10.06.2012

Das Duell: Boateng gegen Cristiano Ronaldo

Ganz ohne Stahlhelm

Wacker verteidigte Jerome Boateng 90 Minuten lang gegen Portugals Hero Cristiano Ronaldo. Unser Autor hatte nur Augen für dieses Duell. Und sah einen sprunggewaltigen deutschen Verteidiger ohne Stahlhelm.

Text:
Bild:
Imago

Paulo Bento floskelte neulich auf einer Pressekonferenz, wie man so auf Pressekonferenzen floskelt. Er sagte: »Wir sind ein Team.« Und Cristiano Ronaldo, der neben ihm saß, ergänzte: »Jeder ist für jeden da.« Die Selecao mehr als die Summe ihrer Teile? Mehr als Cristiano Ronaldo? Das klingt, als hätte Carlos Bilardo 1986 gesagt: Wir sind nicht von Diego Maradona abhängig.

Jogi Löw weiß das, und Hansi Flick weiß das auch. Sie kennen Ronaldos Antritt, seine Übersteiger, seine Schusskraft. Und sie wissen, welches Popcorn-Breitwand-Spektakel der Stürmer vor Freistößen veranstaltet. Er steht dann ein paar Meter weg vom Ball und für wenige Sekunden ist er ganz ruhig. Ein starrer, konzentrierter Blick, die Beine weit auseinander gestellt, die Hände an den Seiten herunterhängend. Wie eine symmetrische Figur, Millimeterarbeit. Hundert-, nein, tausendfach geübt.

»Stahlhelm auf und groß machen!«

Vermutlich wollte der deutsche Co-Trainer deswegen eine mächtige Antwort geben auf die Frage, wie sich die DFB-Defensive gegen diesen Mann wappnen wird. Flick sagte: »Stahlhelm auf und groß machen!« Nicht nur, weil die EM-Gastgeberländer Polen und Ukraine heißen, war das eine unglückliche Formulierung. Flick entschuldigte sich umgehend.

Doch subtrahiert man das militärische Vokabular, so blieb unter dem Strich dennoch die These, über die man nicht diskutieren muss: Ein Schlüssel zum Erfolg gegen Portugal würde die deutsche Defensivarbeit gegen Cristiano Ronaldo sein. Jerome Boatengs Defensivarbeit. 

Boatengs kleiner Tick

Die Spieler kennen sich. Sie haben erst kürzlich im Champions-League-Halbfinale gegeneinander gespielt. Am Samstagabend, 21:45 Uhr Ortszeit, steht der Deutsche sehr früh auf dem Platz, er zieht sich die Stutzen hoch. Das wird er im Spiel noch häufiger machen. Ein kleiner Tick zwischen den Spielaktionen. Eine Geste wie ein Füllsatz. Auch Ronaldo hat so einen Tick, er zieht sich manchmal das linke Hosenbein hoch. Als müsse das Bein für seine naturgewaltigen Schüsse freigelegt werden von aller Synthetik.

Zu Beginn der Partie hat er dafür sehr viel Zeit, denn er kommt in den ersten 17 Minuten nur zweimal an den Ball. Beim zweiten Mal wird es allerdings schon brenzlig. Ronaldo gewinnt ein Laufduell gegen Boateng, der es mit Festhalten versucht. Als verstehe Ronaldo das nicht als normalen Zweikampf, sondern als Provokation, verlangsamt er prompt. An der linken Strafraumkante hat er nun seine Lieblingssituation: das Eins-gegen-eins, vor einer Wand von 5000 deutschen Fans, die gellendes Pfeifkonzert starten.

Das wichtigste Duell des Abends

 
 
 
 
 
12
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden