Club-Fan Endl zur Ultra-Diskussion

Der springende Funke

Die Ultras: Sind sie Fluch oder Segen? Unsere aktuelle Titelgeschichte »Ruhe bitte« hat heftige Diskussionen in der Fanszene ausgelöst. Hier legt Alexander Endl, Anhänger des 1. FC Nürnberg, seine Sicht der Dinge dar. Club-Fan Endl zur Ultra-DiskussionImago
Heft #85 12/2008
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Es war so ein Tag, vor dem Fans sich grausen und zugleich beklagen, wenn sie solche Tage nie erleben. Der Club aus Nürnberg ist reich an solchen Tagen, daher ist vielleicht die innige Beziehung zwischen dem »Ruhmreichen« und seinen Fans zu begründen, die sich daher selbst als die »Leidensfähigen« bezeichnen.

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Es war der 17. Mai 2008 und es war alles bereit. Nur ein Sieg war nötig, um den vielleicht unnötigsten Abstieg der an Abstiegen reichen Vereinsgeschichte zu vermeiden, ausgerechnet gegen Schalke – natürlich ausgerechnet. Gerade gegen die Fanfreunde aus Gelsenkirchen sollte ein Sieg die ganze Misere einer Saison noch mal umbiegen und dann alles in die Kiste, »Deckel drauf« und ab in den Schrank. Eine Saison, die schon viel gekostet hatte – an Nerven, an Sympathie, an Hoffnung, an Zukunft, vor allem aber auch einen Trainer, Hans Meyer, der wie keiner für eine kurze Wiederbelebung eines fast schon vergessen geglaubten Ruhmes stand.
 
Der Weg zum Stadion glich einer Prozession, je näher man dem »Frankenstadion« kam. Es war diese besondere Anspannung vor einem großen Ereignis, dessen Ausgang nicht vorherzusehen ist. Als Clubfan hatte ich selbst einen eher ungewöhnlichen Platz an diesem Tag: Mitten in der Schalker Gästekurve, denn ich begleitete einen Schalker Fan ¬– und neben mir mein Freund, ein Werder-Fan.

Die Stimmung im Stadion war äußerst angespannt, aber nicht aggressiv, eine Art positive Konzentration. Selbst der in dem Spiel nur indirekt betroffene Werder-Fan konnte sich dieser Stimmung nicht entziehen.
 
Dennoch: Irgendetwas stimmte nicht.
 
An die Vollbeschallung hatte man sich vor Spielbeginn ja bereits leidlich gewöhnt, der Aufruf der Spieler unter donnernden Klängen von AC/DCs »Thunderstruck« gehört auch schon irgendwie dazu, und die Einspielung des FCN-Hits »Die Legende lebt«, einem trotz der Pan-Flöten-Anleihen wirklich gelungenen Vereinsliedes, sorgte für nachhaltige Gänsehaut. Das alles war es nicht.

Es begann mit dem Anstoß, denn danach passierte… nichts. Der Funke, der so greifbar schien, sprang einfach nicht über.
 
Die Mannschaft stiefelte wie gewohnt und stets bemüht in dieser Saison über den Platz. Nach dem Auslassen einiger Chancen hüben wie drüben fiel dann das 0:1 für Schalke, danach macht die Mannschaft etwas auf, wie man das eben macht, und in der 63. Minute stand an der Anzeigentafel dann eben 0:2. Sicher eine schwere Situation, aber es ging ja noch um alles, den Abstieg, die Zukunft – St. Pauli statt HSV, 1860 statt Bayern München. Zeit, noch einmal alles zu mobilisieren. Doch die Spieler schienen einfach nicht in der Lage zu sein, eine Schippe draufzulegen, diesen berühmten Schalter umzulegen.

Und was machte in dieser Phase der so genannte 12. Mann?

In der Fankurve der Ultras schwenkte man weiße Taschentücher – 30 Minuten vor Spielende. Eine Bankrotterklärung in Richtung der Mannschaft und für die Zweckgemeinschaft zwischen Fan und Verein/Mannschaft ein Offenbarungseid. Und - was der Sache eine besondere Note gibt - eine wohl vorweg choreographierte Aktion.
 
Dieses Spiel sagte eine Menge aus über das Verhältnis zwischen den Fans und der Mannschaft in einer Saison, die in ihrer Absurdität, bei der an einem Tag Lissabon und St. Petersburg Paroli geboten wird und man dann gegen Rostock oder Cottbus nichts reißen kann, so manches offenbarte. Der Funke zwischen Fans und Mannschaft sprang einfach nur selten über, die Begeisterung zogen die Spieler offenbar nicht aus einem vollen Haus oder des hervorragenden, da zahlreichen Auswärts-Supports, sondern mehr aus dem Namen des Gegners oder einem internationalen Ambiente. Wenn in dem entscheidenden Spiel der Saison der Funke nicht überspringt und die Supporters Mitte der zweiten Halbzeit die Unterstützung einstellen und demonstrativ resignieren, liegen die Ursachen tiefer.
 
Ein zweites Ereignis sei daher auch bemüht: Waldstadion Frankfurt (aka »Commerzbank-Arena«) am 5. April 2008. Der Club unter dem neuen Trainer Thomas von Heesen noch sieglos. Beim Stande von 1:1 steht das Spiel vor einem Spielabbruch. Aus dem Fanblock der Franken werden Feuerwerkskörper abgefeuert. Die Situation drohte – zumindest in der Mediendarstellung - zu eskalieren, auch wenn beim genaueren Hinsehen die akute Bedrohungssituation, bei der im Fanblock die Lage außer Kontrolle zu geraten schien, sich am Ende eher als eine Art Choreographie darstellte. Die Fans zelebrierten sich selbst – riskierten dabei aber, dass diese Art gespielter Aggression von außen nicht verstanden wird und der eigene Verein dabei zu Schaden kommt. Ein Spielabbruch hätte wohl vor allem dem Club geschadet, da das Spiel zu diesem Zeitpunkt nach dem Ausgleich der Clubberer zu Gunsten des FCN zu kippen schien, aber auch Geisterspiele, Punktabzüge und deftige Geldstrafen sind die bekannten möglichen Konsequenzen.
 
Der Beginn der Verselbstständigung einer ganzen Fan-Bewegung?
 
Auch wenn man noch keiner der ganz alten Hasen ist, hat man doch die Zeiten vor den organisierten Supporters, der Ultra-Bewegung, noch erlebt. Zeiten, als die Nordkurve keinen Vorsänger mit Megaphon hatte und auch keine Dauerbeschallung vor und zwischen dem Spielgeschehen erfolgte. Wenn es im weiten Rund Spitz auf Knopf stand und ein Tor her musste, begannen die ersten den einfachen Singsang »Auf geht’s, Nürnberg, schieß ein Tor, schieß ein Tor, schieß ein Tooor«, im Mitsingen machte man sich selbst Mut – und die Mannschaft fing sich häufig in diesen Momenten tatsächlich und drängte auf das gegnerische Tor.

Vielleicht subjektiv so empfunden, aber als Fan glaubte man daran, und die aktive Teilnahme an diesem Prozess nahm einen ein und gab einem Sinn. Und bei schlechten Leistungen wurde eben gepfiffen oder ein Trainer höflich zur Auswechslung aufgefordert. Heute kann schon mal passieren, dass bei 0:0 die Fankurven in einen 30-minütigen Dauergesang verfallen, der mit dem Spiel nichts mehr zu tun hat, davon berichten nicht nur Fans des Clubs, das berichten auch Fans aus Frankfurt.
 
Dass heute die Fangesänge, wenn sie mal in den Pausen der Lautsprecher-Dauerbeschallung Gehör finden, durch einen Megaphon-Animateur vorgegeben werden, gibt jeder Art von Eigendynamik den Todesstoß. Die Stimmung wird vom Ultra-Block aus gemacht, der einfache Fan gefällt sich nur noch als Konsument und fühlt sich auch gar nicht mehr bemüßigt, sich zu beteiligen. Eine Konditionierung zur Passivität setzt ein.
 
Die Macht, eine Stimmung fast allein in Händen zu halten, ist verführerisch. So zelebriert man sich selbst und beginnt sich auch Ziele abseits zu suchen – wie z. B. gegen Anstoßzeiten zu opponieren, indem man der eigenen Mannschaft minutenlang das Geleit versagt.

Sicher steckt oft ein hehres Ziel dahinter, aber warum tut man das ausgerechnet in einer Phase, in der die eigene Mannschaft eh schon verunsichert ist und dringend Unterstützung bräuchte, wie kürzlich im Heimspiel des FCN gegen Duisburg?

Ja, selbst wenn die Leistung der Mannschaft quittiert werden soll, wird auch das zelebriert – aber oft nicht in den laufenden 90 Minuten, sondern organisiert eine Woche später durch kollektives Schweigen oder mit choreographischen Kreationen von Block-Räumung bis diversen Spruchbändern.

Und wenn der gemeine Fan da nicht der nachdrücklichen Aufforderung zum Mitmachen folgt, ist man schnell mindestens verbal unter Beschuss.
 
Es ist diese zunehmende Entkopplung vom Spielgeschehen, die dem engagierten, aber selbst nicht organisierten Fan, nicht begreiflich wird, denn bei dem steht das eigentliche Spiel im Fokus. Diese 90 Minuten, die man sich auch nicht, sei es aus finanziellen oder anderen Gründen, dauerhaft leisten kann. In diesen 90 Minuten spielt sich das Spiel ab, was davor oder danach sein wird, ist dieser Art Fan nur bedingt wichtig. Es geht um das Ereignis, das man mitnimmt, aufnimmt und das einen in seiner Spannung und Dramaturgie fesselt. Es geht ihm um Fußball, nicht um Sportpolitik, von welcher Seite auch immer.
 
Die Ultras als des Übels Wurzel?
 
Wer die negative Entwicklung nun an den Ultras allein festmacht, der wird der Sache aber nicht gerecht. Die Ultras sorgen dafür, dass es in den letzten Jahren überhaupt wieder so ein Spektakel in den Stadien gibt. Ihre kreativen Ideen der Choreographien begeistern, ihr Gesang hat die Arenen wieder zum Leben erweckt. Und da darf man sich gern an triste Spiele Mitte der 90er erinnern, in denen sich 15.000 im weiten Rund verliefen und man das Gefühl hatte, es gibt ein Echo, wenn man niest.
 
Die Ultras haben die Stimmung wieder ins Stadion gebracht, als andere schon anderes im Kopf hatten: Den Event-Fan, den man eine schöne Show bieten wollte, mit Stadion-DJ, gesponserten Fähnchen und mehr oder minder kurzweiligen »Spielchen« vor und zwischen dem eigentlichen Spiel. Der Konsument, der bezahlen soll und dem man dafür eine routinierte Show bietet.
 
Die Ultras stellen den potenten und benötigten Gegenpart zum Vermarktungsbegehren der Liga: Sie verkörpern den unabhängigen Vereins-Fan.
 
Dass die Ultra-Fan-Bewegung, deren Entwicklung man grundsätzlich positiv werten darf, nicht nur schöne Seiten haben würde, war abzusehen. Daran muss man auch arbeiten. Doch die Ultras sind treue Weggefährten ihres Vereins. Die Kritik, die derzeit aufkommt, ist weitgehend berechtigt, doch sollte sie nicht alles komplett in Frage stellen, sondern zu Korrekturen führen. Das Miteinander zwischen den Fans der Ultras, den einfachen (aber nicht weniger engagierten) Fans und auch den Event-Fans gilt es zu kalibrieren. Und es gibt weit mehr Gesprächsbereitschaft auch in der Ultra-Szene als man das nach außen oft wahr nimmt (wahr nehmen will).
 
Statt die Gräben also noch zu vertiefen, indem man die Ultras in ihrer Art des Supports an den Pranger stellt, sollte der respektvolle Dialog beginnen bzw. fortgesetzt werden. Denn man sollte nicht aus den Augen verlieren, wo man herkam und wo der Weg heute ohne die Ultras hinführt.

Es ist nämlich keinesfalls zu erwarten, dass mit dem Ende einer Ultra-Fan-Kultur plötzlich die anderen Fans wieder die Initiative ergreifen. Die wahrscheinlichere Zukunft wäre wohl eher eine Mehrarbeit für den Stadion-Chef-Beschaller am Mischpult, denn Ideen, eine Art Sound-Untermalung aus den Lautsprechern kommen zu lassen, auch damit der geneigte Event- und Fernseh-Fan bisschen Stimmung und eben ein Event bekommt, sind ja nicht neu.
 
Die Ultras haben die Nord- und Südkurven der deutschen Ligen wieder zu einer Institution werden lassen. Dass hier – gerade auch, weil doch meist Jugendliche involviert sind – auch manch rebellischen Aktion dabei ist, liegt in der Natur der Sache und braucht eben Betreuung und Dialog. Das auch im Hinblick auf ungewünschte Tendenzen in politische Richtungen und vor allem in der Prävention gegen Gewalt. Dass sich aber überhaupt so viele jungen Menschen wieder für Fußball interessieren und auch organisieren, ist begrüßenswert.
 
Veränderungen bringen immer Dinge mit sich, die der eine oder andere früher besser fand, doch Veränderungen sind auch notwendig, denn es verändern sich die Rahmenbedingungen. Dies alles ist ein Prozess, keine Zeit, stehen zu bleiben. Eben Zeit, sich die Bälle zwischen allen Fan-Formen und auch dem Verein, der Mannschaft, wieder öfter zuzuspielen, statt die verbale Blutgrätschen auszupacken.

Dann springt auch der Funke wieder öfter über, nicht nur zwischen den Fans, sondern auch von den Rängen auf den Platz.


Alexander Endl ist Mitglied der
»Clubfans United«.

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