Darijo Srnas bewegte Lebensgeschichte

Das Leben, so zerbrechlich

Kroatiens Kapitän Darijo Srna ist ein ungewöhnlich emotionaler Spieler. Kein Wunder für einen muslimischen Bosnier mit dramatischer Familiengeschichte

Es war ein drückend heißer Abend in Wien, der Rasen im Ernst-Happel-Stadion sah aus wie der Schauplatz eines schrecklichen Verkehrsunfalls. Überall lagen Männer in blauen Hemden herum, einige mit dem Gesicht im Gras, manche auf den Knien, alle mit leerem Blick ins Nichts starrend. Kroatien hatte soeben das Viertelfinale der Euro 2008 nach Elfmeterschießen gegen die Türkei verloren. Einem Spieler schien die Niederlage besonders nah zu gehen. Darijo Srna schluchzte wie ein kleines Kind. Die Teamärzte versuchten ihn zu beruhigen, sein Trainer Slaven Bilić hockte neben ihm, strich ihm über den Kopf und hielt seine Hand. Selbst Schiedsrichter Roberto Rosetti schien sich Sorgen um ihn zu machen. Doch Srna war untröstlich. Er weinte und weinte, bis er keine Tränen mehr hatte.

Ein Jahr später weinte er wieder, aber diesmal vor Freude. Sein Klub Schachtar Donezk hatte soeben den UEFA-Pokal gewonnen.

Sein Vater wurde zur Waise und in Slowenien adoptiert

»Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und nehme mir manche Dinge einfach zu sehr zu Herzen“, weiß Srna. »Ich habe in meinem Leben einiges durchgemacht, aber letztlich hat es mir geholfen, meinen Charakter zu stärken.« Kroatiens Nationaltrainer Slaven Bilić sagt über seinen Schützling: »Tritte und Grätschen können ihn nicht aufhalten. Auch wenn er auf dem Boden liegt und sich vor Schmerzen windet, rappelt er sich wieder auf und läuft weiter als wäre er Robocop.« Srna ist ein Kämpfer. Seine Entschlossenheit, die ihm nicht nur auf dem Platz, sondern auch im richtigen Leben zu Eigen ist, verdankt er nicht zuletzt einem ausgeprägten Bewusstsein dafür, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist. Sein Vater Uzeir hat als Bosniake (bosnischer Muslim) unfassbares Leid erfahren. Im Zweiten Weltkrieg wäre Uzeir, damals noch ein kleiner Junge, fast umgebracht worden, als serbisch-nationalistische Milizen, die Tschetniks, mordend durch Bosnien zogen und sein Dorf dem Erdboden gleichmachten. Uzeir überlebte, aber seine schwangere Mutter und seine Schwester wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. Sein Vater wurde später von einem Querschläger getötet. Der Waisenjunge wurde von einer slowenischen Familie adoptiert und erhielt einen neuen Namen, aber sein Bruder Safet konnte ihn nach langer Suche ausfindig machen und nahm ihn mit zurück nach Bosnien. Uzeir wurde Torhüter und landete schließlich im kroatischen Metković, wo Darijo 1982 zur Welt kam.

Die Lebensgeschichte seine Vaters war für Srna stets eine besondere Motivation. »Meine Familie musste viele Opfer bringen, damit aus mir ein erfolgreicher Fußballer werden konnte. Ich hatte gar keine andere Wahl, als es zu schaffen«, sagt Srna. Seine Eltern waren außerdem darauf bedacht, ihm eine gute Schulausbildung zu ermöglichen. Manchmal mussten sie ihn allerdings buchstäblich vom Fußballfeld schleifen, damit er seine Hausaufgaben machte. Als sie merkten, wie ernst es ihm mit der Profikarriere war, unterstützten sie ihn nach Kräften. Als Junge half Darijo seiner Familie, Gemüse auf dem Markt zu verkaufen. Er sparte genug Geld, um sich sein erstes Paar Fußballschuhe zu kaufen. »Mein Vater war wütend und nahm sie mir weg, um sie in den Laden zurück zu bringen«, erinnert sich Srna. »Aber dann kam er mit den besten Schuhen heim, die sie im Angebot hatten.« Von seinem ersten größeren Gehalt kaufte Srna seinem Vater einen Mercedes. Als Schachtar 2009 das UEFA-Cup-Finale in Istanbul bestritt, ließ er auf eigene Kosten 125 Freunde und Verwandte einfliegen. In der Ukraine spendet er oft Eintrittskarten für Waisenkinder. »Alles, was ich erreicht habe, habe ich meiner Familie zu verdanken«, sagt er.

Nicht jeder wollte ihn als Kapitän der Nationalmannschaft

Der Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft hat einen Bruder mit Down-Syndrom, dem er jedes einzelne seiner Tore widmet. Seinen Namen, Igor, hat Darijo sich auf die Brust tätowieren lassen. Auch die Namen seiner Frau Mirela und seiner Tochter Kasja hat er sich, ebenso wie seinen Familiennamen, auf seinen Körper stechen lassen. Gleichwohl ist ein großes Kämpferherz keine Garantie für eine erfolgreiche Karriere als Fußballer. Srna musste sich alles, was er erreicht hat, hart erarbeiten. Als Jugendlicher spielte er bei Hajduk Split vor, doch trotz seines offenkundigen Talents hätte der Klub ihn beinahe ziehen lassen. Hajduk ist für solche Fehleinschätzungen berüchtigt – u.a. Zvonimir Boban und Luka Modrić wurden einst für »nicht gut genug« befunden. Hätte sich nicht der große AC Mailand für den damals 16-jährigen interessiert, wäre wohl auch Srna, der auf der rechten Seite sowohl im Mittelfeld als auch in der Viererkette einsetzbar ist, nicht verpflichtet worden. Bei Hajduk lernte Srna auch Slaven Bilić kennen, der 2000 aus England zurückkehrte und seine lange Karriere mit einer letzten Saison in Split ausklingen ließ, bevor er den Trainerposten des Klubs übernahm. Die beide hatten schon immer einen besonderen Draht zueinander, was sicher eine Rolle spielte, als Bilić vor zwei Jahren beschloss, Srna zum Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft zu bestimmen.

Srna war 2003 nach Donezk gegangen und hatte sich gemeinsam mit der Mannschaft stets weiterentwickelt, was mit mehreren Meisterschaften und schließlich dem Gewinn des Europapokals belohnt wurde. Srna lehnte Angebote aus England und Spanien ab und führte Schachtar im letzten Jahr bis ins Viertelfinale der Champions League. Trotzdem war nicht jeder einverstanden, als Srna nach der gescheiterten WM-Qualifikation zum neuen Kapitän der kroatischen Nationalelf ernannt wurde. Kritiker meinten, er wäre zu emotional und nicht in der Lage, in der Hitze des Gefechts seine Gefühle im Zaum zu halten. Andere wiederum stellten seine Führungsqualitäten in Frage oder empfanden, wenn auch nur hinter vorgehaltener Hand, seinen Glauben als problematisch. »Die Medien zweifelten daran, dass ich der Richtige für den Job wäre, aber Slaven gab mir sein Vertrauen«, sagt Srna. Kroatien quälte sich mehr schlecht als recht durch die Qualifikation zur Euro 2012. Wegen der anhaltenden Rezession war es um die Stimmung in Land ohnehin nicht zum Besten bestellt. Das bekam nicht zuletzt auch die Nationalmannschaft zu spüren, die heftige Kritik über sich ergehen lassen musste. »Manchmal hatte ich das Gefühl, wegen mehrfachen Mordes vor Gericht zu stehen«, gesteht Srna. »Zwischenzeitlich habe ich sogar einen Psychiater aufgesucht, um mit dem Druck klarzukommen. Ich brauchte diesen Beistand.«

Als Kroatien in den Playoffs ausgerechnet die Türkei zugelost bekam, stiegen die Erwartungen im Land ins Unermessliche. Die heimischen Fußballfans forderten nicht weniger als »Vergeltung« für die Niederlage von 2008 – und wurden nicht enttäuscht: die Kroaten gewannen das Hinspiel in der Türkei mit 3:0, so dass das Rückspiel nur noch Formsache war. Was aber keineswegs heißt, dass die bittere Niederlage von vier Jahren vergessen gemacht wurde. »Oh nein«, sagt Bilić, »das Spiel von 2008 wird uns unser Leben lang verfolgen.« Jetzt ist Kroatien also wieder dabei, mit weitgehend der gleichen Mannschaft wie vor vier Jahren, aber eben auch vier Jahre älter und erfahrener. Der einzige Spieler der Elf von 2008, der noch immer beim gleichen Verein wie damals spielt, ist Srna. Er fühlt sich wohl in der Ukraine und möchte sich unbedingt noch einen Traum mit der Nationalmannschaft erfüllen: »Aufgrund unserer Qualität können wir die Gruppenphase überstehen«, sagt er. »Aber es wäre toll, noch einen Schritt weiter zu gehen und das Halbfinale zu erreichen – denn dann spielen wir in meiner Ukraine!« Angesichts der Gruppengegner Spanien, Italien und Irland erscheint dieses Ziel fast unerreichbar. Andererseits werden Srnas Träume meistens wahr. Vielleicht kommen die Dämonen von Wien also endlich zur Ruhe.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!