César Luis Menotti über das Phänomen Maradona

»Gott des Fußballs? Das war sein Schicksal«

Für Diego Maradona gibt es Regeln nur, um sie zu brechen. Auf dem Platz und auch im Leben. Im 11FREUNDE-Spezial »Rebellen – die wütenden Männer des Fußballs« erklärt sein alter Trainer César Luis Menotti, warum ihn das zum Fußballgott macht.

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Spezial-Nr. 3

Als ich Diego zum ersten Mal sah, war er noch ein Kind. Ein Kind, das in der ersten Liga debütierte. Ich war Nationaltrainer, und einer meiner ehemaligen Spieler trainierte die Argentinos Juniors. Er sagte mir, dass er da einen Jungen habe, der unglaublich sei, ich solle ihn mir anschauen. Ich gab erst nicht viel darauf. »Gut«, sagte ich, »du hast da diesen unglaublichen Jungen, ruf mich wieder an, wenn er in der ersten Liga spielt.«

Ein paar Wochen später war es dann soweit: Beim Spiel gegen Talleres de Cordoba stand Diego auf dem Platz. Das war im Herbst 1976, kurz vor seinem 16. Geburtstag. Er war noch nicht der, der er einmal werden sollte, aber er zeigte schon damals außergewöhnliche Fähigkeiten. Ich saß auf der Tribüne und sah seine Spielwut, er traute sich etwas, in einem Spiel gegen einen starken Gegner. Von da an war ich sicher der Trainer, der am längsten mit ihm gearbeitet hat: Ich holte ihn 1977 in die Nationalmannschaft, später waren wir bis 1984 gemeinsam beim FC Barcelona.
Diego war ein reinrassiger Fußballer. Er hatte eine enorme Kapazität zu lernen, wollte sich immer verbessern, sich alle Fußballer anschauen und über Fußball lesen. Er begnügte sich nicht mit seinem Talent. Aber als die WM 1978 anstand, nahm ich ihn nicht in den Kader auf. Ich hatte erfahrenere Spieler, und gerade wenn man ein Turnier zu Hause spielt, braucht man Persönlichkeiten, die den Druck aushalten. Im Nachhinein sagten immer alle: »Warum hast du ihn nicht spielen lassen?« Aber was wäre passiert, wenn wir nicht gewonnen hätten und er wäre dabei gewesen? Gerade mal 18 Jahre alt? Ich hatte damals den Eindruck, dass er für so ein Erlebnis noch nicht reif genug war. Ich wollte ihn schützen. Im Grunde habe ich das immer versucht: Ihn zu schützen und ihn nicht auszunutzen, so wie viele andere es getan haben.

Als Goikoetxea Diego das Bein brach, war ich mit seiner Familie im Krankenhaus

Unsere Beziehung damals war sehr eng. Nicht so wie Vater und Sohn, aber doch liebevoll. Als Bilbaos Verteidiger Andoni Goikoetxea Diego in Barcelona mit seinem brutalen Foul das Wadenbein brach, da fühlte ich den Schmerz so wie er. Ich war während der Operation bei seiner Familie im Krankenhaus. Wir haben einige solcher Momente gemeinsam durchgemacht. Ich habe versucht, ihm alles zu sagen, was man einem Jungen wie Diego sagen kann. Alles, was ihm dabei helfen konnte, reifer zu werden. Aber ihn vorbereiten auf das, was kam, das konnte man nicht.

Ich glaube, die Verrücktheit von Diegos Leben begann mit der WM 1986 in Mexiko. Mit seinen beiden Toren gegen die Engländer. Für die Argentinier waren sie eine Art Wiedergutmachung für den verlorenen Falk­land-Krieg, ein Sieg, der Fußball und Politik miteinander vermischte. Die Engländer haben uns die Falk­land-Inseln genommen, dachten sich die Leute, und jetzt schicken wir sie nach Hause! Vor allem das Tor mit der Hand wurde gefeiert. So sind die Menschen: Sie lieben es, wenn jemand die Regeln bricht. Und Diego hatte die Fußballregeln gleich im doppelten Sinn gebrochen: mit der Hand beim ersten Tor die geschriebenen Regeln des Spiels. Und mit dem Fuß beim zweiten Tor die physischen Regeln des Spiels. Da wurde sein Mythos geboren. Der Gott des Fußballs. Die ganze Welt hatte dabei zugesehen. Und von da an würde sie für den Rest seines Lebens nicht mehr die Augen von ihm abwenden.

Das war Diegos Schicksal, und ich glaube, das ist es, was ihn auch von allen anderen unterscheidet: Als Pelé oder Johan Cruyff die Größten waren, da gab es diese Aufmerksamkeit noch nicht, diesen Medienrummel. Das fing erst mit ihm an. Und dann spielte er zu der Zeit ja auch noch ausgerechnet in Neapel. Einer Stadt, die leidenschaftlicher liebt als alle anderen. Er schenkte den Neapolitanern die Meisterschaft und sie machten ihn zum Heiligen. Natürlich war das eine tolle Zeit für ihn, die Erfolge, die Anerkennung, die Verehrung. Aber es ist auch nicht leicht, mit all dem klarzukommen. Ich glaube, er hat sich dort tatsächlich für einen Moment unverwundbar gefühlt. Wie ein Gott. Ein Gefühl, für das er bezahlen musste, mit seiner Gesundheit.

Er lebte in einer Welt, in der er seinen Platz nicht mehr fand. Manchmal verläuft man sich im Leben, dann braucht man einen Ort, an den man zurückkehren kann. Aber die Personen, zu denen Diego sich zurückziehen konnte, waren nicht gut für ihn. Wir dürfen nicht vergessen, dass er wirklich krank war. Er ist sehr missbraucht worden. Von Menschen, von den Medien. Das hat ihm sehr weh getan. Aber er war selbst dafür verantwortlich. Er hat diese Orte, die nicht gut für ihn waren, auch gesucht.

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