Chelseas Didier Drogba im Portrait

Big Brother

Er ist alles in einer Person: Wuchtbrumme im Angriff, Hoffnungsträger für Afrika und Fans vom FC Chelsea. Didier Drogba, 34, muss im Champions-League-Finale von München auch seinen persönlichen Dämon bezwingen. Den Fluch der großen Niederlage.

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Wer dabei war, wird es nie vergessen. Wie Chelsea-Stürmer Didier Drogba im Viertelfinale der Champions League 2004/05 den FC Bayern München niedertrampelte wie eine wildgewordene Herde Wasserbüffel das Gras auf der Steppe. Irgendwann hörten die Journalisten auf der Tribüne auf zu zählen, wie häufig der Mann von der Elfenbeinküste Zweikämpfe und Kopfballduelle für sich entschied. Dafür hätten die Spickzettel auch einfach nicht mehr ausgereicht. Der 27-jährige Drogba war so dominant, so stark, so unglaublich präsent auf dem Platz, dass man nach 90 Minuten gar nicht glauben wollte, dass auch noch andere Fußballer auf dem Platz gestanden hatten. Chelsea gewann damals mit 4:2, der 3:2-Erfolg der Bayern im Rückspiel reichte nicht mehr. Der FC Didier Drogba hatte den FC Bayern München im Alleingang aus der Champions League geworfen.

Sieben Jahre sind seit jenem denkwürdigen Auftritt im Viertelfinale vergangen. Drogba ist inzwischen 34 Jahre alt, den Zenit seiner Schaffenskraft als Fußballer hat er wahrscheinlich schon überschritten. Das Champions-League-Finale am Samstag wird aller Voraussicht nach Drogbas letzte Möglichkeit sein, den wichtigsten Vereinspokal der Welt in die Höhe zu stemmen. Vielleicht wird er nach dieser Saison den FC Chelsea sogar verlassen. Angeblich plant Großfinanzier Roman Abramowitsch den Umbruch – ohne den gealterten Angreifer. In seinen 23 Premier-League-Auftritten in der abgelaufenen Saison hat Drogba gerade einmal fünf Tore geschossen.

»Mit ihm würde ich in den Krieg ziehen!« (José Mourinho)

Seiner Aura auf dem Spielfeld hat die Flaute auf dem Spielfeld nicht geschadet. Noch immer wirkt er jedes Mal etwas größer, stärker, schneller und besser, als es die nackten Statistiken vielleicht vermuten lassen. »Wenn ich mir einen Menschen aussuchen müsste, mit dem ich in den Krieg ziehe«, hat der Wortakrobat und ehemalige Drogba-Trainer José Mourinho mal gesagt, »dann wäre es Didier Drogba.« Der Stürmer von der Elfenbeinküste hat das Auftreten und den Elan eines geborenen Anführers. »Didier ist wie ein Baumstamm, durch ihn leben die Äste«, hat das »Zeit-Magazin« Drogbas Onkel und Förderer in Jugendjahren, Michel Goba, 2010 zitiert. Herr Goba meinte damals zwar etwas anderes, nämlich die finanzielle Abhängigkeit einer ganzen Hundertschaft von Familienangehörigen, Freunden und Bekannten, aber es passt ganz wunderbar zu Drogbas versteckten Fähigkeiten. Es ist wie früher in der C-Jugend mit dem Spielmacher, der irgendwie immer alles richtig machte: Wenn nichts mehr geht, gib den Ball zu Didier! Er wird das Kind schon schaukeln. »Der ist 1,90 Meter groß und wiegt 95 Kilo!«, staunte Bayerns Owen Hargreaves nach der Niederlage im Viertelfinale 2005 über seinen Gegenspieler. Hargreaves hatte Drogba kurzerhand zwei Zentimeter und elf Kilo schwerer gemacht.

Es sind nicht nur die sportlichen Qualitäten, die Drogba zu einer Führungspersönlichkeit auf dem Platz gemacht haben. Es ist sein Weg von den staubigen Ascheplätzen seiner Heimatstadt Abidjan über die tristen Dorfplätze der französischen Provinz bis zur Stamford Bridge. Es ist sein Dasein als vielleicht wichtigster Sportler Afrikas. Es ist sein Leben.

Mit nur fünf Jahren ins ferne Frankreich

Am 11. März 1978 als ältester Sohn einer wohlhabenden Banker-Familie geboren, wurde Drogba im Alter von nur fünf Jahren nach Frankreich, in die Nähe von Paris, zu seinem Onkel Michel Goba geschickt. Goba, selbst Fußballer, sollte sich um die Erziehung des talentierten Jungen kümmern. Nach drei Jahren hielt es Drogba vor Heimweh nicht mehr aus, der Onkel schickte den Jungen zurück an die Elfenbeinküste. Wiederum drei Jahre später, 1989, startete die Familie einen neuen Versuch, diesmal blieb Drogba in Europa, auch weil zwei Jahre später der Rest der Familie Richtung Frankreich auswanderte. Drogba Senior, der Bankier, hatte im von wirtschaftlichen Problemen geplagten Heimatland die gut dotierte Stelle verloren. In Paris wagte er einen Neuanfang – als Zeitungsbote. Sein Sohn tingelte derweil durch die französische Fußballprovinz, immer dem Onkel hinterher. Über Dunkerque, Vannes und Levalllois landete der zunächst als rechter Außenverteidiger ausgebildete Drogba 1997 beim UC Le Mans. Er blieb, bis 2002. Zweite französische Liga. Mit 24 Jahren. Der Traum von Glanz und Gloria und Champions League sieht anders aus.

Erst der Wechsel zum Erstligisten EA Guingamp und eineinhalb ansehnliche Spielzeiten beschleunigten die Karriere des Ivorers. Im Sommer 2003 löhnte Olympique Marseille, Drogbas Lieblingsklub, stolze sechs Millionen Euro für den bis dahin außerhalb von Frankreich unbekannten Stürmer. Der Rest ist Weltkarriere: Eine Saison, 35 Spiele, 18 Tore für OM, 2004 Wechsel für 37 Millionen Euro Ablöse zum FC Chelsea, drei englische Meistertitel, vier FA-Cup-Siege, zweifacher »Afrikas Fußballer des Jahres«.

Drogba, der Gewinnertyp. Und auch wieder nicht. Die wichtigsten Spiele seiner Karriere hat er bislang immer verloren, teilweise dabei sogar in den entscheidenden Momenten versagt. Schon 2004 verlor er mit OM das UEFA-Cup-Finale gegen den FC Valencia. 2006, im Finale des Afrika-Cups, vergab er in der regulären Spielzeit zunächst eine fantastische Chance zum entscheidenden 1:0, im Elfmeterschießen wurde sein Schuss gehalten, die Elfenbeinküste verlor das Endspiel gegen Ägypten. 2008, im Champions-League-Finale gegen Manchester United, schaffte es der Chelsea-Mann erst gar nicht ins Elfmeterschießen: Nach 118 Minuten ließ er sich vor den Augen des Schiedsrichters zu einer lächerlichen Ohrfeige gegen Uniteds Nemanja Vidic hinreißen und wurde vom Platz geschickt. »A professional suicide«, nannte das der englische TV-Kommentator. Professioneller Selbstmord. Didier, der Mann, dem man doch eigentlich immer den Ball geben konnte, hatte sich aus der Verantwortung geohrfeigt. Und im Februar 2012, wieder im Afrika-Cup-Finale mit seinen »Elefanten« gegen Gastgeber Sambia, legte sich Drogba, der Oberelefant, nach 69 Minuten den Ball zum Strafstoß zurecht. Er stellte sich seiner Verantwortung. Er wollte das Tor schießen, den Titel gewinnen, auf den sein Land so lange schon wartete. Und Didier? Schoss den Ball über das Tor. Sambia gewann anschließend. Im Elfmeterschießen.

»Die Elefanten« nennen ihn »Das Pferd«

In der Nationalmannschaft, die bekanntermaßen den Spitznamen »Die Elefanten« trägt, wird Drogba seit Jahren nur »Das Pferd« genannt. Die Herleitung ergibt sich bei seinem wuchtigen und körperbetonten Spiel von selbst. Dieses »Pferd« ist seit seinem Debüt 2002 längst mehr als nur ein ausgezeichneter Angreifer und Torjäger. Drogba ist Symbolfigur und Projektionsfläche für eine geschundene Nation, die sich von dem Militärputsch im September 2002 nie wieder richtig erholt hat. Auch abseits wirkt Drogba größer, stärker und wichtiger, als er es vielleicht jemals sein wollte. Unvergessen ist in seinem Heimatland die Szene, wie er 2005, die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Deutschland war gerade erst geschafft, aus der Mannschaftskabine ein Live-Interview gab. »Ivorerinnen und Ivorer«, begann Drogba seine kurze Rede an die Nation, »wir haben heute bewiesen, dass alle Bewohner der Elfenbeinküste zusammenleben, dass wir gemeinsam für ein Ziel spielen können, die WM-Qualifikation. Ich flehe euch auf meinen Knien an: Lasst nicht zu, dass unser reiches Land durch einen Krieg verwüstet wird! Ich bitte euch: Legt die Waffen nieder. Organisiert Wahlen und alles wird gut!« Und dann sank er gemeinsam mit seinen Mitspielern vor laufenden Kameras auf die Knie. Eine Willy-Brand-Geste, ausgeführt von Fußballern, in einer Kabine, getränkt von Schweiß, Pathos, Hoffnung. Ein Beweis dafür, wie viel Politik Fußball wirklich sein kann.

Aber auch ein Beweis dafür, wie selbst große Gesten im Laufe der Zeit wirkungslos verpuffen können. Bis heute wird das einst so reiche Land von politischen Unruhen erschüttert. Drogba, eigentlich auf Vollzeit als Fußballer, Werbefigur und Familienvater ausgebucht, bemüht sich weiterhin um politische Stabilität in seiner Heimat. Seit 2010 ist er Mitglied einer Kommission, die sich für einen friedlichen Dialog in der Elfenbeinküste einsetzt. Die drei Millionen Euro Jahresprämie seines Ausrüsters fließen direkt in die eigene Hilfsorganisation. Das Magazin »Time« nahm ihn 2010 unter der Rubrik »Helden« in seine Liste der 100 wichtigsten Menschen der Welt auf. »Didier«, sagt Drogbas Bruder Joel, der wie der Rest der Familie wieder in der Elfenbeinküste lebt, »ist wichtiger als unser Präsident.«

Bei so viel Druck gehen andere einfach kaputt

Auf den breiten Schultern des 34-Jährigen lastet eine enorme Verantwortung. Er soll Vorbild sein, für seine Familie, sein Heimatland, Fußballbegeisterte auf der ganzen Welt. Er soll in der vielleicht besten Liga der Welt an jedem Spieltag Top-Leistungen bringen. Er soll seine zerrüttete Heimat einigen und versöhnen. Er soll sein Geld mit den verarmten Landsleuten teilen. Er soll seine Mannschaft, den FC Chelsea London, am Samstag endlich zum Champions-League-Titel führen. Er soll wieder zwei Zentimeter größer und elf Kilo schwerer sein, als er eigentlich ist. Es gibt sehr viele Menschen auf der Welt, die an weit weniger Druck einfach so kaputtgehen.

Didier Drogba aber, das Pferd, der Mann mit so viel Kraft und Energie und einer Aura, der große Bruder seiner Mitspieler, muss diesem Druck im Endspiel von München gewachsen sein. Er muss wieder der Mann sein, an dessen Seite man furchtlos in den Krieg ziehen würde.

Vor allem aber muss er endlich ein wichtiges Spiel gewinnen. Dann wäre er wohl größer, als es sich selbst Owen Hargreaves jemals vorstellen könnte.

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