Damals in der Sportschule Hennef

Münztelefon auf dem Zimmer

Damals in der Sportschule HennefImago
Heft #70 09 / 2007
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Klaus Halm ist quasi die letzte Bastion eines deutschen Heiligtums. Wer zu ihm gelangen will, muss durch den Wald laufen, 89 steile Stufen hinauf. Der Platzwart lebt wie ein Einsiedler auf dem Gelände der Sportschule Hennef. Seine Wohnung befindet sich unterhalb der Spielfläche der ihm anvertrauten Plätze. Wenn oben trainiert wird, sitzt er genau darunter im Wohnzimmer, in seinen vier Wänden. Genau genommen logiert er bereits seit 1950 unter der Grasnarbe. Schon sein Vater hat sich hier um die Platzpflege gekümmert, in der grünen Oase zwischen Bergischem Land und Westerwald.

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Als Vater Halm vor 57 Jahren als Platzwart anfing, war das 25 Hektar große Gelände so etwas wie das Hotel Adlon des DFB, jedenfalls im Selbstverständnis des Fußballverbands Mittelrhein – und er einer der wichtigsten Mitarbeiter. Damals waren selbst die Stippvisiten von Kamerun (1960) und Guinea (1968) ein Indiz der Bedeutung, akribisch vermerkt im Gästebuch. Die moderne Ausstattung und ihre Abgeschiedenheit waren die Stärken der Sportschule, der Erfolg des deutschen Fußballs der Maßstab ihres Erfolgs. Helmut Schön, Jupp Derwall und Franz Beckenbauer kamen immer wieder dorthin, wo Sepp Herberger schon im März 1954 untergekrochen war.

»Was früher das Walzen war, ist heute das Aufkämmen«

Klaus Halm ist jetzt 60 – und gehört zum letzten Aufgebot der alten Garde. Das Gras muss heute nicht mehr ganz so häufig gemäht werden. Es gibt jetzt auch in der Sportschule einen Kunstrasenplatz. Das soll im Winter praktischer sein, auch wenn es klingt, als würde im All England Lawn Club in Wimbledon plötzlich auf Kunststoffteppich gespielt. Klaus Halm sagt: »Was früher das Walzen war, ist heute das Aufkämmen.« Wenn der fast zwei Meter breite Besen zum Einsatz kommt, bleibt der Sitzrasenmäher in der Garage. Der alte Aufkleber, der auf dem Garagentor haftet, ist die Pril-Blume der Landschaftsgärtner. Er trotzt dem Fortschritt und wirbt für »Manna-Dünger«. Kein Wunder, dass man sofort an heiligen Rasen denken muss, wenn Halm, der sonst kein Mann großer Worte ist, über sein Fachgebiet referiert: »Wir haben hier oben einen DIN-Platz. Weil da nur zwölf Zentimeter Sand drauf sind, kriegt er alle drei Wochen zwei Kilo Dünger von mir. Selbst nach einem Wolkenbruch ist der nach einer halben Stunde wieder trocken.«

Es ist nicht lange her, da wurde die Sportschule Hennef renoviert. Nicht ohne Stolz wird auf der Homepage ein Kostenvolumen von 6,8 Millionen Euro ausgewiesen. Weiter heißt es: »Aufwändige Einrichtungen, ein perfekter Anschluss an die Verkehrswege und unser freundliches Personal garantieren einen unvergesslichen Aufenthalt.« Vorbei sind die Zeiten, als Nationalspieler vier lange Wochen in Sportschulen kaserniert wurden. 1974, bei der ersten WM im eigenen Land, mussten in Malente an die 40 Mann mit winzigen Zimmern, Toiletten und Waschräumen außerhalb klarkommen. »Stellen Sie sich mal vor, wir würden das unsern Spielern heute noch zumuten«, sagte Berti Vogts, bevor er Bundestrainer wurde. Jürgen Klinsmann sekundierte nach seinem Dienstantritt: »Mit dem Geist von Malente: Da kann dir keiner erklären, wo der sein soll!« Als der schwäbische Kalifornier als eine seiner ersten Amtshandlungen für das WM-Projekt ein Hotel in Berlin anmietete, existierte der deutsche Mythos Sportschule nur noch auf dem Papier. Während der Deutsche Fußball-Bund das Sommermärchen vorbereitete, dachten 47 Mitarbeiter in Hennef über ihre Zukunft nach.

Seit Klinsmann das Luxushotel in Grunewald als zeitgemäßes Mannschaftsquartier vorzog, seit die Klubs im Sommer kostenlose Trainingslager in Österreich abhalten können, weil das dem dortigen Tourismus hilft, seitdem der DFB als moderner Sportverband wahrgenommen werden will, müssen sich die Sportschulen in Deutschland neu erfinden. Damit die Frage nicht irgendwann lautet: Wozu gibt’s euch überhaupt noch? Sie reagieren mit Investitionen in die Infrastruktur. Selbst der Geist von Kaiserau, nicht zu verwechseln mit dem Geist von Malente, hat sich modernisiert. Er kann nun auf einen Wellnessbereich verweisen: Für 13,5 Millionen Euro wurde rechtzeitig zur WM neben der alten Herberge ein Sporthotel errichtet. Und selbst der Begriff »Sportschule« hat in Schleswig-Holstein seither ausgedient. Die spanische Nationalmannschaft logierte während der WM 2006 bereits im »SportCentrum Kamen.Kaiserau«.

Dagegen nehmen sich die Investitionen in Hennef fast schon wieder bescheiden aus, aber auch hier entspricht das Gästehaus längst »dem Standard eines 4-Sterne-Hotels« (Sportschulleiter Andreas Eichwede). Flatscreen-Fernseher, kostenloser Internetzugang, Klimaanlage und Minibar auf dem Zimmer sind in Hennef eine Selbstverständlichkeit. »Und wenn eine Playstation angeschlossen werden soll, bekommen wir das auch noch hin«, sagt Andreas Eichwede. Zudem existieren nunmehr vier Rasenplätze, ein Kunstrasenfeld, eine 40 mal 60 Meter große Kunstrasenhalle und ein Freibad mit 50-Meter-Bahnen und Sprungturm. Solcherlei Möglichkeiten werden geschätzt: 2005 bereitete sich die argentinische Nationalmannschaft in Hennef auf den Confederations Cup vor. Der türkische Fußballverband lädt mehrmals im Jahr seine größten Talente aus ganz Deutschland zu Sichtungslehrgängen ein. Und erste Anfragen der alten Kunden aus Leverkusen und Köln sollen auch schon wieder eingegangen sein.

Als Egidius Braun 1998 gefragt wurde, warum er ausgerechnet Erich Ribbeck als Bundestrainer ausgewählt habe, verwies der damalige DFB-Präsident auf die Trainerausbildung am Mittelrhein: »In unserer Sportschule in Hennef werden gerade vierzig asiatische und afrikanische Trainer von deutschen Sportlehrern ausgebildet. Der deutsche Fußball und auch unsere Trainingslehre sind in der ganzen Welt anerkannt. Also ist es logisch, einen hochqualifizierten deutschen Trainer zu verpflichten.« Damit ist die Sportschule also irgendwie auch schuld an einer der größten Fehlentscheidungen der jüngeren DFB-Geschichte. Gleichzeitig hat sie sich aber durchaus staatstragende Verdienste erworben: Jürgen Klinsmann und Jogi Löw haben beide ihren Trainerschein in Hennef gemacht, beim legendären Sonderlehrgang für verdiente Nationalspieler im Juni 1999.

Von vielen Trainern wird die Sportschule nicht mehr wahrgenommen

Die Institution ist dem Sportverband, dem sie dient, erstaunlich ähnlich. Beide waren mal unumstritten die Könige der Kampfbahn. Beide haben zwischendurch eine Menge Rost angesetzt. Beide müssen sich neu organisieren in einer sich verändernden Fußballwelt. Andreas Eichwede leitet die Sportschule seit 2001. Seine aktuelle Botschaft lautet: Die Selbstfindungsphase ist abgeschlossen. Bei aller Modernisierung ist er klug genug, die Historie nicht abzustreifen. Er nutzt sie als Baustein für das neue Image. Wo immer man durch die Sportschule läuft, hat er großflächig alte Bilder aufhängen lassen: Herberger, Overath, Beckenbauer. Die vermeintlich ewiggestrige Einrichtung unterschiedet sich nur noch marginal von den angesagten Sportbars der Großstädte. Doch von vielen Trainern wird die Sportschule einfach nicht mehr wahrgenommen. Sie provoziert keine Gefühle mehr bei den Spielern – und wenn, nicht unbedingt gute. Andreas Eichwede möchte das ändern. Er ist gelernter Industriekaufmann und studierter Sportwissenschaftler, war auch mal Mitarbeiter der Sportkommunikation bei DaimlerChrysler. Für die Außenwirkung kann es keinen besseren Sportschulleiter geben.

Wer etwas über die Historie von Hennef erfahren möchte, muss mit Hansi Weckauff sprechen, seit 1966 Koch in der Sportschule. Er hat wie Klaus Halm seinen Vater beerbt, zusammen mit seinem Bruder. »Ein halbes Hähnchen mit Pommes Frites galt unter Herberger als Götterspeise«, erinnert er sich. Früher seien die Spieler auch schon mal heimlich ausgebüchst und nächtens durch den Kohlenkeller wieder in die Sportschule gelangt. »Der Trainer hat nichts gemerkt – oder er war selbst mit dabei«, sagt der Mann, der die Kochmütze wohl nur im Bett auszieht. Leute wie er haben alle Höhen und Tiefen erlebt in und mit ihrer Sportschule. Wenn Franz Beckenbauer im Jahr vor der WM 2006 mit dem Hubschrauber in Hennef einschwebte, dann verließ er das Gelände nicht, ohne Hansi die Hand zu schütteln. Dabei interessiert sich der Küchenchef selbst überhaupt nicht für das Kicken: »Ich habe früher scherzhaft zu meiner Frau gesagt: Wenn eines unserer Kinder Fußball spielen sollte, ist es nicht von mir.«

Hansi Weckauff, der einmal für einen kleinen Skandal sorgte, als er einen DFB-Koch aus seiner Küche verwies, erzählt gerne und viel über die Sportschule, vor allem über die erfolgreichen 60er Jahre, als man Manchester United, Arsenal London und West Ham United beherbergte. Während heute Zigaretten zunehmend aus der Öffentlichkeit verbannt werden, platzierte Bobby Moore damals einen Aschenbecher neben dem Trainingsplatz. Die Arsenal-Profis schauten nach dem Training in der Küche vorbei und ließen sich vom deutschen Koch mit Eis versorgen – vorgeblich zur Pflege irgendwelcher Verletzungen. Hansi Weckauff wunderte sich nur, dass der Eisbedarf in den nächsten Tagen erstaunlich konstant blieb. Das Geheimnis klärte sich erst nach dem Auszug der Engländer: Die Putzkolonne fand in den Zimmern der Gunners zahlreiche leere Flaschen: hochprozentige Alkoholika, die gekühlt werden wollten.

René Weller stellte einen luxuriösen Caravan auf den Parkplatz

Eine anderer Fall war Lothar Matthäus: Selbst 1989 existierte in Hennef immer noch nur ein einziger Münzfernsprecher, den sich alle Spieler teilen mussten. Der fränkische Flatrate-Fasler scheute wohl den allabendlichen Kampf um die goldene Gabel: Er stellte den Münzfernsprecher kurzerhand auf sein Zimmer. So trickreich war Stammgast Wolfgang Overath nie gewesen: Der Spielmacher des 1. FC Köln erledigte hier auch seine privaten Immobiliengeschäfte stets öffentlich. Ein wenig diskreter agierte der Boxer René Weller: Er stellte einen luxuriösen Caravan auf den Parkplatz vor der Sportschule, als er sich dort auf einen Kampf vorbereitete. »Von draußen konnte man nicht reingucken«, sagt Hansi Weckauff, »aber man weiß ja, dass der René Schlag bei den Frauen hatte?…?«

Der Einschnitt kam Ende der 80er Jahre, als der Profisport immer mehr von den Medien beleuchtet wurde. Die nächtlichen Extratouren in das örtliche Tanzlokal »Waldfrieden« und andere Zechgelage unterblieben fortan. Doch es liegt sicherlich nicht nur daran, dass die Gäste nicht mehr ganz die Strahlkraft vergangener Zeiten besitzen: Neulich stieg etwa Zhenis Astana im Gästehaus ab, der Spitzenreiter der 1. Liga in Kasachstan, und auch Kickers Offenbach nutzte das aufgemotzte Quartier. Natürlich hoffen hier alle, dass der »Eff-Zeh« mit Christoph Daum mal wieder öfter vorbei schaut. Der Trainer war schon mit Bayer Leverkusen ein gerngesehener Gast. Und er hätte Hennef im Jahr 2000 beinahe in das Epizentrum des deutschen Fußballs verwandelt: Wäre Christoph Daum tatsächlich Bundestrainer geworden und nicht über das bolivianische Marschierpulver gestolpert, hätte er die Sportschule zum nationalen Leistungszentrum gemacht. »Was hatten wir alles vor mit Hennef!«, ließ sich sein Assistent Roland Koch entlocken, als er vor zwei Jahren mit Fenerbahçe Istanbul in der Sportschule eincheckte. Die Besuchsfrequenz ihres Präsidenten hätte allerdings auch das Duo Daum?/?Koch nicht mehr erreicht: Wolfgang Overath bolzt jeden Dienstagabend in der Sportschule, seit 30 Jahren, zusammen mit seinem Sohn und der ehemaligen Box-Legende Henry Maske. Sogar zwischen Weihnachten und Neujahr, wenn eigentlich Betriebsferien befohlen sind, beharrt der ehrgeizige Freizeitkicker auf Einlass. Einer der Hausmeister muss das Gelände dann extra für den Overath-Clan aufsperren.

Hennef ist eine 45?000-Seelen-Stadt, die aus 91 Ortschaften besteht. Deshalb trägt Hennef auch den Beinamen »Stadt der 100 Dörfer«. Über die Autobahn ist man relativ schnell in Köln, Bonn oder Siegburg. Doch die alt gedienten Mitarbeiter der Sportschule sind keine Globetrotter. Es sind Menschen wie die Bäume in ihrem Wald: fest verwurzelt, krisenfest. Sie leben in ihrem eigenen Kosmos. Und sie können warten. Die Welt wird schon wieder bei ihnen vorbei schauen, wie früher. Klaus Halm sagt: »Ich mache keinen Urlaub. Mir reicht das Grillen vor meiner Wohnung und hin und wieder ein Fässchen Bier auf dem Tisch.« Während Halm davon genauso unspektakulär erzählt, wie er tagtäglich seinen Job erledigt, geht er wieder zu seiner Garage. Es gibt ja immer noch eine Menge zu tun: Der Rasenmäher muss geschmiert werden, der Kunstrasen gekämmt. Möglicherweise bald in der dritten Generation: Der Sohn steht als Nachfolger bereits parat, wenn der Vater 2012 ausscheidet.

Hansi Weckauff, der früher zusammen mit Klaus Halm zur Schule gegangen ist, hat in der Küche sogar nur noch zwei Jahre vor sich. Er sagt: »Eigentlich wollte ich auch mal an die Nordsee oder in die Schweiz. Doch irgendwie sind hier die Jahre rumgegangen, 40 Jahre.«

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