Carl Zeiss Jena errichtet virtuelles Stadion

Das Ticket der Herzen

Der FC Carl Zeiss Jena will einen Weltrekord: Als erster Verein versucht er, ein virtuelles Stadion auszuverkaufen. Das Geld soll ihn vor der Insolvenz retten. Mit-Initiator Andreas Trautmann über das Paradies und Byte-Bratwürste. Carl Zeiss Jena errichtet virtuelles StadionImago Herr Trautmann, der FC Carl Zeiss Jena versucht als erster Verein weltweit, ein virtuelles Stadion auszuverkaufen, in dem gar kein Spiel stattfindet. Nun sollen die Fans sich fleißig Karten kaufen. Welche Idee steckt hinter dieser Aktion?

Der FC Carl Zeiss Jena ist, obwohl es in einem gemeinsamen Kraftakt mit Fans, Sponsoren, Mitarbeitern und der Stadt Jena gelungen ist, bis zum 15. Januar eine Etatlücke von fast einer Million Euro zu schließen, zwar auf einem guten Weg aber eben noch nicht am Ziel. Deswegen geht die ins Leben gerufene Kampagne »Jena im Herzen« auch bis zum Saisonende weiter. Unter diesem Titel laufen viele Aktionen zusammen, die uns helfen sollten, die Geldprobleme zu lösen. Im ersten Schritt wurden da natürlich Sponsoren und Förderer um Hilfe gebeten, aber schnell kam der Punkt, an dem auch unsere Fans gefragt haben, was sie tun können, um ihren Verein zu unterstützen.

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Also kam die Idee aus Fankreisen?

Es wurde schnell klar, dass die Jena-Fans helfen wollten – obwohl sie ja nun am wenigsten für die finanzielle Situation ihres FCC können. Dabei haben wir nach etwas Kreativem gesucht. Zunächst stand bei uns die Idee, eine klassische Pixelseite einzurichten, wie sie zum Beispiel auch der 1. FC Köln beim Transfer von Lukas Podolski geschaffen hat. Allerdings ist dieses Thema schon sehr ausgelutscht und dazu nicht mal sonderlich erfolgreich. Wir wollten einen Schritt weiter gehen und »stolperten« dabei über die unglaubliche Fleißarbeit eines Fans, der in seiner Freizeit am Computer an einem Stadionmodell arbeitete. Da dachten wir uns: Das ist es!

Sie errichteten das Ernst-Abbe-Spielfeld als computersimuliertes Stadion.  Zu finden ist die Aktion auf der Seite www.im-paradies-ist-noch-platz.de. Soll Jena zukünftig das Paradies aller virtuellen Fußballanhänger werden?

Das Areal, in dem unser altehrwürdiges Ernst-Abbe-Sportfeld liegt, heißt »Paradies«. Aber es gilt auch als Sinnbild. Wir wollen das virtuelle Ernst-Abbe-Sportfeld voll bekommen, damit der FCC auch real wieder zum Fußballparadies wird. Den entsprechenden Slogan trugen unsere Spieler auch auf der Hinserie auf dem Trikot. Wir hoffen, dass uns die Leute weiter unterstützen, damit dem Paradies aber vor allem den treuen Fans der FCC erhalten bleibt. Dabei können wir uns auf die Fans verlassen. Und natürlich haben wir auch den Ehrgeiz, dass wir eine von Vielen als wahnwitzig beschriebene Idee auch wirklich erfolgreich umsetzen.

Als Ziel geben Sie an, dass das Ernst-Abbe-Sportfeld zumindest virtuell ausverkauft sein soll. Wie läuft denn der Vorverkauf bisher?

Bisher wurden unsere Erwartungen weit übertroffen. Wir haben mittlerweile über 3200 Karten verkauft. Und das obwohl man seinen Platz noch nicht einmal sehen konnte, denn das Stadion befindet sich quasi noch im Bau. Doch allein die Tatsache, dass jeder die Chance bekommt, sich auf seinen ganz persönlichen Platz im Internet zu verewigen, spornt viele Menschen an. Bis jetzt haben die Anhänger ihrem Verein auf diese Weise schon ungefähr 60.000 Euro zukommen lassen. Ich glaube nicht, dass man mit der Sammelbüchse in der Fußgängerzone annähernd solche Summen zusammen bekommen hätte. Und unsere Sponsoren ziehen auch mit und kaufen ihre VIP-Plätze oder buchen Werbebanden im virtuellen Stadion. Es gab sogar Anfragen, ob man die Flutlichtmasten erstehen kann. Das ist phänomenal.

Wie teuer ist eigentlich ein Ticket?

Die Ticketpreise sind analog zu denen, die auch bei einem Heimspiel des FC Carl-Zeiss Jena bezahlt werden müssen. Sponsoren zahlen für ihren VIP-Platz € 100,00.

Plus Topspiel-Zuschlag?

Wir haben gezwungenermaßen auf Ermäßigungen verzichtet, obwohl wir ja eigentlich, was den Ordnungsdienst angeht, enorme Einsparungen haben. (lacht) Allerdings können wir derzeit jeden Cent gebrauchen.

Gibt es schon Pläne für den Gästeblock? Der wäre ja die ideale Heimat für alle Fans, die mit einem Stadionverbot belegt wurden?

Wir haben wirklich lange überlegt, wie wir den Gästeblock voll kriegen können. Aber wir merken, dass auch hier das Interesse wächst. Zuletzt ist bei uns ein Testspiel gegen Union Berlin ausgefallen. Da haben einige Fans doch tatsächlich ihr Geld für das echte Spiel gegen Plätze im virtuellen Stadion getauscht. Eine tolle Geste. Bei uns wird es auch kein Stadionverbot geben. Jeder ist herzlich willkommen. Achja, und Zäune gibt es im virtuellen Stadion auch nicht. Das Paradies eben....

Auf den Karten für das Stadion steht das Datum 13.05.2010. Was erwartet die virtuellen Fans denn an diesem Tag? Kommt Real Madrid zum virtuellen Rettungsspiel?

Der 13. Mai ist das Gründungsdatum des FC Carl Zeiss Jena, aber in allererster Linie hat es technische Gründe, dass dieses Datum auf den Karten steht. Wir denken aber tatsächlich darüber nach, alle Menschen, die uns geholfen haben, mit einer besonderen Aktion zu überraschen. Aber etwas Konkretes kann ich noch dazu noch nicht sagen. Da die Plätze in unserem Stadion nicht nach einer bestimmten Zeit verloren gehen, wird es in Zukunft immer wieder die Möglichkeit für besondere Aktionen geben.

Wie sieht es denn mit der Versorgung im Stadion aus? Gibt es Pixel-Bratwurst und Byte-Bier?

Das virtuelle Stadion wird in einem zweiten Schritt die eine oder andere digitale Neuerung erfahren. Da werden sicher auch Ideen und Wünsche unserer Fans mit einfließen können. Warum also nicht auch diese. Denn - was ist schon ein Fußballspiel ohne Bratwurst und Bier? Wir wollen unseren virtuellen Gästen schließlich nur das Beste bieten. (lacht)

Jena war einst Heimat großer Bundesligaspieler. Haben Jörg Böhme, Bernd Schneider und Co. denn schon auf dem Ticketmarkt zugeschlagen?

Bernd Schneider hat bereits Tickets für seine ganze Familie gesichert. Tobias Werner, der lange in Jena gespielt hat und derzeit beim FC Augsburg spielt, hat auch schon Karten geordert. Auch in der Politik ist unsere Aktion angekommen: Christoph Matschie (Ministerpräsidentenkandidat der SPD Anm. d. Red.) wird auch mit seiner Familie im Stadion sein.

Bekommt der Fan eigentlich einen kleinen Dank vom Verein oder muss er sich mit der Eintrittskarte zufrieden geben?

Jeder, der den FC Carl Zeiss Jena unterstützt, bekommt erst einmal ein »Ticket der Herzen«. Darüber hinaus erhält jeder auch noch ein »Herzifikat«, auf dem sich der Verein für die Unterstützung bedankt. Wer das möchte, kann sich das dann über das Bett oder ins Büro seiner Erfurter Firma hängen. Es ist erstaunlich, wie viele Leute uns Bilder von ihren Herzifikaten schicken. Zuletzt meldete sich sogar jemand von den Philippinen. Wahnsinn.

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