19.04.2012

Chelsea und der Weg, den FC Barcelona zu besiegen

Grätscht um euer Leben!

Der FC Barcelona spielt den schönsten Fußball. Aber der FC Chelsea tut das, was ein Halbfinal-Teilnehmer tun muss: Er spielt um sein Leben. Mit viel Glück können es die Londonern damit ins Finale schaffen. Ein Lobgesang auf die Grätschen von John Terry und Co.

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Imago

Moses teilte das Meer mit seinem Stab.

Über John Terrys Stab ist in den vergangenen Jahren viel zu viel geschrieben worden, darum geht es hier also nicht.

Aber als Chelseas Innenverteidiger am gestrigen Abend in der Nachspielzeit des Champions-League-Halbfinals gegen den FC Barcelona zu einer Grätsche an der Strafraumkante ansetzte, da hatte das für einen Moment wahrlich etwas moseeskes.

Lionel Messi, der beste Fußballer der Welt, wollte gerade einen Angriff, den er selbst eingeleitet hatte, mit einem präzisen Schlenzer vollenden. Hundertfach hat man Messi in solchen Situationen schon gesehen, hundertfach hat er anschließend jubeln dürfen. Weil er besser ist als alle anderen. Und weil viele vor dieser Größe zurückgeschreckt sind und Messi einfach haben schießen lassen.

John Terry packte seinen Stab aus und bezwang Goliath

John Terry aber packte seinen Stab aus, hier: sein Bein, und teilte den Rasen der Stamford Bridge. Mit der Sohle, mit den grasverschmierten Stollen, grätschte er Messi den Ball vom Fuß. Um bei den religiösen Vergleichen zu bleiben: Das hatte etwas von David, seiner Schleuder und dem Riesen Goliath. So blöd das auch klingt bei 1,87 Meter (Terry) gegen 1,69 Meter (Messi). Aber als anschließend Messis Kollege Pedro nur den Pfosten traf, Sergio Busquets den Ball in den Oberrang donnerte und der deutsche Schiedsrichter Felix Brych das Spiel abpfiff, da hatte Chelsea den FC Barcelona mit 1:0 besiegt, David wieder einmal Goliath bezwungen.

Warum hat der FC Chelsea gewonnen? Weil er die besseren Einzelspieler hat? Wohl kaum. Weil er die bessere Mannschaft hat? Nein. Weil er einfach sehr viel Glück hatte? In der Tat. Vor allem aber, weil er 93 Minuten das tat, was jede Mannschaft in einem Halbfinale der Champions League tun muss, wenn sie nicht gerade FC Barcelona heißt und vor lauter Talent beinahe zu ersticken droht: Die Spieler vom FC Chelsea spielten 93 Minuten lang so, als ginge es um ihr Leben. Das meinte der großartige Torwart Petr Cech, als er nach dem Spiel mit einem seligen Lächeln im Gesicht vom »Mannschaftsgeist« schwärmte. Das ist es, was sich Hertha-Trainer Otto Rehhagel so sehnlich von seiner Mannschaft wünscht, wenn er den Reportern in die Mikrophone bellt: »Wir müssen fighten, fighten, fighten!« Elf Spieler, die um ihr Leben spielen.

Als Fußballfan denkt man vor wichtigen Spielen: Es gibt doch nichts einfacheres für Fußballspieler, als sich 90 Minuten und ein paar Zerquetschte lang zu zerreißen, so viel zu rennen und zu grätschen und zu fighten, bis die Waden anfangen zu zittern und man des Nachts mit einem Krampf im Fuß wach wird. Nach dem Motto: Wenn die schon nicht so gut Fußball spielen wie der Gegner, können sie wenigstens ihr letztes Hemd geben.

Falsch!

Tatsächlich ist nichts so schwierig wie das: Elf Spieler, die um ihr Leben rennen, dabei einen kühlen Kopf bewahren, ihre Ordnung nicht verlieren – und zwischendurch noch zu Geniestreichen in der Lage sind (siehe das 1:0 durch Didier Drogba nach Vorarbeit von Lampard und Ramires).

Trotz der russischen Millionen: Chelsea hat den »Teamspirit«

Für den von Cech beschworenen »Mannschaftsgeist« hat der FC Chelsea den »Fighten, fighten, fighten«-Orden am Bande verdient. Er ist eine Folge von verschiedenen Rädern, die zumindest gestern ineinander griffen: Der neue Trainer Roberto di Matteo scheint trotz seiner Unerfahrenheit als Chefcoach die Fähigkeit zu besitzen, einen Haufen Superstars entsprechend motivieren zu können. Er profitiert davon, dass sich die Stützen in Chelseas Kader – Torwart Cech, Abwehrspieler Terry, Mittelfeldmann Lampard, Stürmer Didier Drogba – noch sehr gut an die dramatischen Champions-League-Niederlagen gegen Barcelona erinnern (Achtelfinale 2005/06, Halbfinale 2008/09) und noch eine offene Rechnung haben. Das Quartett Cech, Terry, Lampard und Drogba ist auch für die dritte und vielleicht entscheidende Komponente verantwortlich: Trotz der russischen Transfermillionen besitzt der FC Chelsea einen wegweisenden Block, der in seiner Erfahrenheit und Qualität höchstens noch vom FC Barcelona übertroffen wird.

So ein Block gewinnt Spiele, auch wenn der Gegner besser ist. So ein Block erzwingt das Glück und lässt den Gegner Latte und Pfosten treffen. Dieser Block ermöglichte John Terry die schönste Grätsche der laufenden Champions-League-Saison.

Bleibt aus Sicht des FC Chelsea nur zu hoffen, dass das selbst geteilte Meer im Rückspiel nicht über den eigenen Köpfen zusammenbricht.

Das Camp Nou hat schon so viele Helden einfach sterben lassen.

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