbstironisch sein kann, kommt in Basel besonders gut an. Nachdem seine Krawatte in der Champions-League-Partie gegen Benfica Lissabon nicht gerade perfekt saß, bekannte er: »Ich habe nicht mal den Knoten selbst hinbekommen.« Und als er kürzlich im Pokalspiel beim unterklassigen FC Wil vom Schiedsrichter auf die Tribüne verbannt wurde, weil er eine Kühlbox durch die
Gegend gekickt hatte, erklärte er: »Ich habe sie wohl mit einem Ball verwechselt. Das war ziemlich schmerzhaft. Aber dafür habe ich auf der Tribüne ein paar ganz nette Menschen kennengelernt.«

Auf diese Wei­se ist es ihm gelungen, seinen Freund Thorsten Fink in Basel innerhalb kürzester Zeit vergessen zu machen. Wobei die Resultate natürlich mithalfen: Zehn Siege und zwei Unentschieden aus dreizehn Spielen unter Vogel lassen nicht viel Interpretations­spielraum. Beim FC Basel sehen sie sich aber nicht nur deswegen auf dem richtigen Weg. Die Gewaltenteilung zwischen Vorstand und Trainer stärkt auch das Selbstbewusstsein des gesamten Klubs. »Wir gehen doch nicht vor einem Trainer auf die Knie, damit er bleibt«, sagt Präsident Heusler. »Das haben wir nicht nötig. Wir sind immerhin der FC Basel.« Es ist dieses eher unschweizerische Selbstvertrauen, mit dem die Basler auch in die Achtelfinalspiele der Champions League gegen den FC Bayern München gehen werden.

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