Das Ende des Schalke-Pessimismus

Tschüss königsgrauer S04!

Schalke 04 bleibt in dieser Saison die Wundertüte des internationalen Fußballs. 11FREUNDE-Mann Benjamin Kuhlhoff bringt dieser Wankelmut in eine Zwickmühle: Seine Sicht auf seinen Klub droht ins Wanken zu geraten. Das Ende des Schalke-Pessimismus

Wenn es einen idealen Tag für ein Geständnis gibt, dann wohl diesen. Deswegen gebe ich es zu: Ich gucke Champions-League-Spiele des FC Schalke am liebsten mit meiner Freundin. Ja, ich ziehe an diesen internationalen Feiertagen die traute Zweisamkeit auf dem heimischen Sofa, meterdick verrauchten Räumen und der ständigen Gefahr einer Herpesinfektion vor. Das ist langweilig, aber ich halte es anders nicht aus. Denn in den Jahren meiner Anhängerschaft zu S04 habe ich gelernt, dass der Rückzug ins Private der einzig wirksame Schutzraum ist. Ich brauche das – zum Schutz vor mir selbst.

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Im Grunde kennt man als Schalker nur zwei Gefühlswelten: Scham und Euphorie. Ich kenne sogar noch eine Dritte: Pessimismus. Zu oft habe ich schon die Arme zum Jubel in den Himmel gerissen, um nur Sekundenbruchteile später einen krachenden Tritt in die Familienplanung zu kriegen. Und gerade in dieser Saison spendierte der Klub uns den Eintritt in ein emotionales Wellenbad, in dem einem nach mittlerweile zehnmonatigen Aufenthalt ziemlich schlecht geworden ist. Beim FC Schalke 2011, so viel hat jeder mittlerweile verstanden, ist vom Raul-Kauf bis zur Magath-Entlassung ausnahmslos alles möglich. 

Ein 90-minütiges Sozialexperiment

Ich habe dazu gelernt und traue deswegen den Königsblauen keinen Zentimeter über den Weg. Vielmehr bin ich ein pessimistisches Nervenbündel, jederzeit bereit zu zerbersten. Für meine Freundin werde ich so zu einem 90-minütigen Sozialexperiment. Ihr Vorteil: Sie interessiert sich nicht die Bohne für Fußball, ist mit einem beneidenswerten Optimismus ausgestattet und hat einen diebischen Spaß daran, einfach nur zu beobachten, wie ich während eines Fußballspiels mental vor die Hunde gehe.

Und die Vorzeichen waren ideal: An einem normalen Tag können Neuer und Co. nie im Leben gegen Inter Mailand gewinnen. Und auch das 1:0 nach 25 Sekunden war so sehr Schalke wie es selbst Rudi Assauer niemals sein könnte. »Das war so klar«, raunte ich mir in diesem Moment der Selbstaufgabe zu. Klar war auch, was nun folgen würde: Milito, Eto'o, Sneijder, diese hakenschlagenden Killerkaninchen würden Schalke eine mächtige Abreibung verpassen. Ich war bereit zum Untergang und ließ mir ein Fass voll Selbstmitleid ein. Kalter, klarer Frust. »Schalke gewinnt sowieso«, konterte das blonde Wesen neben mir trocken. 

Klarer Schnaps und Frischgezapftes gegen den Frust

Das Fass lief über. Ich setzte wutentbrannt zum Monolog an: über die Tragik des Fanseins, über Rückschläge, die Meisterschaft der Herzen, Derbyniederlagen, personelle Nackenschläge, das Karma des ewigen Verlierers. Der Raum füllte sich mit Pessimismus. Meine Welt wurde wieder königsgrau. Die Welt in der Schalke noch in jedem entscheidenden Spiel an sich selbst scheitert, in der ich gegrämt und in gebückter Haltung durch die Redaktion schleiche, in der sich die Häme der Kollegen wie heiße Hufeisen in die Haut brennen. Ich musste raus hier, ab in die nächste Kneipe, meinen Frust gegen klaren Schnaps und Frischgezapftes eintauschen. Ich sprang schnaubend auf, doch just in diesem Moment deutete mein Gegenüber mit dem Kinn auf den Fernseher. »Guck mal«, lächelte sie mich an. Ich guckte: Joel Matip stochert eine Ecke rein. 1:1. »Und  jetzt ist das doch ein Ergebnis, das man sich angucken kann«, japste Kommentator Wolf Fuss. Das Spiel, das Sat.1 später mit dem Slogan »Das Wunder von Mailand« beflecken würde, nahm seinen Lauf.

Am Ende dieses historischen Abend steht eine Erkenntnis: Meine Welt des Pessimismus, der Grautöne, des verlorenen Glaubens an den S04 ist ins Wanken geraten. Ein komisches Gefühl, dessen Symbol das süffisante Lächeln meiner Freundin bleiben wird. In sieben Tagen ist das Rückspiel. Johannes B. Kerner kündigte schon mal »die große Schalke-Party« an. Die Arme sind also schon wieder zum Jubeln in den Himmel gerissen. Ich warte schon auf den Tritt in die Eier: Wahrscheinlich wird Schalke mit 0:4 untergehen.

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