Das erste Coming-out im englischen Fußball

Der Fall Fashanu

Im Oktober 1990 bekannte sich der englische Fußballprofi Justin Fashanu öffentlich zu seiner Homosexualität. Acht Jahre später nahm er sich das Leben. Im 11FREUNDE SPEZIAL »Rebellen« erzählen wir seine Geschichte.

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Spezial-Nr. 3

Am Tag, als Justin Fashanu sterben wollte, am 2. Mai 1998, spazierte er ein letztes Mal durch das Londoner East End. Vielleicht blickte er auf die Hinterhof-Werkstätten, den stillgelegten Bahndamm, in kaputte Fenster, in kaputte Leben. Sicher ist, dass er im Stadtteil Shoreditch von der Great Eastern in die Fairchild Street einbog, dann ein paar Meter ging und die Tür zur Nummer 1 öffnete. Hier befand sich damals die Gay-Sauna »Chariots«. Zeugen berichteten später, er sei gut gelaunt gewesen.
 
Justin Fashanu, 37, Ex-Fußballprofi, Sohn nigerianischer Eltern, hatte drei Wochen zuvor überstürzt seine Wohnung in Maryland/USA verlassen. Er nannte sich sich mittlerweile nach dem Mädchennamen seiner Mutter: Justin Lawrence. Er wollte seine Spuren verwischen, denn es hieß, er habe in Maryland einen 17-jährigen Jungen sexuell missbraucht. Er wusste, dass die US-amerikanische Polizei nach ihm suchte. Am Morgen des 2. Mai 1998 berichtete die englische Presse außerdem, dass Scotland Yard eingeschaltet wurde. Eine Falschmeldung, wie sich später herausstellte.
 
An diesem letzten Tag gab sein Bruder, John Fashanu, ein Interview. »Ich bete, dass die Anschuldigungen nicht wahr sind«, sagte er. »Doch wir haben seit Jahren nicht mehr gesprochen, und daher berührt es mich nicht mehr so stark.« Am nächsten Morgen fand die Polizei Justin Fashanu in einer Garage unweit des »Chariots«, um seinen Hals zog sich ein Elektrokabel, er baumelte von einem Holzbalken.

»Oh, what a goal!«
 
Justin Fashanu war 19 Jahre alt, als ihn ein Tor über Nacht zum Superstar machte. Der Mittelstürmer, damals in Diensten von Norwich City, schoss das Tor in der Saison 1979/80 gegen den FC Liverpool, und es war tatsächlich phänomenal. Fashanu stand in halbrechter Position etwa 20 Meter vor dem gegnerischen Tor, er erwartete den Pass eines Mitspielers. Mit dem rechten Außenrist ließ er den Ball geschickt auf Hüfthöhe abtropfen, dann drehte er sich und schoss den Ball volley mit links in den Winkel. »Oh, what a goal!«, japste BBC-Kommentator Barry Davies. Fashanu verzog keine Miene, er streckte nur den Zeigefinger in die Luft.
 
Die Sendung »Match of the day« wählte den Treffer zum »Tor der Saison«, und Fashanu wechselte für mehr als eine Million Pfund zu Europapokalsieger Nottingham Forest. Die Presse berichtete ausführlich über die Höhe der Ablösesumme, denn so viel wurde in England bis dahin noch nie für einen schwarzen Fußballer bezahlt. Fashanu, der trotz bescheidener Schulbildung eine ausgesprochen gute Rhetorik besaß, genoss die Aufmerksamkeit. Er gab Interviews, trat in Talkshows auf, organisierte Autogrammstunden und lud Reporter in die Küche der Familie ein.

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Dort erzählten sie vom großen Wunderkind. Sein Bruder, Jahre später beim FC Wimbledon ebenfalls gefeiert Fußballstar, sagte: »Ich hoffe, er wird nicht den Boden unter Füßen verlieren.« Betty Jackson, die fürsorgliche Adoptivmutter von John und Justin, sagte: »Ich denke, er wird nicht den Boden unter Füßen verlieren.« Und Justin Fashanu saß da und grinste: »In zehn Jahren möchte ich noch berühmter sein und noch mehr Geld haben.«
 
Dabei war sein Gehalt bei Forest schon stattlich. Er kaufte sich flotte Sportwagen und ließ sich für Magazine in roten Lederanzügen fotografieren. Auf dem Platz gelang ihm allerdings nicht viel, für Forest schoss er in 35 Spielen nur drei Tore. Verzieh man ihm im Idyll Norwich noch Fehlschüsse, tobten sie bei Forest über jeden Ballverlust. Vor allem der jähzornige Brian Clough.

Brian Clough beschimpfte Fashanu als »Schwuchtel«
 
Eines Tages fand der Trainer heraus, dass Fashanu in Nottinghams Schwulen-Bars verkehrte. Vor versammelter Mannschaft beschimpfte Clough seinen Stürmer als »Poof« (dt. Schwuchtel), später warf er ihn aus dem Kader. Als Fashanu trotzdem beim nächsten Training erschien, versuchten Spieler und Trainer ihn vom Platz zu drängen. Clough soll ihn sogar getreten haben. Doch weil auch das nicht half, rief der Trainer die Polizei und ließ Fashanu vom Vereinsgelände führen.
 
In seiner 2004 erschienen Biografie »Walking on Water« räumte Clough ein, eine Mitschuld am Tod von Fashanu zu tragen. Er schrieb: »Ich war für ihn verantwortlich, denn er fiel in meinen Zuständigkeitsbereich als Trainer, aber ich habe ihm nicht geholfen.« Die ehemaligen Mitspieler werten die Auseinandersetzungen mit Fashanu allerdings noch heute als Lappalie. John McGovern, damals Kapitän von Nottingham Forest, sagte 2012 in einem TV-Interview: »In einer Fußballmannschaft piesackt man sich eben. Das Wort Schwuchtel wurde sicherlich nicht benutzt, um den Spieler persönlich anzugreifen.«

Fashanu predigte gegen sexuelle Lust
 
Für Fashanu bedeuteten die Vorfälle von Nottingham eine Zäsur. Sein Leben geriet aus der Bahn. Zu allem Überfluss zog er sich 1983 eine schwere Knieverletzung zu, die immense Operationskosten nach sich zog. Jahrelang trainierte er manisch in Reha-Zentren und Fitnessstudios. So gut wie einst sollte er nie mehr spielen. Fashanu versuchte Neuanfänge in den USA und Kanada, oft bei unterklassigen Vereinen, dort, wo nie jemand von Brian Clough oder Nottingham Forest gehört hatte. Glücklich wurde er nicht.
 
Zwischenzeitlich reiste er nach Nigeria, in die Heimat seiner Eltern, er eröffnete eine Schwulenbar in Los Angeles, und als ein Freund ihm sagte, dass nur Jesus ihm helfen könne, schloss sich Fashanu den »Born-again Christians« an, einer protestantischen Fundamentalistengruppe. Er predigte gegen die sexuelle Lust, hielt sich aber weiterhin in der Schwulenszene auf, geplagt von Gewissensbissen und dem Glauben, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung eine schwere Sünde sei.

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