Ciriaco Sforza wird 40

Stratege und Zitteraal

Ciriaco Sforza wird 40

Wie viel Einfluss kann ein einzelner Spieler auf den Erfolg einer Mannschaft haben? Die Einen führen die Binsenweisheit ins Felde, wonach das Team der Star sei, man nur zusammen gewönne oder verliere, die Anderen verweisen auf Ausnahmekönner wie Zinedine Zidane, ohne den der französische WM-Titel von 1998 und die Finalteilnahme 2006 undenkbar scheinen. Bei Ciriaco Sforzas Einfluss auf das Wohl und Wehe des 1. FC Kaiserslautern scheint die Beweislage hingegen eindeutig.

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Drei Mal wurde der Schweizer im kleinen Pfälzerstädtchen vorgestellt und während das letzte Engagement unter der dunklen Wolke des stetigen finanziellen wie sportlichen Niedergangs steht, wird niemand bestreiten, dass Sforza die Erfolge des FCK – allen voran das Meisterstück von 1998 – maßgeblich beeinflusste.

Ein Mittelfeldspieler macht sich einen Namen

Im Sommer 1993 wechselte »Ciri« zum ersten Mal auf den Betzenberg – ein damals namenloser Mittelfeldspieler aus der Schweiz, mit dem die Liga binnen weniger Monate Bekanntschaft machen sollte. Das erste Bundesligator erzielte Lauterns neuer Spielmacher gleich beim Debüt in Köln, am Ende der Saison hatte der Vorjahresachte um ein mickriges Pünktchen die Meisterschaft verpasst.

»Ich will mit dem FCK um Titel mitspielen«, hatte Sforza schon zu Beginn gesagt. Beim 4:0 gegen den FC Bayern am 31. Spieltag, dem Höhepunkt einer atemberaubenden Aufholjagd mit sechs Siegen zum Saisonende, bekamen die 40.000 Zuschauer im Fritz-Walter-Stadion Sforzas Bestes serviert. Der Matchwinner war an allen vier Toren beteiligt, netzte zum 3:0 selbst ein.

»Die Meisterschaft 98 trage ich im Herzen«


Auf keinen anderen Titel, so viel dürfte fest stehen, hat der Spieler Sforza mehr Einfluss genommen als auf die sensationelle Meisterschaft des Aufsteigers Kaiserslautern. Der einzigartige Siegeszug steht für Lauterns Nummer 10 ganz oben: »Diesen Titel trage ich tief im Herzen. Er bedeutet mir mehr als alles andere, was ich im Verlauf meiner Karriere noch gewonnen habe.« Eine erstaunliche Aussage, schließlich wurde Sforza bereits 1996 UEFA-Cup-Sieger mit den Bayern und war auch in der grandiosen Saison 2000/2001 im Aufgebot der Münchner, als Last-Minute-Meisterschaft, Champions League und Weltpokal an die Isar geholt wurden.

Doch anders als in München oder bei Inter Mailand, wo sich der Aargauer den großen Kindheitstraum von Italien erfüllte, war Sforza beim 1. FC Kaiserslautern kein Star unter vielen, sondern das Epizentrum des Lauterer Spiels. Er beschleunigte und verlangsamte das Tempo instinktiv, öffnete und ordnete das Spiel, dirigierte die Mitstreiter, zentral nicht nur seine Rolle auf dem Platz, im Spieler schlummerte schon ein halber Trainer.

»Ciriaco war damals sehr wichtig für unser Spiel. Er war ein Stratege auf dem Platz, konnte das Spiel sehr gut lesen, eine absolute Leaderfigur«, erinnert sich der Brasilianer Ratinho, wie Sforza eine der Stützen der 98er-Meistermannschaft. »Ciri war der verlängerte Arm von Otto Rehhagel, er achtete als Organisator immer auf die richtige Einstellung der Mannschaft, war taktisch unheimlich wichtig für uns.«

Im Laufe der Jahre transportierten die Medien allerdings immer wieder auch eine andere Facette von Sforzas Persönlichkeit: Die des Querulanten, des Grantlers, des Egomanen, der Hierarchien nicht einhalten konnte oder wollte. Vernichtende Urteile einstiger Gefährten säumen denn auch den Karriereweg des Schweizers. »Stinkstiefel« nannte ihn Bayern-Vorstand Karlheinz Rummenigge einst, »eine Giftwolke« Lauterns Präsident Atze Friedrich, und Otto Rehhagel brach nur ein gutes Jahr nach dem gemeinsamen Triumph mit seinem einstigen »Quarterback«, suspendierte Sforza, weil der auf taktische Fehler hingewiesen hatte. Wenige Tage später wurde Sforza vom Vorstand um Friedrich rehabilitiert. Er habe sich noch nie so in einem Menschen getäuscht, soll der düpierte Rehhagel später verbittert geäußert haben.

Sforza war der Zitteraal


Im auf Gleichstrom gepolten Fußballgeschäft war Sforza der Zitteraal, dem der Status Quo nie genug war, der vehement personelle Verstärkungen oder taktische Richtungswechsel forderte oder eigenmächtig umsetzte, meist intern, manchmal öffentlich. Für Sforza war all das einem einzigen Ziel untergeordnet, dem Erfolg der Mannschaft. Als valider Beweis für den Ehrgeiz des Schweizers darf die Meisterprämie gelten, die er sich im Sommer 1997 bei seiner Rückkehr zum Aufsteiger Kaiserslautern in den Vertrag schreiben ließ.

Dennoch steht auch das Ende von Sforzas Bundesligakarriere unter dem hässlichen Makel der Suspendierung. Vom mit der Mannschaftsführung überforderten Kurzzeittrainer Michael Henke vorgenommen, von dessen Nachfolger Wolfgang Wolf nicht zurück genommen, saß Sforza den größten Teil seines letzten Profijahrs auf der Tribüne. Am Ende der Saison stieg der FCK ohne seinen selbst im hohen Fußballeralter noch begabtesten Spieler zum zweiten Mal aus der ersten Liga ab. Ein unwürdiger Ausklang einer großartigen Karriere.

Back to the Roots

Mit 40 Jahren ist Sforza zurück an seinen Wurzeln. Seit Juni 2009 leitet er als Cheftrainer die sportlichen Geschicke der Grasshoppers Zürich, für die er bereits vor zwei Jahrzehnten auf dem Platz stand. Damaliger Trainer: Ottmar Hitzfeld, der anlässlich seines 40. Geburtstags über den 79-maligen Nationalspieler sagt: »Ciriaco ist ein großer Schweizer Fußballer, einer der besten Mittelfeldspieler aller Zeiten, sonst hätte ich ihn nicht für eine damals sehr hohe Summe zum FC Bayern geholt.« 12 Millionen Mark wurden 2000 in die Pfalz überwiesen.

Dass der einstige Schützling, der sich nun anschickt, in die Fußstapfen des Erfolgstrainers zu treten, seinen Weg gehen wird, steht für den Schweizer Nationalcoach fest. »Aus diversen Gesprächen mit ihm weiß ich, wie viel Ciri vom Fussball versteht, wie viel Leidenschaft er für seinen Sport und seinen Beruf hat, der vielmehr Berufung ist denn Beruf.«

Dass man den Trainer Sforza irgendwann in der Bundesliga wiedersehen wird, erscheint nicht unwahrscheinlich – bereits 2007 war er in Kaiserslautern im Gespräch. Stellen sich die ersten Titel ein, könnte man in leicht abgewandelter Form zur Ausgangsfrage zurückkehren: Wie viel Einfluss hat ein Trainer auf den Erfolg der Mannschaft?

Einstweilen soll eine Gratulation zum 40. Geburtstag genügen.

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