Christoph Daum über Brügge, den FC und seine Karriere

»Versprechen wurden nicht gehalten«

Aufregung in Köln: In 11FREUNDE #124 sagte Christoph Daum, dass die FC-Klubführung Versprechungen nicht einhielt. Der Klub soll zunächst mit einer Klage gedroht haben. Nun kontert der Trainer über den »Express«. Lest hier unser Interview mit Daum. Christoph Daum über Brügge, den FC und seine KarriereAlbrecht Fuchs

Für unsere große Reportage über Christoph Daum (»Die Entdeckung der Langsamkeit«, 11FREUNDE #124) reiste 11FREUNDE-Redakteur Tim Jürgens nach  Brügge. Im Interview sprach der ehemalige Bundesligatrainer über seine Ziele in Belgien, aber auch über seine Vergangenheit beim 1. FC Köln. Daum sagte etwa, dass Versprechungen nicht eingehalten wurden: »Mir ist vertraglich zugesichert worden, dass ich ein bestimmtes Transfervolumen erhalte, um die Mannschaft in der Breite qualitativ zu verstärken.« 

Werner Wolf (Vorsitzender des FC-Verwaltungsrats) wies diese Vorwürfe auf der Homepage des Vereins am Montag vehement zurückwies: »Diese Aussage ist nicht zutreffend. Der 1. FC Köln legt Wert auf die Feststellung, alle vertraglichen Zusagen gegenüber dem Ex-Trainer erfüllt zu haben«. Der FC soll zunächst mit einer Klage gedroht haben. Nun kontert der Trainer via Express: »Erstens erkundige ich mich immer als erstes, wie der FC gespielt hat und drücke dem Klub die Daumen. Zweitens sind diese Aussagen so ungeheuerlich und unhaltbar, dass ich mir fast rechtliche Schritte gegen Herrn Dr. Wolf überlegen muss.«


Die wichtigsten Aussagen aus dem 11FREUNDE-Interview mit Christoph Daum in Kürze:

»Einige nahmen es dankend in Kauf, dass ich allein verantwortlich für meinen Abgang gewesen sein soll. Ich hätte mich gefreut, wenn mal einer gesagt hätte: ›Wir haben Versprechungen gemacht, die wir nicht gehalten haben.‹ Von vielen Seiten spürte ich mangelnden Kooperationswillen. Am Ende waren sich beide Seiten einig, dass es so nicht weitergeht. Aber stattdessen hieß es aus dem Vorstand nur: ›Daum wollte weg‹, ›Daum wollte mehr Geld‹ und so weiter.«

»Mir ist vertraglich zugesichert worden, dass ich ein bestimmtes Transfervolumen erhalte, um die Mannschaft in der Breite qualitativ zu verstärken. Dies wurde nicht eingehalten und somit war das zuvor Durchgesprochene nicht durchzusetzen.«

»Er (Wolfgang Overath, d. Red.) hat sich nie gegen mich gestellt, was ich ihm bis heute hoch anrechne. Aber mir schlug intern von vielen anderen Seiten Misstrauen entgegen. Wie oft habe ich in Sitzungen darauf hingewiesen, dass unsere Gegner in Leverkusen, in Gladbach oder auf Schalke sitzen. Aber es ging oft intern gegeneinander.«

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Hier das komplette Interview mit Christoph Daum, ergänzend zur Reportage »Die Entdeckung der Langsamkeit« aus 11FREUNDE #124:


Christoph Daum, auch ein Trainerleben ist ein langer unsteter Fluss. Wie sind Sie plötzlich beim FC Brügge gelandet?


Christoph Daum: Es ging alles sehr schnell. Der neue Präsident hat sich sehr für mich eingesetzt. Die Voraussetzungen stimmten. Mir blieb nicht viel Zeit zu überlegen, also habe ich zugesagt. Und es gibt weitaus weniger interessante Arbeitsorte als die Stadt Brügge.

Der historische Stadtkern hat Ihre Entscheidung für den Job also befeuert?

Christoph Daum: Sehr. Brügge ist eine mittelalterliche Stadt, die sich seit 600 Jahren kaum verändert hat, wo es im Winter mitunter etwas zu ruhig ist, insbesondere nach Einbruch der Dunkelheit, das einem im Sommer hingegen vorkommt wie Klein-Tokio.

Sie sind erst im November gekommen, woher kennen Sie das Stadtbild im Sommer?

Christoph Daum: Ich war im Frühjahr 1986 als Co-Trainer von Sir Georg Kessler das erste Mal hier. Damals spielten wir mit dem 1. FC Köln im Uefa-Pokal beim SV Waregem. Während unseres dreitägigen Trainingslagers in Knokke nahm Kessler mich abends mit, um mir die Stadt zu zeigen. Das »Venedig des Nordens« mit seinen Grachten hat mich sofort fasziniert. Ich bin mit Ritterfilmen wie »Ivanhoe« aufgewachsen, von den alten Gemäuern hier ging eine besondere Magie aus. Städte wie Brügge zu erkunden, das gibt dem Menschen die Möglichkeit – frei nach Sten Nadolny – die Langsamkeit zu entdecken.

Die Hauptfigur in Nadolnys Buch »Die Entdeckung der Langsamkeit« ist der Kapitän und Polarforscher John Franklin. Nadolny schildert ihn als Menschen, der im Denken, Sprechen und Handeln zu langsam für die Zeit der Industrialisierung erscheint, dessen Eigenschaften sich jedoch positiv in Ausdauer, Gründlichkeit und Gelassenheit niederschlagen. Mussten Sie diese Langsamkeit erst entdecken?


Christoph Daum: Jeder Mensch sollte von Zeit zu Zeit erfahren, wie es ist, nicht ständig spontan zu reagieren. Oft ist es von Vorteil, Dinge wie in Zeitlupe ablaufen zu lassen und erst dann zu bewerten. Auch ich brauche diese Momente, in denen ich mich frage: »Wo komme ich her, wer bin ich, wo gehe ich hin?« Das führt mir der Kapitän bei Nadolny vor Augen.

Zum Entschleunigen kam das Angebot vom FC Brügge also genau richtig? Was heißt entschleunigen?

Christoph Daum: Ich bin gekommen, um dem Klub zu helfen. Wir durchlaufen eine Periode der Neuorientierung. Das ist ein Prozess, der Zeit braucht. Keine Frage, wir leben in Zeiten, in denen oft der Schnelle den Langsamen frisst. Natürlich spielt auch Genauigkeit in unserer Branche eine wichtige Rolle. Meine Arbeit hier ist aber keineswegs entschleunigend, denn für belgische Verhältnisse gehen wir das Projekt sehr dynamisch und mit hohem Tempo an.

Der belgische Fußball ist demnach etwas verschlafen.

Christoph Daum: Natürlich sind die infrastrukturellen Bedingungen der Klubs andere als in der Bundesliga, allein das TV-Geld ist nicht im Ansatz zu vergleichen. Ich habe vor kurzem mit dem Ex-Gladbacher Ulrich Le Fevre zusammengesessen, der in den Siebzigern noch vom FC Brügge gekauft wurde. Sowas wäre heute undenkbar.

Sind Sie mit offenen Armen empfangen worden?

Christoph Daum: Vertrautheit muss wachsen, das geht nicht von heute auf morgen. Zumal viele Menschen in Flandern uns Deutschen ohnehin zunächst mit einer gewissen Reserviertheit gegenübertreten.

Woran haben Sie das gemerkt?

Christoph Daum: Das neue Kommunikationsmittel sind die Foren im Internet.

Und da gab es nach Ihrer Verpflichtung erstmal hitzige Diskussionen unter den Fans.

Christoph Daum: Ich habe mir angewöhnt, mir Momentaufnahmen nicht zu sehr zu Herzen zu nehmen. Was einem Trainer bei der Einstellung aus dem Internet entgegenschlägt, unterscheidet sich von den Foreneinträgen sechs Wochen später meist grundlegend.

>>> Seite 2:
Auf der folgenden Seite spricht Christoph Daum über ein Art Präambel, die er an alle Mitarbeiter verteilte. Er spricht über seine Grundsätze und Sudoku. Daum: »Selbst meine Arbeit in Frankfurt habe ich auf persönlicher Ebene als ungemein erfüllend empfunden, und ich würde sie immer wieder so machen.«




Der FC Brügge ist der achte Klub, den Sie in 26 Jahren als Profitrainer übernehmen. Mit welchem Bewusstsein gehen Sie nach so langer Zeit eine solche Aufgabe an?

Christoph Daum: Ich verstehe mich als Begleiter und Herausforderer, der mit dem richtigen Augenmaß die Neuformierung des Klubs mitgestaltet. Ich weiß, dass ich etwa bei der Entwicklung eines Spielers einen Grashalm nicht nur einpflanzen und daran ziehen muss, damit er schneller wächst, denn jeder Halm wächst unterschiedlich schnell und nach anderen Bedingungen. Als Trainer muss ich genau hinhören, was die Wünsche des Einzelnen sind. Ich muss – so wie Sie als Journalist – die richtigen Fragen stellen. Dann erkenne ich schnell, wo man Synergien bilden kann, indem man bestimmte Menschen zusammenführt, und an welcher Stelle auch mal eine Beziehung gekappt werden muss.

Gibt es festgelegte Rituale, mit denen Sie Ihre Amtseinführung bei einem Verein vollziehen?

Christoph Daum: Ich habe eine Art Präambel verfasst, die in fünf Punkten die Grundlagen für das Zusammenleben innerhalb des Klubs regelt. Darin geht es um Dinge wie Vertrauen, Zusammenhalt und Kommunikation. Jeder Mitarbeiter bekommt von mir dieses Papier, und ich erwarte, dass  diese Dinge gelebt werden.

Was sind das für Grundsätze?

Christoph Daum: Die Aussagen wirken auf manchen auf den ersten Blick vielleicht trivial. Sie werden sich womöglich fragen, warum so was überhaupt gesagt werden muss. Punkt eins lautet: »Der Verein ist immer so stark, wie die Beziehungen innerhalb.«  Das Entscheidende dabei ist, diese Dinge konsequent umzusetzen, denn sie stellen hohe Ansprüche an die Eigenverantwortlichkeit. Es schriftlich niederzulegen hilft nach meiner Erfahrung dabei, dass die Leute meine Grundsätze besser behalten.

Sie haben ein Faible für bildhafte Sprache. Ihre Metaphern vom Kopf als dem »dritten Bein«, dem Trainer als »Elektriker«, der die Drähte in einem Klub zusammenführt, oder Theofanis Gekas, den Sie im »Denk-Gefängnis« vermuteten, sind im Fußball längst in den Sprachgebrauch übergegangen.

Christoph Daum: Ich weiß, die deutschen Journalisten tun sich schwer mit solchen Bildern. Aber glauben Sie mir: Menschen brauchen Bilder, sie richten ihr Handeln an ihnen aus. Wenn Sie zu jemanden sagen »Nicht fallenlassen« entsteht beim Gegenüber eine Nervosität, die womöglich dazu führt, dass doch etwas runterfällt. Sagen Sie jedoch »Festhalten« hat es eine beruhigendere Wirkung.

Ist die Art von Kommunikation, die Sie betreiben, das ständige Fragen stellen, auf Dauer nicht unfassbar aufreibend?

Christoph Daum: Ich muss sagen, dass ich noch immer jede neue Station als Herausforderung verstehe. Denn meine Arbeit wird ja nie eintönig, jeder Mensch ist anders. Mancher braucht vielleicht das Wiederkehrende, um sich zurecht zu finden. Aber mir liegt das nicht, diese Arbeit hält mich jung und gedanklich auf Trapp. Ich brauche dafür kein »Kukoku«, oder wie diese Rätsel heißen…

Sudoku.

Christoph Daum: Oder so. Selbst meine Arbeit in Frankfurt habe ich auf persönlicher Ebene als ungemein erfüllend empfunden, und ich würde sie immer wieder so machen. Auch wenn sie am Ende nicht zum Erfolg geführt hat.

>>>Seite 3:
Daum spricht über seinen Abstieg mit der Frankfurter Eintracht. Angesprochen auf die Pressekonferenz in Dortmund nach seinem letzten Spiel zieht er einen Vergleich zu einem Hund, der ins Wasser geworfen wird. Daum: »Ich habe in den entscheidenden Momenten meiner Karriere mehr verloren als gewonnen.«




Kann es sein, dass der Job des Feuerwehrmanns, den Sie im März 2011 bei der Eintracht übernahmen, nicht zu Ihrer konzeptionellen Art zu arbeiten gepasst hat?

Christoph Daum: Natürlich könnte man es so darstellen, aber ich habe diese Aufgabe so nie verstanden. Ich wäre gerne auch noch länger in Frankfurt gebleiben, denn ich habe in den Monaten eine Aufbruchsstimmung gespürt. Leider fehlte uns in vielen Spielen das Quäntchen Glück, und wir hatten diese extrem lange Verletztenliste. Der Fußbruch von Maik Franz war sicher mitentscheidend für den Abstieg, denn er war der Anführer im Team.

Anfänglich waren Sie gar nicht sicher, ob Sie die Aufgabe übernehmen sollten. Sie sollen versucht haben, Eintracht-Vorstandschef Heribert Bruchhagen zu überzeugen, dass er mit Michael Skibbe weitermacht.

Christoph Daum: Aber Heribert sagte, dass die Entscheidung gegen Skibbe bereits gefallen sei. Er sagte: »Wenn du es nicht machst, suche ich mir einen anderen.« Ich hatte eineinhalb Stunden Bedenkzeit. Mir blieb also keine Zeit, die Details genauer zu checken. Also habe ich abgewogen: Eintracht Frankfurt, Traditionsklub, schlafender Riese, gute Strukturen. Was im Leben ist ohne Risiko?

Was hätten Sie gecheckt, wenn mehr Zeit gewesen wäre?

Christoph Daum: Optimal ist es natürlich, wenn ich vorab eine charakterliche und physische Analyse der Mannschaft bekomme. Aber, mein Gott, wenn ich ein Team übernehme, dass im Abstiegskampf steht, kann ich mir selbst ausrechnen, dass die mentalen Werte nicht überragend sind.

Warum sind Sie nicht Trainer in Frankfurt geblieben?

Christoph Daum: Teile des Klubs signalisierten mir unmissverständlich, dass es besser sei, nicht mit in die zweite Liga zu gehen, also habe ich mich zurückgezogen.

Am Ende der Saison saßen Sie nach der Niederlage gegen den BVB in der Pressekonferenz. Was ging in Ihnen vor, als neben Ihnen Jürgen Klopp von seinen Spielern aufgrund des Meistertitels mit Bier übergossen wurde, während Sie den sportlich größten Misserfolg Ihrer Laufbahn erlebten?

Christoph Daum: Ich glaube, das Leben hat es sehr gut mit mir gemeint, denn es hat mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Wissen Sie, ich habe in den entscheidenden Momenten meiner sportlichen Karriere mehr verloren als gewonnen. Ich war öfter Vizemeister als Meister, stand sechsmal im Pokalfinale und habe nur zweimal gewonnen. Auch wenn diese Situationen sehr weh taten, habe ich mich stets an den Spruch geklammert: »Gott gebe mir den Mut, die Dinge zu verändern, die wirklich im Rahmen meiner Möglichkeiten stehen«. Und ich wusste auch in Dortmund, dass zu dem Abstieg Dinge beigetragen hatten, die außerhalb meiner Einflussmöglichkeiten lagen.

Solange Sie überzeugt sind, Ihre Arbeit anständig gemacht zu haben, kann Sie auch die bitterste Niederlage nicht umhauen.

Christoph Daum: Meine selbstkritische Überprüfung muss so ausfallen, dass ich aus meiner Sicht alles in meiner Macht Stehende getan habe. Andernfalls würde es mir schwer fallen, mit Niederlagen zurecht zu kommen. Dennoch sind solche Erlebnisse sehr belastend. Rückschläge hinterlassen Narben. Solche Narben tun ab und zu auch weh. Aber realistisch ins Leben eingeordnet führen sie dazu, dass man mit diesen Erfahrungen stärker wird, weil man weiß, dass sie einen nicht umhauen.

Das klingt sehr rational, aber wo bleibt die Emotion?

Christoph Daum: Bleiben wir bei der Bierdusche in der Pressekonferenz von Dortmund. Was kann ein Hund überhaupt nicht ertragen? Wenn ihn jemand ins Wasser wirft! Was macht er also, wenn er aus dem Wasser kommt? Er schüttelt sich und trotzt dem schlechten Gefühl. So wie der Hund die Tropfen abschüttelt, schüttle ich die schlechten Empfindungen ab.

Sie kennen also keine Schockmomente?

Christoph Daum: Natürlich keine ich Schocks genauso wie Glücksmomente, aber entscheidend ist, dass die Schockmomente nicht zu irgendeiner Starre führen. Der Blitz schlägt ein, er trifft dich, aber du lebst noch. So empfinde ich das.

Haben Sie eine Ahnung, wie sich ein Burn-Out anfühlt?

Christoph Daum: Ich glaube, jeder Mensch befindet sich an irgendeiner Stelle seines Lebens in der Gefahr eines Burn-Outs. Doch ich bin in der Lage, rechtzeitig Ableitungen zu bilden, die diese spezielle Art der Depression verhindern.

Welche Mechanismen haben Sie?

Christoph Daum: Die Lebensführung spielt eine wichtige Rolle. Ich kümmere mich um die körperliche Fitness, sehe zu, dass ich ausreichend schlafe, und ernähere mich gut. Aber ich versuche auch, durch Gespräche mit Vertrauten den Kopf freizubekommen. Wenn ich diese Dinge außer Acht lassen würde, befände auch ich mich in Gefahr.

>>>Seite 4:
Daum spricht über seinen Abschied beim 1. FC Köln. Er tadelt die damals handelnden Personen im Verein, erzählt von internen Reibereien. Daum: »Mir ist vertraglich zugesichert worden, dass ich ein bestimmtes Transfervolumen erhalte, um die Mannschaft in der Breite qualitativ zu verstärken. Dies wurde nicht eingehalten und somit war das zuvor Durchgesprochene nicht durchzusetzen.«




Christoph Daum, welches war der schönste Moment Ihres Trainerlebens?

Christoph Daum: Die Geburt meiner Kinder. Da geht man als Erwachsener derart in die Knie, das lässt sich nicht mit einer Erfahrung aus dem Fußball vergleichen.

Aber das sind keine Erlebnisse aus dem Fußball.

Christoph Daum: Ich war aber auch bei der Geburt meines ersten Sohnes bereits Trainer. (lacht.) Wenn Sie mich so festnageln: Auf der Intensitätsskala waren natürlich die Meisterschaft mit dem VfB Stuttgart 1992 und der Wiederaufstieg mit dem 1. FC Köln 2008 die Meilensteine meiner Karriere.

Was ist mit Ihren Erfolgen in der Türkei?

Christoph Daum: Auch das sind sehr schöne Erinnerungen, aber, die Intensität, in Stuttgart etwas zu schaffen, was vorher niemand für möglich gehalten hätte, war besonders. Und beim Aufstieg in Köln hing nicht nur bei mir, sondern beim gesamtem Umfeld soviel Herzblut dran, dass es selbst die Meisterschaften in der Türkei noch überstrahlt.

Als Sie 2008 mit dem 1. FC Köln in die Bundesliga zurückkehrten, sagten Sie, das anstrengendste Jahr Ihrer Laufbahn liege hinter Ihnen.

Christoph Daum: Ich habe mehr als 20 Jahre in Köln gearbeitet, der FC war meine Erstfamilie. Wenn es der nicht gut geht, beeinträchtigt es die Lebensqualität enorm. Der Klub musste wieder aufsteigen, ein drittes Jahr in der zweiten Liga wäre wirtschaftlich sehr schwer geworden. Die Intensität, mit der ich die Aufstiegssaison durchlebte, ging entsprechend tief.

Nach nur einem Jahr in der Bundesliga kündigten Sie jedoch vorzeitig Ihren Vertrag und verabschiedeten sich zu Fenerbahce Istanbul. In Köln haben Ihnen das viele übel genommen.

Christoph Daum: Ich gebe zu, dieser Abgang ist sehr schlecht gelaufen. Ich hätte meine Beweggründe für den Ausstieg weitaus aktiver nach außen kommunizieren müssen. So aber traf mich viel Kritik, die im Grunde ungerechtfertigt war.

Warum waren Sie in diesem Punkt so zaghaft in der Öffentlichkeitsarbeit?

Christoph Daum: Ich wollte nicht, dass meine Aussagen zu den Gründen zu Problemen innerhalb des Vereins führen. Allerdings hatte ich bei meinem Abschied  nicht vermutet, dass die Reaktionen in Bezug auf mich so heftig ausfallen würden. Leider haben einige der handelnden Personen beim Verein auch nichts dagegen unternommen, dass sich dieser extreme Druck gegen mich zunehmend verselbständigte.

Die Klubbosse fielen angeblich aus allen Wolken. FC-Manager Michael Meier sagte: »Seine Entscheidung, den 1. FC Köln zu verlassen, kam für uns völlig überraschend. Wir bedauern seinen Entschluss - vor dem Hintergrund der geplanten langfristigen Zusammenarbeit – zutiefst.«

Christoph Daum: Einige nahmen es dankend in Kauf, dass ich allein verantwortlich für meinen Abgang gewesen sein soll. Ich hätte mich gefreut, wenn mal einer gesagt hätte: »Wir haben Versprechungen gemacht, die wir nicht gehalten haben.« Von vielen Seiten spürte ich mangelnden Kooperationswillen. Am Ende waren sich beide Seiten einig, dass es so nicht weitergeht. Aber stattdessen hieß es aus dem Vorstand nur: »Daum wollte weg«, »Daum wollte mehr Geld« und so weiter.

Welche Versprechungen wurden von Seiten des Vereins nicht eingehalten?

Christoph Daum: Mir ist vertraglich zugesichert worden, dass ich ein bestimmtes Transfervolumen erhalte, um die Mannschaft in der Breite qualitativ zu verstärken. Dies wurde nicht eingehalten und somit war das zuvor Durchgesprochene nicht durchzusetzen.

Gab es noch weitere Streitpunkte?

Christoph Daum: Nach außen hieß es immer, ich sei so etwas wie das Synonym für den 1. FC Köln, aber intern hatte ich mit  Kompetenzproblemen zu kämpfen.

Das heißt, auch Ihr Verhältnis zu Wolfgang Overath hat gelitten?

Christoph Daum: Er hat sich nie gegen mich gestellt, was ich ihm bis heute hoch anrechne. Aber mir schlug intern von vielen anderen Seiten Misstrauen entgegen. Wie oft habe ich in Sitzungen darauf hingewiesen, dass unsere Gegner in Leverkusen, in Gladbach oder auf Schalke sitzen. Aber es ging oft intern gegeneinander.

Mit anderen Worten: Sie haben letztlich genug vom Klüngel im Klub gehabt.

Christoph Daum: Irgendwann reifte in mir das Bewusstsein, dass ich kaum noch gestalterisch tätig sein kann. Während in Köln die internen Reibereien zunahmen, kam das Angebot von Fenerbahce und damit die Chance, wieder international zu spielen. Also habe ich den Rückzug angetreten.

Warum haben Sie diese durchaus nachvollziehbaren Gründe so lange für sich behalten?

Christoph Daum: Wenn ich diese Dinge bei meinem Abgang gesagt hätte, wäre beim FC eine Revolution ausgebrochen, und der Klub hätte großen Schaden genommen. Das hatten die Fans nicht verdient. Also bin ich gegangen und habe gehofft, dass der Klub erfolgreich weiterspielt.

Inzwischen ist das Präsidium um Wolfgang Overath zurückgetreten.

Christoph Daum: Ich habe schon länger keinen Einblick mehr, was dort läuft. Der Verein duckt sich gern hinter dominante Führungspersönlichkeiten, doch eine Figur wie Wolfgang wird nicht leicht zu finden sein.

>>>Seite 5:
Daum spricht über sein Image in den Medien und die Berichterstattung zu Christian Wulff. »Es fehlt ja nur noch, dass bei Herrn Wulff nachgesehen wurde, ob er sich im Urlaub irgendwo mal ein Fahrrad ausgeliehen hat.«





Sie sind immer ein Trainer gewesen, der stark polarisiert. Welches Medien-Klischee geht Ihnen nach all den Jahren eigentlich am meisten auf die Nerven?

Christoph Daum: Keins mehr. Ich habe längst verstanden, wie Medien so funktionieren und dass Momentaufnahmen überproportional platziert werden. Es heißt immer noch »der Motivator«, obwohl dieser Bereich vielleicht fünf Prozent meiner Arbeit ausmacht.

Ein weiteres Klischee ist der »Lautsprecher«.Diesem Klischee wurden Sie zuletzt in Frankfurt gerecht, als Sie sich vor der Kamera mit einem Journalisten anlegten. Am Anfang sind Sie noch sehr ruhig, doch dann scheint es irgendwann, als verlören Sie die Lust verlieren, weiter diplomatisch zu sein.

Christoph Daum: Ich bin nur ein Mensch, warum soll ich mich besser machen, als ich bin? Natürlich erlebe auch ich emotionale Ausbrüche. Hinterher frage ich mich dann, ob das wirklich wieder notwendig war. Aber ich habe für mich beschlossen, dass es wichtig ist, authentisch zu bleiben.

War Ihr loses Mundwerk nicht gerade am Anfang Ihrer Laufbahn auch ein Mittel, mit dem Sie auf sich aufmerksam machten? Ihr Disput mit Uli Hoeneß im »aktuellen sport-studio« ist in die Geschichte eingegangen.

Christoph Daum: So habe ich nie gedacht. Meinen Sie, ich fahre irgendeine Medienstrategie? Auf so eine Idee wäre in den achtziger Jahren doch kein Mensch gekommen.

Aber Sie haben doch immer fortschrittlich gedacht.

Christoph Daum: Zugegeben, ich wollte Erfolg, mich für meine Mannschaft einsetzen und Selbstbewusstsein zeigen. Natürlich habe ich da mitunter auch überzogen. Aber ich hatte nun mal ein Problem mit selbsternannten Autoritäten. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, dort pflegt man eine offene Umgangsform, und so mancher Spruch liegt locker auf der Zunge. Am Anfang meiner Karriere habe ich noch öfter einen rausgehauen und mich hinterher gewundert, dass die Worte geschrieben eine Wucht entfalteten, die ich vorher nie erwartet hätte.

Das lose Mundwerk ist demnach angeboren?

Christoph Daum: Ich war Klassen- und später auch Schulsprecher und habe versucht, die Interessen der Schüler gegenüber der Institution Schule und den Lehrern zu vertreten. Ich habe also gelernt, um Dinge zu kämpfen, die mir wichtig erschienen, und dafür auch Nachteile in Kauf zu nehmen.

Macht Ihnen die Arbeit in dieser ständig wachsenden Medienwelt immer noch Spaß?

Christoph Daum: Ich bin damit groß geworden. Durch das Privatfernsehen und nun speziell durch das Internet hat sich alles verändert. Mir bleibt nichts anderes übrig, als mich anzupassen, schließlich profitiere ich auch sehr von der Wahrnehmung, die dem Fußball zuteil wird.

Wie betrachten Sie die aktuelle Berichterstattung zu den Verfehlungen des Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff oder zum Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der bei der Doktorarbeit abgeschrieben hat?

Christoph Daum: Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sich solche Dinge in den Medien aufbauen und dass ab einem bestimmten Moment keine Chance mehr besteht, diese Lawine aufzuhalten. Jeder Mensch geht aus so einer Berichterstattung beschädigt hervor.

Aber die Politiker haben sich doch falsch verhalten.

Christoph Daum: Herr zu Guttenberg stand meines Erachtens aufgrund seiner Bedeutung, die er zwischenzeitlich erlangt hatte, ohnehin auf der Abschussliste der Medien. Wenn es nicht die Doktorarbeit gewesen wäre, hätten sie etwas anderes gefunden. Bei Wulff vermag ich schlecht zu beurteilen, was hier die Beweggründe sind. Er stand als niedersächsischer Ministerpräsident nicht so im Fokus. Vielleicht hat er sich in seiner neuen Funktion verändert. Ich weiß nur, dass im Ausland über diese Vorwürfe eher mit Kopfschütteln reagiert wird. Aber es ist eben eine der Stärken von uns Deutschen, dass wir die Dinge, sobald sie in der Öffentlichkeit sind, bis zur Selbstzerfleischung und ohne Rücksicht auf Verluste aufdecken wollen.

In gewisser Weise sind die beiden also auch Opfer der Medien.

Christoph Daum: Friedrich Dürrenmatt hat gesagt: »Eine Sache wird erst dann interessant, wenn sie die denkbar dramatischste Wendung durchläuft.« Ich verstehe, warum Medien sich so verhalten, aber genauso verstehe ich, warum Herr zu Guttenberg so schnell wieder den Weg in die Öffentlichkeit sucht. Meine Erfahrung sagt mir: Weniger ist in solchen zerfahrenen Situationen oft mehr – auf beiden Seiten. Die Medien sehen das leider anders und Deutschland wird durch diese Art der Berichterstattung nicht gedient. Es fehlt ja nur noch, dass bei Herrn Wulff nachgesehen wurde, ob er sich im Urlaub irgendwo mal ein Fahrrad ausgeliehen hat.

Wir Deutschen sollten uns also mal locker machen.

Christoph Daum: Ich bin doch keine moralische Instanz. Aber ich freue mich, dass es noch Leute wie Altkanzler Helmut Schmidt gibt, die uns den Spiegel vorhalten. Wenn ich in die alltäglichen Talkshows zappe, wünsche ich mir mehr unabhängige Mahner wie ihm, die uns Bürgern eine klare Haltung und damit Leitlinien für uns Zusammenleben liefern.

>>>Seite 6:
Daum erzählt von seinen Anfangsjahren als Jugendtrainer und seine Hinwendung zur Gelassenheit. »Die überzogene Egozentrik verstellte mir irgendwann den Blick, Erfolge richtig einzuschätzen.«





Wenn Sie Ihr Trainerleben in Kapitel einteilen müssten, welche wären das?

Christoph Daum: Der erste Teil war die Zeit als Jugendtrainer beim 1 FC Köln. In dieser Phase habe ich gelernt, Titel zu gewinnen, mit der Favoritenrolle zu leben und mit sehr guten Spielern zu arbeiten.

Dann wurden Sie Assistenztrainer beim FC unter Georg Kessler.

Christoph Daum: Eine Zeit, die leider nur sehr kurz war. Ich wurde schon nach 15 Monaten Cheftrainer, zunächst aus Verlegenheit, aber schon bald als Dauerlösung.

Aber Sie hatten gleich viel Erfolg als Verantwortlicher.

Christoph Daum: Ich musste aber auch sehr viel Lehrgeld zahlen für Fehler, die ich durch die Beobachtung in der Rolle des Assistenten hätte vermeiden können. Ich musste mir im Crashkurs alle wichtigen Dinge aneignen, was einer Zerreißprobe gleich kam.

Was war denn ein gravierender Anfangsfehler?

Christoph Daum: Etwa mich direkt mit einem Star anzulegen. Ich nahm an, dass es Signalwirkung hat und ein Zeichen von Souveränität ist.

Da war er wieder: Der Mann aus dem Ruhrgebiet, der ein Problem mit Autoritäten hat.

Christoph Daum: Wahrscheinlich. Ich würde jungen Trainer heute immer davon abraten, sich auf diese Weise profilieren zu wollen.

Es ging also zu schnell.

Christoph Daum: Aus meiner Sicht schon. Es ging von Anfang an in eine Achterbahn der Gefühle, die bezogen auf den sportlichen Erfolg zunächst mehr auf- als abwärts fuhr. Dann aber gab mir das Schicksal durch eine abrupte Abwärtsbewegungen wieder die Möglichkeit der Reflexion.

Und so nahm die Karriere ihren Lauf.

Christoph Daum: Und irgendwann trat dann die nächste Phase ein, in der ich mehr Gelassenheit an den Tag legte.

Wann war das ungefähr?

Christoph Daum: Den genauen Zeitpunkt kann ich nicht nennen. Aber die Zeit in der Türkei war da schon sehr wichtig, weil sie mir vor Augen führte, mich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Haben Sie das denn zu vor getan?

Christoph Daum: Natürlich war ich gerade am Anfang sehr egozentrisch. Ich wollte erfolgreich sein, gut rüberkommen und für den Erfolg stehen. Die überzogene Egozentrik verstellte mir irgendwann den Blick, Erfolge richtig einzuschätzen. So eine Haltung kann dazu führen, dass man ganz alleine da steht. In der Türkei habe ich gelernt, dass man nicht jeden Preis für Erfolg zahlen sollte und den Schwenk vollzogen. Es muss immer einen Preisvergleich geben.

Christoph Daum, wann dürfen wir mit Ihren Memoiren rechnen?

Christoph Daum: Ich habe bereits mit einem renommierten Verlag zusammengesessen. Aber so ein Projekt ist ein sehr zeitintensives Unterfangen, zumal ich dieses Buch gerne weitgehend selbst verfassen würde. Das würde mindestens ein Jahr dauern. Zeit, die ich momentan noch nicht habe.

Der Schauspieler fürchtet sich davor, nicht mehr im Rampenlicht zu stehen. Sie haben den Showaspekt des Fußballs seit jeher verstanden. Fürchten Sie sich vor dem Tag, an dem die Lichter ausgehen?

Christoph Daum: Jeder Mensch wünscht sich doch, einfach nur er selbst zu sein – nicht nur der Trainer von irgendeinem Klub oder ein mediales Zerrbild wie »der Motivator«. Eine größere Intimität könnte ich mir für mein Leben sehr gut vorstellen, aber ein Leben ohne Fußball momentan nicht. Also ist die Wahrnehmung der Preis, den ich zu zahlen habe.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!