Das deutsche Problem

Warten auf den Pass

Eigentlich kann man Joachim Löw keinen Vorwurf machen. Seine Mannschaft steht im Viertelfinale. Doch die Spielweise ruft so manchen Kritiker auf den Plan.

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Mesut Özil und André Schürrle trieben die Passquote noch einmal in ungeahnte Höhen: Schürrle passte zu Özil, Özil passte zurück zu Schürrle. Das Problem war nur: Alles spielte sich im Strafraum der Algerier ab. Schürrle hatte freie Bahn zum Tor, Özil ebenso, aber erst im dritten Anlauf konnte sich Schürrle zum Abschluss entscheiden, im vierten traf Özil zum 2:1-Endstand. Diese Szene am Ende des Achtelfinales gegen Algerien sagt im Grunde alles über das Problem des deutschen Spiels bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Anstatt entschlossen den Weg zum Tor einzuschlagen, drehen die Deutschen vor dem Ziel einen Kringel oder setzen noch einen Haken. Manchmal wirkt es so, als sei der Mario-Götze-Fußball inzwischen stilbildend für die gesamte Mannschaft.

Vier Jahre ist es her, dass die Nationalmannschaft die Herzen des globalen Publikums buchstäblich im Sturm erobert hat. Bei der WM in Südafrika war ihr Spiel, zumindest bis zum Halbfinale gegen Spanien, unwiderstehlich, wagemutig, mitreißend. Dieses Gefühl hat sich in Brasilien noch nicht eingestellt.
Natürlich hängt das auch etwas mit den Rahmenbedingungen zusammen. In Südafrika haben die Deutschen nach dem Ausfall ihrer Führungsfigur Michael Ballack von ihrer ungewohnten Außenseiterrolle profitiert. »2010 hatten wir einfach viel mehr Platz«, sagt Hans-Dieter Flick, der Assistent von Bundestrainer Joachim Löw. »Da sind nach Ballgewinn in unserer Hälfte drei, vier, fünf Mann losgespurtet und waren nach zehn, fünfzehn Sekunden im gegnerischen Strafraum. Hier sind die Gegner meist gut geordnet.«

Das ist die eine Seite. Die andere liegt sehr wohl in der Verantwortung der deutschen Mannschaft. Selbst wenn sie ihre Gegner mal in einem Moment der Unordnung erwischt, lässt sie diesen oft ungenutzt verstreichen. Nach dem letzten Gruppenspiel gegen die USA klagte Löw, dass seine Spieler zwei, drei Möglichkeiten versäumt hätten, sich gegen die sehr defensiven und gut organisierten Amerikaner schnell zu befreien. Und als sich vielversprechende Überzahlsituationen hätten herstellen lassen, »ist der Pass zum Abschluss nicht gekommen«, sagte Löw. »Wenn man das große Ziel erreichen will, wäre es schon gut, dass man beim letzten Pass und bei der Chancenverwertung ans Optimum kommt.«

In der Theorie wollte Löw mit seiner Mannschaft in Brasilien wieder näher ans Ideal von 2010. In der Praxis spielen die Deutschen harmlosen Verschleppungsfußball: getragen statt getrieben, in den schlechten Momenten fast ein bisschen bräsig. Dass die Spanier in Brasilien bereits in der Vorrunde ausgeschieden sind, wurde auch als Beleg für das Scheitern des Ballbesitzfußballs gedeutet. Wenn man sich die Spiele der Deutschen anschaut, könnte man den Eindruck gewinnen, sie arbeiteten mit Nachdruck an dessen Rehabilitierung.

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