Darmstädter Fans auf dem Fenstersims

Häuserkampf!

Weil das Regionalligaspiel 1860 München II gegen Darmstadt 98 unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, besetzte ein Fanklub eine Wohnung am Grünwalder Stadion – sanft und subversiv. Wir waren dabei. Darmstädter Fans auf dem FenstersimsSimon Koy
Heft#96 11/2009
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Eine Woche vor dem Spiel hatte er es erfahren. Alex Lehné, 24 Jahre alt, Azubi bei einer Versicherung, saß vor dem Computer, als die Meldung über den Bildschirm flimmerte: »Der DFB hat 1860 München nach den schweren Ausschreitungen beim Regionalliga-Spiel ihrer zweiten Mannschaft bei der SpVgg Weiden zu einer Geldstrafe in Höhe von 10 000 Euro verurteilt.« Schwere Ausschreitungen? Alex hatte von ein paar Böllerwürfen gehört. Er las weiter: »Zudem muss das Team das Heimspiel gegen Darmstadt 98 unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen.«

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Gerade diese Partie in München, dachte Alex, gehören doch Reisen in Großstädte in diesen Zeiten, in denen Darmstadt an einem Wochenende in Sonnenhof Großenaspach und am nächsten in Alzenau spielt, zu den wenigen Saisonhighlights.  Kurze Zeit später wussten seine Jungs vom Fanklub »Allesfahrer Darmstadt« Bescheid. »Wir verkleiden uns als Mitarbeiter vom Roten Kreuz«, schlug einer vor. »Vielleicht geht es mit einer Leiter«, meinte ein anderer, »an der Ostkurve ist die Mauer gerade mal fünf Meter hoch.«

Eine Leiter am Stadion? Bei einem bewachten Geisterspiel?

Alex Lehné ist Groundhopper, einer, der sein Ground-Heftchen pflegt und gute Ausreden parat hat, wenn er zu Spielen ins liechtensteinische Ruggell oder ins slowenische Velenje fährt. Er hat in den letzten Jahren Geschichten für ganze Almanache gesammelt, er lernte in Zagreb Halbweltgestalten kennen und im bosnischen Bihać einen Wettpaten, der ihm demonstrierte, wie man Spiele schieben kann. Doch eine Leiter am Stadion? Bei einem bewachten Geisterspiel? Das klang zwar radikal, mutig allemal, aber das Spiel wollte er gerne länger als drei Minuten sehen. »Lasst uns doch die Anwohner fragen!«, warf Alex ein und skizzierte sein Vorhaben. »Hinter der Ostkurve verläuft die Grünwalder Straße mit fünfstöckigen Wohnhäusern, teilweise mit Flachdächern oder Balkonen. Wenn wir dort hinein gelangen, haben wir beste Sicht.« Der Plan schien einfach, aber genial, und so recherchierte Alex über Satellitenbilder, welche Häuser in dem Abschnitt hinter der Ostkurve des Stadions liegen. Mit zwei weiteren Klicks fand er die dazugehörigen Namen der Bewohner samt ihrer Telefonnummern. Danach begann die Kaltakquise. Über 30 Mal wiederholte Alex seinen Text am Telefon, doch entweder zeigten die Wohnungen zum Hof oder sie lagen zu tief. Eine sehr alte Dame antwortete: »Bestimmt a Mordsgaudi, aber mei Hom is mei cassel.«

Doch Alex gab nicht auf. Und was war eigentlich mit diesem Eckhaus, das seinen Eingang in der Zasingerstraße hat, dessen Fenster aber zum Stadion zeigen? Er hatte es übersehen. Und dieses Mal war ein Volltreffer dabei: Dr. Ralf Hain* hieß ihr Mann in München. Seine Bedingungen: 70 Euro und keine Saufparty. Alex sagte zu und kündigte den Gastgeber im Fanklub als sympathischen Geschäftsmann an, wenngleich er hinzufügte, dass dieser wohl eher ein Typ »Arena-Fan« sei als ein waschechter Regionalliga-Ultra. Doch das sollte für die Gang nun nebensächlich sein, denn der Blick aus der Wohnung, so versprach Dr. Hain, sei besser als auf manch einem Stehplatz im Stadion. 

Donnerstag, 17. September 2009. Regen klatscht gegen den Minibus. Aus den Boxen dröhnen Madsen, Howard Carpendale und die »Lilien«-CD »We Will Win!«. Melodien für Millionen. Die Gruppe ist zu acht und hat vier Stunden Fahrt vor sich, es geht vorbei an Feucht, Eching, Garching. Aufbruch und Abenteuer, mehr unterwegs waren bloß Jack Kerouac und Dennis Hopper. Nur als der Bus die Allianz Arena passiert, schlägt die Stimmung kurz um. »Ich mag keinen Kommerzfußball«, grummelt Alex, und der Rest nickt, während im Bus noch der Geruch vom letzten Stopp bei »Burger King« in der Luft liegt.

Am Stadion das erwartete Bild: Polizisten patrouillieren an den abgesperrten Toren, ein verspiegelter Videowagen fährt die Straße entlang und ein Ordner spricht wichtige Halbsätze in sein Funkgerät. Skeptisch beäugen sie das ach so konspirative Treiben an der Ecke Zasinger- und Grünwalder Straße. Alex Lehné fährt mit dem Finger über das Klingelschild, Dr. Hain, fünfter Stock, der Rest tippelt vor der Haustür wie Kinder bei einer Tombola. Karawanenartig zieht die Gruppe nach oben, einen Kasten Bier geschultert, dazu Rucksäcke mit ein paar Bannern.

Am Ende der Treppe wartet er, der gutmütige Fremde, Dr. Ralf Hain. Blondes, strubbeliges Haar, schwarzes Brillengestell, weißes Hemd, Ende 30. Sieht so der »Arena-Fan« aus, von dem Alex sprach? Und sieht so die dazugehörige Wohnung aus: Pop-Art und abstrakte Kunst an der Wand, eine Möbelmelange aus Secondhand, Ikea und Designerstücken, neben dem Computer überfüllte Aschenbecher, daneben eine Minibar auf Rollen.

Wie eine Touristengruppe an den Niagarafällen

Viel fehlt nicht zum Glück. Eigentlich fehlen den Darmstädtern nur noch drei Meter, denn bereits durch die Tür des Wohnzimmers erspähen sie die Flutlichtmasten und die Anzeigentafel mit den Holztäfelchen. Noch zwei Meter, Flaschen fallen von einem gläsernen Servierwagen. Dr. Hain eilt zu Hilfe. Noch einen Meter, man kann den Rasen fast schon riechen und dann verharren sie für einige Sekunden am Fenster wie eine Touristengruppe an den Niagarafällen. Ein Postkartenidyll für jeden Fußballfan.

Bevor die »Allesfahrer« Dr. Hain in Fachgespräche verwickeln, unterbricht der: »Wisst ihr was, ich habe gar keine Ahnung von Fußball.« Die Situation wird zunehmend grotesker, denn Hain erzählt danach, dass er Chef einer großen Internet-Wettfirma sei. Ein Sportmanager, der ein Stadion ständig vor Augen hat und der dort arbeitet, wo rund um die Uhr über Fußball diskutiert wird, ist kein Fußballfan? »Ach«, der Doktor zuckt mit den Achseln, »ich mag das Subversive dieser Aktion.« Dieser gutbürgerlichen Hausbesetzung. Als die Gruppe das Darmstadtbanner am Sims befestigt, hat sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite unter einem Baum ein kleiner Pulk von Leuten gebildet. Von oben sehen sie aus wie Großväter, die sonntags im Ohrensessel sitzen, sich genüsslich ihre Pfeifen stopfen und den Enkeln Geschichten von damals erzählen, als der TSV 1860 München das letzte und einzige Mal Deutscher Meister wurde. Alte Männer mit selbstgestrickten weiß-blauen »Löwen«-Schals.

Doch dann hallt es schon: »Darmstädter! Arschlöcher!« Alex hat dafür ein müdes Lächeln übrig: »Ich bin gerne Arschloch, wenn ich hier oben stehen darf.«

Als den Sechzigern die Puste ausgeht, schleichen sie ein paar Meter an der Ostkurvenmauer entlang, auf der Suche nach einem Guckloch, nach dem Geruch von Blut, Schweiß und Tränen, doch sie haben keine Chance, denn jeder noch so kleine Spalt wurde schon vor dem Spiel mit blauer Plane abgedeckt. Auf dem Platz verzweifeln Darmstadts Stürmer derweil an den eigenen Beinen und strahlen eine Gefährlichkeit aus wie Fechter mit Wattestäbchen. Nach 60 Minuten steht es 2:0 für Sechzig. Dennoch ist die Welt hier oben, im wohltemperierten Wohnzimmer von Dr. Hain, irgendwie in Ordnung. Während die Löwen-Fans Schutz vor dem Regen suchen, grüßen die »Allesfahrer« wie Popstars auf Welttournee aus ihrem Hotelzimmer. Nichts, so scheint es, könnte ihnen heute den großen Triumph nehmen, nicht einmal die Niederlage der eigenen Mannschaft.

Das Drama beginnt 20 Minuten vor Ende der Partie – es beginnt mit Tränen auf zarten Mädchenwangen. Dr. Hain, der sich bis dahin wie ein Vater auf der Geburtstagsparty seines Sohnes im Hintergrund gehalten hat, schleicht mit fragender Miene umher. »Was ist passiert?«

Eine kleine Fahne ist heruntergefallen, über die Regenrinne, an den Fenstern vorbei und dann auf dem Fußweg gelandet. Und die Löwen gierten unter ihrem Baum wie bei der Fütterung. Nun eilen sie auf die andere Straßenseite und schnappen sich den Fetzen. Dr. Hain mustert die Baumsteher: »Was sind das eigentlich für Typen?«, fragt er neugierig. »Kuttentypen«, erklärt Alex. »Kutten?« »Diese Jeanswesten mit Aufnähern.« Dr. Hain hakt nach: »Sind das Schlägertypen?« »Eher Alkoholtypen.« Der Manager nickt, doch als der Vorschlag die Runde macht, sich die Fahne wieder zu holen, rückt er seine Brille zurecht und stellt sich mahnend in den Raum: »Mit denen ist nicht zu spaßen, hier gab es schon mal Ausschreitungen.« »Damit hab ich Erfahrung«, kontert der kräftig gebaute Dominik prompt. Dr. Hains heitere Gesichtszüge verschwinden im Nu: »Aber bitte nicht heute. Nachher kommt ihr blutüberströmt zurück.«

Im Hintergrund fällt das 4:0 für Sechzig. Es interessiert nicht mehr. Aus einer Ecke raunt es ein letztes Mal: »Lasst uns nach der Fahne fragen.«

Doch die Idee wird mit dem Abpfiff kurzerhand verworfen, innerhalb weniger Minuten ist Hains Wohnung leer. Die Gruppe eilt hinab, vorbei an einem Polizeiauto, zum Stadion. Dort warten sie auf die Mannschaft – es besteht Redebedarf. Auf der anderen Seite halten sich die Löwen-Fans gegenseitig fest, weil sie nach etlichen Bieren nun etwas wackelig auf den Beinen sind. Einige Männer sind alt, das schon, aber keiner von ihnen hat einen selbstgestrickten Schal um den Hals gebunden, keiner würde großväterlich Geschichten von früher erzählen. Der, der sich umdreht, trägt eine Army-Jacke, seine Haut sieht aus, als sei sie aus Leder, die Oberlippe ziert ein Schnauzer, den Schwarzer-Krauser-Nikotin gelblich gefärbt hat. »Schleicht’s euch!«, blafft er. Sein Kollege mit der Jeans-Kutte greift nach einem Bier, und ehe jemand »Prost« sagen kann, öffnet er es mit seinen Backenzähnen und spuckt den Kronkorken auf den nassen Asphalt. »Warum durfte heute niemand ins Stadion?« »Weil wir die sind, die Ärger machen!«

Stille. Unendliche Stille.

Sie ist in diesem Moment lauter als ein volles Stadion.

Dann zeigt der Lederhäutige auf das Eckhaus, wo eben noch ein breiter Darmstadt-Banner am Fenstersims klebte, und flüstert: »Ihr g’hörts doch zu den Darmstädtern?« Auch wenn er sich bärbeißig gibt, zittert die Stimme. Die Fahne, auf die jemand vor Zeiten mal die Buchstaben S, V und D mit Filzstift geschrieben hat, ist nicht mehr hier. Die jüngeren Sechzig-Fans sind mit dem durchnässten Lappen längst von dannen gezogen. Er ist ihre Trophäe, der die Schmach getilgt hat, dass sie 90 Minuten hinter Mauern standen, während die Darmstädter beste Sicht aufs Spielfeld genossen. In diesem Moment wirkt es, als spiegele sich in diesem Raum, von Hains Wohnung bis zum Bordstein, die gesamte Fankultur im Kleinen: Ultras, Kutten, Jungspunde, Altvordere, Arena-Fans, Interessierte. Territorialkämpfe auf verlassenen Plätzen.

Dann löst sich auch dieser Mob auf. Zurück bleibt Dr. Hain am Fenster. »Interessant«, murmelt er noch, als die »Allesfahrer« in ihren Bus klettern. »Rein soziologisch betrachtet sehr interessant.«

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