14.06.2012

Darijo Srnas bewegte Lebensgeschichte

Das Leben, so zerbrechlich

Kroatiens Kapitän Darijo Srna ist ein ungewöhnlich emotionaler Spieler. Kein Wunder für einen muslimischen Bosnier mit dramatischer Familiengeschichte

Text:
Aleksandar Holiga & Jonathan Wilson
Bild:
Imago

Es war ein drückend heißer Abend in Wien, der Rasen im Ernst-Happel-Stadion sah aus wie der Schauplatz eines schrecklichen Verkehrsunfalls. Überall lagen Männer in blauen Hemden herum, einige mit dem Gesicht im Gras, manche auf den Knien, alle mit leerem Blick ins Nichts starrend. Kroatien hatte soeben das Viertelfinale der Euro 2008 nach Elfmeterschießen gegen die Türkei verloren. Einem Spieler schien die Niederlage besonders nah zu gehen. Darijo Srna schluchzte wie ein kleines Kind. Die Teamärzte versuchten ihn zu beruhigen, sein Trainer Slaven Bilić hockte neben ihm, strich ihm über den Kopf und hielt seine Hand. Selbst Schiedsrichter Roberto Rosetti schien sich Sorgen um ihn zu machen. Doch Srna war untröstlich. Er weinte und weinte, bis er keine Tränen mehr hatte.

Ein Jahr später weinte er wieder, aber diesmal vor Freude. Sein Klub Schachtar Donezk hatte soeben den UEFA-Pokal gewonnen.

Sein Vater wurde zur Waise und in Slowenien adoptiert

»Ich bin ein sehr emotionaler Mensch und nehme mir manche Dinge einfach zu sehr zu Herzen“, weiß Srna. »Ich habe in meinem Leben einiges durchgemacht, aber letztlich hat es mir geholfen, meinen Charakter zu stärken.« Kroatiens Nationaltrainer Slaven Bilić sagt über seinen Schützling: »Tritte und Grätschen können ihn nicht aufhalten. Auch wenn er auf dem Boden liegt und sich vor Schmerzen windet, rappelt er sich wieder auf und läuft weiter als wäre er Robocop.« Srna ist ein Kämpfer. Seine Entschlossenheit, die ihm nicht nur auf dem Platz, sondern auch im richtigen Leben zu Eigen ist, verdankt er nicht zuletzt einem ausgeprägten Bewusstsein dafür, wie kostbar und zerbrechlich das Leben ist. Sein Vater Uzeir hat als Bosniake (bosnischer Muslim) unfassbares Leid erfahren. Im Zweiten Weltkrieg wäre Uzeir, damals noch ein kleiner Junge, fast umgebracht worden, als serbisch-nationalistische Milizen, die Tschetniks, mordend durch Bosnien zogen und sein Dorf dem Erdboden gleichmachten. Uzeir überlebte, aber seine schwangere Mutter und seine Schwester wurden bei lebendigem Leibe verbrannt. Sein Vater wurde später von einem Querschläger getötet. Der Waisenjunge wurde von einer slowenischen Familie adoptiert und erhielt einen neuen Namen, aber sein Bruder Safet konnte ihn nach langer Suche ausfindig machen und nahm ihn mit zurück nach Bosnien. Uzeir wurde Torhüter und landete schließlich im kroatischen Metković, wo Darijo 1982 zur Welt kam.

Die Lebensgeschichte seine Vaters war für Srna stets eine besondere Motivation. »Meine Familie musste viele Opfer bringen, damit aus mir ein erfolgreicher Fußballer werden konnte. Ich hatte gar keine andere Wahl, als es zu schaffen«, sagt Srna. Seine Eltern waren außerdem darauf bedacht, ihm eine gute Schulausbildung zu ermöglichen. Manchmal mussten sie ihn allerdings buchstäblich vom Fußballfeld schleifen, damit er seine Hausaufgaben machte. Als sie merkten, wie ernst es ihm mit der Profikarriere war, unterstützten sie ihn nach Kräften. Als Junge half Darijo seiner Familie, Gemüse auf dem Markt zu verkaufen. Er sparte genug Geld, um sich sein erstes Paar Fußballschuhe zu kaufen. »Mein Vater war wütend und nahm sie mir weg, um sie in den Laden zurück zu bringen«, erinnert sich Srna. »Aber dann kam er mit den besten Schuhen heim, die sie im Angebot hatten.« Von seinem ersten größeren Gehalt kaufte Srna seinem Vater einen Mercedes. Als Schachtar 2009 das UEFA-Cup-Finale in Istanbul bestritt, ließ er auf eigene Kosten 125 Freunde und Verwandte einfliegen. In der Ukraine spendet er oft Eintrittskarten für Waisenkinder. »Alles, was ich erreicht habe, habe ich meiner Familie zu verdanken«, sagt er.

Nicht jeder wollte ihn als Kapitän der Nationalmannschaft

 
 
 
 
 
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