12.04.2012

Christoph Biermann über Dortmunds Sieg

Borussia hat Bayern überholt

Unser Autor Christoph Biermann ist sich sicher: Nach diesem Sieg des BVB hat der FC Bayern eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die nächsten Jahre. Mehr noch: Vielleicht hat die Borussia den Rekordmeister sogar schon überholt.

Text:
Christoph Biermann
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Imago

Als dann endlich alles vorbei war, musste sich Jürgen Klopp einfach mal hinsetzen. Die Pressekonferenz war beendet, in der weder dem Dortmunder Trainer noch seinem Kollegen Jupp Heynckes eine Frage gestellt worden war, und nun hockte Klopp auf einem Mauervorsprung vor dem Aufzug und wartete auf die Rückfahrt nach unten zu seinen Spielern. Er schaute flüchtig auf den Ergebniszettel (»Oh, Hamburg hat vier Stück gekriegt.«), machte etwas Smalltalk mit Lokaljournalisten, aber eigentlich wusste der sonst doch immer schlagfertige Coach nichts mehr zu sagen. Er war so erschöpft, wie alle im Stadion. Die Intensität dieses Spitzenspiels hatte nicht nur den Spielern alle Kräfte abgefordert, die Nerven der Verantwortlichen bis zum Äußersten beansprucht, selbst die Zuschauer wirkten erschöpft von den Verdichtungen der letzten Minute, als sich ein gutes Spiel noch in ein großes Drama verwandelte.

Die Fans beider Lager, ob beseelt oder tief enttäuscht, diskutierten über das zauberhafte Hackentor von Robert Lewandowski, den verschossenen Elfmeter von Robben und was da in der Schlussviertelstunde sonst noch an aufregenden Szenen gegeben hatte. Und weil wirklich verdammt viel losgewesen war, merkten sie nicht einmal, dass sie vom Trikotärmel der Geschichte gestreift worden waren. Denn vermutlich werden wir uns auch in einigen Jahren noch an diesen Mittwochabend im April in Dortmund als ein historisches Spiel erinnern. 

Dieser Sieg hatte eine Qualität wie keine seiner Vorgänger

Der 1:0-Sieg war der vierte des BVB in Folge gegen die Bayern, doch er hatte eine Qualität wie keiner seiner Vorgänger. In der vergangenen Saison oder in der Hinrunde hatten die Dortmunder vor allem Formschwächen und taktische Defizite der Münchner ausgenutzt, oder wie Klopp berühmter Weise gesagt hatte »die Bayern auf unser Niveau heruntergezogen«. 

Dieser Sieg zeigte indes eine andere Richtung an, denn Dortmund hat sich auf das Niveau der Bayern hinaufgearbeitet. Ja, und das ist die Pointe des Abends und dieser Saison, Borussia hat die Münchner überholt. 

Im Spitzenspiel siegte Klopps Mannschaft nicht aus einer Laune des Schicksals heraus gegen einen Gegner, der mit dem Selbstbewusstsein aufgepumpt nach Dortmund gereist war. Zehn Siege hintereinander hatten die Bayern in Bundesliga, Pokal und Champions League gewonnen. Und natürlich waren sie dem BVB nicht deutlich unterlegen und hatten auch etwas Pech, aber zog man einen Strich unter alles, was in den 90 Minuten zu sehen war, blieb nur eine Erkenntnis: Borussia Dortmund war stärker.

Genau das wird auch Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge durch den Kopf gegangen sein, als sie den weiten Weg über den Platz gingen, von der Ehrentribüne zum Kabineneingang. Sie waren auf diesen fünfzig Metern dem Spott des Publikums ausgesetzt und die BVB-Fans sangen auch feixend: »Ihr könnt nach Hause fahren!« 

Die schmerzhafteste Niederlage für den FC  Bayern

Aber darin drückte sich nicht die Triumph des Underdogs aus, der den Großen mal die lange Nase gezeigt hatte. Doch das machte es für die Bayern-Führung nur noch schlimmer. Sie können es ertragen, dass Trainer nicht funktionieren, Spieler sich gehen lassen oder einfach die falschen da sind. Denn so was ist durch Rauswürfe, Arschtritte oder den Gang zum Festgeldkonto zu korrigieren. Sie können auch damit leben, wenn andere geliebt werden für schönen Fußball oder jugendlichen Elan, solange die Bayern am Ende oben stehen.

Doch diese vierte und schmerzhafteste Niederlage gegen die Borussen in Folge wirft grundsätzliche Fragen danach auf, was am sportlichen Konzept der Bayern nicht stimmt. Diese werden in den kommenden zwei Wochen kaum gestellt werden, weil der Klub die Meisterschaft schnell abhaken und erst einmal dem Heiligen Gral eines Finales der Champions League im eigenen Stadion nachjagen wird. Erst wenn sie im Halbfinale gegen Real Madrid scheitern sollte, wird das auf die Tagesordnung kommen.

Seit gestern ist klar: Bayern hat jetzt echte Konkurrenz

Denn seit gestern ist endgültig klar, dass den Bayern ein Konkurrent erwachsen ist, wie sie ihn schon lange nicht mehr hatten. Der jetzige Erfolg ist nicht waghalsig erkauft und Borussia ein Klub mit bundesweiter Ausstrahlung, der auch bei den wirtschaftlichen Möglichkeiten noch keine Wachstumsgrenze erreicht hat. So haben in der Bundesliga nun auch die schon vor dem Spiel vielerorts beschworene  deutsche Version von »El Clasico«. 

Es fehlt zwar dessen vielschichtige sozio-historische Verankerung, aber fußballerisch kommt es hin. Wobei der FC Bayern als Mannschaft der Stars eben Real Madrid gibt und Borussia Dortmund als von der Teamidee getrieben die Rolle des FC Barcelona übernimmt. Und weil Clasicos auch ständig gespielt werden, gibt es die nächste Runde auch hierzulande schon bald wieder, beim Pokalfinale in Berlin.

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