Campino, Sönke Wortmann und Thomas Brussig über die Spiele ihres Lebens

»Ich könnte jetzt alles verlieren, ich habe alles gesehen«

Im jüngst erschienenen Buch »Die 100 besten Spiele aller Zeiten« der 11FREUNDE-Kollegen Tim Jürgens und Philipp Köster erinnern sich auch acht Prominente an ihr größtes Spiel. Lest heute, wie Campino, Thomas Brussig und Sönke Wortmann ihre größten Spiele erlebten. Campino, Sönke Wortmann und Thomas Brussig über die Spiele ihres Lebensimago

Campino, Sänger
FC Liverpool – AC Mailand 6:5 n. E. (0:3, 3:3)
25.05.2005, Champions League, Finale
Stadion: Atatürk-Olympiastadion, Istanbul

»Zur Halbzeit hatten sich 40.000 Engländer komplett von ihrem Traum verabschiedet. Es ging nur noch um unsere Würde und darum, nicht als die grössten Deppen Europas nach Hause zu fahren. Doch dann kam Didi Hamann, wurde Jerzy Dudek zum Helden. So schief sich das anhört: Die Euphorie nach dem Sieg kann ich nur mit der beim Mauerfall vergleichen. Wildfremde Menschen feierten gemeinsam, alle waren wie auf Ecstasy.



Ich habe mein Hotelzimmer in Istanbul nie gesehen: Vom Stadion ging es zur Mannschaftsparty und dort mit Didi über Tische und Bänke. Näher dran sein konnte man nicht. Als wir in Manchester landeten, ertönten die unvergesslichen Schlachtrufe: »Are you watchin’, Manchester?« Liverpool, der Underdog, hatte über die Gestopften triumphiert. Mit der Bahn ging es weiter nach Liverpool. Als wir mit der »Red Army« am Bahnhof Lime Street eintrafen, gab es dort alles umsonst. Die Helden kehrten heim! Und ich dachte: ›Ich könnte jetzt alles verlieren, ich habe alles gesehen.‹«

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Thomas Brussig, Schriftsteller
Peru – Schottland 3:1 (1:1)
03.06.1978, Weltmeisterschaft, 1. Runde
Stadion: Estadio Olimpico Chateau Carreras, Cordoba

»Wegen der Zeitverschiebung liefen die meisten Spiele der Fussball-WM 1978 in Argentinien zu einer Uhrzeit, in der ein dreizehnjähriger Junge im Bett zu sein hat. Ich trank aber abends immer so viel Tee, dass ich nachts pinkeln musste. Dann setzte ich mich vor den auf ganz leise gestellten Fernseher… Eines dieser Beutestücke war das Vorrundenspiel Peru – Schottland. Die Schotten gingen in Führung, aber die Peruaner, bei denen ein sehr auffälliger Spieler namens Cubillas mitspielte, glichen noch vor der Pause aus.



In der zweiten Halbzeit hielt erst der peruanische Torhüter einen Elfer, bevor Cubillas zwei wunderschöne Tore schoss: erst ein Weitschuss in den oberen Winkel und dann einen Freistoss mit einer unglaublichen Schusstechnik (ich glaube sogar, es war mit der Pike geschossen) ins gleiche obere Eck. Das Spiel war immer spannend, zeitweise dramatisch, und es war ein schönes, schnelles Spiel mit den technisch versierten Peruanern und ihrem Ausnahmekönner hier, den robusten, kämpfenden Schotten da. Zugegeben, dass ich dieses Spiel als das schönste führe, hat auch damit zu tun, dass ich in einem Alter war, in dem ich so was wie einen Fussballgeschmack erlangen wollte. Aber ich habe noch zwei Menschen kennengelernt, die Peru – Schottland ebenfalls zum schönsten aller Spiele erklärten.«

Sönke Wortmann, Regisseur
SC Jülich 1910 – TSV Marl-Hüls 6:0 n. V. (2:0, 6:0), 3:5 n. E.
02.07.1972, Deutsche Fussball-Amateurmeisterschaft, Halbfinale
Stadion: Karl-Knipprath-Stadion, Jülich

»Anfang Juli 1972, das Halbfinalrückspiel um die Deutsche Fussball-Amateurmeisterschaft. Ich bin dreizehn und stehe als grosser Fan in der Kurve des TSV Marl-Hüls auswärts beim SC Jülich 1910, der dreimal in Folge den Titel gewonnen hat. Im Hinspiel ist dem TSV eine Sensation gelungen. Mit 6:0 haben wir die Rheinländer nach Hause geschickt. Das Rückspiel sollte Formsache sein, doch die Jülicher drehen das Ergebnis und liegen nach neunzig Minuten ebenfalls mit 6:0 vorn. Die Verlängerung ist atemraubender als jeder Thriller. Unser Keeper Wenglarczyk kann nur noch humpeln, hält sich mit Mühe auf den Beinen, aber es fällt kein Tor mehr. Im Elfmeterschiessen zeigt Jülich Nerven, der angeschlagene Torhüter wird zum Helden. Der TSV Marl-Hüls zieht ins Finale ein. Und ich war dabei!«

Lest morgen an dieser Stelle: Die besten Spiele von Oliver Welke, Michael Preetz und Oliver Bierhoff.

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100Deutschland gegen Italien 1970, Bayer Uerdingen gegen Dynamo Dresden 1986, Charlton Athletic gegen Huddersfield Town 1957 – große Fußballspiele lassen die Zeit still stehen und brennen sich ein ins kollektive Gedächtnis.

Die obigen Texte stammen aus dem Buch »Die 100 besten Spiele aller Zeiten« (Tim Jürgens und Philipp Köster), das kürzlich im Südwest Verlag erschienen ist. Mehr Infos und Bestellmöglichkeiten auf der Verlags-Homepage.

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