Chelsea und die Hetzjagd auf Talente

Die neuen Kolonialherren

Der FC Chelsea darf bis 2011 keine Transfers mehr tätigen, weil er den jungen Franzosen Gael Kakuta zum Vertragsbruch gezwungen haben soll. Nur die Spitze des Eisbergs, wie unser Experte Matthias Paskowsky zeigt. Chelsea und die Hetzjagd auf Talente Imago
Heft #85 12/2008
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Der des Teufels Nähe sucht, muss mit Hitze leben können. Der norwegische Erstligaklub FC Lyn könnte derzeit eine solide Teflonschicht gebrauchen, denn die Sport- und einstmalig auch so dicken Geschäftsfreunde vom FC Chelsea haben die Osloer gerade auf 16 Millionen Pfund verklagt. Dem skandinavischen Traditionsverein droht das Aus.

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Dies soll nicht die Stelle sein, an der der Londoner Milliardärsklub mit dem Antichristen verglichen wird. Zumal die Transferposse um den Nigerianer John Obi Mikel eine jener Geschichten aus der Mitte des Lebens ist, die nicht nur in schwarz und weiß erzählt werden können und in der das Chamäleon namens Schuld je nach Betrachtungswinkel die Farbe wechselt. Schuld – wenn man so will – hat am Ende wieder das liebe Geld und die menschliche Schwäche der Gier nach dem selbigen.

Globale Hetzjagd nach jungen afrikanischen Talenten

Die beiden norwegischen Journalisten Lars B. Madsen und Jens M. Johansson haben ein Buch vorgelegt, das im Land der Fjorde zu Recht als »Fotballbombe« bezeichnet wird und das auch eine deutsche Auflage verdient hätte. Hinter dem Indiana-Jones-verdächtigen Titel »Der verschwundene Diamant« verbirgt sich ein aufwändig recherchiertes Werk, dem Edvard Munchs »Schrei« als Titelbild gut zu Gesicht gestanden hätte. Denn was sich vor den Augen des Lesers entfaltet, ist nicht mehr einfach nur zum Heulen. Die globale Hetzjagd nach jungen afrikanischen Talenten, das Geschacher der Mittelsmänner und die bestenfalls semilegalen Konstrukte, mit denen sich die großen Klubs den Zugriff auf jene Kinder sichern wollen, die die Stars von morgen werden könnten, verdirbt im besten Fall die Lust auf Fußball und ist im schlimmsten Fall von Menschenhandel nicht zu unterscheiden. Mikels Fall ist die glamouröse Spitze des Eisberges. Schließlich hat er es geschafft und sich in London ein Vermögen erspielt. Die meisten der afrikanischen Jungen, die als potentielle Profis nach Europa geschmuggelt werden, schaffen es dagegen nicht und werden irgendwann von windigen Agenten in Armut und Illegalität entlassen. Madsens und Johanssons Buch wirft den Akteuren vor, dieses Elend billigend in Kauf zu nehmen. Sie sprechen von 20 000 afrikanischen Jungen und führen FIFA-Präsident Joseph Blatter als Zeugen an. Blatter sagte der Tageszeitung »Financial Times«: »Die großen Klubs verhalten sich wie Neo-Kolonialherren.« Nicht zuletzt deshalb hat die FIFA in den letzten Jahren klare Regeln aufgestellt, die den internationalen Transfer minderjähriger Fußballer eigentlich verbieten.

Zusammengefasst kommen die beiden Journalisten zu dem Schluss, dass diese Regeln weder Lyn noch Chelsea die Bohne bedeutet haben. Die Londoner hatten den damals 17-jährigen Mikel in geheimer Absprache mit Lyn nach Europa gebracht, scheiterten nach dessen Volljährigkeit aufgrund der Gier der damaligen Lyn-Oberen jedoch zunächst an einer Verpflichtung. Nach mehr als einjährigem Kampf zwischen Chelsea und ManUnited ging Mikel dann letzten Endes doch nach London und der Abramowitsch-Klub trennte sich im Gegenzug von 16 Millionen Pfund Schweigegeld. Nun, da das Buch die Mauscheleien ans Licht bringt, will man an der Stamford Bridge die Millionen zurück, deren Großteil auch noch dem Konkurrenten aus dem Norden den Rücken stärkt. Der juristische Angriff auf das sinkende Schiff FC Lyn, das von den Verantwortlichen längst verlassen wurde, erscheint als kläglicher Versuch der öffentlichen Verteidigung gegen die Klageschrift der beiden Journalisten. Deren Buch ist ein trauriger – wenngleich wenig überraschender – Zustandsbericht über die moralischen Standards an der Spitze der vermeintlich attraktivsten Liga der Welt. Wenn die FIFA jetzt untätig bleibt und den Fall angesichts der vorliegenden Beweise nicht erneut unter die Lupe nimmt, ginge es schon mit dem Teufel zu. Zweifler werden um Handzeichen gebeten.

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