22.06.2013

Bundesliga-Fans hinter dem Eisernen Vorhang

Endstation Sehnsucht

Seite 2/3: Eine Müllkippe wird zur Schatzinsel
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Die Not machte die Bundesliga-Liebhaber in der DDR erfinderisch. Karsten Armgardt erfuhr kurz nach dem Verlust seiner Kutte Marke Eigenbau von einer streng bewachten Müllhalde in Ketzin, wenige Kilometer westlich von Potsdam. Dort, so hieß es, lagere der Westen seinen Abfall. Auf dem Mofa eines Kumpels fuhr er in Ketzin vor. Von wegen Müll, eine Schatzinsel war das! Unter Bananenschalen und Orangenhälften vergrabene Produkte Made in West Germany. Unbemerkt von Wachhunden und Sicherheitskräften schaffte es der Teenager über den Stacheldrahtzaun auf den Müllberg und war erfolgreich: »Ich fand die ersten Adidas-Schuhe meines Lebens und stopfte zwei Rucksäcke voll mit Zeitschriften, Aufklebern und Fotos.« Teile der anschließend sorgsam ausgeweideten »Kicker«-Ausgaben konnte Armgardt noch Jahre später für begehrte Aufnäher und sogar Westgeld auf den heimlichen Sammlerbörsen in den Stadien der DDR eintauschen.

»Stundenlang verhörten sie mich in einem Keller«

Der in Weimar geborene Andritzke tauchte sogar noch tiefer in die geheimnisvolle Zwischenwelt der Bundesliga-Exilanten ein. Über einen Freund aus Dresden, auch der Gladbach-Fan, lernte er Mitte der Achtziger Theo Weiss kennen, einen in Berlin lebenden Studenten mit engen Beziehungen in die Gladbacher Fanszene. Weiss besuchte seine neuen Freunde in Dresden. Mit einer Helmut-Kohl-Karikatur auf der Motorhaube seines abgefahrenen Mercedes-Benz und Whisky im Kofferraum. Die feuchtfröhliche Willkommensparty samt durch die Dresdener Nacht gebrüllter Gladbach-Hymnen wurde in den Akten der Stasi dokumentiert. Als sich Weiss am nächsten Tag kurz vor dem Grenzübergang in Hof von seinem neuen Kumpel verabschiedete, griffen die Polizisten zu. »Stundenlang verhörten sie mich anschließend in einem Keller in Hermsdorf, um mich über meine Freunde aus dem Westen auszufragen«, erinnert sich Andritzke. Was mit unschuldiger Begeisterung für Günter Netzer begonnen hatte, wurde nach den immer regelmäßigeren Zusammenstößen mit der Staatsgewalt zu mehr: »Die Borussia wurde für mich zu einem Symbol der Freiheit.«

Doch wie geht einer damit um, für seine Liebe zum Fußball verfolgt und bestraft zu werden? Karsten Armgardt schaffte es vergleichsweise unbeschadet durch die Jahre bis zur Wiedervereinigung, Steffen Andritzke wählte die radikale Variante. Er stellte einen Ausreiseantrag. Weil er außerdem den Wehrdienst verweigerte, wurde ihm eine höhere schulische Ausbildung verwehrt und er noch 1988 als Bausoldat rekrutiert. Andritzke schloss sich der gewaltbereiten Fanszene von Carl Zeiss Jena an und prügelte sich mit der Polizei und anderen Fußballrowdys. Wenn gegnerischen Fans Mönchengladbach-Devotionalien abgezogen wurden, bekam sie selbstverständlich er. »Dieser Staat hat systematisch mein Leben zerstören wollen – weil ich Fan von Borussia Mönchengladbach war«, sagt Andritzke heute. »Ich hatte einen solchen Hass auf die DDR, den musste ich irgendwie loswerden.«

 
 
 
 
 
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