Das Estadio Centenario in Montevideo

»Das Stadion ist unser Heiligtum«

Niemand kennt sich besser mit dem Estadio Centenario aus als Gerardo Cal (53). Schließlich ist er Kurator des Museo del futbol, das im Bauch der riesigen Betonschüssel liegt. Wir sprachen mit ihm über Uruguays Stolz. Das Estadio Centenario in MontevideoReinaldo Coddou H.
Heft#104 07/2010
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Gerardo Cal, woher hat das Estadio Centenario seinen Namen?

Im Juli 1830 wurde die erste Verfassung des unabhängigen Staates Uruguay ausgerufen. Genau 100 Jahre später hat man dann dieses riesige Stadion eingeweiht. Es bekam den Namen »Centenario« (Jahrhundertfeier, Anm. d. Red.)und wurde zum Symbol unserer jungen, stolzen Nation und zur Pilgerstätte für die Anhänger unserer Nationalmannschaft.

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Welche Bedeutung hat das Stadion für den Fußball in Uruguay?

Das Centenario ist unser Heiligtum. Das mag übertrieben klingen, aber die Menschen verehren das Stadion. Hier ist die Wiege des uruguayischen Fußballs. Schließlich gewannen wir in diesem Stadion 1930 die erste Weltmeisterschaft überhaupt.

Das Centenario wurde extra für jene Weltmeisterschaft gebaut. Ursprünglich sollten dort alle Spiele des Turniers stattfinden. Allerdings wurde es nicht rechtzeitig fertig, und einige Partien mussten verlegt werden.

Der Grund dafür war der späte Baubeginn, denn es ging erst im November 1929 los. Eigentlich viel zu kurzfristig für ein Stadion dieser Größe, denn später sollten hier einmal 100 000 Menschen Platz finden. Doch die Bauarbeiter leisteten unwahrscheinliche Arbeit und schafften es innerhalb von neun Monaten, diesen Giganten aufzubauen. Unfassbar. Dennoch gab es während der Bauzeit immer wieder starke Regenfälle, so dass sich die Arbeiten verzögerten. Als das Turnier am 13. Juli eröffnet wurde, waren noch nicht alle Tribünen fertig und man musste ins das nahegelegene Estadio Gran Parque Central sowie das mittlerweile abgerissene Estadio Pocitos ausweichen. Das erste WM-Spiel im Centenario fand also erst am 18. Juli statt. Uruguay schlug Peru mit 1:0. Wenig später wurden wir dann in diesem Stadion Weltmeister. Es war wie ein Märchen. 

Ursprünglich sollte das Stadion über 100 000 Zuschauer fassen. Doch im Laufe der Jahre wurde es stetig verkleinert.


Mittlerweile ist offiziell Platz für 75 000 Menschen. Wir haben dabei insgesamt 65 000 Sitzplätze. Ein Stadion für 100 000 Menschen wäre mit den heutigen Sicherheitsmaßnahmen kaum noch vereinbar. Derzeit spielt aber nicht nur unsere Nationalmannschaft hier, sondern auch der Erstligist CA Penarol. Deren Heimstadion ist nämlich viel zu klein. Vor allem bei den Derbys zwischen Penarol und Nacional Montevideo ist das Centenario bis auf den letzten Platz gefüllt. Man könnte weitaus mehr Tickets verkaufen. An solchen Tagen erwacht das Stadion zum Leben.

Haben Sie eigentlich einen Lieblingsplatz im Centenario
?

Der Blick vom dritten Rang der Tribuna Amsterdam ist einmalig. Im Rücken ist an klaren Tagen das Meer zu sehen. Vor dir liegt die Stadt und unter dir das Centenario. 

Selbst vermeintlich stärkere Mannschaften wie Brasilien und Argentinien tun sich schwer im Centenario. Können Sie das Geheimnis erklären?


Wenn unser Team hier spielt, ist die ganze Stadt auf den Beinen. Im Stadion ist es über 90 Minuten so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Einmal sagte mir ein Gast aus England, es sei, als würde alle paar Sekunden ein Flugzeug im Tiefflug vorbeirauschen. Trotz seiner Größe ist das Stadion sehr eng, denn die Zuschauer stehen ganz dicht hinter den Toren und an der Seitenlinie. Unsere Mannschaft wird durch diese Atmosphäre richtig vorangetrieben. Das ist für keinen Gegner angenehm und bringt selbst stärkere Mannschaften aus dem Konzept. Hinzu kommt, dass im Inneren längst nicht alles auf dem neuesten Stand ist. Ein Umstand, der die Stars aus anderen Ländern zusätzlich irritiert.

In diesem Jahr feiert das Centenario seinen 80. Geburtstag. Sieht man dem Bauwerk sein Alter eigentlich an?


Sicherlich ist es nicht mit den modernen Arenen in Europa zu vergleichen. Aber hier atmet jeder Stein Geschichte. Nicht umsonst wurde das Centenario 1983 von der FIFA offiziell zum Weltfußballmuseum erklärt. Und selbst der ehemalige FIFA-Präsident Jules Rimet nannte das Centenario schon 1930 »einen Fußballtempel«. Das Stadion hat sich viel vom Charme dieser Zeit bewahrt.

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