Das 80er-Jahre-Glossar

Osram und Entmüdungsbecken

Die 80er: Als Fans weit hinter der Tartanbahn die Spiele mit Fernglas verfolgten, als Hans-Peter Briegel ohne Schienbeinschoner so cool aussah wie einst Peter Fonda und Uli Hoeneß im Entmüdungsbecken Sektpartys feierte. Das 80er-Jahre-GlossarImago Bananenflanke

»Technisch erreicht wird die Bananenflanke durch den so genannten Innenspannstoß. Dabei wischt der ausführende Fuß mit seiner Innenseite am Ball vorbei und sorgt damit für eine seitliche Rotation des Balles. Der Ball wird dabei ungefähr mit dem Großzehenknochen getroffen. Der Fuß schwingt nach dem Treffen des Balles nach, er führt den Ball quasi noch ein Stück. Dies trägt zusätzlich zur Rotation bei.« Was sich in der Wikipedia-Theorie so liest, als müsste sich der Flankende bei der Ausführung mindestens die Füße verknoten, heißt beim Praktiker bei Horst Hrubesch: »Manni Bananenflanke, ich Kopf. Tor!« Gemeinhin gilt Kaltz spätestens seit Sommer 1981, als das kongeniale Kopfballungeheuer zum ersten Mal seinen harten Schädel auf eine Kaltz-Hereingabe drückte, als Urvater der Bananenflanke. Einzig Charly Dörfel, in den 60ern Hamburger Linksaußen und selbst erklärter Subunternehmer von Uwe Seeler, hält dagegen: »Nichts gegen Manni, aber die Bananenflanke habe ich erfunden. Letztens sach ich zu ihm: ›Du warst der Mann für die kleine Kanarische und ich für die große Chiquita.‹ Da hat er gelacht, der Manni.« Vielleicht, weil auch Dörfel die Erklärung des komplexen Phänomens auf das Wesentliche reduzierte: »Ich Flanke, Kopfball vom Dicken, zack, Tor!« Fußball kann so einfach sein.

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Bauherrenmodell

Ewald Lienen mochte den Fußball, aber das Geschäft drum herum konnte ihm gestohlen bleiben. Schon mit 27 wollte er ihm den Rücken kehren und befestigte einen Kalender an der Gladbacher Kabinentür, in dem er die letzten Tage herunter zählte. Doch dann riss ein Blick auf sein Konto ihn aus seinem Aussteigertraum: Die Zahlen waren rot. Wie das? 1981 war Lienen über einen selbsterklärten »Abschreibungskünstler« in eine Bauherrengemeinschaft eingetreten. Diese finanzierte die Errichtung von Mietwohnungen, um sie anschließend gewinnbringend und steuersparend zu veräußern. Doch die Immobilien stellten sich leider als unbewohnbar heraus – 300.000 Mark, ein Großteil von Lienens Vermögen, waren vernichtet. »Ich bin ein Opfer meiner eigenen Naivität geworden«, gab der als intellektuell geltende Linksaußen freimütig zu. »Wegen der ganzen Sache hat Ewald sechs Pfund abgenommen«, klagte seine Frau Rosie. Dass auch Kollegen wie Eike Immel und Bum Kun Cha unter tropfenden Decken standen und keine Käufer fanden, war nur ein schwacher Trost für die verschobene Rente: Lienen musste bis Ende 30 weitermachen.


Entmüdungsbecken

Das Entmüdungsbecken war der Ort, wo erschöpfte Helden gern mal den Schniedel in der lauen Strömung baumeln ließen – und auch keine Scheu zeigten, wenn das Kamerateam der RTL-Sendung »Anpfiff« spontan draufhielt. Nach großen Siegen wurde dem Pullerwasser oftmals Sekt beigemengt – die Geburtsstunde der fragwürdigen Schaumpartys, die im darauf folgenden Jahrzehnt ihren Zenit erreichten. Da waren die Entmüdungsbecken selbst schon aus der Mode gekommen: In Zeiten der verwissenschaftlichen Spielnachbereitung hatte man die Gefahr erkannt, dass angerissene Sehnen und auch andere Körperteile durch Wärmezufuhr ins Überdimensionale anschwellen können. Einer dachte ohnehin höchst ungern an die Mannschaftswanne zurück: Bochums Abwehrmann Thorsten Legat. »Fünf Mark für jeden, der einen Köpper ins Entmüdungsbecken macht!«, hatte VfL-Leitwolf Thomas Kempe ausgerufen. Legat sah die blinkende Münze, zog blank und sprang. Blöd nur: Im Becken war kein Wasser.

Osram

Er galt als das größte deutsche Talent der frühen 80er, einzig, er zeigte sein Können viel zu selten. Seine Trainer brachte er allesamt zur Verzweiflung: »Dem Wuttke haben sie ins Gehirn geschissen«, befand einst HSV-Trainer Ernst Happel. Wuttkes Mundwerk war einfach zu lose, wenngleich ihm dadurch – oft unfreiwillig – so manch humoristischer Spruch über die Lippen ging: Das Besondere an diesen: Bewegten sich einige unter Karnevalsniveau (»Immer wenn ich breit bin, werd’ ich spitz«), glänzten andere mit herrlicher Selbstironie (»Ich kann gar nicht bei einem Weinfest gewesen sein, ich bin Biertrinker«). Bei seinem Gladbacher Trainer Jupp Heynckes verstand Wuttke indes keinen Spaß. Wacker hält sich bis heute das Gerücht, Wuttke hätte während eines Trainingslagers seinen Stuhlgang über Heynckes’ Schuhen erledigt, daraufhin Heynckes einen Tobsuchtsanfall bekam, während sein Kopf rot und röter wurde. Wuttke nannte ihn in Anlehung an den Glühbirnenhersteller fortan nur noch »Osram«. Seiner Karriere und dem Ruf, das ewige »Enfant terrible« zu sein, tat dies, nun ja, nicht unbedingt gut. Immerhin, Jahre später sagte Wuttke geläutert: »Meine fehlende Diplomatie hat mich 50 Länderspiele gekostet.« Kann man so sehen.


Rasenschach

Auf die Frage, woher der große Zinedine Zidane sein strategisches Geschick hatte, kann es nur eine Antwort geben: von Norbert Nachtweih. 1991 spielte der junge »Zizou« beim AS Cannes eine Saison an der Seite des Routiniers. Für den war es der Epilog einer äußerst erfolgreichen Karriere. In den Jahren 1985 bis 1989 errang er mit dem FC Bayern München vier Mal den Deutschen Meistertitel – mit einer perfiden Zermürbungstaktik, die als »Rasenschach« in die Bundesligageschichte. Fans rasanten Fußballs verzweifelten, als die bis zur Selbstaufgabe disziplinierten Nachtweih, Sören Lerby, Norbert Eder, Lothar Matthäus und Klaus Augenthaler minutenlang die Bälle quer spielten, auf einem Grün, dass ein sadistischer Platzwart auch noch im Schachbrettmuster gemäht hatte. Doch irgendwann tat sich die Lücke auf, Nachtweih spielte steil auf Strafraumgespenst Roland Wohlfarth – Tor! So einfach war das, so effizient und so langweilig. Aus Angst vor sinkenden Einschaltquoten versuchte eine ganze Generation von TV-Reportern, diesen von Trainer Udo Lattek ersonnenen Minimalismus zum taktischen Spektakel hinauf zu multiplizieren. Zum Glück kam irgendwann Zidane – und löste sich von seinem Lehrmeister.


Schienbeinschoner

Das nackte Schienbein der 80er Jahre war weit mehr als eine Mode, es war das letzte große Aufbegehren gegen den sich stetig enger schnürenden DFB-Regelkatalog, ja, es war ein Ausdruck von Freiheit und Weite, es fühlte sich an wie auf einer Harley neben den »Easy Ridern« Denis Hopper und Peter Fonda über den Highway  zu rasen, während die »Steppenwolf«-Gitarren jeden Gegenspieler zu lächerlichen Statisten degradierten. Noch bei der WM 1986 ließen zahlreiche Profis ihre Stutzen auf Knöchelhöhe hängen. Erstaunlich, dass besonders Abwehrkanten wie Dietmar Jakobs oder Hans-Peter Briegel, also Profis, von denen man annahm, sie grätschten selbst noch das Laub in ihrem eigenen Garten zusammen, ohne Schienbeinschoner spielten – sie taten es vermutlich in der Gewissheit, dass Eisenfüße auch Eisenbeine besitzen. Die englische Nationalspieler Luther Blissett verstand bei seinem Debüt gegen die deutsche Elf im Oktober 1983 jedenfalls die Welt nicht mehr: »Ich schaute immer wieder nach unten, weil ich das einfach nicht glauben konnte: mein Gegenspieler Hans-Peter Briegel trug keine Schienbeinschoner! Doch der Typ war eh wie ein Monster, dem hätte man vermutlich beide Beine brechen können und der wäre noch weiter gelaufen.« Ende der 80er Jahre wurde alles anders, plötzlich prüften die Schiedsrichter die Schienbeinschoner unter den Stutzen und sanktionierten all die, die immer noch den Easy-Rider-Traum träumten. Hans-Peter Briegel hatte seine Karriere 1988 rechtzeitig beendet.


Tartanbahn

Ein Relikt aus Zeiten, da Leichtathletik und Fußball sportpolitisch noch gleichberechtigt waren. Immer schön abwechselnd: An einem Wochenende beackerte Hürdenläufer Harald Schmid die 400 Meter, am anderen wurde Fußball gespielt. Dann fand der rote Streifen nur als Auslauf für ausrastende Trainer oder als Bühne für folkloristische Tanzdarbietungen in der Halbzeitpause Verwendung. Doch immer weniger Fußballfans waren bereit, den Abstand zwischen sich und dem Geschehen mit dem Feldstecher zu überbrücken. Der Trend ging zum »reinen Fußballstadion« ohne Tartanbahn, wie man es aus England kannte. Schon in den 90er Jahren und spätestens im Vorfeld der WM 2006 hatte der Fußball die Leichtathletik aus vielen Stadien wie Bremen, Köln oder Frankfurt verdrängt. Der Tartan kam auf die Sondermülldeponie – das Material enthält das giftige Schwermetall Quecksilber.


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