BVB-Trainer fordert Charaktertest vorm Platzverweis

Kloppo schafft sich ab

Mario Götze sah eine umstrittene Rote Karte, und Jürgen Klopp empörte sich: »Man darf die Persönlichkeit eines Spielers durchaus mitbewerten.« Doch das würde die Abschaffung der Rechtsgleichheit bedeuten – und die nachträgliche Ausradierung von Klopps eigener Profikarriere. Ein Kommentar. BVB-Trainer fordert Charaktertest vorm Platzverweis

Die 77. Minute im Spiel Leverkusen gegen Dortmund: Hanno Balitsch hakelt, Mario Götze hakelt hinterher, es ähnelt einem Nachtreten, weil Götze Balitsch so bockig hinterherschaut und wohl auch -spuckt. Schiri Wolfgang Stark stellt den Dortmunder vom Platz. Kategorie: Kann man geben, muss man aber nicht.

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Aber wen interessiert das in ein paar Wochen noch? Dann wird Mario Götze die Sperre abgesessen haben und seinen steilen Aufstieg fortsetzen, Weltstar und -meister werden, mindestens. In seiner unweigerlich erscheinenden Biografie wird das Scharmützel mit Balitsch keine Rolle spielen, bestenfalls gibt Wolfgang Stark aus dem Ruhestand dem »Kicker« ein Interview: »So fühlte es sich an, IHN vom Platz zu schmeißen.«

Ein Fußnote – hätte Götze Trainer Jürgen Klopp aus der Roten Karte nicht eine Grundsatzdiskussion herausgequetscht. »Also, ich finde, man darf die Persönlichkeit eines Spielers durchaus ein bisschen mit-, mit-, mit-, mitbewerten«, rappte er vor der SKY-Glaswand. »Und Mario Götze ist so ziemlich das… der Letzte, der 'ne Tätlichkeit begehen würde. Ich hab' schon viel schlimmere Dinge gesehen im Fußball und… ja.«

Gnade dem, der ihm jetzt widersprechen würde!

Man fragte sich noch, was das wohl gewesen sein mag. Meinte Klopp mit »schlimmere Dinge« wohl seine eigenen Missetaten, die er in den finsteren Neunzigern beging, Blutgrätschen, die keine SKY-Kamera je eingefangen hat? Nur die Narben auf den Schienbeinen vergessener Zweitligastürmer zeugen davon. Wer kennt noch Siggi Reich?

Dann grinste Klopp ein maliziöses Grinsen. Es war nicht so gütig und beschwichtigend, wie das Gesagte suggerierte. Der von früher erzählende Großvater, der er in diesem Moment sein wollte, hätte anders gegrinst, vielleicht sogar nur gelächelt. Klopp aber fletschte die Zähne, bereit zum Angriff. Gnade dem, der ihm jetzt widersprechen würde!

Ecki Heuser, Nahkampfveteran des Bezahlfernsehens, war mutig genug. »Aber er versucht natürlich nachzutreten und spuckt noch 'n bisschen«, insistierte er, und über das Gesicht des zufällig anwesenden Bayer-Trainers Robin Dutt legte sich plötzlich etwas, das Angst ähnelte. Er wäre jetzt doch lieber woanders gewesen. Zu spät. »Bitte? Was?«, keifte Klopp, Dutt verlor nun fast das Gleichgewicht. »Sagen Sie jetzt gerade, er versucht… Hören Sie mir doch zu, verdammte Scheiße!« Und Ecki Heuser: »Ja!«

Das Ende der Rechtsgleichheit

Ja! Auch wir haben zugehört. Nun also, wir fassen zusammen: Jürgen Klopp fordert hier ziemlich eindeutig, dass ein Schiedsrichter mit vielerlei Maß messen solle – die guten Jungs haben Kredit, die bösen nicht. Das aber wäre das Ende der Rechtsgleichheit, der Unparteiische würde zum Parteiischen, der seine Lieblinge hat. Mal ganz abgesehen davon, dass es einem Schiri unmöglich sein dürfte, alle 360 potentiell einsetzbaren Bundesligaprofis einem so genauen Charaktertest zu unterziehen, dass er die individuelle Toleranzschwelle festlegen könnte.

Es ist, um es kurz zu machen, ein ziemlich idiotischer Gedanke, den Klopp da von sich gegeben hat. Halten wir ihm seine ausgeprägte Emotionalität zugute. So isser halt, der Kloppo. Manchmal wachsen ihm Hörner.

»Ich hatte mehr Angst vor Klopp als vorm Gegner«

Doch bevor wir seinen erratischen Vorschlag vom Samstag ganz wegwischen, widmen wir uns, weil es doch allzu herrlich ist, der implizierten Selbstabschaffung des Jürgen Klopp. Der war nämlich ein solcher böser Bube, ein harter, zuweilen überharter Verteidiger, gefürchtet von Feind und Freund. Ansgar Brinkmann, der ein Jahr mit ihm beim FSV zusammenspielte, erzählt noch heute: »Ich hatte mehr Angst vor Jürgen Klopp als vorm Gegner.«

Wäre Klopps Idee also zu seiner aktiven Zeit tatsächlich Praxis gewesen, die Schiedsrichter hätten ihn wohl gar nicht erst mitspielen lassen – prophylaktischer Feldverweis, Sicherungsverwahrung. Er wäre dann nie Rekordspieler des FSV Mainz 05 (340 Einsätze) und folglich 2001 auch nicht dessen Coach geworden. Er wäre heute nicht Trainer des amtierenden Meisters, er hätte Mario Götze nicht entdeckt – kurzum: die jüngere Geschichte des deutschen Fußballs müsste vollkommen neu geschrieben werden.

Kloppo schafft sich ab – rückwirkend. Ist es das wirklich wert? Oder belassen wir es doch lieber bei einem kleinen 0:0 und einem noch kleineren Feldverweis? Entscheiden Sie selbst. Und bewerten Sie dabei die Persönlichkeit durchaus ein bisschen mit.

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