Das Bundesligaspiel Eures Lebens – die Gewinnertexte

3. Platz: Begegnung der nullvierten Art

3. Platz

Begegnung der nullvierten Art / Johannes Mittermeier über seinen FC Bayern und Schalker Kutten

Diesen Zweikampf konnte ich nur verlieren. Doch der Gegner beging ein Foul, eine derbe Unsportlichkeit, weil der Ethos fehlte und der Anstand sowieso. Es war Sommer und sie - nein, nicht 31. Alles viel schlimmer. Sie kam aus Gelsenkirchen.

Die Frau guckte so komisch. Irgendetwas schien ihr nicht zu passen. Dann gackerte sie los. Ungefragt. Ließ mir einen Schwall an Verachtung zurück. Hatte ich ihr etwas getan? Offensichtlich ja. Mein Hemd war blütenweiß gewesen, doch jetzt zeugten dunkle Flecken vom föhnigen Gebläse. Es war ein Orkan. Wenn man damals schon gewusst hätte, was ein Shitstorm ist, der Ausdruck hätte sich pionierhaft von der virtuellen auf die reale Welt verselbständigt. 

Das Münchner Olympiastadion gehört für mich an wunderschönen Sommertagen zur prädestiniertesten aller Sportstätten. Der 4. August 2001 war so ein wunderschöner Sommertag. Drei Tage zuvor hatten mir meine Eltern einen Umschlag in die Hände gedrückt, der ein Präsent enthielt. Es war mein 11. Geburtstag, und am darauffolgenden Samstag würde ich beim Bundesligaspiel des FC Bayern München live dabei sein dürfen. Zum ersten Mal. Zum allerersten Mal!

Meine großen, braunen Rehaugen leuchteten. Gut, streng genommen habe ich keine großen, braunen Rehaugen. Und auch das Olympiastadion hatte ich bereits von innen gesehen, im Jahr 2000. Aber welchen Wert besaß schon ein in jeglicher Hinsicht belangloser Kick von 1860 München, wenn der FC Bayern, der Verein meines kleinen Herzens, immerzu Lichtjahre entfernt wirkte? Ganz genau: Keinen.

Ein krasser Widerspruch der Geschlechter

Im Mai 2001 hatten die Bayern im hitchcockigsten Elfmeterthriller die Champions League gewonnen. Meine Helden waren der rastlose Derwisch Oliver Kahn, der waidwunde Schnibbelkünstler Mehmet Scholl, das aufgedrehte Energiebündel Brazzo Salihamidzic. Und Giovane Elber, der geniale Stürmerstar aus Brasilien. Als wir am 4. August gen München aufbrachen, trug ich sein Trikot. Das weiße Auswährtsshirt mit der Nummer neun auf dem Rücken. Ich war bereit. Ich war selig.

Die Geschehnisse fallen in eine Ära, die noch eine mehr oder minder strikte Auffächerung der Geschlechtervorlieben voraussetzte. Die Emanzipation der Frau sollte ihren Siegeszug erst ab dem 2006er Weltturnier erfahren. Am Anfang des Jahrtausends war die Rollenverteilung klar geregelt. Die Mutter wandert mit der kleinen Schwester sogleich nach Ankunft in den örtlichen Tierpark, während Vater und Sohnemann schnurstracks zu Bier, Bratwurst und Bundesliga übergehen. Doch meine Familie widersetzte sich den Grundprinzipien fußballerischer Verhaltensnormen, und zwar so frappierend, dass die Erwähnung vollauf gerechtfertigt ist. Vater und Schwester verschlug es in den Zoo, Mutter und mich ins Stadion.

Mein Erzeuger atmete erleichtert auf

Wir waren früh dran, zu früh für die Einlasskontrolle. Heute würden grob geschätzt siebenundneunzigkommafünf Prozent der Wartenden auf technischen Endgeräten, so dünn wie ein Blatt Papier, herumwischen, sie würden facebooken, twittern und mit Apps hantieren. Ich hantierte mit einem Apfel, zwitscherte vor mich hin und wischte mir die Freudentränen aus den Augen. Ich war meiner Zeit weit voraus.

Die Masse vor dem verwitterten Kassenhäuschen verbreiterte ihren Radius minütlich, und eine Heerschar an bunten Partikeln verstärkte ihre Dichte. Die Fußballfans waren nicht wirklich schlecht gelaunt, aber Geduld ist bekanntlich keine Merkmalsausprägung dieser speziellen Gattung. Je länger sich nichts rührte, desto mürrischer nölte das Volk in Richtung der in grellgelben Leuchtwesen gekleideten Ordner. Diese zeigten sich davon ungefähr so beeindruckt wie die Queen‘s Guards am Londoner Buckingham Palace von Grimassenschneidern.

Meiner Mutter und mir sollte unsere Unkenntnis noch leid tun. Wir hatten uns nicht unter gleichgesinnte Bayern-Fans gemischt. Stattdessen waren wir in einen blau-weißen Pulk mit schlechten Manieren und mittelprächtiger Laune geraten. Uns umkreisten Anhänger des FC Schalke 04. Es war der 2. Spieltag der neuen Saison, und jeder, dessen Erinnerungsvermögen halbwegs funktionstüchtig lief, wusste um die Brisanz dieser Partie. Die seelische Nähe zum 19. Mai 2001 brachte den Kessel zum Erhitzen und den Deckel zum zittrigen Tänzeln. Die Gedankenwelt wurde frisch poliert.

Weil sich diese Einstellung nicht bei allen am Vorplatz des Kassenhäuschens durchgesetzt hatte, zogen meine Mutter und ich böse Blicke magnetisch an. Argwohn begleitete uns, falsche Zuckungen hätten das Rüstzeug zur Eskalation besessen. Die ein oder andere grummelige Schimpftirade war nicht für die Ohren eines 11-Jährigen gedacht, doch ich fühlte mich durchaus wohl in meinem Giovane-Elber-Trikot mit der Nummer neun. Der Stoff umschlug mich wie eine zweite Haut, wie ein Schutzpanzer aus Polyester, der mir nichts anhaben konnte.

Bis eine Frau mich erspähte.

Die Dame war wohl um die Fünfzig, obwohl sich das schwerlich bemessen ließ, sie war nicht besonders hoch gewachsen, und ihr kurzes, bräunliches Haar war von roten Strähnen durchzogen. Ihre Augen umzingelte eine ins Gesicht gefräste Armada an Falten. Wenn sie sprach, wurde allein die untere Zahnreihe sichtbar. Sie trug eine Kuttenweste von Schalke 04, die vor Aufnähern überzuquillen drohte. Ihre Jeans war ein vergessenes Relikt der frühen Neunziger, ausgebleicht und nicht sehr körperbetont geschnitten. Ich dankte Gott für diesen Umstand.

Das Fauchen des Säbelzahntigers

Dennoch überkam mich bald ein scheuer Moment der Furcht. Es war ein selten erlebtes Gemisch aus Frust, Stillosigkeit und einem miserablen Gespür für Kinder, als sich die Dame an mich wandte. Ihr Objekt der Abscheu: Mein Trikot. Der Stachel des 19. Mai musste tief sitzen, denn ihre Tonlage vermittelte etwas Abschätziges. Wie ein Feldwebel baute sie sich vor mir auf, wie ein Säbelzahntiger fauchte sie, ehe ihre untere Zahnreihe zu vibrieren begann: »Wie kann man nur so bescheuert sein und so einen Scheiß anhaben!?« Dann rauchte sie eine Zigarette.

Ich war elf Jahre jung. Ein unschuldiges Geschöpf. Seit jenem 4. August 2001 wünsche ich Schalke 04 nur das Schlechteste. Welch eine Freude war es, als Greuther Fürth im Januar in der Turnhalle gewann. Welch eine Genugtuung wäre eine Rückkehr von Kevin Kuranyi. Träumen ist erlaubt.

Der FC Bayern München rächte seinen diffamierten Fan auf die denkbar angenehmste Weise. Die 63.000 Zuschauer im vollbesetzten Olympiastadion riss es bereits in der 6. Minute aus den Schalensitzen, als Mehmet Scholl einen Pass schlug, wie ihn nur Mehmet Scholl schlagen konnte, und als einem gewissen Claudio Pizarro sein Premieren-Treffer für den Rekordmeister gelang. Nach einer Viertelstunde zirkelte der famose Scholl einen Freistoß aus siebzehn Metern in die rechte Ecke. Torwart Reck verblieb mit einem perplexen Staunen, das fast so ungläubig war wie jenes von Hans-Joachim Watzke bei der Bekanntgabe des Götze-Wechsels, zurück. In der 43. Minute zirkelte erneut der überragende Scholl einen Eckball in die Mitte, wo Niko Kovac das Leder mit Anlauf, mit Köpfchen und mit Glück zwischen Pfosten und Böhme ins Netz wuchtete. In der zweiten Halbzeit wurde Carsten Jancker eingewechselt. Das 3:0 war zementiert. 

Mein erstes Bayern-Spiel im Stadion - heute ist es ein Stück Kulturgut, ein Stück Zeitgeschichte. Ein Stück im Theater des Jubels, des Trubels und des Rubels. Vor allem aber ein Stück Lernmaterial in Sachen Umgangsformen.

Auge in Auge, Zahn um Zahn mit dem Tiger. Und wenn es nur die untere Gebissreihe war.

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