Das Estádio Municipal von Sporting Braga

Leere, die den Gegner lähmt

Sporting Braga wird in der Europa League noch immer als Underdog belächelt. Der Halbfinaleinzug liegt auch im eigenen Stadion begründet: Ohne Fans im Rücken vergisst der Gegner hier das Toreschießen. Eine Standortanalyse. Das Estádio Municipal von Sporting Braga

Vielerorts erlernt sich das Fußballspielen gleich. Die ledrige Kugel unter den Arm geklemmt, raus aus dem Heim, rauf die Bolzplätze dieser Welt. Staub, Grand, Granit, ein Tor, zwei Pfosten, mit Netz oder ohne, und dahinter Ödland. Vielleicht ein Fluss, bestenfalls rostiger Zaun. Leere. Leere, die Projektionsfläche ist. In das verwaiste Nichts werden tobende Massen imaginiert, Bengalos, Fahnen, Konfetti. Einige Auserwählte, die so anfangen, werden später Profis. Sie ziehen los, mit dem Fuß das Portemonnaie zu füllen, Pokale zu holen, Geschichte zu schreiben – und die Leere hinter dem Tor zu füllen. Mit echten Fans, echten Sprechchören, echten Bannern. Nicht mehr hinter das Gehäuse zu laufen, weil der Ball geholt werden muss, nein; der Sprung über die Bande, um sich an einem schäumenden und schaukelnden Mob zu berauschen. Adrenalin, Ekstase. Soweit, so bekannt.

[ad]

Bei Sporting Braga nun verhalten sich die Dinge etwas anders. Im Estádio Municipal gähnt ein graues Bergmassiv zur einen, holprige Wiese zur anderen Seite. Wer versiegende Investorengelder als Ursache vermutet, liegt falsch. Der Kahlschlag ist natürlich intendiert. Die Spielstätte, im werbegesteuerten Arenenslang eigentlich AXA-Stadion, gilt als Schmuckstück, zumindest aus baulicher Warte. Mehr als eine Million Kubikmeter Granit trug schweres Gerät vor dem EM 2004 ab, um die Haupttribüne in den einstigen Steinbruch des Monte Castro zu operieren. Eine Bebauung hinter den Toren war zu keinem Zeitpunkt vorgesehen, erklärt Eduardo Elísio Machado Souta de Moura. »Ich glaube, Fußball muss so geguckt werden.« Der Architekt der Pedreira, des Steinbruchs, sackte im März 2011 sogar den hochdotierten Pritzker-Preis für seine Bauten ein. Die Jury begründete, Souta de Moura beweise seit jeher eine große Sensibilität im Umgang mit der landschaftlichen Umgebung. Das ist sicherlich richtig. Wie aber steht es um die Sensibilität gegenüber den Fans und Fußballern bestellt?

Landschaft statt Kurve, Trott statt Offensivdrang

Bragas Heimstätte verweigert sich dem Konsens der europäischen Fußballtradition, hernach ein Stadion als hermetischer Raum den Fußball ein- und alles andere ausschließen muss. Es ist kein großes Ganzes, hat keine vier Tribünen, formt kein weites Rund. Stattdessen zwei steile Traversen, auf denen 30.286 Fans Platz finden. Nicht nur die Stimmung verliert sich mitunter in dem sonderlichen Entwurf. Es scheint fast, als schlucke das stoische Relief des Monte Castro auch den Offensivdrang der Gäste. Bragas Heim- und Erfolgsbilanz ist beachtlich, seit das Team im AXA-Stadion spielt. Den Gegner verwirrt die radikale Zäsur. Er, der sonst auf Kurve und Fans zustürmt, findet sich plötzlich in dörflicher Atmosphäre wieder. Der Blick in die Landschaft entschleunigt. Trott ist die Folge.

Zwar schied die mit Brasilianern gespickte Mannschaft in der Champions League als Dritter der Gruppe H aus, verlor zuhause aber nur gegen Shakhtar Donetsk. Arsenal London musste sich ob der 0:2-Niederlage am Berg mit dem zweiten Platz zufrieden geben. Noch beachtlicher liest sich der Werdegang in der Liga. Seit Braga im neuen Stadion aufläuft, schloss man die Saison nur einmal außerhalb der Top 5 ab. Die Betonkonstruktion betoniert das internationale Geschäft. Vorher war dem nicht so: 2001/02 stand der neunte Rang, eine Spielzeit später taumelte Sporting gar als 15. ins Ziel. Aktuell ist man wieder Dritter. Und als bedürfe es eines letzten Beweises, empfängt der SCB am Abend Benfica Lissabon. Im Halbfinale der Europa League, wohlgemerkt. Es wäre nicht überraschend, sollte Braga knapp gewinnen und Benfica torlos bleiben. Nach dem 1:2 aus dem Hinspiel würde dem vermeintlichen Underdog auch heute wieder ein 1:0 reichen. Das Team von Trainer Domingos José Paciencia Oliveira hat daheim noch kein Gegentreffer kassiert und schob sich dank der Auswärtstorregel in die Runde der letzten Vier – über Lech Posen, den FC Liverpool und Dynamo Kiew. 

Eine Reise zu den Anfängen

Natürlich kennt Benfica Lissabon das Kuriosum an der Apartado 12, der Schnellstraße zum Stadion, mittlerweile. Daran gewöhnt haben sich die Hauptstädter vielleicht trotzdem noch nicht. Nur Braga wohnt am Berg, trainiert am Berg, spielt am Berg. Tagein, tagaus. So kann es sein, dass die Reise nach Braga auch eine in die eigene Vergangenheit wird für Stars wie Pablo Aimar, Javier Saviola und Nuno Gomes. Sie werden, wenn sie den Kopf hochnehmen, stutzen. Sie werden nur schroffe Felskante sehen und sich bei Angriffen wieder fühlen wie damals auf dem Bolzplatz. Sie werden sich vielleicht erinnern. Hier, im hohen Norden Portugals, ist sie dann plötzlich wieder da: die Leere hinter dem Tor.


Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!